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Rezension: Intrigenopfer- Barbara Beck

Die Historikerin Dr. Barbara Beck befasst sich im vorliegenden Buch mit dem Aufstieg und Fall sogenannter großer Männer. Die Rede ist von: Giuliano de`Medici, Kaiser Rudolf II., Georg Haan, Albrecht Wallenstein, Gaspar de Guzmán Olivares, Joseph Süß Oppenheimer, Anton Ulrich von Braunschweig-Bevern, Gustav III. von Schweden, Georg -Jaques Danton, Joseph Fouché, Maximilian Joseph von Montgelas, Harry von Arnim -Suckow, Ludwig der II. von Bayern, Alfred Dreyfus, Alexander I. Obrenovic, Philipp zu Eulenberg von Hertefeld, Wilhelm zu Wied, Mathias Erzberger, Michael Nikolajewitsch Tuchatschewskij und Galeazzo Ciano.

Am 15.3.2011 habe ich das Buch Intrige: Machtspiele - wie sie funktionieren - wie man sie durchschaut - was man dagegen tun kann rezensiert und nun beim Lesen des Buches "Intrigenopfer" immer wieder darauf geachtet, ob die Merkmale einer Intrige, die Michalik nennt, nachvollziehbar sind. Zumeist bestehen die Intrigen gegen ein ins Visier genommenes Opfer aus einer Kette von Einzelintrigen, schreibt Dr. Beck und unterstreicht, dass die klassischen Bestandteile der Intrige arglistige Täuschung, Fälschung, Verleumdung, Lüge und Rufmord sind.

Nur selten wollen Intriganten als die entscheidenden Strippenzieher im Hintergrund enttarnt werden, doch es gibt auch andere Fälle, wie im Buch an einem Beispiel sehr gut gezeigt wird. Dass Geheimhaltung ein sehr wichtiger Bestandteil von Intrigen und Komplotten ist, um so aus der sicheren Deckung heraus, das ins Auge gefasste Opfer zu Fall zu bringen, schreibt auch Regina Michalik und dass nicht immer zu Unrecht verfolgte Personen Opfer einer Intrige werden, wird am Beispiel Joseph Fouches verdeutlicht, der ein Fiesling erster Ordnung war, wie jeder weiß, der Stephan Zweigs "Joseph Fouche" gelesen hat.

Dr. Beck bringt es in ihren Titeln zu den Kurzbiographien inclusive Intrigenbeschreibungen auf den Punkt, wenn sie schreibt "Im Sog der Hexenverfolgung", "Von der Revolution gefressen", "Zum Sündenbock gestempelt", "Unfreiwilliger Mittelpunkt einer Staatsaffäre", "Verratener Verräter" etc..

Um die Spannung nicht zu mindern, sehe ich davon ab, Michaliks Intrigenbeschreibung akribisch in jeder Geschichte öffentlich auszuloten, sondern fasse bloß zusammen, dass es sich in allen Fällen um wirklich abgefeimte Intrigen handelt. Von einigen Intrigen wird der ein oder andere sicher gehört haben. "Die Affaire Dreyfuß" und Dantos Ableben dürften jedem halbwegs gebildeten Menschen bekannt sein.

Den Namen Georg Haan kennen gewiss nur wenige. Er erlangte traurige Berühmtheit in einer der Hochburgen der Hexenverfolgung und zwar in Bamberg. Dort nämlich wurden in den Jahren 1595 bis 1631 etwa 1000 Menschen als Hexen verbrannt. Als "Hexenbrenner" ging der damals regierende Bamberger Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim in die Geschichte ein. Verfolgt wurden Mitglieder der Oberschicht und so auch der damals höchste weltliche Beamte, der Kanzler Dr. Georg Haan. Nicht nur er, sondern auch der größte Teil seiner Familie wurde durch gezielte Denunziation durch seine Gegner und Neider um ihr Leben gebracht, indem man die Haans der Hexerei bezichtigte. Was in Bamberg geschah war ein Skandal, (vgl.: S. 37ff). Ob junge Menschen in Schulen dort heute von den üblen Intrigen ihrer Vorfahren in Kenntnis gesetzt werden? Sind Bamberginnen heute zurückhaltender, wenn es um Boshaftigkeiten und Verleumdungen geht? Immerhin haben sie die Schuld ihrer Vorfahren abzutragen. Lernen die Menschen dazu oder würden sie nach wie vor am liebsten rufen: "Lasst die Hexe oder den Hexenmeister brennen?"

Die Verleumdungen, die mit Intrigen immer einhergehen, werden am Falle Dr. Haans und seiner Familie am augenscheinlichsten. Ich sehe Bamberg in jenen Tagen bildlich vor mir und ich sehe die Scheiterhaufen brennen, direkt vor dem Bamberger Dom und ich sehe wie der Hexenbrenner sich die Hände reibt....

Das Muster der Intrige gleicht sich stets und immer auch werden Helfer eingesetzt. Der Drahtzieher bleibt zumeist im Dunkeln. Ihn gilt es aufzuspüren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Das allerdings ist nicht immer einfach.

Klar muss sein, dass Bamberg sich überall immer und immer wieder zutragen kann, wenn man Intriganten ihr Spiel spielen lässt.
Empfehlenswert.


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Rezension: Gallia Lugdunensis

Autor dieses Buches ist Professor Alain Ferdiére, einer der berühmtsten Altertumswissenschaftler Frankreichs. Er thematisiert hier die römische Provinz Gallia Lugdunensis, die im Herzen Frankreichs gelegen ist. Zwischen Nordseeküste, Atlantik und Rhone gab es in römischer Zeit eine Kulturlandschaft mit dem Zentrum Lugdunum (dem heutigen Lyon). In dem vorliegenden reich bebilderten Buch wird man zunächst über die Entstehung dieser Provinz aufgeklärt. Besonders interessant finde ich hier die Abhandlung über die einheimische Kultur und die Romanisierung.

Diese Romanisierung soll in mehreren Wellen verlaufen sein, von denen die wichtigste die Urbanisierung darstellte. Das markanteste Charakteristikum jener Zeit stellt die Schaffung städtischer Infrastruktur dar. In Städten wie Lyon ist eine Urbanisierung schon im 1. Jahrhundert v. Chr. festzustellen. Die Akkulturation kann man am besten an Gebäuden ablesen, die typisch für die römische Kultur sind. Der Autor nennt Thermen und Aquädukte, aber auch Theater und Amphitheater, (vgl.: S. 24). Auf dem Gebiet der Technik und des Handwerks manifestierte sich die Romanisierung in der Praxis, speziell in der Rationalisierung und Systematisierung der Arbeitsabläufe für den optimalen Betrieb und maximalen Profit, (vgl.: S.26).

Man liest von den ersten Metzgereien und Bäckereien als spezifisch städtisches Phänomen, aber auch von der Verbreitung der Literalität in den oberen Gesellschaftsschichten, die mit der Übernahme der lateinischen Sprache einherging. Die soziale Hierarchie soll innerhalb der gallo-römischen Gesellschaft sehr komplex gewesen sein. Die städtischen Eliten besaßen nicht selten römische Bürgerrechte, (vgl.: S.31). Die Geldgeschenke, die sie machten, um öffentliche Ämter bekleiden zu dürfen, wurden nicht als Bestechung, sondern als Ausdruck der Großzügigkeit gegenüber der Gemeinschaft empfunden. Auch die Etablierung des Arztberufes ist ein Zeugnis der Akkulturation, (vgl.: S. 32).

Ausführlich wird man über die Urbanisierung in Kenntnis gesetzt. Das wichtigste urbane Kennzeichen der neugegründeten Städte war immer das Zentrum, das gleichzeitig für die Stadt und das Territorium der "civitas" zuständig war. Woraus es im einzelnen bestand, wird ausführlich dargestellt. Interessant sind in diesem Zusammenhang Querschnittsrekonstruktionen von Gebäuden, die der Unterhaltung der Bürger dienten.

Die Gründung von Lyon wird thematsiert und in diesem Zusammenhang über Handel und Handwerk dort in jener Zeit, über Religion, über das Bundesheiligtum, die Großbauten, das Theater, das Odeon, den Circus, das Forum, die Thermen, die Aquädukte, die Nekropolen und anders mehr aufgeklärt. Über Caesarodorum (Tours) einer Stadt im Westen der Lugdunensis, aber auch über sekundäre Orte erfährt man Näheres und über zwei bemerkenswerte Siedlungen, nämlich Cenabum (Orléans) und Cabillonum (Chalon-sur-Saone). Es führt zu weit hier alle im Buch genannten Siedlungen aufzuführen. Interessant finde ich die Beschreibung der Wohnbereiche der Grundherren auf dem Lande und die Thematisierung der Erwirtschaftung von Vermögen in nicht urbanen Gebieten, d.h. die Produktion und Organisation von Landwirtschaft.

Zur Sprache kommen das Münzsystem und auch das Abgaben und Steuersystem, der Handel, das Handwerk und die Geschäfte in jener Zeit, wie auch das Kunsthandwerk. Aufgeklärt wird man fernerhin über die Kulte und Heiligtümer. Offenbar waren sowohl Gottheiten mit römischen Namen als auch solche mit eindeutig lokalem oder gemischtem Namen von Bedeutung. Die Integration führte durch die sogenannte "Interpretatio Romana" zu einer Neuordnung und Neuinterpretation der bestehenden religiösen Vorstellungen, (vgl.: S.194). In Lugdunum fand ein Madronenkult in Privathaushalten statt und im häuslichen Pantheon existierte nicht selten eine Venus, deren Kult mit familiärer Eintracht verbunden war, (vgl.: S.11).

Über Tempel und Gräber wird man gut informiert, bevor man sich mit der spätantiken Situation der beschriebenen römischen Provinz ausführlich befassen kann. Einen sehr bedeutenden Einschnitt für die Lugdunensis stellt die "Konstantinische Wende" des Jahres 312 n. Chr. dar, welche zur Duldung und Priviligierung der christlichen Religion im Römischen Reich führte, (vgl.: S.155).

Für kulturinteressierte Frankreichliebhaber ein sehr aufschlussreiches Buch, das ich gerne empfehle.

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Rezension: Eichmann war von empörender Dummheit

Herausgeber dieses bemerkenswerten, erhellenden Buches sind Ursula Ludz und Thomas Wild. Nachzulesen ist ein bislang unbekannter Briefwechsel zwischen der Jüdin Hanna Arendt (1906-1975) und Joachim Fest (1926-2006). Thema ist ihr viel diskutiertes Buch "Eichmann in Jerusalem", dass ihre Kritiker verwarfen, mit dem Vorwurf sie habe die Schuld Adolf Eichmanns verharmlost. Fest schickte Arendt einen Fragekatalog. Dass man Arendt missverstanden hatte, macht dieses  Buch unmissverständlich deutlich.

Das Buch ist untergliedert in:
"Eichmann war von empörender Dummheit"
Hannah Arendt-Joachim Fest:
Die Rundfuksendung vom 9. November 1964

"Wir haben sehr viel zu erörtern...."
Hannah Arendt- Joachim Fest:
Briefe 1964 bis 1973

Zur Kontroverse um Hanna Arendts
Eichmann in Jerusalem
Vier Dokumente aus den Jahren 1963 bis 1965

Gleich zu Beginn liest man, dass der international gesuchte NS-Verbrecher Adolf Eichmann im Frühling 1960 in Argentinien vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und nach Israel entführt wurde. Zwischen April und Dezember 1961 stand der ehemalige SS-Obersturmbannführer in Jerusalem vor Gericht. 1962 wurde er hingerichtet. Hannah Arendt war Prozessbeobachterin und Berichterstatterin für die Zeitschrift "The New Yorker". Für Arendt war die Erfahrung der "leibhaftigen" Anschauung eine Voraussetzung des Denkens und Urteilens. Sie erkennt während der Prozessbeobachtung, dass Eichmann kein Judenhasser oder ideologischer Fanatiker war, sondern ein "Hanswurst", der unreflektiert in der NS-Vernichtungsmaschinerie funktionierte. Für sie ist klar, dass sich Eichmann gegen die Wirklichkeit abgedichtet hatte, indem er für jede Erfahrung in Klischee oder eine Sprachschablone bereithielt. Für Eichmann war Amtssprache seine einzige Sprache. Arendt erkannte in dessen Unfähigkeit sich zu verbalisieren, seine Unfähigkeit zu denken und zu urteilen. Im Gespräch mit Fest gehen beide der Frage nach, ob sich hier ein neuer Tätertyp zeigt. Eine der Überlegungen ist die, ob eine Kombination aus Wirklichkeitsverweigerung, Erfahrungsverlust, Pflichttreue und Verantwortungslosigkeit ein Paradigma der Moderne abbildet. Auch wird in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Eichmann, Hitler und Speer hinterfragt, siehe Seite 13 ff.)

Hannah Arendt exkulpiert Eichmann, der für sie von empörender Dummheit war, keineswegs, denn für sie hat, ähnlich wie für Kant kein Mensch das Recht zu gehorchen. Spezifisch für das deutsche Volk sei, das Unvermögen selbst zu denken. "Die Art von Dummheit, dass ist, als ob man gegen eine Wand spricht."(Zitat: S.45).

Gehorsam ist für sie kein Exkulpationsgrund. "Gehorchen in diesem Sinne tun wir, solange wir Kinder sind, da ist es notwendig (...) Aber die Sache sollte im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr spätestens ein Ende haben", (Zitat: S. 45).

Spätestens nach den Briefen mit Fest ist klar, dass Arendt von ihren Kritikern missverstanden wurde. Interessant ist übrigens die Anlage zum Brief Nr. 17, ein Gedicht von Gottfried Keller, "Die öffentlichen Verleumder":

"...Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend; ....

Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart."

(Textstellen aus diesem Gedicht, Seite 105). Verleumdungen funktionieren offenbar nicht erst seit dem letzten Jahrhundert auf diese Art und Weise.

Es ist sehr aufschlussreich die vier Beiträge der Kontroverse um das Buch "Eichmann in Jerusalem" in der Folge zu lesen. In meinen Augen ist es nicht schwierig Arendt zu begreifen und ich kann nicht verstehen, weshalb man sie so extrem missverstehen konnte. Besonders lesenswert ist Golo Manns Text "Der verdrehte Eichmann". Kritiker scheinen nicht selten dazu zu neigen, die Persönlichkeit des Autors anzugreifen, wenn sie ein Problem damit haben, dessen kluge Sichtweise zu begreifen. Diesbezüglich sollten Kritiker an sich arbeiten.

Lesenswert.


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Rezension: Kaiser Friedrich II.- Welt und Kultur des Mittelmeerraumes.

Dieses reich bebilderte Buch ist der Katalog zu einer gleichnamigen Ausstellung, die im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg gezeigt wurde und die ich leider nicht besucht habe.

Thematisiert wird Kaiser Friedrich II. (1194-1250), der auf Sizilien am dortigen Königshof mit arabisch-jüdisch-byzantinisch-normanischer Mischkultur seine Kindheit verbrachte. Dort schulte er einst sein diplomatisches Talent. Er besaß vielseitige kulturelle Interessen, auch Fremdsprachenkenntnisse und ein universelles Denken. Durch sein Falkenbuch, das in einem Essay von Michael Menzel näher beleuchtet wird, setzte er sich ein literarisches Denkmal. Friedrich II. schätzte philosophische Dispute und gründete die Universität Neapel. Im Rahmen von insgesamt 23 Essays lernt man diesen Herrscher näher kennen, der, wie man dem Klappentext bereits entnehmen kann, für die einen ein skrupelloser Politiker, ein Ketzer und Verräter der Christenheit und für die anderen ein aufgeklärter Regent und Vertreter der Reformation war.

Es ist unmöglich auf all die komplexen Inhalte der Essays im Rahmen der Rezension näher einzugehen, weil diese Essays nämlich wirklich alle Facetten Friedrichs, seiner Politik, der Kultur in jener Zeit und seiner individuellen Gepflogenheiten thematisieren. Besonders interessant ist der Essay, der sich mit Friedrichs Weltherrschaftsgedanken befasst und jener, der ihn als Freund der Muslimen thematisiert. Man erfährt übrigens auch Näheres zu seinen Ehefrauen. Friedrich II. war insgesamt viermal verheiratet und wurde viermal Witwer. Demnach hatte er wenig Glück in diesem Zusammenhang. Seine vierte Frau verstarb am Tag der Eheschließung.

Sehr lesenswert ist der Essay von Dankeart Leistikow mit dem Titel "Castel del Monte im Lichte der Forschung", dessen Geheimnisse noch immer nicht restlos entschlüsselt zu sein scheinen. Friedrichs Falkenbuch, sein berühmtes Werk über die Beizjagd, ist Gegenstand eines anderen Essays. Der Kaiser beschreibt in diesem Buch die Beitz als Paradebeispiel zwischen Mensch und Natur, (vgl.: S.260).

Der Katalogteil enthält viele Dokumente und Gegenstände aller Art, die auf der Ausstellung zu sehen waren. Alle Objekte werden ausführlich erläutert. Am meisten beeindrucken mich die Astrolabien, deren Handhabung mir nicht ganz klar ist, von denen ich aber weiß, das es Multifunktionswerkzeuge sind, die man schon in der Spätantike kannte und mittels derer man u.a. Himmelskörper bestimmen kann. Friedrich wird sie sich sicher schon früh haben erklären lassen. Das schließe ich aus seinem unbändigen Wissendurst, der diesen Kaiser mir so sympathisch macht.



Ein Buch, dass ich historisch Interessierten gerne empfehle.





Rezension: Das Amt und die Vergangenheit

Dieses Buch, das auf Betreiben des damaligen Außenministers Joschka Fischer durch die vier Autoren Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann in mehrjähriger, wissenschaftlicher Arbeit entstanden ist, räumt endlich mit dem Mythos auf, dass das "Auswärtige Amt" und dessen Diplomaten in der Zeit der Hitler-Diktatur mit den verbrecherischen Machenschaften der Nationalsozialisten und ihrer Organisationen SS und SA nichts zu tun gehabt hätten. Diese Geschichtsklitterung wurde von dem "Diplomatischen Korps" in der neugegründeten Bundesrepublik intensiv propagiert, aufgrund der Tatsache, das die neuen Diplomaten eigentlich die alten waren. Dies bedeutet, dass das "Diplomatische Korps" der Bundesrepublik Deutschland überwiegend aus Beamten bestand, die auch schon zu Zeiten des Dritten Reiches Funktionsträger im "Auswärtigen Amt" waren.

Die Nazi-Diplomaten gingen nach dem Kriege noch einen Schritt weiter, denn sie versuchten das Bild des "sauberen Beamten" darzustellen, der nichts mit Judenverfolgungen und Deportationen zu tun hatte, der vom Holocaust nie etwas Konkretes gehört hatte und der allein mit den außenpolitischen Aufgaben betraut war, um Deutschland zu repräsentieren, weit entfernt von der Ideologie der verbrecherischen Nazischergen.

Dieser Mär setzt das Buch auf 880 Seiten endgültig ein Ende. Wissenschaftlich exakt wird anhand von einer Vielzahl von Dokumenten (Protokolle, Weisungen und Erlasse) nachgewiesen, dass das "Auswärtige Amt" ab 1933 Zielscheibe der nationalsozialistischen Einverleibungstaktik war.

Diplomaten jüdischer Herkunft wurden kurzerhand entlassen, allen anderen empfahl man der SS oder der SA beizutreten, wenn diese nicht schon freiwillig aus Karrieresüchten entsprechende Anträge gestellt hatten. So sollte die Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut dokumentiert werden.

Der Wahrheit halber zeigt das Buch auch auf, dass es nur einige wenige Diplomaten waren, die freiwillig den Dienst aus politischer Überzeugung oder ethischen Gründen quittierten, das Gros der Beamten jedoch sich bereit erklärte, alle Verbrechen der Nazis mit durchzuführen. Dieses bedeutet: sie beteiligten sich aktiv in allen besetzten Gebieten bei Deportationen verfolgter Menschen. Sie wurden freiwillig zu Handlangern der NS-Rassenpolitik.

Mit das Interessanteste an diesem aufklärerischen Werk ist nicht alleine die sehr umfangreiche Darstellung der Handlungsmuster der meisten Diplomaten, die oft namentlich genannt werden, im Hinblick auf ihre aktiven Beteiligungen als auch die Darstellung ihrer jeweiligen Schicksale nach dem Kriege, sondern was mich zutiefst berührt hat, ist die Tatsache, dass in sehr anschaulicher Form dem Leser erkenntlich gemacht wird, welche menschenverachtende Ideologie in den Köpfen dieser selbsternannten Herrenmenschen zementiert war. Nicht nur, dass Millionen von unschuldigen Menschen auf grausamste Art und Weise ihr Leben verloren haben wird zweifelsfrei dokumentiert, sondern die Niedertracht dieses geisteskranken Denkens sollte auch die Würde all dieser Menschen vernichten und selbstverständlich war auch das Eigentum eine willkommene Beigabe auf diesem zynischen Vernichtungsfeldzug.

Was geschah mit diesen "diplomatischen Herrschaften" nach dem Kriege? Auch darauf gibt dieses Buch eine dezidierte Antwort, denn es galt ja nach 1945 durch die Entnazifizierungsaktionen zu schlüpfen, um schnellstmöglich wieder eine exponierte Stellung in der deutschen Gesellschaft einzunehmen. Das Buch beschreibt genau wie sich die Diplomaten jeweils gegenseitig "Persilscheine" ausstellten, um so nachzuweisen, dass jeder von ihnen mehr oder weniger ein Widerstandskämpfer war und dass sie selbstverständlich die Eignung besaßen, erneut die diplomatische Laufbahn einzunehmen. Dieses erklärt auch weshalb so viele der Alten auch die Neuen waren. Dieses erklärt ferner, weshalb jahrzehntelang das Märchen vom "sauberen Amt" Bestand haben konnte.

Mit dem vorliegenden Buch ist nun endlich die Wahrheit auf dem Tisch. Viele Jahrzehnte jedoch zu spät, aber nicht spät genug, um die Geschichte aufzuarbeiten. Endlich verstummen die geschichtsfälschenden Lobeshymnen auf verstorbene Diplomaten im amtseigenen Presseorgan und endlich kann mit der wirklichen Aufarbeitung der Geschichte des "Auswärtigen Amtes" während des Dritten Reiches begonnen werden.

Freilich zeigt das Buch auch auf, dass der Geist der jungen Diplomatie der Bundesrepublik Deutschland ein anderer geworden ist. So zeigt es, dass der Geschichtsunterricht den junge Männer und Frauen, die nach dem Krieg geboren wurden und die sich für den diplomatischen Dienst entschieden haben, die eigentliche Aufklärung gebracht hat.

Zusammenfassend sei gesagt, dass dieses Buch einen notwendigen Beitrag dazu leistet, mit einer Geschichtsfälschung aufzuräumen.

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Rezension: Empört Euch! Stéphane Hessel

Am kommenden Montag werde ich in Frankfurt eine Veranstaltung besuchen, die die Rechte der Menschen zum Thema hat. Stéphane Hessel, der Autor des vor mir liegenden Büchleins war Mitglied der Kommission, die eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete, die am 10.Dezember 1948 von den Vereinten Nationen in Palais de Chaillot in Paris verabschiedet wurde. Hessel war einer der Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte.
Geboren wurde Stephan Hessel in Berlin im Jahre 1917. 7 Jahre später zogen seine Eltern mit ihm nach Paris. Französischer Staatsbürger ist er seit 1939. Im Nachwort seiner französischen Verlegerin erfährt man Näheres zu seinem widerständigen Leben, erfährt aber auch, dass er schon in jungen Jahren mit der Pariser Avantgarde in Berührung kam, liest an anderer Stelle im Buch, dass er sich intensiv mit Sartre und Hegel auseinander setzte und mit viel Herzblut in der Résistance engagiert war. Hessel wurde von den Nazis gefoltert, nachdem sie ihn in Paris verhaftet hatten.
Wenige Tage vor der Befreiung von Paris, am 8.8.1944 wurde er in das deutsche Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Er floh schließlich mehrmals und konnte sich bis zu den alliierten Truppen durchschlagen, (vgl.: 28).
Engagiert war Hessel in all den Jahren nach 1945, nicht zuletzt war er Vertreter Frankreichs bei den Vereinigten Nationen in New York. Mit seinem von Michael Kohon ins Deutsche übersetzen Text redet der 93 jährige uns allen (nicht nur den Franzosen) ins Gewissen, uns gegen Unrecht zu empören und zwar, weil Empörung die Voraussetzung für Widerstand ist. Das Grundmotiv der Résistance sei Empörung gewesen. Nicht nur damals gab es Grund sich über die untragbaren Zustände zu empören, auch heute ist Empörung angesagt. Hessel meint: "Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, die Intellektuellen, die ganze Gesellschaft dürfen sich nicht klein machen lassen von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden", (Zitat: S.10).
Hessel weiß, dass man sich in seinem Tun nie von der Angst leiten lassen darf, sondern alles unternehmen muss, um sich engagiert einzubringen, damit, wie in Hegels philosophischen Vorstellungen dargelegt, die Freiheit des Menschen stufenweise voranschreitet, eine Freiheit, die dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Hessel stellt Hegels Vorstellung der Freiheit in knappen Sätzen den Vorstellungen von Freiheit von Walter Benjamin gegenüber. Ähnlich wie Hessel stehe auch ich Hegel näher. Ich bin mir auch sicher, dass in nicht allzu ferner Zukunft der Mensch seine vollständige Freiheit erlangen wird, nicht zuletzt, weil durch die Internetvernetzung es für Diktatoren immer schwerer wird, die Menschen in Unfreiheit zu halten. Jüngste politische Entwicklungen machen dies deutlich.

Mit Hessel bin ich der Meinung, dass man sich über unfaire Strukturen immer wieder empören muss, um Widerstand diesbezüglich herbeizuführen. Mit ihm teile ich auch die Ansicht, dass die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen gilt. Es stimmt: "Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will. Die Hoffnung ist ihr vorzuziehen - die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit."(Zitat: S.19).

Es ist gut, wenn Hessel uns allen ins Gewissen redet (er ließ ja bewusst den Text vom Französischen ins Deutsche übersetzen) und anmahnt, dass es höchste Zeit sei, dass Ethik, Gerechtigkeit und nachhaltiges Gleichgewicht unser Anliegen werden, (vgl.:S.20) und es ist auch gut, dass Hessel der Jugend andere Perspektiven bieten möchte, als bloßen Massenkonsum. Wir alle stehen in Verantwortung für die Menschenrechte ernsthaft einzutreten. Das dürfte dem letzten einsichtig werden, wenn er sich bewusst macht, was es eigentlich bedeutet, solche universellen Rechte festgeschrieben zu wissen und was es bedeutet diese Rechte auch einklagen zu können.

Ein aufrüttelnder, wichtiger Text.