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Rezension: Menschenrechte-Gerhart Baum-Benevento


Der Autor dieses Buches, Gerhart Baum, ist in diesen Tagen 90 Jahre alt geworden. Der einstige Bundesinnenminister (von 1978-1982) zählt zu den profiliertesten Verteidigern des Rechtsstaates und wurde 2021 für sein Engagement für Verständigung und Versöhnung mit dem Marion-Dönhoff-Preis ausgezeichnet. 

Gerhart Baum berichtet in diesem Buch zunächst über sein Wirken für die Menschenrechte. Es sei die Mahnung "Nie wieder Diktatur", die ihn, das Kriegskind und den Halbwaisen, zur Politik gebracht habe. Sein systematischer Einsatz für Menschenrechte habe 1992 begonnen als Hans-Dietrich Genscher ihn zum Leiter der Deutschen Delegation in der Menschenrechtskommission in Genf bestimmte, schreibt er und berichtet von seinem vielfältigen politisch-institutionellen Engagement auf diesem Gebiet, das er dann gemeinsam mit seiner Frau Renate Liesmann-Baum privat fortsetzte und einer gemeinnützige Stiftung gründete, die als Schwerpunkt Menschenrechtsaktivitäten im Fokus hat. Alle zwei Jahre vergeben die beiden einen Menschenrechtspreis, der mit 10 000 € dotiert ist. 

Damit jeder weiß, worum es in diesem Buch konkret geht, hat der Leser Gelegenheit auf den letzten Seiten die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" nachzulesen. Dies die Theorie. Doch wie sieht es mit Anspruch und Wirklichkeit zur Lage der Menschenrechte heute aus? Der Autor konstatiert, dass seit 2006 die Zahl der Demokratien kontinuierlich abnimmt. Der Angriffskrieg auf die Ukraine sei ein Anschlag auf die wertegebundene Weltordnung. Die Menschenrechtsbrüche nehmen allerorten zu. Somalia und Libyen, auch Afghanistan und natürlich Syrien werden erwähnt und resümierend festgehalten, dass der Rückfall ins Archaische erschütternd sei. Dem kann man nur zustimmen.

Gerhart Baum möchte mit seinem Buch die Erfahrungen, die er in vielen Jahren in UNO-Gremien und überall in der Welt gesammelt hat, weitergeben und tut dies auch auf beeindruckende Art. Er schreibt zur Lage Russlands und wie dort jede Freiheitsregung unterdrückt wird, schreibt über Putin und dessen Machenschaften, schreibt auch über die Verhältnisse in China und fragt wieviel Freiheitswille in den Chinesen steckt. Nach seiner Ansicht wird es auf Dauer nicht funktionieren, wirtschaftlichen Erfolg bei gleichzeitigem Entzug bürgerlicher Freiheiten zu haben. 

Dass die weltweiten Krisen und die daraus resultierende Migrationsbewegungen Europa vor nie dagewesenen Herausforderungen stellt, steht für ihn außer Frage und er weiß, dass unzählige Migranten in unwürdigen Lagern auf ihre Verfahren warten und dort das Selbstbild, das Europa von sich selbst als Hort der Freiheit und Menschenwürde zeichnet, erschüttert wird.

Unterstrichen wird, dass Menschenrechte kein "westliches Projekt" sind, sondern dass sie für die gesamte Menschheit gelten. Dabei müsse man sich bewusst machen, dass es Menschenrechtsverletzungen nicht nur in Kriegszeiten gibt. Heute setzen sich Millionen von Menschen in Bewegung, um sich vor Hunger und Not zu retten, bald schon werden Menschen vor den Folgen der Klimaerwärmung fliehen. Das gibt er zu bedenken.

Das deutsche Asylrecht sei in den letzten Jahren bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt und das Flüchtlingsproblem in der Europäischen Union sei nicht gelöst worden. Wer das Weltflüchtlingsproblem lindern möchte, müsse für die Menschenrechte vor Ort eintreten, für die bürgerlichen wie auch für die wirtschaftlichen und sozialen und ihnen zur Durchsetzung verhelfen. Da kann man nur zustimmen.

Gerhart Baum schreibt u.a. über die historischen Wurzeln der Menschenrechte und lässt Menschenrechtsverteidiger wie Pico della Mirandola, Thomas Morus, Erasmus von Rotterdam, Hugo Grotius aber auch Las Casas nicht unerwähnt. Diese Wurzeln sollte man kennen und sich der Aufgabe bewusst werden, die  noch vor uns allen steht: Das Archaische  zu überwinden.

Die Charta der Vereinten Nationen kommt zu Sprache, wonach Krieg nur noch in engen Grenzen der Selbstverteidigung erlaubt ist. Weiterhin schreibt der Autor über die Entwicklung des internationalen Rechts seit 1948 und über die Menschenrechtsinstitutionen Europas. Nicht unerwähnt bleiben die Menschenrechtsverletzungen vor Gericht. Die Nürnberger Prozesse kommen zur Sprache und auch das Handeln des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag. 

Menschenrechtsverteidiger benötigten Unterstützung. Das gelte auch für Whistleblower. Gerhart Baum schreibt in diesem Zusammenhang, dass sich auch bei uns der Staat gerne allzu oft hinter angeblichen Staatsgeheimnissen verstecke und auf diese Weise die Informationsfreiheit beschränke. 

Hörigkeit und Angst müssen überwunden werden, das fordert die Verantwortung unserer Demokratie gegenüber von uns allen, damit  Menschenrechte nicht  allerorten zur Disposition gestellt werden.

Maximal empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Die vierte Gewalt-Richard David Precht- Harald Welzer- S. Fischer


Der Sozialpsychologe und Publizist Harald Welzer hat gemeinsam mit dem Philosophen und Publizist Richard David Precht das vorliegende Buch geschrieben, das sich damit befasst, dass seit einiger Zeit die Leitmedien sich immer mehr inhaltlich angleichen, doch nicht wie man annehmen könnte staatlich gelenkt sind, sondern, dass sich der Konformismus deshalb ausbreite, weil sie sich an, dem, was gerade gehypt wird, an den Direktmedien orientieren. Dafür gibt es natürlich Gründe, die die Autoren nicht verschweigen.

Eine der Hauptthesen im Buch ist, dass die Grenze zwischen politischen Journalismus und politischem Aktivismus in den Leitmedien immer fließender werden. Dass dies nicht unproblematisch ist, dürfte klar sein.

Der öffentliche Raum als Ort unausgesetzter Sensationierung und Skandalisierung lasse wenig Platz für Glaubwürdigkeit, Sachverstand, Bürgernähe und Tatkraft, den Eigenschaften also, die Bürger an Politikern laut einer Statistik am meisten schätzen. Der wachsende Einfluss der Medien verändere nicht nur ihre Macht, sondern zugleich auch die Politik. 

Die Autoren lassen nicht unerwähnt, dass geradezu geschlossen einseitige Positionierung der Kommentare, Leitartikel und Kolumnen meinungsführender Publizisten in den deutschen Leitmedien, die Lieferung schwerer Waffen an die von Russland überfallene Ukraine nicht bloß gutheißen, sondern vom Bundeskanzler nachdrücklich fordern, sei ein demokratisch höchst bedenkliches Phänomen. Dies wird in der Folge im Buch begreifbar gemacht. 

Der hohe Anspruch an die freiheitliche Demokratie gehe historisch wie systematisch mit einem hohen Anspruch an die Qualität ihrer Öffentlichkeit einher. Doch genau diese Qualität sei heute in Frage gestellt. 

Was Gruppendenken (group think) bewirkt, wird näher erläutert, weil sich dieses derzeit bei den Publizisten verstärkt ausmachen lässt. Bei einer konzentrierten Übernahme eines Regierungs-Narrativs durch sämtliche Leitmedien seien sie nicht mehr in der Lage, die Position eines Dritten gegenüber den Angegriffenen und den Angreifern einzunehmen, d.h. die Position, die am besten dazu geeignet sei, objektiv über das Geschehen und die Deutungsmöglichkeiten zu berichten. Auf diese Weise werde die Informationsfunktion und Integrationsfunktion der Leitmedien eingeschränkt und sie irgendwann  vermutlich sogar ad absurdum geführt. 

Die Autoren heben hervor, dass sich ein Journalist mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht mit einer guten.  Das wird leider immer mehr vergessen.

Man liest  weiter Wissenswertes zur Geschichte der Öffentlichkeit und wird mit der Frage des Systemvertrauens konfrontiert. Mit sinkendem Vertrauen in die Problemlösungskompetenz der Regierenden sinke zugleich das Systemvertrauen und mit ihm die Zustimmung zur bestehenden Staatlichkeit. 

Man erfährt, was bei der Kriegsberichterstattung derzeit unterrepräsentiert sei, u.a. die Natur und Dynamik des Krieges, d.h. die eigene Logik und Psychologik, einschließlich Verrohung, Brutalisierung, Anomie und "irrer" Kriegshandlung. Es wird zudem erörtert, was Leitmedien nicht thematisieren und warum politischer Journalismus zwischenzeitlich Journalismus über Politiker und weniger über Politik zu sein scheint. Die Autoren nennen dies "Gala"-Publizistik. 

Man liest zudem vom Stellenwert von Twitter für politische Journalisten und weiter, Twitter sei das neue Machtmittel des politischen Journalismus. Wo politischer Journalismus mit Journalismus über Politiker verwechselt werde, entleere sich das Politische im Sinn des Aushandelns der Zukunft des Gemeinwesens. Die Rede ist auch vom sogenannten "Cursor-Journalismus". Was das ist wird gut erklärt und es wird betont, dass die Berichterstattung zum Ukraine-Krieg sich hierzu als Anschauungsobjekt eigne. Gezeigt wird wie dieser "Cursor-Journalismus"  seine Breitenwirkung entfaltet und es wird auch offengelegt, wie es dazu kam, dass die Leitmedien sich so veränderten. Algorithmen sind in dieser Beziehung ein Thema, in der Folge das liebe Geld. 

Um nicht unterzugehen, hätten die etablierten Medien und ihre Onlineableger das Reiten von Aufmerksamkeitskurven und Empörungswellen gelernt. Reichweitenfetischismus, Hochgeschwindigkeitsjournalismus, Verlust an Sorgfalt, voneinander und von Twitter abschreiben seien die Folgen, die man heute nicht bloß online, sondern nicht selten auch in den sogenannten Qualitätsmedien besichtigen könne. 

Was noch? Thematisiert wird zudem wie die Leitmedien durch die Direktmedien an Qualität verlören. Verzerrungen und Verunglimpfungen seien keine Seltenheit mehr. Sogar einer der besten Denker unseres Landes, Alexander Kluge, wurde leitmedial niedergemacht, weil er in einem Interview gesagt habe, dass die Kapitulation der Ukraine eine zivilisatorische Möglichkeit sei. 

Es stimmt, wenn die Autoren feststellen: "Man kann gar nicht genug darauf hinweisen, dass der Zwang zum Bekenntnis bestimmter Meinungen ein Element des Totalitarismus ist." Deshalb sollten Journalisten, - nicht nur der Leitmedien-, darauf achten, wie sie auf Mindermeinungen reagieren. 

Zum Schluss stellen Precht/Welzer Überlegungen an,  welche Richtung der neue Kurs der Leitmedien gehen könnte und weshalb ein lösungsorientierter, neben dem aufklärerischen und informationellen Journalismus wichtig ist.

Das Buch enthält eine Fülle von Sachinformationen und analytischen Überlegungen, ist sehr kritisch und wird gewiss bei all jenen auf Widerstand stoßen, die in ihrer Eitelkeit sich angegriffen fühlen.

Dennoch: Recht haben die beiden. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Rezension: Cancel Culture- Demokratie in Gefahr- Kolja Zydatiss

 



Der Autor dieses aufschlussreichen Buches befasst sich in seinem Werk mit der Unkultur des gezielten Stummschaltens rechtlich von der Meinungsfreiheit gedeckter Meinungen, der sogenannten "Cancel Culture". Dabei wird anhand von ausgewählten Beispielen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, die Intoleranz und Brutalität der "Cancel Culture" dokumentiert, die, so Zydatiss, in selbstermächtigter Weise Menschen sozial ausstoße, materiell entrechte und sie nicht selten sogar vernichte.
 
Dem Autor geht im Buch vor allem darum, zu hinterfragen, wer diese Antidemokraten sind. Dabei teilt er sein Werk in drei Teile ein: 

Teil 1 behandelt dabei die neue Kultur des Ausgrenzens und Stummschaltens; Teil 2, die Treiber der "Cancel Culture". Teil 3 verdeutlicht, weshalb durch die "Cancel Culture" die Demokratie in Gefahr ist. 

Wie in Teil 1 an konkreten Beispielen verdeutlicht wird, sind es u.a. Wissenschaftler, Sportler, Journalisten, Politiker, Autoren, Künstler, Unternehmer und Geistliche, die mundtot gemacht werden. Konsequenzen seien u.a. klärende Gespräche, die Betroffene unter Druck setzen sollen, Ausladungen und Absagen von Veranstaltungen, Ausgrenzung im beruflichen Umfeld, Kampagnen in den sozialen Medien, Jobverlust, Beschädigung des Privateigentums als auch im Extremfall körperliche Angriffe.

Als heikle Themen nennt Zydatiss u.a. Rechtspopulismus, (Trans-)-Gender, Islam, Rassismus, Migration, Klimawandel und Corona. Zum Fallstrick könnten alberne Witze, auch unüberlegte Likes in den sozialen Medien werden, zudem private Kontakte zu unliebsamen Personen, (selbst sachlich) vorgetragene Kritik an der Regierungspolitik, auch völlig unbegründete Beschuldigungen sexuellen Fehlverhaltens. 

Der Autor spricht von einem Meinungsklimawandel. Die eventuell maßgeblichsten Aspekte des heutigen gesellschaftlichen Klimas seien die Tatsache, dass immer mehr Menschen fürchten müssen, mundtot gemacht zu werden. Damit einhergehend verarme das Meinungs- und kulturelle Angebot zunehmend. Zydatiss hält fest, dass wir in der "Cancel-Culture" leben und diesen Begriff durchaus als Epochenbezeichnung verwenden können. 

Zudem erlebten wir gerade einen Sieg der Gesinnung über rationale Urteilsfähigkeit. Dabei legten lautstarke Minderheiten fest, was gesagt und überhaupt zum Thema werden darf. Ziel der "Cancel-Culture" sei nicht der Diskurs, also das Aufeinandertreffen verschiedener Meinungen, sondern die Verengung des Meinungsraums. Zensorische Aktivisten wollten anderen Menschen vorschreiben, welche Werke und Veranstaltungen sie konsumieren dürfen und welche nicht. Es sei das Klima der Angst, die Personen dazu veranlassen solle, Selbstzensur zu üben. Es werde gelöscht, gesperrt und angezeigt. 

Im 2. Teil liest man dann von den Treibern der "Cancel Culture" und liest in diesem Zusammenhang, dass die künftige Bildungselite von einer tiefen Illiberalität geprägt sei wie empirische Studien zeigten. Auch wird dargelegt, weshalb die Bürger immer unzufriedener werden. Hier auch wird erwähnt, dass immer mehr Tabus und Denkverbote verbreitet werden und die vorherrschende "progressive" Ideologie (tendenziell die Interessen und Prioritäten der Gebildeten und Wohlhabenderen) widerspiegele, nicht jedoch der breiten Masse. 

Im dritten Teil dann geht es darum, den Mund aufzumachen und sich der "Cancel-Culture" entgegenzustellen. Für Zydatiss sagt die Einstellung gegenüber der "Cancel-Culture" viel darüber aus, wie man zur Demokratie grundsätzlich steht. Das freie Wort sei ein starkes Werkzeug, um das Handeln der Mächtigen zu kontrollieren und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Die Meinungsfreiheit sei inhärent emanzipativ. Ohne Meinungsfreiheit stirbt das Leben, so Zydatiss. Künstlern müsse erlaubt sein, zu provozieren, Gefühle zu verletzen, alles in Frage zu stellen und zu verspotten. Es seien die Meinungen, die in Auseinandersetzungen der eigenen komplett entgegenstehen, die zum Klärungsprozess beitragen, sei es uns zu einer neuen Sichtweise bringen oder uns zur Schärfung unserer Argumente verhelfen. 

Aus eigenen Erfahrungen im Internet, kann ich Kolja Zydatiss nur zustimmen. Er ist kein Schwarzmaler, übertreibt nicht. Die Intoleranz gegenüber freier Rede ist enorm und so macht sich bei vielen Angst breit, überhaupt noch ein Wort zu sagen, um nicht den Terror zu erleben, der dann droht, wenn man Intoleranten ungewollt oder beabsichtigt auf die Füße tritt. Wir gehen katastrophalen Zeiten entgegen, wenn der "Cancel Culture" nicht der Garaus gemacht wird. Die Beispiele des Autors zeigen, dass es jeden treffen kann. 

Maximal empfehlenswert 

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 Helga König
 

Rezension: Strengt Euch an!-Wolf Lotter-ecowin



Der Autor dieses Buches, Wolf Lotter, ist Mitbegründer des Magazins "brand eins". Dort schreibt er die Leitessays. Zudem ist er Keynote-Speaker und Berater zum Thema "Transformation von der Industrie- zur Wissensgesellschaft". Genau darum geht es auch in dem vorliegenden Buch. 

Die Transformation verlange von uns die Neuorientierung "in nahezu allem, was bisher "normal" schien und gewohnt". In der Wissensgesellschaft seien Denken und Kreativität die wichtigsten Ressourcen für Wohlstand und Fortschritt, während in der Industriegesellschaft, die offenbar bald der Vergangenheit angehört, Normen und Routine das Wichtigste seien. 

Die Wissensgesellschaft erfordere mehr als nur Fleiß. Sie mache Anstrengung erforderlich. Zukünftig werde es darum gehen, Leistung als positive Vorstellung zu betrachten und Anstrengung und Bemühung als unerlässlichen Preis, den alle zahlen müssen, die etwas erreichen wollen. 

Forderungen nach weniger, nach mehr Übersicht, mehr Regeln seien reaktionär, wenn sie nicht die eigene Leistung forderten und Lösungen erarbeiteten. Der Autor zitiert in diesem Zusammenhang den Philosophen Ernst Bloch, der in seinem Werk "Prinzip Hoffnung" schreibt, "Man muss in das Gelingen verliebt sein". 

Gelingen setzt aber Anstrengung voraus. Diese verlange von uns Aufrichtigkeit, Selbstkritik, Selbsterkenntnis und große Bemühung, uns selbst ernst zu nehmen und aus unserem Leben etwas zu machen. 

Der Autor reflektiert den Begriff Leistung und konstatiert, dass sich diese nicht an Rekorden und Tiefen messe, sondern an Einstellung, einer Haltung, dem Bemühen sein Bestes zu geben. Leistung benötige durchaus Disziplin, Geduld und Ausdauer, aber keine sinnlose Disziplin, keinen Starrrinn und keinen blinden Eifer. 

Das industrielle Management sehe Menschen als Teil einer Maschine. Es gehe insofern dabei um Einordnung. Humanistisches Denken sei damit nicht vereinbar, weil dieser dem Menschen eigene Entscheidungen zutraue, ihn also nicht als "nützlichen Idioten" behandelte. Humanismus- und dies hebt Wolf Lotter besonders hervor- fordere das Bemühen, sein Bestes zu geben, aus dem Menschen selbst heraus, nicht als Ergebnis von Leid, Verzicht und Plage. 

Die Höchstleister der ersten und zweiten Welle der industriellen Revolution (gemeint bis zum Ende des 19. Jahrhunderts) seien eigensinnige, auf den Erhalt und Bestand ihres Lebenswerks bedachte Unternehmer gewesen. Es waren keine Manager. Letztere seien erst ins Spiel gekommen als die Industrieunternehmen aus eigener Kraft nicht mehr weiterkonnten. Durch sie bildete sich dann der Finanzkapitalismus. 

Wie Wolf Lotter festhält, üben Manager und Bürokraten die gleiche Tätigkeit aus: Sie verwalten Bestand. Wohl einerseits beschworen, werden andererseits von ihnen die Werkzeuge der Innovation bekämpft. Die Rede ist von: einem Bemühen um mehr Wissen, selbstständiges Denken und Ausbrechen aus der Routine. 

Durch Anstrengung werde der Wettbewerb zu dem, was er sein sollte: keine brutale Konkurrenz um Leben und Tod, sondern ein faires Streben nach besseren Lösungen. Überall, wo sich Monopole bildeten und Korruption einkehre, müsse entschieden dagegen vorgegangen werden, denn sobald man Monokulturen zulasse, werde nicht nur der preisliche Wettbewerb zerstört, sondern auch die Gründe dafür, sich anzustrengen, sein Bestes zu geben. Dieser Meinung schließe ich mich ohne Wenn und Aber an. Er ist einfach wahr: "Wo keine Anstrengung ist, dort ist auch keine Zukunft."

Nochmals also: Worum es in der Wissensgesellschaft geht? "Anstelle des Fleißes und des blinden Eifers treten Neugier, Experiment und Wissbegierigkeit: Kurz Innovationsfähigkeit."

Es führt zu weit,  auf alle Überlegungen im Buch im Rahmen dieser Rezension einzugehen.  Es dürfte aber schon jetzt klar sein, weshalb das Buch wichtige Gedanken für das Hier und Jetzt und die Zukunft  Transformation vermittelt.

Ein Merksatz vielleicht noch zum Ende: "Wo geistige Höchstleistung, Innovationsfähigkeit und Wissensarbeit tatsächlich am Werk sind, merkt man es ohne Worte. Sie nützt nämlich anderen." 

So gesehen wird die Wissensgesellschaft eine humanistische Gesellschaft sein, in der Mensch nicht länger Mittel, sondern Ziel der Leistung aller ist. Man darf gespannt sein, wenn  die Früchte  besagter  Leistung verteilt werden, wie es dann um die Verteilungsgerechtigkeit bestellt sein wird. 

Maximal empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Diktator werden-Populismus, Personenkult und die Wege zur Macht-Frank Dikötter-Klett-Cotta


#Frank_Dikötter, der Autor dieses Werkes, ist Professor of Humanities an der Universität in Hongkong. Er gilt als einer der führenden Zeithistoriker und vehementesten Kritiker der Diktaturen im 21. Jahrhundert. 

Die Liste der Staatslenker, die allgemein als moderne Diktatoren betrachtet werden, umfasst, so der Autor, weit über hundert Namen. Die meisten von ihnen hätten eine Art Personenkult gepflegt und Variationen ein und desselben Themas geboten. 

Diktatoren, die sich an der Macht hielten, sollen sich häufig zweierlei Instrumente bedient haben. Genannt werden #Kult und #Terror. Nach Auffassung des Autors- und diese macht er an seinen Beispielen deutlich- ist der Personenkult der Mittelpunkt der Tyrannei. 

Um an die Macht zu gelangen und zugleich dabei ihre Rivalen los zu werden, gab es für die fokussierten Diktatoren stets viele Möglichkeiten. Dazu gehörten blutige Verfolgungen, Manipulation und Teile- und herrsche-Strategien. Langfristig allerdings, so Dikötter, habe sich der Personenkult als die effizientere Option erwiesen. Dieser Kult habe Verbündete und Gegner gleichermaßen erniedrigt, weil er sie durch eine allgemeine Erniedrigung in die Kooperation gezwungen habe. Primär allerdings habe ein Diktator Menschen zu Lügnern gemacht, weil er sie nötigte, ihm vor den Augen und Ohren anderer zu huldigen. 

Der Autor fragt, wer diesen Kult schuf und nennt Hagiographen, Fotografen, Theaterschriftsteller, Komponisten, Dichter, Redakteure und Choreographen,  aber auch mächtige Propagandaminister und bisweilen sogar ganze Industriezweige. 

Die acht schrecklichsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts, die im Buch näher beleuchtet werden,  haben ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, allerdings traf jeder von ihnen die wichtigsten Entscheidungen zur Verherrlichung seiner Person selbst. 

Bei den Diktatoren handelt es sich um: #Mussolini, #Hitler, #Stalin, #Mao_Zedong, #Kim Il-sung, #Duvalier, #Ceausecu und #Mengistu. 

Alle Diktatoren erwarteten bedingungslose Zustimmung. Wer dem Diktator die Illusion von Zustimmung nicht zu geben vermochte, wurde bestraft, inhaftiert oder sogar erschossen. 

Der Sinn des Kults habe darin bestanden, Verwirrung zu stiften, den gesunden Menschenverstand ad absurdum zu führen, Gehorsam zu erzwingen, Individuen voneinander zu isolieren und ihre Würde zu brechen. 

Menschen, die dem Diktator gegenüber im Hinblick auf ihre Treuebekundungen nicht aufrichtig genug erschienen, wurden denunziert. Allerdings gab es bei allen Diktatoren, die im Buch benannt werden, stets genügend Anhänger, Opportunisten und Schläger wie auch Personen, die gleichgültig oder apathisch waren.

Der Kult um einen Diktator sei nicht selten mit Magie und Aberglauben durchtränkt gewesen. So sei es auch immer wieder zur säkularen Anbetung gekommen.

Was wohl bei allen Diktatoren mehr zählt als Gesinnungstreue, sei Loyalität gegenüber ihrer Person. Nicht selten sei die Ideologie ein Akt des Glaubens gewesen, eine Prüfung der Loyalität. 

Indem Diktatoren die Macht personalisieren, wird ihr Wort zum Gesetz. Alle Diktatoren haben ihr Volk und sich selbst belogen. Einige waren von ihrem Genie überzeugt, andere in ihrer Welt gefangen, wiederum andere entwickelten krankhaftes Misstrauen gegenüber ihrem persönlichen Gefolge.

Vor allem seien die Diktatoren von Kriechern umgeben gewesen, schwankten, keine Kritik duldend, zwischen Selbstüberschätzung und Paranoia, trafen, so Dikötter infolgedessen wichtige Entscheidungen alleine, was verheerende Folgen hatte.  Diktatoren verlieren  nicht selten den Bezug zur Realität, wie die Beispiele Hitler und  Ceausescu zeigen, vollständig.

Die Sucht verehrt zu werden, das  pervertierte Prestigestreben und ihr krankhaftes Misstrauen zeigen die innere Schwäche all dieser Größenwahnsinnigen, die immerfort Leid über die Menschheit bringen.

Maximal empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Heute schon einen Prozess optimiert? Gunter Dueck- Campus


#Gunter_Dueck, der Autor dieses Buches, ist Mathematikprofessor. Er schreibt erfolgreiche Bücher, ist Netzaktivist, Business Angel und Speaker. Der Untertitel seines neuen Werkes lässt bereits erahnen, worum es ihm diesmal geht: "Das Management frisst seine Mitarbeiter."

Im Rahmen von sechs Kapiteln wird der Zustand in vielen Unternehmen analysiert und beschrieben, um am Ende eine Lösung des Problems anzubieten. Nach Duecks Beobachtung stemmen sich das Management und die Politik gegen eine gute Zukunft. Die Manager der Industrieproduktionen seien seit etwa 35 Jahren damit befasst, Prozesse zu optimieren und Roboter einzusetzen. Das Aufkommen von Computern, Datennetzen und Unternehmenssoftware ("SAP") habe zu einem enormen Effizienzschub geführt und darüber hinaus zu großen Profitsteigerungen. Weil der wirtschaftliche Erfolg aufgrund des Fokus auf die Effizienz so immens war, hätten viele Unternehmen ihre Zukunftsfähigkeit eingebüßt. 

Für Dueck steht fest, dass es in den kommenden Dekaden mehr um neue Inhalte und ein verändertes Denken geht und nicht mehr so sehr um das alte Ringen um die effizienteste Form. Das aber scheint nicht begriffen zu werden. Die Mehrheit der Führungskräfte unterliege dem Effizienzwahn, der das Betriebsklima entsprechenden aufheize. Obgleich langfristig alles andere als sinnstiftend, kämen die Protagonisten aus ihrer "Systemneurose" nicht heraus, die die Mitarbeiter als "Menschen" fresse und sie als bloße Ressource behandele. Das persönliche Menschsein trete hinter die Prozesseffizienz zurück. 

Die Managerkompetenz beschränke sich derzeit auf Prozesssteuerung und harsche Mitarbeitermotivation rund um die Uhr. Auf diese Weise gestresste Mitarbeiter lernten nicht mehr und bildeten sich nicht mehr weiter. Dis-Stress durch Effizienzdruck wirkt sich u.a. auf die Qualität des Produkts aus und auf die mangelnde Zufriedenheit der Kunden. Je größer der Druck auf Quantität, umso mehr verschlechtere sich die Qualität bis über die Strafrechtsgrenze hinaus. 

Die Digitalisierung zeige neue Wege auf. Um diese zu gehen, sei allerdings Zukunftsfähigkeit eine entscheidende Voraussetzung. Dueck veranschaulicht wie man  ticken muss, um Neues auf den Weg zu bringen und macht auch klar, dass alles, was digitalisiert werden kann, digitalisiert wird. Mitarbeiter verlieren, so Dueck, ihre Kompetenz, wenn ihre Arbeitsprozesse digitalisiert werden. Sobald die Mitarbeiter zu Human-Ressourcen degradiert werden, verschwindet das Persönliche und damit auch die Würde. 

Man liest mehr zur "Mc Donaldisierung". Jobs in Unternehmen, die nach dieser Methode arbeiten sind die menschliche Endstation vor der Automatisierung. Die Mitarbeiter sollen sehr schnell und fehlerfrei arbeiten und die Kunden sollen keine Sonderwünsche haben. Standardisierung findet sich allerorten und sie nährt weitere Standardisierung. 

Dueck schreibt  auch über Auslastungsdruck, der dazu führe, dass letztlich die Kreativität den Bach runter geht. Er schreibt zudem darüber wie Mitarbeiter durch Messen und Vergleichen ausgepresst werden und wie bei all dem Optimierungsstress psychologische Vereinzelung und soziale Phobien entstehen. Aufgrund des starken Drucks im Hinblick auf geforderte Zahlen würden Manager und Mitarbeiter den Gesamtzustand eines Unternehmens vergessen, so marodiere letztlich allerorten die Zukunft. 

"Der Egoismus beutet die Infrastrukturen der Gemeinschaft und Staaten aus, die Idee der Nachhaltigkeit wird propagiert und mit Füßen getreten." (S.165) 

Unmöglich, im Rahmen der Rezension alle Faktoren zu benennen, die der Autor hier unter die Lupe nimmt. Klar wird, dass alle Faktoren zum Niedergang der Qualität, des Vertrauens, der Mitarbeiterzufriedenheit und der Zukunftsfähigkeit führen und zwar bis über die Grenzen des Erlaubten. 

Innovation und Kreativität (sie sind die Voraussetzung für eine gute Zukunft)  machen ein ruhiges Klima erforderlich. Dueck listet Unruhequellen auf und philosophiert über Unternehmen mit einer Persönlichkeitszwangsstörung, die Innovation und Kreativität verhindern. 

Was ist zu tun, damit bei der nächsten Sintflut, Schiffe anstelle von Deichen gebaut werden, man also klug handelt?  Wie schafft man einen Perspektivwechsel?

Gunter Dueck hilft ihnen dabei, die Antwort zu finden. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Der lange Abschied von der weißen Dominanz- dtv- Charlotte Wiedemann


#Charlotte_Wiedemann hat sich als Auslandreporterin in Asien und Afrika, speziell in der islamischen Welt mit der Thematik "Wir und die anderen" auseinandergesetzt. In ihrem faktenreichen, spannend zu lesenden Buch schreibt sie gegen die Angst und Abschottung von uns Europäern gegenüber Menschen aus Drittländern an und wirbt dafür, uns zu verändern und zu befreien. 

Im Rahmen von insgesamt 7 Kapiteln denkt sie Heimat und Welt zusammen, weil anders dies im Hier und Heute nicht mehr möglich ist. Die Autorin schreibt, dass wir Europäer einen historischen Abstieg verkraften müssen und hofft, dass wir dabei nicht in den Faschismus verfallen. 

Bei allem müsse man die #Angst vor dem #Machtverlust berücksichtigen, um zu begreifen, weshalb #Migration und kulturelle oder religiöse Verschiedenheiten immer schwerer akzeptiert werden. Wiedemann weiß, dass jene, die die Vielfalt zurückdrehen möchten, dem Bürgerkrieg das Wort reden. 

Die Autorin geht zunächst in ihre Kindheit zurück, um zu dokumentieren, dass die Grundschule von heute mit der Volksschule von einst nicht mehr viel gemein hat. Heute herrscht Vielfalt, nicht nur was die Haarfarbe und Herkunft anbelangt, auch die Lebensstile der Eltern und die Unterschiede zwischen arm und reich klaffen ungleich auseinander. Wiedemann erzählt parallel dazu, die Geschichte eines afrodeutschen Jungen (Besatzungskind), der auch in der ersten Hälfte der 1950er Jahre geboren worden ist, massive Probleme hierzulande und später als adoptierter Junge in den USA  bekam, weil dort damals Rassismus allerorten noch Programm war. 

Die Erfahrungswelten junger und alter Menschen im Hinblick auf Migranten sind heute noch immer sehr verschieden, die Gründe hierfür werden genannt. An den Unis kommt mittlerweile jeder Fünfte aus einem anderen Land unter ihnen viele Chinesen. Jeder Zweite unter 30 meint,  man könne und solle mehr Schutzsuchende aufnehmen. Die Angst vor "Überfremdung" wird demnach mit den alten Menschen  möglicherweise aussterben. Nur 3 Prozent unserer migrantischen Bevölkerung lebt in Ostdeutschland. Vielleicht ist es die Unkenntnis, die das negative Verhalten gegenüber Pluralität hat entstehen lassen.

Spannend zu lesen, dass die Angst vor dem Katholizismus in den USA bis Mitte des 20. Jahrhunderts analog wirkmächtig war wie heute in Europa die Angst vor dem Islam. Die eigene Zugehörigkeit zur Gemeinschaft, zur Nation werde durch den "Feind" infrage gestellt und so ist die Phase des Überlebenskampfes erreicht, der alle Mittel rechtfertigt. Auch hier wird es  einen Wandel geben, alles eine Frage der Zeit wie das Beispiel USA zeigt.

Wer Vielfalt bejaht, akzeptiert: #Aushandlung, #Antagonismus und #Ambivalenz  betont die Autorin. Dieses zu tun ist so wichtig, weil alle gemeinsam viel besser die eigentlichen Probleme unseres Jahrhunderts bewältigen können, als da sind: Ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit. 

Nicht grundlos reflektiert Charlotte Wiedemann #Rassismus und #Respekt. Dabei betont sie, dass die systematische Abwertung anderer Kulturen, gestützt durch Wissenschaft, Wirtschaft, Kirchen, Militär über sehr lange Zeit, ein weißes Erbe war. So berichtet sie von Menschenzoos- ganz unglaublich- , die es einst in Europa gab, um die Wildheit außereuropäischer Kulturen zu dokumentieren. Besucht wurden die Zoos  in all den Jahren von anderthalb Milliarden Personen. Wie borniert müssen diese Gaffer gewesen sein? Herrenmensch-Idiotie allerorten...

Für viele Konflikte laute das Schlüsselwort #Respekt und der fängt bereits bei der Wortwahl an. Vorurteile gilt es zu bekämpfen und es gilt, uns auch bewusst zu machen, dass in anderen Kulturen "Würde" möglicherweise einen höheren Stellenwert hat als bei uns. 

Wann ist eine Frau tatsächlich befreit? Ist sie es, wenn ihr Körper mittels sexueller Werbung kommerzialisiert wird? 

Unmöglich all das zu benennen, was Charlotte Wiedemann hier gedanklich auslotet, beispielsweise auch Gewalt sowie den Kolonialismus, Shoa und das Weltgedächtnis. 

Humanität ist gefragt und ist ein Indiz für Klugheit, nicht nur jetzt, wo die weiße Dominanz sich für immer verabschiedet und Hochmut ein Garant für den Fall ins Uferlose darstellt. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Azteken- Hirmer




Dies ist der Katalog zur gleichnamigen Landesausstellung in Baden-Württemberg im Linden-Museum in Stuttgart mit dem Titel "Azteken", die dort vom 12.Oktober 2019 bis zum 3. Mai 2020 gezeigt wird. 

Die Vorworte zum Buch haben Winfried Kretschmer, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg, Alejandra Frausto Guerreo, Ministerin für Kultur in Mexiko und Prof. Dr. Inés Castro, Direktorin des Linden-Museums in Stuttgart verfasst. 

Wie Prof. Dr. Inés Castro schreibt, werden im Gegensatz zu früheren Azteken-Ausstellungen jetzt im Linden-Museum Kunst- und Alltagsgegenstände im Kontext von Kultur und Gesellschaft präsentiert, um so zu einem besseren Verständnis dieser Zivilisation beizutragen. Das Wissen über die Kultur der Azteken sei auch nach langjähriger und intensiver wissenschaftlicher Forschung nach wie vor lückenhaft, weil die Kenntnisse primär auf den schriftlichen Aufzeichnungen der spanischen Eroberer beruhen, die nach unterschiedlicher Absicht der Verfasser unterschiedliche Gewichtung und Einfärbung haben. Zudem  basiere es auf den archäologischen Untersuchungen, in erster Linie im Zentrum von Mexiko-Stadt, die dort immer noch stattfinden. So sollen gerade die archäologischen Ergebnisse der letzten Jahre zu einem neuen Verständnis der aztekischen Kultur beigetragen haben.

Nach zwei spannenden Textbeiträgen im Rahmen der Einführung ist der Katalog in fünf große Abschnitte untergliedert, als da sind :

Die Quellen 
Das politisch-ökonomische System 
Tenochtitan 
Der sakrale Bezirk 
Der Katalog 

Im Rahmen der ersten vier Abschnitte werden in zahlreichen Essays unterschiedlicher Autoren verschiedene Themen beleuchtet, die im Zusammenhang mit den jeweiligen Oberbegriffen stehen. So erfährt man im ersten Abschnitt beispielsweise Näheres zur Verwendung von Schrift als Kennzeichen der alten mesoamerikanischen Zivilisation. Es gab zwei Schriftsysteme, die sich nicht gegeneinander ausschlossen. Diese Schriftsysteme entstanden etwa um 800 v. Chr. Etwa 20 Bücher aus der Zeit vor der Eroberung durch die Spanier (1521), sie bestehen aus gefalteten Streifen Hirschleder oder Rinderpapier, überzogen mit einer Schicht aus weißem Gips, auf die verschiedene Arten farbenfroher Figuren und Zeichen aufgetragen wurden, haben überlebt. Darüber kann man sich im Rahmen eines eloquenten Textbeitrages näher informieren. 

Dann erfährt man Näheres zu den Chroniken der Missionare und auch zur Geografie, Ökologie sowie zu den Kultur-und Nahrungspflanzen im Herrschaftsbereich der Azteken. Eine der wichtigsten Pflanzen war für sie der Kakaobaum, deren Samen als Zahlungsmittel eingesetzt wurde. Viele Nutzpflanzen der Azteken werden heute weltweit angebaut, zu ihnen zählen die Tomaten, der Chili und auch Mais. 

Man erfährt auch Wissenswertes zur Gesellschaft und Regierung der Azteken und hier beispielsweise etwas zu den "calpulli", das war eine Gruppe von Familien, die nahe beieinander lebten. Gezeigt werden Malereien und Skulpturen, die die Texte begleiten und man wird ausgiebig über die familiären Beziehungen informiert, so etwa, dass die Familienmitglieder sich gegenseitig unterstützten und die Mädchen bereits im Alter von 15 Jahren heirateten, allerdings musste das Sternzeichen des zukünftigen Ehepartner mit dem der jungen Frau harmonieren.

Die Märkte der Azteken werden beleuchtet. Auf den Marktplätzen war Tauschhandel üblich, dennoch kursierten verschiedene Zahlungsmittel, wobei Kakaobohnen die gebräuchlichste Währung waren. Nicht wenige Händler sollen in der hoch kommerzialisierten aztekischen Welt sehr reich gewesen sein. Um den Neid der Nachbarn zu minimieren, zeigten sich die Händler in möglichst bescheidener Kleidung und achteten generell darauf, nicht aufzufallen. 

Man liest Wissenswertes über die Hauptstadt des aztekischen Imperiums mit dem Namen Tenochtitlan und hier über den Grundriss, die Planung und das Leben dort. Auch über die großen Paläste am Hauptplatz dort wird man informiert, um anschließend über das Königtum und die Statusobjekte aufgeklärt zu werden. Die Insignien wurden aus Türkis hergestellt. 

Zur Sprache gebracht werden auch die aztekischen Kunsthandwerker und in diesem Zusammenhang erfährt man mehr über altmexikanische Federarbeiten. 

Auch der  sakrale Bezirk der Stadt wird  vorgestellt, zudem erfährt man mehr zu den Gründungsmythen. Über die Baumaterialien von Pyramiden und über deren duales Prinzip wird man des Weiteren aufgeklärt und auch über die Opfer im Alten Mexiko kann man mehr erfahren. 

Das im Buch vermittelte Wissen ist so umfangreich, dass man im Rahmen einer Rezension nicht alles ansprechen kann. Sehr gut sind schlussendlich die Ausführungen im Rahmen des Katalogs zu den präsentierten Objekten in der Ausstellung, die dem Betrachter die Welt der Azteken visuell näher bringen und das Wesen der Azteken  ein wenig begreifen lassen. 


Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Die Kraft des Geistes- Mahatma Gandhi- Diogenes


Dieses kleine, inhaltlich großartige Büchlein enthält eine Auswahl von Schriften aus dem Werk des Pazifisten Mahatma Gandhi . 

Das Vorwort dazu stammt von Getrude und Thomas Sartory. Hier bereits erfährt man, weshalb Gandhi als "Satyagrahi" auf Gewalt  im Rahmen seines politischen Kampfes verzichtet hat. Grund: Durch Gewalt konnte nach seiner Meinung niemals Gutes entstehen.

Für einen "Satyagrahi" sei die Wahrheit stets die beste Waffe. Gandhi hat sich ausdrücklich vom passiven Widerstand distanziert, der ihm oft zugeordnet wurde, weil es sich bei diesem in seinen Augen nur um taktische Gewaltlosigkeit handelte. 

Wer sich auf die Macht der Wahrheit stütze, müsse die Bereitschaft zu leiden akzeptieren, denn "Satyagraha" bedeutet, sich immer an die Wahrheit zu halten. Das erfordert Mut und lässt viele Gegner erwachsen. 

Die Texte im Buch befassen sich allesamt mit der Kraft des Geistes, die eine Voraussetzung für Nicht-Gewalt darstellt. Gandhi war überzeugt, dass diese der Gewalt überlegen sei und kommt zum Schluss, dass Vergeben männlicher sei als Bestrafen.

Gandhi schreibt über seinen tiefen Glauben an Gott, über die Macht des Gebetes, wendet sich gegen die "Unberührbarkeit", die kein religiöses Gesetz, sondern die Erfindung des Teufels sei und überdenkt den Begriff der Toleranz. 

Weil es dem Menschen nicht gegeben sei, die ganze Wahrheit zu erkennen, bestehe seine Aufgabe darin, auf die Wahrheit hin zu leben und dabei zu den reinsten Mitteln zu greifen, nämlich der Gewaltlosigkeit. 

Gandhi war sich sicher, dass Wahrheit nicht in Büchern gebunden werden könne, sondern in jedem menschlichen Herzen wohne. Dort müsse man nach ihr suchen und sich von ihr leiten lassen. 

Bei allem habe man nicht das Recht, andere zu zwingen, nach seiner eigenen Wahrheitssicht zu handeln. Toleranz gegenüber fremden Ansichten, sei der Hauptaspekt der Gewaltlosigkeit.

Gandhis Gedankenwelt überzeugt. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert- #Yuval_Noah_Harari- C.H. Beck

Dr. #Yuval_Noah_Harari, der Autor des vorliegenden Buches, lehrt Geschichte an der #Hebrew_University in Jerusalem. Sein Schwerpunkt liegt auf #Weltgeschichte.

Mit seinem Werk  möchte er das Hier und Jetzt in den Blick nehmen und richtet seinen Fokus auf das aktuelle Geschehen und die unmittelbare Zukunft menschlicher Gesellschaften.

Folgenden Fragen will Harari nachgehen: "Was geschieht jetzt gerade?", "Was sind heute die größten Herausforderungen und Möglichkeiten?", "Worauf sollten wir achten?", "Was sollten wir unseren Kindern beibringen?".

Dabei peilt er die zentralen Faktoren an, die Gesellschaften überall auf der Welt prägen und die nach seiner Vermutung die Zukunft unseres gesamten Planeten beeinflussen werden.

Das Werk ist  teilweise im Gespräch mit der Öffentlichkeit entstanden, lässt der Autor seine Leser wissen.  Insofern konzentrieren sich einige Abschnitte auf die Technologie, einige auf Politik, einige auf Religion und einige auf Kunst. Die übergreifende Frage sei stets: "Was geschieht heute in der Welt und welche tiefere Bedeutung steckt in den Ereignissen?" 

Obschon das Werk eine globale Perspektive einnimmt, wird die persönliche nicht vergessen. So sei Terror beispielsweise ein globales politisches Problem. Doch Terror funktioniere, indem er tief in uns den Angstknopf drücke und die private Vorstellungskraft von Millionen Individuen in Geiselhaft nehme.

Die globale Dimension unseres persönlichen Lebens bedeute, dass es wichtiger denn je sei, unsere religiösen und politischen Voreingenommenheiten, unsere rassen- und geschlechtsspezifischen Privilegien und unsere unwissentliche Komplizenschaft bei der institutionellen Unterdrückung sichtbar zu machen.

Das Werk nimmt seinen Anfang mit einem Überblick über das aktuelle politische Geschehen. Seit den 1990er Jahren habe das Internet die Welt vermutlich stärker verändert als jeder andere Faktor, allerdings sei die Internet-Revolution von Technikern und weniger von politischen Parteien gelenkt worden. Das demokratische System sei immer noch damit beschäftigt, sich zu vergegenwärtigen, wovon wir da getroffen worden seien und schlecht gerüstet, um die nächsten Erschütterungen mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz und der #Blockchain_Revolution fertig zu werden.

In unserem Jahrhundert verschafften uns #Biotechnologie und #Informationstechnologie die Macht, die Welt in uns zu manipulieren und uns selbst umzugestalten. Doch weil wir die Komplexität unseres Geistes nicht wirklich begreifen, könnten die Veränderungen, die wir vornehmen, unser mentales System so Gestalt aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass es u. U. gleichfalls zusammenbreche.

Seit dem Zusammenbruch von #Faschismus und #Kommunismus werde es schwierig für den #Liberalismus, weil er aufgrund der neuen Technologien an Glaubwürdigkeit verliere. #Big_Data_Algorithmen könnten nun digitale Diktaturen schaffen, in denen sich die gesamte Macht in den Händen einer winzigen Elite konzentriere, das Gros der Menschheit aber als Folge davon an #Ausbeutung und #Bedeutungslosigkeit leide.

Harari schreibt von den technologischen und politischen Herausforderungen und macht klar, dass die Verschmelzung von #Informationstechnologie und #Biotechnologie die zentralen Werte der Moderne bedrohe, sprich die #Freiheit und die #Gleichheit.

#Nationalismus, #Religion und #Kultur spalteten die Menschheit in feindliche Lager. Das habe zur Folge, dass es nicht einfach sei auf globaler Ebene zu kooperieren.

Reflektiert werden #Gemeinschaften, die #Zivilisation, der #Nationalismus und hier die einzelnen Herausforderungen, die nach globalen Antworten verlangen. #Religion und #Zuwanderung bleiben in den Reflektionen auch nicht ausgespart. Dann geht es mit der Bedrohung durch Terror weiter, auch der Gefahr des globalen Krieges, mit Vorurteilen und dem Hass, die solche Konflikte verstärken und der Frage wie man damit umgehen kann.

Im 4. Teil des Buches geht es um Wahrheit in postfaktischen Zeiten und die Frage, ob es noch immer eine klare Grenze gibt, die die Realität von der Fiktion trennt.

Im 5. Teil schließlich  geht es um Resilienz, die in Zeiten der Verunsicherung, weil alte Erzählungen (z.B. Liberalismus und andere ideologische Ammenmärchen) mehr als nur fragwürdig geworden sind, notwendig ist, um tatkräftig die Realität für alle positiv zu gestalten.

Was ist nun  zu tun? Wichtig sei, Leid wahrzunehmen und zu erkunden, was Leid tatsächlich ist, weil dieses Tun  keine Mär, sondern Realität verkörpert, die es zu verändern gilt.

Dies ist ein Buch, das zum Nachdenken, vor allem aber zum Handeln anregt.

Von daher: Maximal empfehlenswert

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

Onlinebestellung bitte hier klicken: C.H. Beck oder Amazon21 Lektionen für das 21. Jahrhundert

Rezension Peter J. König: Harald Welzer . Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen - Alles könnte anders sein- S. Fischer

#Harald_Welzer, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit Lehraufträgen in Hannover, Flensburg und St. Gallen befasst sich sehr intensiv mit der Zukunft und hat sich hier einen außerordentlichen Ruf erarbeitet. Bereits seine früheren Bücher "Selbst Denken" und "Die smarte Diktatur" sind Bestseller, alle erschienen bei S. Fischer. 

Schon in seiner Publikation "Wir sind die Mehrheit" hat er sich intensiv mit Zukunftsvisionen auseinander gesetzt, gilt Welzer doch als ein erprobter Zukunftsarchitekt. In seinem aktuellen Buch "Alles könnte anders sein" stellt der Professor für Transformationsdesign fundierte Überlegungen an, welche Alternativen es zur heutigen Lebenswirklichkeit gibt und was geboten wäre eine gerechtere Welt zu schaffen, die allen Menschen Frieden, den notwendigen Wohlstand und Zufriedenheit bringt. Dass Welzer hier allerdings berechtigte Zweifel an der Umsetzung seiner Thesen sieht, dies bringt er schon auf dem Cover seines Buches zum Ausdruck, wenn er noch vor dem Titel verlauten lässt, dass es sich um eine "Gesellschaftsutopie für freie Menschen" handelt.

Interessant sind dabei die Formulierungen "Gesellschaftsutopie" und  "freie Menschen". Dies impliziert, dass die heutige Gesellschaft, ganz zum Unterschied der im Buch entwickelten theoretischen Gedankenspiele nicht frei ist, und Welzer sie selbst aus heutiger Sicht als utopisch einstuft. Und doch besitzen sie eine entwaffnende Logik, immer unter Hinzuziehung des Ist-Zustandes und der alternativen Möglichkeit, wenn sie nur umgesetzt werden würde. Dazu führt Welzer eine Vielzahl von Missständen in unserer Gesellschaft an, die zwar dem Einzelnen Mega-Vorteile bringt, den Menschen insgesamt aber nur maximale Nachteile, bis hin zur Verarmung und Verelendung ganzer Völker und Kontinente. Dabei spielt die globale Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle, die einhergeht mit einer nie gekannten Konzentration von Kapital, Eigentum an Ressourcen und Macht in den Händen weniger. 

"Global Players" sind die eigentlichen Herrscher dieser Welt, die Politik hat schon lange ihre demokratische Legitimation verloren. Die Folgen sind unübersehbar, nicht zuletzt durch den Klimawandel und die unaufhaltsame Verschwendung von lebensnotwendigen Ressourcen für die Menschen und den Erhalt einer intakten Natur. 

Dass es auch anders geht, dies zeigt der Autor deutlich, an Hand einer zwingenden Logik, wenn nur die Vernunft an erster Stelle steht. 

Professor Welzer hat hier ein Schriftwerk geschaffen, das nicht nur vom Humanismus und einer dringend gebotenen Nachhaltigkeit geprägt ist, er hat auch verstanden dies alles anschaulich, nachvollziehbar, sehr interessant und kurzweilig darzustellen. Und besonders verblüffend ist, wie relativ einfach seine Thesen vom Glück, des Wohlstandes und der Nachhaltigkeit umzusetzen wären, wenn die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft die Vorteile für die Gemeinschaft wahrnehmen würden, um sie dann auch Wirklichkeit werden zu lassen. 

Doch da stehen in der Regel Egoismus, die Gier und das grenzenlose Habenwollen davor. Und doch hat das Buch eine zwingende Berechtigung, zeigt es doch auf, welche immensen Möglichkeiten es gibt, dem drohenden Absturz zu entkommen. Was heute noch Utopie ist, kann schon morgen Wirklichkeit werden, zumal wenn es keine Alternativen mehr gibt, außer diesen die Professor Harald Wenzel hier aufgezeigt hat, freie Menschen sie verstanden haben und Realität werden lassen. 

Allzu viel Zeit bleibt dabei allerdings nicht mehr. 

 Maximal empfehlenswert 

Peter J. König

Im Fachhandel erhältlich

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Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Rezension: Was ist so schlimm am Kapitalismus- Jean Ziegler- C. Bertelsmann

Der Autor dieses Buches, #Jean_Ziegler, ist Soziologe, emeritierter Professor der Universität Genf und war bis 1999 Nationalrat im Eidgenössischen Parlament. Von 2000 bis 2008 war er als UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung tätig. Seither ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und Träger verschiedener Ehrendoktorate sowie internationaler Preise.

Sein neues Buch enthält ein langes, aufklärerisches Gespräch zwischen ihm und seiner Enkelin zum Thema "Was ist so schlimm am Kapitalismus", das unmissverständlich deutlich macht, dass man den Kapitalismus nicht verbessern und korrigieren kann, sondern bekämpfen und zerschlagen muss, weil er die Existenz der Menschheit bedroht. Für Jean Ziegler hat der Kapitalismus eine kannibalische Ordnung geschaffen, deren Prinzip im Überfluss für eine kleine Minderheit und im mörderischen Elend für die große Masse besteht.

Der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats schreibt, seine Leser damit aufrüttelnd, "Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder..." Weil die Eigentümer des Kapitals enorme Finanzmittel konzentrieren, menschliche Begabungen mobilisieren, sich zudem Wettbewerb und Konkurrenz zunutze machen, sei es möglich, dass die mächtigsten Eigentümer des Kapitals das, was die Wirtschaftswissenschaftler "problematischen Wissen" nennen, zu kontrollieren. Gemeint sind damit die wissenschaftliche und technologische Forschung auf verschiedenen Gebieten wie Elektronik, Informatik, Pharmazie. Medizin, Energie, Luftfahrt, Astronomie, Materialwissenschaft etc.

Der Autor erläutert, woher der Begriff Kapitalismus kommt und wie der Kapitalismus - historisch gesehen - sich entwickelt hat. Dabei sollte man wissen, dass das Wort Kapitalismus auf zwei fundamentale Gegebenheiten verweist: Jean Ziegler nennt: "Das Kapital als Geldmenge und den Kapitalisten als Wirtschaftssubjekt oder gesellschaftlichen Akteur, der sich auf Kosten der Arbeiter bereichert." Man erfährt, was man unter Mehrwert zu verstehen hat, wie dieser entsteht, wie  sich Kapital akkumuliert, wie Oligarchien sich entwickeln und was man unter ihnen zu verstehen hat. Begriffe wie "Arbeitseinkünfte" und "Kapitaleinkünfte" werden erklärt und  es wird verdeutlicht, dass Drittländer die erste Akkumulation des europäischen Kapitals unter unvorstellbar grausamen Bedingungen und mit ihrem Leben bezahlt haben. Nahezu alle Kolonialherren waren Ausbeuter und Verbrecher.

Jean Ziegler schreibt auch von der französischen Revolution, die der politische, ideologische und wirtschaftliche Triumph des kapitalistischen Bürgertums war. #Robespierre sei der Hauptverantwortliche der "Heiligsprechung" des Eigentums, der Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung wie der Autor meint. Es gab eine Reihe von Revolutionären damals in Frankreich, die die Abschaffung des Privateigentums propagierten, unter diesen #Gracchus_Babeuf, der aber damals hingerichtet wurde.

Nun nahm die kapitalistische Produktionsweise Fahrt auf. Seit Ende des letzten Jahrtausends habe sich das #Finanzkapital verselbstständigt. Es handelt sich hierbei um eine besondere Form des Kapitals, das der Autor genau erklärt. Er beschreibt die Wirtschaftsinstitution der Börse, skizziert das Agieren der Trader und erinnert daran, dass die Zirkulationsgeschwindigkeit der Informationen den Planeten schrumpfen lassen.

Wer über die Weltwirtschaft herrscht? "Das sind genau die Oligarchen, die Eigentümer des globalisierten Finanzkapitals, die winzig kleine Gruppe von Männern und Frauen unterschiedlicher Nationalität, Religion, Herkunft, aber alle einander ähnlich in ihrer Energie, ihrer Gier, in ihrer Verachtung für die Schwachen, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl, der Blindheit für die Geschicke des Planeten und das Schicksal der Menschen, die auf ihm leben.", so Jean Ziegler  Die Oligarchien  arbeiten im Verborgenen, nur selten kenne man ihre wahre Identität.

Es macht zornig, was der Autor über den Kongo und den dortigen Abbau des Erzes Coltan schreibt. Kindersklaven werden hierfür eingesetzt und in die engen Schächte geschickt, damit ein Bergbaugigant sich utopisch bereichern kann und im Steuerparadies Kanton Zug dann  jährlich nur 0,2 Prozent Steuern zahlt.

Die Waffen der Oligarchien des Finanzkapitals seien: "Zwangsfusion, Unternehmensverlagerung, Errichtung von Oligopolen, Vernichtung des Gegners durch Dumpingpreise oder Desinformation." Beseelt von ihrem Machttrieb, der Gier und dem rauschhaften Gefühl grenzenloser Verfügungsgewalt verteidigten sie mit Zähnen und Klauen die Privatisierung der Welt. Ihr verdankten sie nämlich extravagante Privilegien, Pfründe ohne Zahl und persönliche Vermögen.

Nicht unerwähnt bleiben Korruption und Veruntreuung durch die obsessive, grenzenlose #Habgier, bevor der Autor über den Begriff Globalisierung informiert, der irreführend sei, weil die Welt, die die Kapitalisten geschaffen haben, einem Archipel ähneln würde. Westeuropa sei einer der wohlhabendsten Inseln dieses Archipels.

Jean Ziegler schreibt über das Verhalten von Konsumenten für die Güter hergestellt werden, die nur von kurzer Lebensdauer sind, schreibt auch über irreführende Werbung und wie der Kunde eingeseift wird, damit sich immer mehr Kapital akkumulieren kann.

Man liest über die schlechte Bezahlung in Drittländern, so etwa in Bangladesh, wo Textilien seitens westlicher Ausbeuter für die Industrieländer billig hergestellt werden. Man liest auch von der Umweltverschmutzung, vom Klimawandel und dass rund 62% aller Krebserkrankungen in den Industrieländern Auswirkungen eines gestörten Ökosystems sind oder auf eine unangemessene, industrielle Ernährung zurückzuführen seien.

Die Akkumulation von Reichtümern durch Kosmokraten kenne nur einen Antrieb: "#Gier, #Machthunger, das Verlangen immer mehr Reichtümer zu raffen, mehr Kapital als der Nachbar und der Konkurrent anzuhäufen. In diese wahnhaften Begierde nach unbegrenztem Profit spiele der Gebrauchswert keine Rolle.

Der Kapitalist möchte das Bewusstsein und Denken anderer Menschen beherrschen. Wenn unsere Welt und wir alle eine Zukunft haben sollen, dann muss Schluss sein mit der Akkumulation von Reichtümern Einzelner, Schluss sein mit dem Machtanspruch. Dann gilt es Humanismus zu realisieren auf der ganzen Welt, dann muss aufgeklärt werden, genau so wie Jean Ziegler es in seinem wunderbaren Buch tut.

Maximal empfehlenswert

Helga König

Im Fachbuchhandel erhältlich

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Was ist so schlimm am Kapitalismus?: Antworten auf die Fragen meiner Enkelin

Rezension: Das neue Wir- Warum Migration dazugehört- Eine andere Geschichte der Deutschen- Jan Plamper- S. Fischer

#Jan_Plamper lebte lange in den USA und in Russland. Heute lehrt er als Professor am Goldsmith College in London und pendelt zwischen Berlin und London hin und her.

Das vorliegende, überaus faktenreiche Buch bewegt sich um die Themen #Migration, #Nation und #Identität, verrät der Autor in seinem Vorwort. Er lässt die Leser (m/w) weiter wissen, dass das Buch Migrantengruppen in die deutsche Geschichte hineinschreibe, die nur selten in ihr vorkomme. Er  erzähle Geschichte anhand von nicht fiktiven Menschen, die seit 1945 nach Deutschland West und Ost migriert seien. Dabei sei die Summe ihrer Geschichten die Geschichte der Deutschen. Für Jan Plamper- übrigens auch für mich- gilt: Zusammen sind wir das neue Wir. 

Darüber hinaus ist für Jan Plamper "das neue Wir" ein Plädoyer für eine kollektive Identität. Ziel des Buches ist, ein Verständnis von Nation, bei dem die Zugehörigkeit zur deutschen Nation und andere Zugehörigkeiten, auch die Herkunft aus einer anderen Nation, zusammengehen, anstelle einander auszuschließen. Als Sammelbegriff für alle deutschen Staatsbürger mit "zusätzlichem kulturellen Gepäck" schlägt er den Begriff "#Plusdeutsche" vor und erläutert die Vorteile dieses Begriffs. 

Nach dem umfangreichen Vorwort warten 8 Kapitel auf die Leser, wobei es im ersten Kapitel um die Geschichte der Auswanderung aus Deutschland geht. Wie Jan Plamper betont, war Deutschland vor dem 20. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland. Der Autor fragt sich, weshalb es trotz der deutschen Massenauswanderung für die Deutschen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts so schwierig gewesen sei, sich als Einwanderungsland zu definieren und fragt weiter, ob es eventuell mit der spezifisch deutschen Denktradition, die mit dem Namen des Philosophen Johann Gottfried Herder verbunden sei, zu tun habe. Damals gab es noch keine deutsche Nation, deshalb definierte er die Nation primär über Sprache und Kultur und nicht über die Staatsbürgerschaft. 

Jan Plamper berichtet wie es dann weiterging und schreibt u.a. von der deutschen "Parallelgesellschaft in Pennsylvania" um 1750. Die Furcht vor einer deutschen Parallelgesellschaft  soll sich durch die gesamte Geschichte der deutschen Einwanderung in den USA gezogen haben. Auch damals gab es schon Zeltstädte für Auswanderer. Der Weg in die USA muss recht beschwerlich gewesen sein. Wie auch immer, Integration fand dort statt. Im Bürgerkrieg von 1881-1865 kämpften 200 000 Deutschamerikaner auf der Seite der Nordstaaten gegen die Sklaverei. 

Man liest weiter über die Massenauswanderung der Deutschen im 19. Jahrhundert. So waren Ende des 19. Jahrhunderts etwa eine Viertelmillion Juden aus Deutschland nach Amerika ausgewandert. Dann liest man über den ersten Weltkrieg und was das für die Deutschamerikaner bedeutet hat. So reagierten nicht wenige  aus Angst mit Hyperassimilation.

Weiter erfährt man Wissenswertes über Deutsche in Russland in vorangegangenen Jahrhunderten und in Südamerika. Je größer der Nationalismus wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert, umso mehr blieben den deutschen Auswanderern nur zwei Möglichkeiten: Rückzug in abgeschirmte, ethnische Communities oder das Lossagen von allem Deutschen. 

Blickt man auf die Situation der Migranten in Deutschland im Hier und Jetzt, weiß man, dass der Spruch" nichts ändert sich unter Gottes Sonne" auch in diesem Fall zutrifft.

Anschließend geht es um die größte Migrationsbewegung in der europäischen Neuzeit, nämlich jene nach Kriegsende 1945. Millionen von Menschen waren unterwegs, nicht nur Flüchtlinge und Vertriebene, sondern auch Wehrmachtssoldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Überlebende der Vernichtungslager und neun Millionen evakuierte Städter. Man kann es sich kaum vorstellen.

Insgesamt sind mindestens zwölf Millionen Menschen vertrieben worden, möglicherweise sogar vierzehn Millionen. Die meisten dieser Menschen seien Frauen und Kinder gewesen. Vergessen werden darf nicht, dass die Ursache dessen die Expansionspolitik der Deutschen war. Sie waren es, die zuvor Tschechen und Polen aus ihrer Heimat vertrieben hatten. Das Motiv der Vertreibung seitens der Deutschen in der Nazi-Zeit waren pseudobiologische Reinheitsphantasien. 

Dann liest man weiter von vererbten Traumata. Hier wird auch die Autorin Sabine Bode erwähnt, von deren  sehr guten Büchern ich zwei rezensiert habe. Sie leitet u.a. Kinderlosigkeit vieler aus der Folgegeneration aus fehlender Trauer über die von der Kriegsgeneration erlittenen Schrecken ab.

Jede fünfte Person in Deutschland kommt  übrigens aus einer Vertriebenenfamilie. 

Weiter geht es dann mit Arbeitsmigration im Westen. Gefragt wird was "Gastarbeit" war.  Es werden wahre Geschichten aus dem damaligen Leben erzählt, die einen Eindruck von dem vermitteln, was zu Wirtschaftswunderzeiten im Hinblick auf Gastarbeiter sich ereignete. Die allermeisten der Gastarbeiter, - 11 von 14 Millionen - kehrten in ihre Herkunftsländer zurück. Das verbleibende Fünftel arrangierte sich mit den Verhältnissen und integrierte sich  recht bald.

Wie Arbeitsmigration im Osten aussah, wird auch breit erörtert, bevor das Thema Asyl zur Sprache kommt. Asylbewerber der frühen 1980er bis frühen 2000er sind hier das Thema und auch der Asylkompromiss aus dem Jahre 1993. 

Durch den Mauerfall 1989 erhöhte sich die Geschwindigkeit, mit der sich Menschen in Europa bewegten. Damals begann die zweite Epochenschwelle der Migration Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so der Autor. 

Im 6. Kapitel geht es um russlanddeutsche, polnische und rumänische Aussiedler und im Kapitel 7 um jüdische Kontingentflüchtlinge. Hier erfährt man, dass die Sowjetunion immer wieder in den Antisemitismus abglitt, speziell nach der Gründung des Staates Israel. Nach wie vor würden viele Deutsche in russischen Juden nur Russen sehen und nicht als Überlebende der Schoa. Die Gründe hierfür erläutert Jan Plamper im Buch sehr gut. Für jüdische Kontingentflüchtlinge war und ist es sehr schwer hierzulande, rasch in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, selbst wenn sie hochgebildet sind. 

In Kapitel 8 dann geht es um die "Willkommenskultur 2015". Darüber wird ausgiebig berichtet, aber auch von den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime in diesem Zusammenhang. Auch Thilo Sarrazin und sein fatales Buch "Deutschland schafft sich ab", kommt zur Sprache, dessen Verriss Jan Plamper sehr gut begründet. Hut ab vor der in den Text eingebundenen Rezension.

Gefragt wird, ob Bewegungsfreiheit ein nationales Grundrecht oder ein universelles Menschenrecht sei. Es werden zudem sehr wichtige Fragen zur Migrationsethik gestellt. 

Jan Plamper ist, wie eingangs schon  erwähnt, der Überzeugung, dass wir eine kollektive Identität brauchen, die eine stärkere emotionale Bindefestigkeit besäße als die Liebe zum Grundgesetz oder eine "Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Aufsteigermentalität". Für ihn ist #Toleranz das Kernelement des Wir. Dabei wird die kollektive Nationalität des Deutschen, das neue Wir, im Rahmen des Grundgesetzes auf demokratischem Wege inhaltlich bestimmt. 

Mit Jan Plamper teile ich die Vision, dass es in Zukunft ein universelles Recht- ein Menschenrecht- auf Freizügigkeit geben wird. 

Was bleibt noch zu sagen? Das Buch sollte jeder lesen, um sich bewusst zu machen, das die deutschen Geschichte eine Migrationsgeschichte ist und man genau darüber sehr froh sein sollte, weil sie der Motor für fortlaufende Erneuerung hierzulande war und ist. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Das neue Wir: Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen

Rezension: #Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt- #Bettany-Hughes- #Klett_Cotta

Bettany Hughes ist eine preisgekrönte Historikerin, Bestseller-Autorin und Verfasserin von TV-Sendungen.

Mit dem Buch "Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt" legt sie eine neue Darstellung der Geschichte dieser Metropole vor, die nach ihrer Ansicht unter den Namen #Byzanz, #Konstantinopel und #Istanbul über Jahrtausende nichts an Macht und Magie eingebüßt habe und deren Einfluss die Welt bis heute präge.

Nach einem Prolog und Anmerkungen zu den Namen sowie einer umfangreichen Einleitung ist das Werk in acht Teile untergliedert:

Teil Eins: Byzantion, Stadt des Byzas, 8 000 v. Chr.-311 n. Chr. 
Teil Zwei: Konstantinopel, Stadt Gottes, 311-475 
Teil Drei: Das neue Rom, 476-565 
Teil Vier: Das Sehnen der Welt, 565- 1050 
Teil Fünf- Stadt des Krieges 1050-1320 
Teil Sechs- Allahs Stadt, 1320-1575 (720-983 im islamischen Kalender) 
Teil Sieben: Reichsstadt, 1550-1800 (957-1215 im islamischen Kalender) 
Teil Acht Stadt der Revolten- Stadt der Chancen,1800 (1250 im islamischen Kalender) 

Dem siebenhundertdreißigseitigen Text folgt ein fast zweihundertseitiger Anhang. Das bedeutet für eine Rezension, die nicht endlos lang sein soll, den Mut zur Lücke.

Für die Autorin speist sich Istanbuls kulturelle politische und emotionale Stärke aus dem Umstand, dass das Wesen dieser Stadt nicht durch Zeitbegrenzungen zu definieren ist. Istanbul sei ein Ort, an dem die Menschen zeitübergreifend durch diesen einen Raum verbunden seien. Dies auch sei der Grund, weshalb sie landschaftliche Fixpunkte nutze, um die Geschichte dieser Stadt von der Vorzeit bis zur Gegenwart zu erzählen. Der Ort habe oft etwas Außerzeitliches an sich. Von daher wurde die Ansiedlung auch als Neues Rom, als Neues Jerusalem und als Allahs Stadt bezeichnet. 

Wie man erfährt, haben dort mehr als 320 Menschengenerationen in über achttausend Jahren gelebt, gearbeitet und gespielt. So sei trotz diverser Leerstellen ein reicher Fundus an archäologischen und literarischen Zeugnissen vorhanden. Bettany Hughes hat sich mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten der Stadt beschäftigt, sich dabei allerdings nicht nur auf jene konzentriert, die über öffentliche und öffentlichkeitswirksame Macht verfügt haben, sondern sich auch mit jenen befasst, denen u. U. nicht klar war, dass sie Geschichte schrieben. 

Es handelt sich bei diesem Werk um keinen umfassenden Katalog über Istanbuls Vergangenheit, sondern die Autorin geht der Frage nach, was diese Stadt ausmacht. Sie hat sich auf wegweisende Ereignisse und Ideen konzentriert, die die Metropole prägten oder durch die sie Einfluss gewonnen hat. 

Istanbul habe den hartnäckigsten Theokratien der Welt Rückhalt geboten und sie habe die Vorherrschaft des Christentums als Weltreligion unterschützt. Zudem entmutigte sie Kalifen und fand sich alsdann mit dem langlebigsten Kalifat der Geschichte ab. Aus Gründen, die die Autorin  natürlich benennt, kommt sie zum Ergebnis, dass Istanbul der Rosetta-Sein für internationale Angelegenheiten verkörpere.  Dem kann man nur zustimmen.

Eine Reihe von Helden- Bettany Hughes nennt sie alle beim Namen-, wurden von der Stadt angezogen. Insofern wundert es nicht, dass Literaten den Ort besungen haben. Viele der erstklassigen, literarische Erzeugnisse seien nur dank der Arbeit in den Skriptorien Istanbuls entstanden. Auch das bleibt nicht unerwähnt.

Die Autorin verdeutlicht in den acht Teilen ihres umfangreichen Werkes, dass Istanbul die langlebigste politische Einheit in Europa sei. Es handele sich dabei um einen Ballungsraum, der im Laufe der letzten achttausend Jahre ein Mosaik von Siedlungen und Mikrostädten versammelt habe, aus dem dann das gewaltige, chaotische Konglomerat der modernen Metropole entstanden sei.

Sich durch die Jahrhunderte im Buch durchzuarbeiten, bedeutet letztlich, das Konglomerat zu entschlüsseln und diese Stadt in all ihren Facetten  besser zu verstehen. 

Maximal empfehlenswert

 Helga König 

Überall im Handel erhältlich