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Rezension: Unser Schwert ist die Liebe- Die feministische Revolte im Iran- Gilda Sahebi- S.Fischer



Gilda Sahebi, die Autorin dieses bedrückenden Buches ist ausgebildete Ärztin und studierte Politologin. Sie ist tätig als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Antisemitismus und Rassismus, Frauenrechte, Naher Osten sowie Wissenschaft, zählt zu den wichtigen Stimmen über den Iran und wurde 2022 seitens des "Focus" zu den "100 Frauen des Jahres" ernannt. 

Sie schreibt im vorliegenden Buch von den Protesten im Iran seit im September 2022 Nika Shakarami im Alter von nur 17 Jahren in Teheran von den dortigen Schergen der Machthaber ermordet wurde,  genau wie nur wenige Tage zuvor die 22 jährige Kurdin Jina Masha Amini. 

Man erfährt, dass die "Sittenpolizei", die aus Frauen und Männern besteht, im Land umherfährt und Menschen, primär Frauen, einfängt, inhaftiert und misshandelt, die gegen die vermeintlichen Sitten des Iran verstoßen. Oft ist es nur das Kopftuch, das Stein des Anstoßes ist. 

Nach der Beerdigung von Jina Masha Amini allerdings beginnen die Proteste. Unzählige Frauen ziehen ihre Kopftücher ab und schwenken sie in der Luft und Nika Shakarami, die andere ermordete Frau wird zum Symbol der Bewegung junger Menschen, die gegen das iranische Regime aufstehen. 

Bis Mitte Oktober, so Sahebi, hatte das Regime bereits 23 sehr junge Menschen, im Grunde noch Kinder, ermordet, wobei Amnesty von einer höheren Zahl unbestätigter Fälle ausgeht. Die Proteste nahmen weiter zu. Immer mehr Frauen legen ihren "Hijab" ab, wissend, was sie damit riskieren. 

Wie die Autorin schreibt, können im Iran Verstöße gegen die Zwangsverschleierung mit Haft, Peitschenhieben und Misshandlung bestraft werden oder sogar mit dem Tode wie bei Jina Masha Amini. 

Eine solche Protestbewegung, wie sie seitdem stattfindet, habe es im Iran noch nie gegeben, denn jetzt begriffen sich die verschiedenen Ethnien des Landes dabei als Einheit. Die Proteste begannen in Kurdistan. Dort und in Sistan Belutschtan, Gebieten von Minderheiten, zeigten die Menschen besonders viel Mut und Widerstand. Dort aber auch schlage das Regime besonders intensiv zu. 

Seite für Seite liest man mehr über den Fortgang der Protestbewegung. Erwähnt wird die Kampagne politischer Patenschaften. Aufmerksamkeit sei das Einzige, das Leben retten könne. 

Dennoch, Menschen würden weiterhin getötet bei Protesten, in den Folterkellern und noch etwas: Sippenhaft werde routiniert eingesetzt. 

Die Autorin lässt in ihrem Buch eine Anzahl von Menschen zu Wort kommen, berichtet auch von eigenen Erlebnissen. Mitunter war ich als Leserin geradezu überfordert von dem vielen Unrecht und Leid, das sie benennt und konnte erst nach Tagen weiterlesen. 

Sie erinnert an die Massaker in den Jahren nach 1988, schreibt von den Tausenden von Morden in den Gefängnissen damals und vergleicht die Gewaltexzesse mit jenen seit September 2022. 

Sehr lesenswert ist das umfangreiche Interview mit Nasrin Sotoudeh, mehrfach im Iran inhaftiert, obschon sie mit dem "Menschenrechtspreis" als auch dem "Alternativen Nobelpreis" ausgezeichnet und von dem "Times Magazin" zu den "100 einflussreichsten Personen 2021" ernannt wurde. Ihr größter Wunsch ist es, "dass die iranische Gesellschaft den Segen der Gleichberechtigung genießen könnte, um ein normales Leben in Ruhe und Frieden zu führen." Dies begründet sie dann auch näher. 

Wie die Autorin zutreffend schreibt: "Die Freiheit eines Landes misst sich an der Freiheit und Gleichberechtigung aller Geschlechter." Leider wird dies weder von den Machthabern im Iran, noch in anderen Ländern, in denen Diktatoren herrschen, begriffen. Aufklärung, Widerstand und Solidarität sind deshalb auch im Jahre 2023 notwendig, vielleicht mehr denn je. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Macht und Ohnmacht einer Mutter- Kaiserin Maria Theresia und ihr Kinder- Elisabeth Badinter-Zsolnay



Elisabeth Badinter, die Autorin dieses Buches, war Professorin für Philosophie an der Elitehochschule École Polytechnique in Paris und hat einige bemerkenswerte Bücher verfasst, nicht zuletzt das Buch "Mutterliebe", das als ein Klassiker der feministischen Literatur gilt. 

Im vorliegenden Werk geht es um Kaiserin Maria Theresia im Hinblick auf ihre 16 Kinder. Sie wurde, ungewöhnlich für ihre Zeit, einmütig als "zärtliche Mutter" bezeichnet und soll als Mutter die Moderne vorweggenommen haben, weil sie sich für alle Belange der Kinder verantwortlich und wegen all ihrer Probleme schuldig fühlte. Dabei offenbarte sie sich allerdings, so die Autorin, nicht als Vorzeigemutter, wohl aber als "echte" Mutter. 

Die Historikerin fragt zunächst, welche Art von Mutter Maria Theresia war und erwähnt, dass es schwierig sei, die Realität und Intensität der Mutterliebe zu bemessen, speziell in einer Zeit, in der Frauen viele Kinder zur Welt brachten und nicht wenige früh verstarben. Zu ihrem Getreuen Rosenberg soll sie gesagt haben "Ich liebe meine Kinder sehr, spüre es aber nur, wenn ich eines von ihnen verlieren muss."

Man lernt die Kaiserin als Erzieherin kennen. Sie soll feste Vorstellungen im Hinblick auf die Erwartungen an ihre Kinder gehabt haben. Allesamt sollten der Habsburger Dynastie nützlich sein. Der grundlegende Auftrag bestand darin, dass die Mädchen durch entsprechende Heiraten Bündnisse mit ausländischen Königshäusern stärken und die Jungen die Habsburger in verschiedenen Königreichen und Fürstentümern des Kaiserreichs repräsentieren sollten. 

Anhand einer Schautafel wird der jeweilige Status Maria Theresias zum Zeitpunkt der Geburt der einzelnen Kinder dokumentiert. Dann werden Etappen der Kindheit, die Erzieher und Erzieherinnen, deren Stellenbesetzung und Aufgaben auch das enge Verhältnis Maria Theresias zu den Ayas sehr gut besprochen, die sich übrigens stets sehr anerkennend ihnen gegenüber zeigte.

Man erfährt Näheres zu mütterlichen Anweisungen, die sich auch auf die konkrete Bildung bezogen. Sehr jung mussten die Töchter und Söhne Französisch und Latein lernen und hier auch  in den schriftlichen Fertigkeiten brillieren. Von den Söhnen forderte sie allerdings diesbezüglich mehr ab als von den Mädchen. Die Töchter sollten in erster Linie gefallen und nicht die gelehrten Damen spielen. Maria Theresia setzte sich also nicht über den Zeitgeist hinweg.

In der Folge lernt man die einzelnen Kinder näher kennen und das jeweilige Verhältnis, dass Maria Theresia zu ihnen hatte. Sie hatte eindeutig Vorlieben. Gab drei der Kinder das, was sie anderen verweigerte. So soll sie den Grundstein für Eifersucht zwischen den Geschwistern, selbst unter den Favoriten gelegt haben. Eine geeinte Familie hat sich offenbar nicht hinterlassen. Dazu war sie nicht gerecht genug. 

Die Autorin sieht ihr dies nach, wissend, dass Vollkommenheit in dieser Welt wohl nirgendwo zu finden ist, auch nicht bei Müttern im Hier und Heute. 

Lernen kann man m.E. schon von dieser Mutter aus abgelebten Zeiten, nämlich Vorlieben (Lieblingskindern) nicht nachzugeben, sondern stattdessen die Einigkeit der Kinder über den eigenen Tod hinaus als oberste Priorität des Erziehungsziels im Auge zu haben. 

Empfehlenswert 

Helga König

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