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Rezension: Heimat.Volk.Vaterland-Eine Kampfansage an Rechts- #Peter_Zudeick- Westend

Peter Zudeick, der Autor des vorliegenden Buches, arbeitet als freier Journalist und Korrespondent für nahezu alle ARD-Rundfunkanstalten.

Der promovierte Philosoph reflektiert in seinem Buch bestimmte Begriffe, die sich das rechte Lager schon im letzten Jahrhundert angeeignet hat, um mit ihnen in ideologische Schlachten zu ziehen. Diese Begriffe aber waren vormals völlig wertfrei und könnten es auch wieder werden, wenn man sich darum ernsthaft bemüht. Peter Zudeick tut dies bereits. Er meint, im Sinne des Philosophen Ernst Bloch, dass es "Kategorien des Irrationalen" gäbe, die vor dem Zugriff der Rechten gerettet werden können. Allerdings klammert Zudeick Begriffe aus, die von den Nazis so sehr beschmutzt wurden, dass sie nicht mehr wiederverwendbar sind. Einer dieser Begriffe ist beispielsweise "Blut und Boden".

Peter Zudeick hat mit "Heimat.Volk.Vaterland" ein Buch vorgelegt, bei dessen Erarbeitung er bemerkenswert wissenschaftlich vorgegangen ist, wie das Literaturverzeichnis und die Anmerkungen deutlich machen. Trotz dieser Tatsache liest sich sein eloquenter Text flüssig, auch spannend, motiviert zum Nachdenken und ist dazu noch lehrreich. 

"Heimat" ist die erste Begrifflichkeit, die der Autor in seinem Werk näher in Augenschein nimmt. Den diesbezüglichen Überlegungen stellt er eine Heimatdefinition der Brüder Grimm voran und erinnert später daran, dass Heimat neuerdings wieder Konjunktur habe. Ein Zeichen dafür sei die Einrichtung von Heimatministerien. 

Den Begriff "heimuot" kannte man schon im 11. Jahrhundert, die moderne Form "Heimat" ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Bedeutete der Begriff ursprünglich "Haus", "Hof", "Stammsitz", wurde er nun zu einem klar definierten Rechtsverhältnis. Dieses vom Autor näher ausgeführte Rechtsverhältnis wandelte sich im 19. Jahrhundert. Nun war Heimat nicht mehr nur Geburtstort. Nun entstanden Heimatlieder und die sogenannte Heimatbewegung. Nun wurden hierzulande Heimatvereine, Heimatbünde, Trachtenvereine, Geschichtsvereine, Volkskunstvereine und Heimatmuseen gegründet und das Schulfach Heimatkunde eingeführt.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts dann gewann die Heimatbewegung immer größeren Einfluss, zugleich seien die nationalistischen und völkischen Töne stärker geworden. Wie es dazu kam, wird auch aufgezeigt und es bleibt nicht unerwähnt, dass die sogenannte  Blut- und Boden-Ideologie der Nazis  genau hier ihre Wurzeln hat. 

Hitler übernahm also später, was schon dagewesen. Nun allerdings wurde Heimat in der Nazi-Ideologie zu etwas, was  gegen "rassenfremde Kräfte" (darin sah man Urheber der Heimatzerstörung) und gegen den äußeren Feind, der angeblich die Heimat rauben wollte, verteidigt werden musste. Der Heimatbegriff wurde aggressiv aufgeladen, wie beispielsweise das Wort "Heimatfront" dokumentiert. 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Begriff im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr verwendet. Heimatfilme und Heimatlieder standen in den 1950er Jahren aber hoch im Kurs und der Begriff Heimat blieb auch später ein ungebrochener Teil der Kulturindustrie. In intellektuellen Kreisen allerdings war er lange tabuisiert. 

Für den Philosophen  und Linksintellektuellen Ernst Bloch - und das ist sehr interessant- war Heimat ein "philosophischer Begriff" gegen die Entfremdung. Ihm geht es um den Umbau der Welt zur Heimat. 

Auch der Schriftsteller Bernhard Schlink begreift Heimat als Gegenentwurf zur Entfremdung. Peter Zudeick zitiert aus dessen Werk "Heimat als Utopie", wo für Schlink in der Uniformierung und Anonymisierung der Lebenswelt  die Entfremdung konkret vor Ort erfahrbar ist.

Dass nun auch die Grünen mit dem Begriff "Heimat" auf Tuchfühlung gehen und ihn neu definieren, zeigt, dass dieser Begriff sich allmählich wieder wertfrei im Raum bewegt, auch wenn die Rechten ihn gerne noch immer als ihr Eigentum betrachten möchten. 

"Vaterland" ist ein weiterer Begriff, den Peter Zudeick unter die Lupe nimmt. Auch hier zeigt er die historische Entwicklung und auch hier sieht man, dass der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts kippte und nun Elemente feindseliger Ausgrenzung enthielt. Wie er dann im Nazi-Regime geradezu krankhafte Formen annahm und welche Rolle der Stolz dabei hatte, bleibt in den Betrachtungen auch nicht ausgespart, bevor es um die Begriffe "Volk" und "völkisch" geht. 

Es führt zu weit, all die Zwischenüberlegungen des Philosophen hier zu erwähnen. Was dem Linksintellektuellen geglückt ist, betrachte ich weniger als eine Kampfansage an Rechts, vielmehr  als gelungenen Versuch für eine differenziertere Sprache zu sensibilisieren und dafür zu werben, den Mut aufzubringen - jenseits ideologischer oder emotionaler Überfrachtung - Worte entspannt zu verwenden, die in der Lage sind, Gemeinschaft im positiven Sinne zu bestärken  und so ein friedliches Miteinander zu leben, in einer Heimat, die die gesamte Erde und alle Völker mit einbezieht. Die Völker einer solchen Heimat  beseitigen Fluchtursachen wie Krieg, Armut und Hunger überall, weil  ihr Solidaritätsdenken nichts anderes zulässt.

Leben auf der ganzen Welt lebenswert zu machen, heißt Heimat nicht zur bloßen Worthülse verkommen zu lassen und sie im Irgendwo sehnsüchtig  suchen zu müssen. Das sollte allen bewusst werden.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Heimat. Volk. Vaterland: Eine Kampfansage an Rechts

Rezension: Peter J. König: Arabisches Beben- Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten-Rainer Hermann -Klett-Cotta

Rainer Hermann ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als langjähriger Auslandskorrespondent hat er wie kaum ein Zweiter den Nahen Osten kennengelernt. Schon als Student war er unter anderem in Damaskus, um hier Islamwissenschaften zu studieren. Er berichtete vom Einmarsch der Iraker in Kuweit, den er selbst Vorort miterlebte. Seine weiteren Stationen waren Istanbul und Abu Dhabi, wo er einige Jahre lebte und journalistisch tätig war, bevor er anschließend Mitglied der politischen Redaktion der "FAZ" wurde. In seinem hier vorgelegten Werk "Arabisches Beben" versucht der Autor ganz akribisch zu hinterfragen, wo die Ursachen zu suchen sind, dass der Nahe Osten so aus den Fugen geraten ist, dass er mittlerweile zu den gefährlichsten und explosivsten Regionen weltweit gehört. Alles begann mit dem Untergang des Osmanischen Reichs, das zuvor jahrhundertelang für Ruhe und Ordnung in der Region sorgte, als die Türken die Ländereien dominierten von Euphrat und Tigris, auf der Arabischen Halbinsel und auch in Syrien. 

Die türkische Vorherrschaft zerbrach mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, als die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich die Macht im ganzen Nahen Osten übernahmen, von Marokko über das Maghreb, Ägypten und die gesamte Levante. Als Schutzmächte sorgten sie für eine gewisse Stabilität in diesen Regionen, die aber dann brüchig wurde, als nach dem Zweiten Weltkrieg quasi auf dem Reißbrett Staaten herausgebildet wurden, die über keinen inneren Zusammenhalt verfügten und wo man die Grenzen willkürlich gezogen hatte. Mit der Entlassung in die Unabhängigkeit wurde die Machtfrage immer aktueller, die dann durch Militärputschs und despotische Herrscherhäuser in den einzelnen Ländern geklärt wurde und so wieder eine gewisse trügerische Ruhe einkehrte. 

Zugleich nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den schiitischen und sunnitischen Glaubensrichtungen zu und mit der Gründung der schiitischen Islamischen Republik Iran entstand ein gefährlichen Gegenspieler zum saudi-arabischen sunnitischen Königshaus, zumal Russland die Ayatollahs in Teheran massiv unterstütze, während die USA die engsten Verbündeten der Saud-Dynastie waren. Den Ländern im Nahen Osten war es nicht gelungen, nach ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit eine eigene staatliche Identität zu entwickeln. Ihre Bezüge bestanden aus ihrer jeweiligen Religion, ihrer Volks- und Stammeszugehörigkeit oder ihren wirtschaftlichen Interessen, wobei alles zusammen gewürfelt war, ohne auf natürliche Weise über einen langen Zeitraum gewachsen zu sein. 

Das Militär und die Geheimdienste haben in allen Staaten des Nahen Ostens dafür gesorgt, dass der Zusammenhalt erzwungen werden konnte. Aufstände, die es immer wieder gab, wurden brachial im Keim erstickt. So konnte die Ordnung in der Region erhalten bleiben, bis zu dem Zeitpunkt als in Tunesien der sogenannte "Arabische Frühling" ausbrach und sich im ganzen Nahen Osten fortzusetzen schien. Dabei wurde Ägypten, das Land mit der größten Bevölkerung im Nahen Osten ebenso erschüttert, wie Syrien, Jemen, Libyen und der Libanon. 

Jetzt zeigt sich, dass die Länder neben ihren mangelnden Identitäten auch mit den größten wirtschaftlichen und religiösen Problemen zu kämpfen haben. Bürgerkriege und die Vorherrschaft von Sunniten oder Schiiten haben die unterschiedlichsten Formen von Milizen entstehen lassen, die alle versuchen die Macht in der Region zu erlangen und mit dem "Islamischen Staat" ist ein Gebilde entstanden, dass über den Nahen Osten hinaus die Weltherrschaft der Scharia mit Terror und Gewalt durchsetzen will. 

Rainer Hermann belässt es in seinem Buch "Arabisches Beben" nicht allein bei der Analyse der Vergangenheit und der Beschreibung des aktuellen Zustands, wo neben den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran, die um die Vorherrschaft in der Region kämpfen, auch Russland, die Türkei und die USA in diesen Konflikt involviert sind. Für den Autor ist klar, dass auf einen langen Zeitraum das Beben im arabischen Raum anhält und dass eine Entspannung in der Region nur dann zustande kommen kann, wenn die Menschen sich einer neuen staatlichen Identität bewusst werden, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen für die Menschen sich so ändern, dass sie eine Perspektive in ihren Ländern sehen und sie nicht gezwungen sind, ihre Zukunft durch die Flucht nach Europa zu suchen.

Die Vorgänge im Nahen Osten sind seit jeher komplex und die militärischen Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg in Syrien mit seiner Stellvertreter-Funktion macht die Situation zusätzlich kompliziert. Hier den Überblick zu bekommen, das ist der Verdienst von Rainer Hermann, der es schafft sehr verständlich und nachvollziehbar dem Leser die Zusammenhänge zu vermitteln. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Überall im  Fachhandel erhältlich

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Arabisches Beben: Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten

Rezension: Die Erfindung der Leistung- Nina Verheyen- Hanser Berlin

Nina Verheyen ist Historikerin an der Universität zu Köln. Sie schreibt nebenbei Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für den Merkur. Das vorliegende Buch hat sie in insgesamt 7 Kapitel gegliedert. Diesen gehen eine umfangreiche Einleitung voran.

Wie sie festhält, übe sie in ihrem Werk weder pauschale Leistungskritik, noch breche sie eine Lanze für das Leistungsprinzip. Vielmehr sollen ihre Ausführungen zu einem besseren Verständnis von "Individueller Leistung" als einer im Alltag mächtigen und gleichwohl unentdeckten Kategorie beitragen. Dies sei die Grundlage für eine differenzierte Kritik, die tatsächlich etwas bewirken könne, ohne sogleich das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Die Autorin schreibt in ihrem Buch aus unterschiedlichen Perspektiven wie sich das Leistungsparadigma im Verlauf der Zeit verfestigt hat, allerdings auch immer wieder verändert wurde. Dies geschah dadurch, dass Leistungserwartungen ebenso stabilisiert wie aufgebrochen, Techniken der Leistungsmessung einerseits fortgeführt, andererseits aber auch modifiziert und schließlich Formen der Leistungsbelohnung zementiert aber auch reformiert wurden.

Der räumliche Schwerpunkt der Betrachtungen Nina Verheyens liegt auf Deutschland und führt nur ab und an in andere Länder. Es waren die Europäer, die im 19. und 20. Jahrhundert von der Leistung anderer profitiert haben und zwar durch die schon im frühen 16. Jahrhundert begonnen habende ökonomische, kulturelle und soziale Verflechtung der Welt. Nach Ansicht Verheyens sei die Leistung der westlich-modernen Welt vor allem eines: eine gelungene Zuschreibung.

Man erfährt in der Folge, wie Menschen aus vergangenen Zeiten sich die Vorstellung ihrer Leistung zu Eigen machten und welches Glücksgefühl, aber auch welches Leid damit verbunden war, wenn jemand den Anforderungen nicht entsprach. Zwar komme man an die Geschichte der Gefühle, um die es hier geht, nicht mehr heran, wohl aber an die öffentlichen Debatten und Bekenntnisse, die Gefühle zum Thema hätten. Sowohl die Debatten über "Leistungsgefühle" als auch die damit verbundenen Praktiken der Leistungszuschreibung hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland für große Teile der Bevölkerung an Gewicht gewonnen.

Der bürgerliche Tugenddiskurs der Dekaden um 1800 habe- zumindest im deutschsprachigen Raum wenig mit dem optimierungswütigen, produktivitäts- und effizienzorientierten Leistungsverständnis der Gegenwart zu tun. Damals ging es um das Leisten von Gesellschaft, um Wertschätzen von Familie in dem Diskurs. Mit der Industrialisierung, Nationalstaatenbildung und der von Globalisierungsschüben geprägten Epoche habe sich ein stark auf die Erwerbsphäre bezogenes, von den Naturwissenschaften in den Bereich des Sozialen übertragenes Leistungsverständnis herausgebildet, in dessen Tradition heute noch jene stehen, die höhere Leistungen einfordern und damit nicht nur höhere Umsatzzahlen aber auch eine bessere Unterstützung für Erwerbslose.

In der Zeit zwischen dem Fin de Siècle und dem Zweiten Weltkrieg wurde das Leistungsparadigma zugespitzt und verband sich immer fester mit dem Gedanken der Leistungssteigerung. Dies führte zum einen zu rationalisierten Arbeitsprozessen und gezielt herbeigeführten Spitzenleistungen zum anderen aber auch zu kollektiven und individuellen Zusammenbrüchen. Während der Nazizeit steigerte sich das Verhalten noch mehr. So war der systematische Massenmord und die Politik der Euthanasie in den Augen des braunen Packs die Voraussetzung dafür, die Leistungskraft der "Volksgemeinschaft" weiter zu steigern.

In den 1960er Jahren begann dann die Debatte um und das Zeitalter der Leistungskritik, die auch als Kapitalismuskritik betrieben werde, anstelle zu erkennen wie sich mit Leistung gegen die dunklen Seiten des Kapitalismus streiten lasse. Dies setze aber voraus, dass man ein soziales Leistungsverständnis entwickele, dass individuelle Leistung als einen kollektiven Kraftakt begreife und als eine gemeinsame Konstruktion, die sich auch ändern lasse- sowohl auf der großen Bühne der Politik als auch im Alltag. So nämlich sei man nicht länger dem Leistungsprinzip des Kapitalismus ausgeliefert. Auf diese Weise gestalte man selbst. Dass Leistung dieser Art erfüllend und weniger stressend und selbstausbeutend ist, steht für mich außer Frage.

Ein spannend zu lesendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich

Onlinebestellung bitte hier klicken: Hanser Berlin oder Amazon Die Erfindung der Leistung

Rezension Peter J. König: Rückkehr nach Lemberg; Philippe Sands- S. Fischer

Der Autor dieses bemerkenswerten, wichtigen und preisgekrönten Buches ist Philippe Sands, Anwalt und Professor für Internationales Recht sowie Direktor des Centre on International Courts and Tribunals am University College London. Als einer der führenden Professoren für das Völkerrecht hat er u.a. die Anklageschrift gegen den chilenischen Diktator Pinochet vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag formuliert. Sands jüdische Vorfahren stammen aus der Gegend um die ehemals galizische Universitätsstadt Lemberg, heute Lwiw. Sie gehört seitdem die Rote Armee im Sommer 1944 die Nazis vertrieben hat zur Ukraine. 1941 nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen wurde die Stadt, die nach dem Ersten Weltkrieg polnisch und unter ihrem Namen Lwow bekannt war, wieder in Lemberg umbenannt und wurde gleichzeitig Hauptstadt des Distrikts Galizien im deutschen Generalgouvernement. 

Die Geschichte des heutigen Lwiw ist bewegt und traurig zugleich, nicht nur weil sie zwischen 1914 und 1945 nicht weniger als achtmal den Besitzer wechselte, sondern weil sie auch unauslöschbar mit der Vertreibung und Ermordung von Millionen von Juden, Polen und einiger anderer Minderheiten wie Sinti und Roma in Verbindung steht. Denn hier im galizischen Generalgouvernement sollte hauptsächlich die „Endlösung“ durchgeführt werden, der Genozid an den Juden, die Unterwerfung der Polen und die Ausrottung unliebsamer anderer Minderheiten, die nach der nationalsozialistischen Rassenlehre als minderwertig galten. In den Konzentrationslagern von Auschwitz, Birkenau und Treblinka und einigen anderen Vernichtungslagern sind etwa 3 ½ Millionen Menschen umgebracht worden, mit bestialischsten Mitteln und mit einer nie gekannten Verrohung. Hitler hatte seinen persönlichen Anwalt Dr. Hans Frank mit der Leitung des Gouvernements beauftragt und dieser war federführend für die unsäglichen Verbrechen die dort stattgefunden haben.

Auf Einladung der Universität von Lwiw kam der Autor, Philippe Sands, ohne große Kenntnis seiner Familiengeschichte in die ostukrainische Stadt, um einen Gastvortrag zum Völkerrecht und seinen Erfahrungen am Internationalen Strafgericht in Den Haag vor Studenten zu halten. Dabei stieß er auf zwei bedeutende Völkerrechtskollegen, Professor Lauterpacht und Professor Lemkin, die beide um 1900 geboren, an dieser Universität ihre juristischen Ausbildungen begonnen hatten, um sich später auf das Völkerrecht zu spezialisieren, das nach dem Ersten Weltkrieg erstmalig sich neu entwickelte. 

Als Juden war dies ihnen in ihrer galizischen Heimat nicht möglich, Lauterpacht ging über Wien nach Cambridge und Lemkin, der zunächst noch in Lwiw blieb, gelang es vor seiner Deportation von den Deutschen auf einer monatelangen Reise über Sibirien und Japan nach den USA zu kommen, wo er an einer kleinen Universität in Carolina einen Lehrauftrag erhielt. Sowohl Lauterpacht als auch Lemkin haben das Völkerrecht mit ihren Rechtstheorien vom "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" und dem "Genozid“ entscheidend beeinflusst und die erstmalige praktische Anwendung dieser internationalen Strafrechtsnormen hat dann bei den "Nürnberger Prozessen", dem Tribunal gegen das Nazi-Regime und ihre Täter, stattgefunden. 

Philippe Sands selbst jüdischer Abstammung mütterlicherseits, ihre Vorfahren haben lange galizische Wurzeln, ist durch den Vortrag in der Universität von Lwiw dieser Umstand erst richtig bewusst geworden und er begann eine Reise in die Vergangenheit, um sowohl seine eigenen familiären Ursprünge als auch die seiner Professoren-Kollegen Lauterpacht und Lemkin zu recherchieren. Dabei hat er sich die Mühe gemacht, all die Schicksale der vielen verwandten Menschen nachzuvollziehen, die aufgrund ihres jüdischen Glaubens ermordet worden sind oder denen es gelang durch Flucht ihr Leben zu retten, um ganz verstreut über die Welt neu anzufangen. Sie alle zu finden, war eine unermüdliche Leistung. Bei der Vielzahl der Personen hat er sich in seinem Buch "Rückkehr nach Lemberg" neben Lauterpacht und Lemkin überwiegend auf die nächsten Verwandten seiner Mutter konzentriert, so auch auf seine Großeltern, die er als Kind in Paris noch persönlich kennenlernen durfte. 

Aber Sands hat nicht nur das Schicksal der verzweigten Familien interessiert, seine Recherchen galten auch den deutschen Besatzern im Generalgouvernement und ihren mörderischen Machenschaften. Dabei steht im Mittelpunkt Hans Frank, der die Leitung des Gouvernements mit brutaler Härte betrieb. Er war es auch der das Ghetto von Warschau veranlasste. Der Werdegang des Juristen wird genau nachgezeichnet, ebenso sein prunkvolles Leben auf der Wewelsburg in Krakau, einst Sitz der polnischen Könige. Sein unrühmliches und dabei noch feiges Ende haben die Nürnberger Prozesse besiegelt, mit dem Urteil des Tribunals: Tod durch den Strang. Philippe Sands hat unzählige Zeitzeugen befragt, aber noch mehr Dokumente in Archiven in der ganzen Welt durchforstet, um ein möglichst genaues Bild aller Personen und Ereignisse zeichnen zu können. Ganze Heerscharen von Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeitern und sachkundigen Helfern haben ihn mit unzähligen Informationen versorgt und dabei hat er sich nicht gescheut die allermeisten persönlich aufzusuchen, um sich ein möglichst authentisches Bild zu machen, alles zusammen wahrlich eine Herkulesarbeit.

Das Ergebnis ist dieses äußerst spannende und fesselnde Buch, dass auf der einen Seite die vielen Leiden der gepeinigten und getöteten Menschen dem Leser tief ins Bewusstsein bringt, auf der anderen Seite gerade an dem Beispiel des Nazi-Schergen Hans Frank zeigt, welche entmenschlichten, eiskalten, gierigen und hemmungslosen Kreaturen sich hinter der Fassade dieser „Herrenmenschen“ verborgen haben. Das Buch gibt aber auch einen gekonnten Aufschluss darüber, wie gerade im Zuge der Nürnberger Prozesse, die sehr detailliert nachgezeichnet wurden, um die Erweiterung des Völkerrechts seitens Lauterpacht und Lemkin gerungen worden ist, damit solche Verbrechen gegen die Menschlichkeit und des Genozids zukünftig von der internationalen Gemeinschaft strikt vor einem Internationalen Strafgerichtshof geahndet werden können. Überaus bemerkenswert ist auch die Zeitreise, die der Leser unternimmt, wenn er getragen von dem Einblick in die persönlichen Schicksale der Menschen auch eine genaue Vorstellung ihrer Zeit und ihrer Lebensumstände bekommt. Besser und spannender kann man Geschichte nicht vermitteln, auch wenn sie zutiefst ergreifend und sehr traurig ist.

Maximal empfehlenswert.

Peter J. König

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Rückkehr nach Lemberg: Über die Ursprünge von Genozid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Rezension: Die Geschichte Hessens- Von den Neandertalern bis zur schwarz-grünen Koalition-Waldemar Kramer

Die Autoren dieses spannend zu lesenden Buches sind der Hans Sarkowicz, er leitet das hr 2 –Ressort Literatur und Hörspiel beim Hessischen Rundfunk und Prof. Dr. Heiner Boencke. Dieser lehrt an der Goethe-Universität in Frankfurt/ Main Vergleichende Literaturwissenschaften und ist künstlerischer Leiter des Rheingau Literatur Festivals sowie Vorstandsmitglied der Frankfurter Romanfabrik.

Das Buch befasst sich in sechs Kapiteln mit der Geschichte Hessens. Dies geschieht in vielen Miniaturen, denen stets  umfangreiche Literaturverzeichnisse folgen, um sich weiter informieren zu können. Bildmaterial schenkt dem Leser einen visuellen Eindruck  des längst Vergangenen. 

Natürlich sind der Limes und die Saalburg gleich im ersten Kapitel thematisiert worden, denn die Burg ist das bekannteste Kastell Hessens und bot einst einer Kohorte von etwa 1000 Soldaten Platz.

Auch Bonifatius kommt zur Sprache. Er war einst 721 nach Hessen gekommen und hatte damals seine Missionstätigkeit in der fränkischen Festung Amöneburg begonnen. Zu jener Zeit gab es Klostergründungen in Fulda und Lorsch, über die man ebenfalls informiert wird.

Erfreulich, dass man an die Heilige Elisabeth erinnert, die tief geprägt war von den Armuts- und Barmherzigkeitsgedanken des zu diesem Zeitpunkt gerade heiliggesprochenen Franz von Assisi. Sie widmete sich der Pflege von Kranken und ließ in der großen Hungersnot 1226 Brot verteilen. Später gründete sie sogar ein Hospital, wo sie die Ärmsten der Armen versorgte. Selbst die niedersten Dienste waren ihr nicht zu schade. Die letzten drei Jahre ihres Lebens verbrachte Elisabeth als ärmliche Spitalschwester in Marburg an der Lahn. Sie wurde nur 24 Jahre alt, doch noch heute spricht man voller Wertschätzung  über sie. Das sollte zu denken geben.

Unmöglich an dieser Stelle all die historischen Miniaturen, die das Buch enthält, zu erwähnen. So liest man vom Erzbistum Mainz und sein Verhältnis zu Hessen, auch über die Reichsstätte in der Wetterau, wie etwa von Gelnhausen, wo es eine Kaiserpfalz gab, die zu Zeiten Friedrich Barbarossas Geschichte machte. Über die Wahl- und Krönungsstadt Frankfurt  wird man informiert und auch über Goethe als Chronisten der Wahl Joseph II. In einer weiteren Miniatur dann erfährt man noch mehr über den größten Sohn der Stadt, der Weimar zum Pilgerort für Intellektuelle zu seinen Lebzeiten machte.

Spannend ist es, mehr über die Hugenotten in Hessen zu erfahren. Diese haben seit Ende des 17. Jahrhunderts in Hessen-Kassel einen festen Platz in der Kultur des Landes und der Geschichte.

Über den 30 jährigen Krieg und auch über Grimmelshausens Simplicius Simplisissimus kann man sich informieren, der sich  u.a. in Gelnhausen und Hanau aufhielt.

Das jüdische Leben in Hessen ist gottlob auch ein Thema. In Wetzlar beispielsweise lebten Juden seit  dem 12. Jahrhundert. Immer wieder wurden sie in den Zeitläuften verfolgt. Darüber erfährt  man Wissenswertes in  dieser Miniatur.

Die Gebrüder Grimm, gehören zu Hessen und letztlich auch Hölderlin, der in Bad Homburg eine Weile lang lebte. Erfreulich, dass Friedrich Ludwig Weidig und Georg Büchner einige Seiten gewidmet wurden und man sich mit dem Vormärz befasst hat.

Entsetzt hat mich ein altes Foto aus der Naziszeit. Zu sehen ist der Frankfurter Römer mit Hakenkreuzfahnen. Dass in der alten Klosterkirche in Breitenau ein Konzentrationslager für politische Gefangene eingerichtet war, wusste ich bislang nicht. Die brennende Synagoge am Frankfurter Börneplatz war der Beginn der entsetzlichen Ereignisse in Frankfurt, die zur Deportation und Vernichtung der Frankfurter Juden führte. Darüber liest man Erschreckendes, aber auch wie es nach 1945 weiterging.

"Die Geschichte Hessens- Von den Neandertalern bis  zur schwarz-grünen Koalition" ist ein spannendes, kurzweilig zu lesendes Buch, das aufgrund des umfangreichen Literaturverzeichnisses  dazu motiviert, sich in einzelne Themen zu vertiefen.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Die Geschichte Hessens: Von den Neandertalern bis zur schwarz-grünen Koalition

Rezension: #Meinungsfreiheit- Demokratie für Fortgeschrittene- Volker Kitz – S. Fischer

Dr. Volker Kitz ist Jurist, Bestsellerautor und international gefragter Redner. Seine Bücher sind in mehr als 10 Sprachen übersetzt worden. Das allein macht neugierig auf sein jüngstes, hier vorliegendes Werk, das er als Gebrauchsanweisung begreift. Es beinhaltet Gedanken zur Demokratie für Fortgeschrittene in zwölf Lektionen und ist eine Einladung, unsere Freiheit zu verteidigen. 

Am Ende der einzelnen 12 Kapitel steht immer ein Merksatz, der die Kerngedanken der jeweiligen Lektion zusammenfasst.

Dieses Buch sei ein Plädoyer dafür, mit Meinungen gelassener umzugehen, schreibt der Autor eingangs und betont zugleich, dass Meinungsfreiheit keine Tatsachenfreiheit sei. 

Unwahrheit sei heute ein Geschäft geworden. Man könne bewusst gefälschte Nachrichten "Fake News" im Darknet, dem anonymen Internet erwerben. Dort offerieren Unternehmen, Einzelpersonen für ein paar tausend Euro zu diskreditieren. Ab 300 000 Euro sei es möglich, dass eine politische Wahl beeinflusst werden kann.  Das gibt zu denken.

Um Wahrheit zu ermitteln, sei es notwendig ein Stück zurückzutreten, um die Totale in Augenschein zu nehmen. Wahrheit könne nämlich aus mehreren Teilen bestehen und nur zusammen ergäbe sich in einem solchen Falle die Wahrheit. Wichtig sei für einen Demokraten zwischen Tatsachen und Meinungen zu unterscheiden und sich mit dem Konzept der Meinungsfreiheit zu befassen. Dabei sei Meinung all das, was nicht überprüfbar sei. Was objektiv weder richtig noch falsch sein könne, sei frei. 

Für Meinung benötige man weder einen emotionalen Grund, noch Wissen, auch keine Betroffenheit. Unser Grundgesetz lasse Meinungen einen freien Raum. In autoritären Staaten schaut dies allerdings anders aus. 

Kitz reflektiert auch die Vereinbarkeit von Hate Speech mit dem Grundgesetz und macht klar, dass das Grundgesetz erst dann gegen Hass vorgehen kann, wenn daraus Hasskriminalität werde.

Zur Sprache gebracht wird zudem, dass jene, die ihre Meinung äußern, auch Kritik ertragen müssen und wie es sich mit Stornierern, Verhinderern und Teufelsaustreibern verhält.

Dass Medien Meinungsfreiheit nicht gewährleisten, sondern durch die Pressefreiheit genießen, scheint nicht jedem bewusst zu sein und dass Meinungen durch Diskussionen sich ändern lassen, scheint ein Trugschluss zu sein. Dies hänge damit zusammen, dass Meinungen selten auf Argumenten beruhen, sondern das Ergebnis einmaliger Lebensumstände sind. Das leuchtet ein.

Diskussionsteilnehmer, die in politischen Diskussionen das Ziel haben, Recht zu bekommen, tragen, so der Autor, zur Politikverdrossenheit bei. Das sehe ich auch so. 

Der Autor schreibt auch über Toleranz und meint, dass ein Demokrat ein Schmerzkünstler sei, für den Freiheit und wahre Toleranz über kleinkarierter Rechthaberei stünden.  Merken wir uns also: "Nur wenn es weh tut, ist es Toleranz." 

Die Grenzen der Meinungsfreiheit beginnen bei Beleidigern, Faktenfälschern und Friedensstörern. Für diesen Personenkreis kann es sehr teuer werden, was offenbar einigen Usern im Netz nicht klar ist. 

Der Autor plädiert dafür, als Demokrat Vorbild zu sein und dort, wo es keine Wahrheit gäbe, stets die Freiheit zu verteidigen. 

Ich stimme Volker Kitz in allen Punkten seines Buches zu und bin davon überzeugt, dass Meinungsfreiheit am besten gelebt werden kann, wenn die Bürger wirklich mündig sind und gelernt haben mit den Meinungen Dritter gelassen umzugehen. 

Sehr empfehlenswert.

Helga König


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Rezension: Die Freiheit, frei zu sein- Hannah Arendt- dtv

Hannah Arendt gilt als eine der wichtigsten politischen Denkerinnen des 20. Jahrhunderts. Als Professorin lehrte sie zunächst an der University of Chicago und später an der New School for Social Research in New York. 

Der vorliegende Essay wurde von Andreas Wirthensohn aus dem amerikanischen Englisch übersetzt und ist jetzt erstmals auf Deutsch erschienen. Das Nachwort hat der Philosoph Thomas Meyer von der LMU München geschrieben. 

Wie Thomas Meyer zu Beginn seines Nachwortes betont, hat der Inhalt des Essays rund 50 Jahre nach seiner Niederschrift noch immer Aktualität. Nach wie gehe es um Fragen nach Freiheit und ihren Gefährdungen, nach revolutionären Umwälzungen und ihren Ursachen, politischer Stabilität wie auch den Formen des Zusammenlebens moderner Gesellschaften, schlussendlich um das Wiedererstarken des Nationalstaates in einer von globalen wirtschaftlichen Prozessen dominierten Welt. Diese Fragen werden von Arendt herausfordernd beantwortet. 

Zunächst erläutert die Autorin die Geschichte von Revolutionen. Sie stehen, auch wenn sie antiwestlich erscheinen, alle im Zeichen traditionell westlicher Revolutionen.  Dabei zeigt sich, dass militärische Interventionen letztlich hilflos gegenüber Revolutionen erweisen und nur wenige Revolutionen in den letzten 200 Jahren mit Gewaltmitteln zerschlagen wurden. 

Folge von unterbrochenen Revolutionen sind Restaurationen. Diese, so Arendt, sorgen jedoch nur für einen dünnen und erkennbar provisorischen Deckmantel, unter dem der Auflösungsprozess ungehindert weitergeht. Sobald Menschen erfahren haben, was Freiheit für sie bedeuten kann, werden sie auch in unterbrochenen Revolutionen weiter danach streben. Kant wusste das bereits und schrieb auf die Französische Revolution bezogen "Denn ein solches Phänomen in der Menschheitsgeschichte vergisst sich nie mehr". 

Ursprünglich bedeutete das Wort "Revolution" "Restauration". Es erfuhr allerdings im Zuge des revolutionären Prozesses eine radikale Veränderung, ganz ähnlich erging es dem Wort "Freiheit". Sie enthält mehr als die Freiheiten im Sinne von Bürgerrechten. Revolutionen sind eine mögliche Antwort auf den Niedergang eines Regimes, so die Essayistin. 

Sie sind also nicht die Ursache, sondern die Folge des Verfalls politischer Autorität. Jede Revolution durchlaufe erst die Phase der Befreiung, ehe sie Freiheit erlangen kann.  Die  zweite entscheidende Phase ist die Gründung einer neuen Staatsform und einer neuen "civil Body Politick". Deformierte und abgebrochene Revolutionen können blanken Horror nach sich ziehen. Deshalb gilt es, Freiheit dort, wo sie sich bereits etabliert hat, zu bewahren und auszubauen, bevor sie auf dem Altar von deformierten oder abgebrochenen Revolutionen geopfert wird. 

Wie Thomas Meyer festhält, wurde nach den Ereignissen von 1989 die Gestaltung des neuen politischen Raumes namens "Europa" versäumt. Das Neue sei zwar gesehen worden, doch dessen politische Institutionalisierung und damit Festigung in einen bereits vorhandenen Rahmen gepresst, der sich ökonomischen Kategorien zu unterwerfen hatte. Der vermeintliche Vorrang des Ökonomischen habe jedweden Sturz des Neuanfangs in die zerbrechliche Nüchternheit von Zahlen und Zwecken überführt. Dadurch offenbar ist die Gefahr entstanden, die wir heute überall in Europa zu Kenntnis nehmen müssen, ein Wiedererstarken der Nationalstaatlichkeit mit bislang noch ungeahnten Folgen. 

Sehr empfehlenswert

Helga König

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Rezension: Ohne Glück kein Erfolg- Der Zufall und der Mythos der Leistungsgesellschaft- Robert H. Frank- dtv

Prof. Dr. Robert H. Frank lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Cornell University in Ithaca. Zudem schreibt er Bücher und Wirtschaftskolumnen für die New York Times.

Im Rahmen von acht spannend zu lesenden Kapiteln erfährt man mehr darüber, was alles unseren Werdegang beeinflusst und wieso nicht wenige Menschen die Bedeutung von glücklichen Zufällen oft unterschätzen aber auch, weshalb diese Wahrnehmung sich letztlich nachteilig auswirkt. 

Zufallsereignisse haben im Leben von Menschen schon immer eine Rolle gespielt. Allerdings hat sich ihre Bedeutung in den zurückliegenden Jahren verstärkt. Die Ursache liegt laut Frank in der Ausbreitung und Intensivierung der sogenannten "Winner-take-all- Märkte" begründet. Die Märkte entstehen zumeist dann, wenn Technologien auf einem bestimmten Gebiet Begabtesten in die Lage versetzen, ihre Reichweite zu vergrößern. Solche Märkte gibt es mittlerweile auf vielen Gebieten, so etwa im Rechtswesen, in der Medizin, im Sport, im Journalismus, im Einzelhandel, in der Produktion und auch auf wissenschaftlichem Gebiet. Hier überall wurde die Kluft zwischen Gewinnern und Verlierern vertieft. 

Dort, wo zunächst wenige Gewinner außerordentliche Erträge einfahren, werden stets eine große Anzahl Wettbewerber angezogen. Je mehr Wettbewerber es gibt, umso mehr ist es wichtig, Glück zu haben. 

Ein bedeutendes Hindernis am Erfolg ist es, hinzunehmen, dass resultierende Erträge erst mit Verzögerung fließen oder überhaupt unsicher sind. Dass triviale Zufallsereignisse bei Erfolgen eine Rolle spielen, ist für viele schwer hinnehmbar. An zahlreichen Beispielen wird gezeigt, dass Glück auch durch Rückkoppelung entsteht und dem gegeben wird, der bereits Glück durch scheinbar unbedeutende Zufallsfaktoren in irgendeiner Form sein Eigen nennt. So kann beispielsweise sogar der erste Buchstabe des Nachnamens einer Person dabei helfen, signifikante Unterschiede im Erfolg zu erklären. 

Wie Frank zeigt, ist es  mittlerweile in vielen Gebieten ohne eine gehörige Portion Glück nahezu unmöglich, materiell erfolgreich zu sein. 

Winner-take-all-Märkte haben generell zwei charakteristische Merkmale. Die Erträge basieren stärker auf relativen als auf absoluten Leistungen. Insgesamt konzentrieren sich bei diesen Märkten die Erträge aber tendenziell auf wenige Performer. 

Zukünftig wird es wohl  immer mehr um triviale Zufallsereignisse bei wirtschaftlichen Erträgen gehen, dafür immer weniger um das größte Talent und den fleißigsten Einsatz. Frank verdeutlicht, weshalb die größten Gewinner nahezu immer Glück haben und weshalb sich trotzdem falsche Überzeugungen zu Glück und Talent hartnäckig halten. 

Aus dem Umstand des Glücks, sollte sich für Menschen, die ihr Glück als letztlich zufallsmitbestimmt begreifen, Dankbarkeit entwickeln, die sich darin zeigt, andere am materiellen Ertrag, der durch den eigenen Erfolg entstanden ist, teilhaben zu lassen und zum Gemeinwohl beizutragen.

Bleibt zu hoffen, dass  diese Erkenntnis bei allen  materiell Erfolgreichen reift. 

Empfehlenswert.

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich Onlinebestellung bitte hier klicken: dtv oder Amazon Ohne Glück kein Erfolg: Der Zufall und der Mythos der Leistungsgesellschaft

Rezension: Peter J. König: Kometenjahre - 1918 Die Welt im Aufbruch- Daniel Schönpflug- S. Fischer

Daniel Schönpflug, Professor für Geschichte an der Freien Universität in Berlin beschäftigt sich wissenschaftlich mit Europa zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert. Nach mehreren Publikationen etwa über den Jakobinismus in der Französischen Revolution („Der Weg in den Terreur“) und die Wirkungen der politischen Moderne auf die Welt der fürstlichen Dynastien, hat er sich nun in seinem neuesten Buch "Kometenjahre", erschienen im S. Fischer Verlag, mit der Zeit unmittelbar nach dem Ende des 1.Weltkrieges befasst.

Der Autor sieht nach dem 11.November 1918 eine Zeitenwende, zumal die alte Weltordnung in Europa danach zerbrach und ähnlich wie 1789 in Frankreich, neue politische Systeme den Untergang der dynastischen Ordnungen, etwa in Russland, Österreich/Ungarn und Deutschland besiegeln sollten. Für einen Zeitraum von etwa 15 Jahren schien es so, als würde durch den Untergang der Monarchien die Zeit reif sein, neue Wege zu gehen und so moderne, demokratische Strukturen die Chance haben, das Leben der Menschen positiv zu verändern. 

Aber nicht nur im politischen Bereich konstatiert Daniel Schönpflug den Aufbruch, dies scheint auch der Beginn einer gesellschaftlichen Zeitenwende zu sein, zumal feudale Herrschaftsstrukturen, sei es durch die Revolution in Russland oder die Abdankung des deutschen Kaisers nach der Kapitulation ihr jähes Ende fanden. Dies schien eine neue europäische Ordnung zu begründen, und die Hoffnung gar auf ein friedliches Europa mit demokratischen Staaten schien mehr als ein lang gehegter Traum zu sein. Doch die Hoffnung war nur von kurzer Dauer, denn bereits unmittelbar nach dem Kriegsende sollten politische Zustände eintreten, die ein friedliches Zusammenleben in Europa in weite Ferne rückten und Terror und Unterdrückung zur Tagesordnung machen sollten. 

Die Unterdrückung der Kommunisten in Russland spielt da ebenso eine entscheidende Rolle, wie die knebelartigen Bedingungen des Versailler Vertrags, der das Deutsche Reich ad acta legte und durch Gebietsverluste und durch brachiale Reparationszahlungen unwillkürlich massiven Widerstand bei den Deutschen hervorrufen sollte und letztendlich den Aufstieg Adolf Hitlers beförderte und damit den Weg zu einem noch schlimmeren Krieg ebnete. 

Hatten die Menschen nach Beendigung des 1. Weltkrieges noch den Glauben in eine neue Welt einzutreten, so wurde doch schnell klar, dass dies ein Irrglaube war. Und doch sieht der Autor, unterstützt von anderen namhaften Historikern eine Zeitenwende, die nach kommunistischer und nationalsozialistischer Diktatur mit entsprechenden Folgen eine Demokratisierung in fast allen europäischen Staaten voran getrieben hat, um so überhaupt die Möglichkeit für eine Annäherung in Europa und gar eine Europäische Union und ein europäisches Parlament zu schaffen.

Der Autor Daniel Schönpflug hat in seinem Werk "Kometenjahre" den Prozess vom Ende des 1. Weltkrieges bis zum Beginn des "Dritten Reichs" anhand von einzelnen Schicksalen lebendig werden lassen. Dabei zeigt er die Hoffnungen und Enttäuschungen von völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten, die alle in unterschiedlicher Weise vom Ausgang des 1.Weltkrieges betroffen sind. 

Da sind die heimgekehrten Kriegsveteranen aus den USA, von denen Harry S. Truman sogar 33. Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte, die Kosakin Marina Yurlowa, die in Russland gegen die Revolution kämpft, aber auch Käthe Kollwitz, die ihren Schmerz in ihrer Kunst abbildet, oder etwa der Lagerkommandant von Auschwitz, Rudolf Höß, ebenso Virgina Woolf und Walter Gropius und nicht zu vergessen die ehemalige Publizistin Louise Weiss, die als eine der ersten Abgeordneten im Europaparlament schließlich Alterspräsidentin auf Lebenszeit werden sollte. 

Daniel Schönpflug zeigt anhand dieser Schicksale, was die Zeitenwende hätte bringen können und was sie tatsächlich gebracht hat, jedem Einzelnen und den Staaten insgesamt. So gelingt es dem Autor ein weitaus anschaulicheres Bild der Zeit zu zeichnen, seine Darstellung der Zeitgeschichte wird anhand der Personen plastisch gemacht. Der Leser bekommt einen unmittelbaren Eindruck der "Kometenjahre", er spürt wie sie vorüberziehen, um dann zu verglühen. 

Anschaulicher kann Geschichte nicht dargestellt werden, denn Geschichte ist in erster Linie immer die Geschichte von Menschen und ihren Schicksalen in einer ganz bestimmten Zeit. Der Bezug der politischen und gesellschaftlichen Ereignisse in Hinblick auf das persönliche Erleben ist der Grund für die Spannung und das Interesse, die den Leser mitnehmen und auf sehr informative und anschauliche Weise Geschichte erleben und verstehen lässt. 

 Sehr empfehlenswert.

 Peter J. König

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Onlinebestellung bitte hier klicken.  S- Fischer oder Amazon  Kometenjahre: 1918: Die Welt im Aufbruch

Rezension: Kleopatras Nase- Neue Begegnungen mit der alten Geschichte- Mary Beard- S. Fischer-Geschichte

Mary Beard, die Autorin dieses Buches, lehrt Alte Geschichte an der Cambridge University und gilt in der angelsächsischen Welt als die bekannteste, lebende Althistorikerin. Beard nimmt in ihrem  Buch die Leser (m/w) mit auf einen Rundgang durch die klassische Welt. Dort lernt man die berühmtesten und berüchtigsten Charaktere der antiken Geschichte kennen. Des Weiteren gewinnt man einen Einblick in das Leben der großen Mehrheit ganz normaler Griechen und Römer.

Dabei versucht die Autorin Antworten auf viele interessante Fragen zu geben, die so von Historikern nicht oft gestellt werden. Doch das Buch handelt auch davon, wie man mit der klassischen Tradition in Dialog tritt oder sie in Frage stellen kann und weshalb es selbst im 21. Jahrhundert in den Altertumswissenschaften nach wie vor so vieles gibt, worüber man streitet. 

Untergliedert ist das Werk ist in folgende Abschnitte: 

Das antike Griechenland 
Helden und Schurken des frühen Rom 
Das kaiserliche Rom- Kaiser, Kaiserinnen und Feindinnen 
Rom von unten nach oben 
Kunst und Kultur: Touristen und Wissenschaftler 

Alle fünf Abschnitte des Buchs sind Adaptionen und Aktualisierungen von Rezensionen und Aufsätzen, die in den vergangenen Jahrzehnten in der London Review of Books, der New York Review of Books oder dem Times Literary Supplement erschienen sind. 

Diese Abschnitte sind in diverse Kapitel untergliedert. So geht es u.a. in einem der Kapitel um die Frage, worum es in der Dichtung Sapphos tatsächlich gegangen ist oder in einem anderen, was die Menschen im antiken Griechenland zum Lachen brachte. Über römische Kunstdiebe und über den Plan zu Cäsars Ermordung kann man sich kundig machen, liest über Wahrsagerei  in der Antike, auch über Leben und Tod im römischen Britannien sowie über vieles andere mehr. Dabei sind die Textbeiträge alle kurzweilig geschrieben und bringen dem Leser vor allem Details des antiken Alltagslebens nahe. 

Empfehlenswert 

Helga König

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Kleopatras Nase: Neue Begegnungen mit der Alten Geschichte

Rezension: Das #Bild-Buch-Taschen

Herausgeber dieses umfangreichen Werkes sind die Journalisten Julian Reichelt und Kai Diekmann. Das BILD-Buch ist eine Art Kompendium  von rund 700  Original-Titelseiten der BILD-Zeitung von 1952 an. 

65 Jahre schon werden die Leser der #BILD-Zeitung mit Schlagzeilen konfrontiert, die in intellektuellen Kreisen zumeist mit Kopfschütteln oder Verärgerung quittiert werden. 

Man muss kein BILD-Zeitungsfan sein, um diesen Band zu erwerben. Es genügt, wenn man dem Zeitgeist im Laufe der letzten 65 Jahre hierzulande nachspüren möchte und begreifen will, auf was Millionen von Lesern täglich sprachlich und inhaltlich angesprochen haben und es noch immer tun.

Texte von Stefan Aust, Viali Klitschko, Jean-Remy von Matt, Ferdinand von Schirach und Franz Josef Wagner sind dem Titelblatt-Kompendium vorgeschaltet. 

#Stefan_Aust, Herausgeber der "Welt", schreibt in seinem mehrseitigen Beitrag  gleich zu Beginn von dem revolutionären Konzept dieser Zeitung, in der Bilder eine entscheidende Rolle spielen. Dieses Blatt war, wie er festhält, damals auf der Linie der Adenauer-Regierung, proamerikanisch, sowjetkritisch und "ein wenig tolerant den Ewiggestrigen gegenüber". Sein Thema habe die Zeitung am 17. Juni 1953 (Mauerbau in Berlin) gefunden und hielt es bis zum Zusammenbruch der DDR  bei, schreibt Aust weiter.

1955 bereits hatte die BILD 1,5 Millionen Leser täglich und interpretierte nun die Realität auf ihre Weise. Wie Aust  festhält, traf die BILD die kollektive Stimmung der damaligen Ära. Er fasst diese in wenigen Worten zusammen: "Vorwärts und schnell vergessen."

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension, den von Aust zusammengefassten BILD- Zeitungsverlauf gekürzt hier wiederzugeben oder gar die vielen Titelseiten zu interpretieren bzw. zu kommentieren.

Ich stimme Austs Resümee zu, dass auf dem großen Marktplatz des öffentlich-rechtlichen Fernsehens allabendlich im Grunde alles abgehandelt wird, was den Zeitgeist ausmacht und bestimmt. Den aufgeregten Boulevardzeitungen, allen voran die BILD, bleibt deshalb nur noch "die knisternde Lunte ihrer Ermittlungen an den Scheiterhaufen zu halten, der dann Abend für Abend neu entflammt wird: auf dem großen Marktplatz des öffentlichen-rechtlichen Fernsehens."

Übersetzt heißt das wohl: die Macht der BILD-Zeitung ist kleiner geworden. Vielleicht gehört sie sogar bereits dem Gestern an. Das würde den Jubliäumsband zu einem Dokument damit  abgeschlossener Zeitgeschichte machen.

Die Titelseiten, die in diesem Buch zusammengefügt worden sind, sind eindeutig ein Zeitdokument, das viel über unsere Gesellschaft, deren Interessen, Sensations- und Klatschsucht sowie Politikverständnis  aussagt. 

Bester Aufmacher war eindeutig;  "Wir sind Papst". Auf solch eine Schlagzeile muss man erst einmal kommen. Chapeau dem Verfasser!  Mit diesem Satz geht die BILD-Zeitung in die  Pressegeschichte ein, wenn alles andere lange vergessen ist.


Empfehlenswert 

Helga König
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Das BILD-Buch

Rezension Peter J. König:Das geheime Frankreich Geschichten aus einem freien Land -Nils Minkmar S. Fischer

Damit wir Deutschen unseren Nachbarn, engsten Partner in der EU und den Sehnsuchtsort so vieler hierzulande besser kennenlernen, bedarf es eines profunden Kenners, der Frankreich und die Franzosen uns näherbringt. Nils Minkmar, in Saarbrücken geboren, Inhaber sowohl der französischen als auch der deutschen Staatsangehörigkeit mit familiären Wurzeln in Frankreich, hat das tief blickende und sehr kurzweilig geschriebene Buch: "Das Geheime Frankreich – Geschichten aus einem freien Land", gemeinsam mit dem S. Fischer Verlag auf den Weg gebracht. 

Der Autor und Journalist, der seit 2001 zunächst Redakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und seit 2012 Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war und seit Mai 2015 für das Magazin Spiegel schreibt, zeigt hier auf, was die Franzosen wirklich ausmacht. Dabei bedient er sich seiner Erfahrungen bei seinen Großeltern in Bordeaux und der zahlreichen Verwandtschaft, der er immer wieder bei seinen Ferienaufenthalten dort begegnet ist. In jungen Jahren zunächst eher befremdlich, war es eine zufällige Begegnung in einem kleinen naturhistorischen Museum in einem Park von Bordeaux, die in ihm als Dreizehnjähriger die Erkenntnis wachsen ließ, wie er dieses Frankreich einzuordnen und zu verstehen hat. Da waren die wohlgeordneten Exponate, die die Evolutiongsgeschichte erzählten, und in einem verborgenen, eigentlich nicht zugänglichen Raum hinter einer Tapetentür eine andere Welt, die Welt der Missbildungen, Fehlkonstruktionen und seltenen Variationen der Natur, die sich eigentlich nicht mit der allgemeinen Ordnung in Einklang bringen ließen. Dieses Erlebnis des Autors hat sein Erscheinungsbild von Frankreich geprägt, einem Frankreich, das sich als "eine lichtdurchflutete, geordnete Welt zeigt, von der eine logische, ja zwingende Geschichte erzählt. 
Aber da existiert noch eine weitere Version, eine Kammer, zu der man Zutritt hat oder nicht". 

Diese Vorstellung führt dazu, dass sowohl in der öffentlichen als auch in der privaten Vorstellung seit Jahrhunderten von einer verborgenen Ordnung, von schwarzen Kabinetten und geheimen Machtstrukturen die Rede ist, so der Autor. Die individuelle Besonderheit und den Zusammenhalt der französischen Familie hat Nils Minkmar dann mit fortschreitendem Alter erfahren und erleben dürfen, und wie unterschiedlich diese Bindungen und Ausformungen doch zu deutschen Familienstrukturen sind. Frankreich und seine kulturelle Entwicklung hat die Menschen nachhaltig geprägt, in ihren Herzen ist das Land noch immer Inbegriff der "Grande Nation", kulturell und politisch überlegen, was zwangsläufig zu einer gewissen Skepsis gegenüber allen anderen Nationen führt. 

Es sind die großen Denker und Philosophen der Vergangenheit, die dieses Bewusstsein untermauern und es sind die heutigen Intellektuellen und Literaten, die ein neues französisches Selbstbewusstsein der zuletzt jahrzehntelangen Depression entgegenzustellen versuchen. Macron, der junge charismatische Präsident ist Anführer des erneuerten Denkens. Er und die bekanntesten Persönlichkeiten der französischen Gesellschaft, wie Bernard-Henri Levi, Michel Houellebecq, Patrik Modiano, die Philosophin Cynthia Fleury und die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo werden hier porträtiert und Nils Minkmar berichtet von den Interviews mit ihnen. 

Daneben kommen natürlich auch seine persönlichen Erfahrungen und Erinnerungen mit Frankreich, seinen kulturellen Gewohnheiten und nicht zuletzt mit seiner ganz besonderen Lebensart nicht zu kurz. Der Autor schildert wie er immer wieder als Journalist durch das Land reist, immer auf der Suche nach der Tradition, aber auch dem sich ändernden Zeitgeist, sowohl im öffentlichen Frankreich, als auch dem privaten. Paris ist dabei selbstverständlich der Mittelpunkt, so wie der Zentralismus des Landes es vorgibt. 

Aber auch die unterschiedlichsten regionalen Besonderheiten hat der Autor im Visier, zumal er seine französische Identität einst bei seinen Großeltern in Bordeaux erworben hat. Neben aller kulturellen und politischen Aufklärung geht es Nils Minkmar darum, sehr persönliche Eindrücke zu vermitteln. Und da spart er nicht mit ganz speziellen Erfahrungen des täglichen Lebens, wenn er erzählt wo es sich in Paris noch angemessen und preiswert schlafen und essen lässt. 

Ein ganz besonders Kapitel widmet der Autor den Frauen in Frankreich, prägen sie von jeher doch die Familie, während ihr Stand in der öffentlichen französischen Gesellschaft bis auf einige Ausnahmen eher weniger in Erscheinung tritt. Dies war in der Vergangenheit so und hat sich bis heute kaum verändert. Diese Tatsache ändern auch solche Ikonen wie die bekanntesten französischen Schauspielerinnen oder weiblichen Intellektuellen nicht. 

Macron versucht auch hier einen Wandel einzuleiten, immer mehr bestens ausgebildete Frauen bekommen den Zugang zu höchsten Ämtern in Politik und Wirtschaft. All dieses hat der Autor Nils Minkmar in seinem Buch "Das Geheime Frankreich-Geschichten aus einem freien Land" thematisiert und erzählt das Wissenswerte kurzweilig und sehr informativ. So gelingt es ihm, uns die Franzosen näherzubringen und das Interesse an unseren Nachbarn zu wecken und womöglich zu vertiefen. 

In Hinblick auf ein Zusammenwachsen von Europa besonders wertvoll, ist das Buch eine erfreuliche Gelegenheit über das touristische Frankreich hinaus mit der wahren Größe der Franzosen sich anzufreunden. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Das geheime Frankreich: Geschichten aus einem freien Land

Rezension Peter J. König: Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen -Ulrich Wickert- Hoffmann und Campe

Ulrich Wickert, einer der bekanntesten und beliebtesten deutschen Journalisten, der sich auch einen respektierten Namen als Autor von Kriminalromanen und zeitgenössischen Sachbüchern gemacht hat, versucht in seinem neuesten Werk: "Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen" dem Leser dieses Land näherzubringen, das schon immer das Herz des ehemaligen Frankreich-Korrespondenten der ARD und Tagesthemen-Moderators gefangen genommen hatte. 

Dass Wickert gerade zu diesem Zeitpunkt sich die Mühe dieses Buches gemacht hat, liegt ganz bestimmt daran, dass die Franzosen einen neuen Präsidenten gewählt haben und mit Emanuel Macron keinen aus den Reihen der etablierten Parteien der Sozialisten oder Republikaner und auch nicht des Front National, nein Frankreich hat sich für diesen jungen, charismatischen, doch parteilosen Kandidaten entschieden, der der "Grande Nation" wieder Glanz und Bedeutung in Europa und in der Welt bringen soll. 

Dies ist der Zeitpunkt, den Ulrich Wickert mehr als angemessen findet, um speziell uns Deutschen dieses Frankreich näher zu bringen, das doch so ganz anders "tickt" wie wir. Um die französische Seele, seine Kultur und letztendlich seinen Anspruch zu verstehen, bemüht Wickert zunächst einen Rückblick in die Geschichte des Landes, natürlich mit der fundamentalen Veränderung durch die "Französische Revolution" und ihrer Folgen. Ebenso wird die wichtige Rolle der französischen Denker und Philosophen dabei hinterfragt, ohne die dieses alles verändernde Ereignis gar nicht hätte stattfinden können. Im Anschluss daran wird nach der Rolle der heutigen Intellektuellen des Landes geforscht, und welche Bedeutung sie überhaupt noch haben. 

Es ist nicht von ungefähr, dass Macron im Vorfeld der Präsidentenwahl ein Buch herausgegeben hat, das den gleichen Titel trägt: "Revolution", in Anlehnung an dieses weltgeschichtliche Ereignis von 1789 und seinen Folgen. Und nichts anderes hat der neue Präsident Frankreichs sich vorgenommen. Er will das Land, Europa, aber auch seine Landsleute revolutionieren, alles erneuern, um sie so für die Globalisierung, die Digitalisierung und die drohenden Probleme in der Welt fit zu machen. Dass dies gerade in Frankreich nicht sehr einfach ist, dies zeigt Wickert hier deutlich, wenn er die Franzosen mit ihren Traditionen, ihren kulturellen Besonderheiten, ihren regionalen Wurzeln und ihrem zentralistischen Staat skizziert, um die Unterschiede zu uns herauszuarbeiten.

Er gibt Einblicke in das Verhalten französischer Präsidenten seit Charles de Gaulle bis hin zu Macron, ihr Leben und Wirken im Élysée- Palast, ihr präsidiales Auftreten, das auch nicht ihre Beziehungen zu ihren Maitressen verschweigt, die seit jeher immer eine nicht zu unterschätzende Bedeutung in der französischen Lebensart innehatten, eine Tradition, die ausgehend vom Adel, gerne nicht nur in der bourgeoisen Oberschicht übernommen wurde. 

Man erfährt ebenso etwas über die besonderen Beziehungen, die einige französische Präsidenten zu deutschen Kanzlern pflegten. Dazu gewährt Ulrich Wickert auch immer wieder die Möglichkeit die Sozialisation der Franzosen kennenzulernen, wobei er einen besonderen Blick auf die Eliten wirft, die anders wie in Deutschland nicht primär auf Geld aufgebaut sind, sondern ihren harten Weg durch die besten Schulen und Universitäten des Landes zunächst suchen müssen, um all die Spitzenpositionen einzunehmen, die ihnen Privilegien, Geld und Ansehen bringen, ohne die in Frankreich kaum eine politische Karriere möglich ist. 

Ulrich Wickert versteht es prächtig all diese Details, die die Franzosen doch so unterschiedlich von uns Deutschen charakterisieren, in einem spannenden, dabei sehr kurzweiligen Stil mitzuteilen, wobei er sehr vieles aus eigener Erfahrung belegt. Als Sohn eines Diplomaten, der zunächst auch in Paris zur Schule gegangen ist, hat er Frankreich von innen kennengelernt und dabei seine unsterbliche Liebe zu Land und Leuten entdeckt. Diese hat sich vertieft, als er als einer der wichtigsten Korrespondenten Deutschlands die Franzosen in allen Belangen begleitet hat. Und dies gilt nicht nur für die Politik, es gilt ebenso für die französische Küche, für viele glamouröse Ereignisse auf allen kulturellen Ebenen, aber auch von Skandalen und Intrigen wusste er zu berichten. 

All diesen Fundus hat der ironische, welterfahrene Journalist, der auch noch einen zweiten Wohnsitz auf den Anhöhen oberhalb Nizzas in der Nähe von Vence besitzt, auf eine sehr erhellende Art niedergeschrieben, wobei er weder mit persönlichen Erfahrungen spart, noch darauf verzichtet, hier und da einen interessanten Tipp für erstklassige Restaurants oder verschwiegene Bistrots en passant zu verraten. Da blitzen seine profunden Kenntnisse auf und er versteht es glänzend diese in Szene zu setzen. 

Ulrich Wickert ist hier ein großartiges Buch gelungen, mit dem er bei gleichgesinnten Freunden der Franzosen offene Türen aufstößt, und es sollte ihm hiermit auch gelingen, auch dem weniger frankophilen Leser sehr viel Erhellendes zu zeigen. Tatsächlich ist das Buch: Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen“ genau zum richtigen Zeitpunkt auf den Markt gekommen, denn mit Macrons neuem europäischen gemeinsamen Aufbruch wird auch ein Gegengewicht zu der gewissen Rückwärtsgewandtheit hierzulande gebildet, und da ist es besonders wichtig zu wissen, wie unsere Schwestern und Brüder jenseits des Rheins "gestrickt" sind. Ulrich Wickert weiß es genau, und er hat es mit viel Liebe und großer Offenheit erzählt. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Frankreich muss man lieben, um es zu verstehen

Die Politik der Demütigung- Ute Frevert- Schauplätze von Macht und Ohnmacht-S. Fischer

#Ute_Frevert, die mehrfach ausgezeichnete Autorin dieses Werkes zählt zu den wichtigsten deutschen Historikern. Sie hat Neuere Geschichte in Berlin, Konstanz und Bielefeld gelehrt, war Professorin an der Yale Universität und leitet seit 2008 den Forschungsbereich "Geschichte der Gefühle" am Max -Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Im vorliegenden Buch verdeutlicht sie wie sich #Demütigung als Machtmittel im Laufe der letzten 250 Jahre verändert hat. Die Autorin fragt, woher das Bedürfnis, andere Menschen, sogar die eigenen Kinder vorzuführen und öffentlich bloßzustellen, kommt. Sie möchte wissen, welchen Zweck und welche Wirkungen solche Beschämungen entfalten und weshalb sie sogar in Gesellschaften verbreitet sind, die Würde und Respekt groß schreiben. In diesem Zusammenhang fragt sie, ob hier tatsächlich das "finstere Mittelalter" fortlebt oder ob die aufgeklärte Moderne eigene Beschämungsenergien mobilisiert und neue Demütigungspraktiken erfindet.

In der öffentlichen Beschämung werde stets Macht demonstriert. Das geschieht, indem der Beschämende andere Menschen vor Augenzeugen in die Knie zwingt, um auf diese Weise seine herausgehobene Position zu bekräftigen. Scham sei eine soziale, interpersonale Emotion. Deshalb findet das Drama von Macht und Ohnmacht, Scham und Schande, Täter und Opfer stets auf öffentlichen Schauplätzen statt. 

Für den Philosophen Avishai Margalit, den Frevert u.a. in ihrem umfangreichen Werk erwähnt, zeichnet sich eine anständige Gesellschaft dadurch aus, dass ihre Institutionen Menschen nicht demütigen und deren Würde achten. 

Heutige Gesellschaften nutzten Beschämung und Demütigung als soziale und politische Machttechnik. Indem eine Person öffentlich vorgeführt wird, wird sie symbolisch aus der Gruppe ausgeschlossen und bestraft. Demütigungen lassen sich als Praktiken der Nichtachtung begreifen. Ziel sei die Zerstörung jeglicher Ehre und Achtung, einschließlich der Selbstachtung. "Geltungswert" und "Achtungsanspruch" sind nur schwer wieder herstellbar nach einer öffentlichen Beschämung oder Demütigung. Das unterscheidet diese von Beleidigungen. Letzteren fehle das Element der Macht, zudem der sanktionierende Charakter. 

Scham als soziokulturelle Konvention erlernen Kinder von ihren Bezugspersonen dadurch, dass sie diese beobachten, sie von diesen angeleitet oder korrigiert werden. Frevert klärt in drei großen Abschnitten auf, wie im Laufe der Geschichte Demütigung als wirkungsvolles Machtmittel gesellschaftlich und politisch eingesetzt wurde. Von Schand- und Ehrenstrafen in der frühen Neuzeit über den "Symbolischen Pranger" im Nationalsozialismus, hin zu den öffentlichen Beschämungen im Hier und Heute, aber auch in der Sprache der Demütigung in der internationalen Politik werden eine Fülle von Fakten und Praktiken der Beschämung ausgebreitet, die bekunden, wie Menschen  bzw. Regime handeln, die andere um jeden Preis dominieren wollen. Das Internet bietet unerschöpfliche Möglichkeiten der Demütigung Dritter an. Dies sollte zu denken geben.

Die Tatsache, dass die Menschenwürde hierzulande ein Rechtsgut ist, hindert Ellenbogenmenschen in unserer Gesellschaft nicht, sich mit dem Mittel der Demütigung durchsetzen zu wollen. Sich deren abgründige Absichten bewusst zu machen- das Buch hilft dabei- ist eine sinnstiftende Möglichkeit, einer auf  Anerkennung und Respekt basierenden Gesellschaft den Weg zu ebnen.

Sehr empfehlenswert,

Helga König

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Die Politik der Demütigung: Schauplätze von Macht und Ohnmacht

Rezension: Lob der Macht- Rainer Hank- Klett-Cotta

Autor dieses Buches ist der mehrfach ausgezeichnete Wirtschaftsjournalist #Rainer_Hank. Er ist seit 2001 Leiter der Wirtschafts- und Finanzredaktion der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. 

In der vorliegenden Publikation befasst er sich ausgiebig mit dem Phänomen der Macht, um schließlich für ein neues, unverkrampftes Verhältnis zur Macht zu plädieren. In seiner Machtbeschreibung macht er deutlich, dass Macht Raum benötigt, sie verkörpert werden muss und zur Repräsentation erzwingt. Macht sei stets mehr als eine Idee, sie  sei immer sichtbare Realität. Dabei ist sie stets auf Akzeptanz angewiesen. Insofern sei Populismus eine notwendige, wenngleich noch nicht hinreichende Voraussetzung jeder Machtpolitik. 

Macht, die meine, sich solipsistisch und ausschließlich egoistisch durchsetzen und verteidigen zu können, werde mit Sicherheit scheitern. Macht könne man sich nicht nehmen, man bekomme sie verliehen. Hank belegt dies an Beispielen. 

Bei allem sei sich Macht ihrer selbst nicht sicher, insofern eine riskante Angelegenheit. Macht sei zudem bestreitbar und werde unablässig bestritten.

Davon ausgehend, dass Macht weder gut noch böse sei, betrachtet der Autor sie als bloße Wirklichkeit, die es gerade in ihrer Ambivalenz anzuerkennen gelte. Macht halte weder etwas von Moral noch von Recht. Versuche sie ihnen unterzuordnen müssten scheitern, weil Macht ihr eigenes Reich und Recht beanspruche. Sie bediene sich unterschiedlicher Mittel sich durchzusetzen, so etwa des Neides, der Rache aber auch einfühlender Empathie. Jedes Mittel, das zielführend sei, sei ihr recht. Wer Macht anstrebt, benötige ein gerütteltes Maß an Selbstüberschätzung, komme am raschesten zum Erfolg, wenn er seinen Machttrieb moralisch tarnt, liest man und darf sich anhand von Beispielen von dieser und anderen Thesen im Buch überzeugen. 

Man lernt namhafte Machtbiographien aus der Wirtschaft kennen, so etwa jene von Thomas Middelhoff, Martin Winterkorn und Ferdinand Piech. Zudem reflektiert Rainer Hank Fortune im Zusammenhang mit Macht und zeigt, dass sie nicht selten als Entlastung herhalten muss, um eigenes Versagen im Machtkarussell zu relativieren. 

Ohnmacht ist  logischerweise  auch ein Thema. Hier wird auch zur Sprache gebracht, dass sie Anstoß zur Emanzipation sein kann und es wird daran erinnert, dass der Mächtige und der Machtlose in einem symbiotischen Verhältnis wechselseitiger Abhängigkeit stehen, das letztlich beiden schadet.

Mit Geld- es ist die Brechstange der Macht - ist es möglich in einer Marktwirtschaft Macht zu kaufen. Geld ist der Hebel, der auf den Finanzmärkten dazu dient, den Einsatz und damit Macht zu vervielfältigen. 

Hank zeigt, wieso Utopien der Machtlosigkeit scheitern müssen. Der Autor erwähnt hier Thomas Morus und dessen Utopie, aber auch Francis Bacon, um die Problematik aufzuzeigen. 

Für den Wirtschaftsjournalisten der FAS ist eine Macht-Gesellschaft, in der alles auch anders sein kann (gemeint ist eine Gesellschaft, in der es Wettbewerb gibt) der Gesellschaft der Machtlosigkeit vorzuziehen. Sofern der Preis der Utopie der Machtlosigkeit ein System der Unterdrückung sei, könne man am Ende nur ein Loblied auf die Macht anstimmen. 

Ich möchte dieser Meinung weder zustimmen, noch sie verneinen, sondern sie einfach so im Raum zur Diskussion stehen lassen. 

Lesenswert ist das Buch sehr, obschon mir der Titel überaus provokant erscheint. Doch offenbar ist genau dies gewollt. 

Empfehlenswert für alle, die begreifen möchten wie und warum Macht funktioniert und weshalb es Argumente gibt,  mit ihr entspannt umzugehen.

Helga König

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Rezension: Die Aufklärung- Johann Saltzwedel (HG.)- Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute- DVA

Herausgeber dieses Buches ist der SPIEGEL-Redakteur Johann Saltzwedel. Er lässt im hier vorliegenden Werk eine Vielzahl von Spiegelautoren und Historiker zu Wort kommen, die die Epoche der Aufklärung in ihrer ganzen Vielfalt und Vielstimmigkeit darstellen. 

Untergliedert sind die Texte in vier Kapitel 

1. Vom Glauben zur Erkenntnis 
2. Vernunft für eine bessere Welt 
3. Neugierde und Sensibilität 
4. Das Erbe der Epoche 

Den vier Kapiteln vorangestellt sind das Vorwort und die Einleitung des Herausgebers. 

Für die Aufbruchstimmung der Epoche der Aufklärung war kritisch- unbefangenes Fragen entscheidend. Einigkeit bestand seitens der europäischen Intellektuellen in den Zielen: religiöse Toleranz, Bildung möglichst vieler Menschen, freie öffentliche Diskussion um die besten Argumente und Methoden, bürgerliche Solidarität anstelle von Fürstenwillkür und Untertanengeist, Vernunft und Selbstdisziplin zum Wohle nicht nur eines Landes, sondern vielmehr globaler Humanität, so Saltzwedel. Umstritten blieb, wie sich die Ideale realisieren ließen und wo der Schwerpunkt zu lokalisieren war. Die Grundfragen nach Vernunft und Humanität, Menschlichkeit und Natürlichkeit, um die damals gerungen wurde, sind leider noch immer unbeantwortet.Von daher bedeute Aufklärung zu studieren und sie stets aufs Neue zu betreiben.

Unmöglich hier die vielen Beiträge zu benennen. Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber  das Interview, das Johannes Saltzwedel mit dem Historiker Prof. Dr. Martin Muslow führte, der den Untergrund radikaler Aufklärer erforscht, die für ihre Überzeugung ihre Existenz riskierten. Erwähnen auch möchte ich natürlich die "Encyclopédie", in der das gesamte Menschheitswissen versammelt werden sollte. Saltzwedel nennt es das wirkungsvollste intellektuelle Unternehmen der Aufklärung und sieht darin den Vorboten zur Revolution. 

Man liest von Denis Diderot, der gemeinsam mit 140 Dichtern, Denkern, Mathematikern, Ärzten und Philosophen an der "Encyclopédie" arbeitete. Die Obrigkeit und die Zensurbehörden reagierten mit Verboten und Schikanen, doch sie vermochten das Kompendium der Aufklärung nicht zu verhindern und so wurde es zum Vorboten der Revolution. Denis Diderot verfasste selbst rund 5000 Artikel. Er starb übrigens 5 Jahre vor dem Sturm auf die Bastille. 

Auch Rousseau ist ein Thema im Buch. Wie kaum ein anderer hat er die Zivilisation kritisiert. Der "Visionär reiner Menschlichkeit" wie Romain Leick ihn nennt, war unter den Aufklärern ein Außenseiter. Man liest über Rousseaus Erziehungsroman "Émile", ein Buch, das in Paris veröffentlicht und in Genf verbrannt wurde und erfährt, dass der Außenseiter zugleich modern wie antimodern war, ein Utopist und ein Kulturpessimist, vor allem jedoch der träumende Verkünder der natürlichen Güte der Menschen- und der Entdecker des Kindes.

Lessing soll ein Musterfall eines Aufklärers gewesen sein. Für ihn war Aufklärung Suche. Er dachte sie radikal als Prozess, schreibt C-F Berghahn. Man liest u.a. über Lessings aufklärerische Ästhetik und natürlich über sein letztes Stück "Nathan der Weise"- Hier hat er die großen Themen seines Lebens gebündelt und unter dem Leitmotiv der Toleranz zusammengeführt. 

Freiherr von Knigge übrigens soll ein umtriebiger Weltverbesserer gewesen sein. Über ihn informiert Angela Gatterburg. Sie hat zudem auch über die Freimauer geschrieben, deren Ursprünge im Mittelalter liegen. Lessing, Goethe und auch Mozart gehörten diesem Geheimbund an, der offenbar auch aufklärerische Elemente besaß. 

Der Göttinger Experimentalphysiker Georg Christoph Lichtenberg war wohl einer der größten Geister der Spätaufklärung und bekannt für seine Aphorismen. Seine Vorlesungen sollen stets überlaufen gewesen und es sollen Gelehrte aus halb Europa zu ihm nach Göttingen gepilgert sein. Ganz ähnlich wie zum wichtigsten Anreger der bürgerlichen Aufklärung in Deutschland, dem Philosophen Immanuel Kant, über den Alexander Kosenina schreibt.

Das wunderbare Buch hilft dabei zu begreifen, weshalb Aufklärung ein Prozess ist, der vermutlich niemals aufhört, solange es Menschen gibt. 

Johann Gottfried Herder sagt nicht grundlos: "Alle Aufklärung ist nie Zweck, sondern immer Mittel; wird sie jenes, so ist's Zeichen, dass sie aufgehört hat, dieses zu sein."

Zweck kann im Grunde nur die Humanität sein, ein Ziel das noch sehr viel Aufklärung nötig hat, wie wir alle wissen.

Empfehlenswert 

Helga König

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Die Aufklärung: Das Drama der Vernunft vom 18. Jahrhundert bis heute - Ein SPIEGEL-Buch