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Rezension: Die Buchhandlung der Exilanten- Uwe Neumahr –C.H. Beck

Autor dieses Buches mit dem Untertitel Paris 1940- Zuflucht und Widerstand- ist der promovierte Romanist und Germanist Uwe Neumahr. Er hat bereits einen in zahlreiche Sprachen übersetzten Bestseller geschrieben und arbeitet als Literaturagent und freier Autor. 

Nach einem Vorwort und einem Prolog mit dem Titel "Paris, September 1942" ist das Werk in drei Teile untergliedert, als da sind: 

Teil 1- Fraternité, Krieg und Besatzung 
Teil 2- Deutsch- jüdische Exilanten, Verfolgung und Widerstand 
Teil 3 - Rettungsmission, Flucht und Befreiung 

Diesen Teilen folgt das Kapitel: "Wie es weiterging" und schließlich der erfreulich umfangreiche Anhang. 

Im Vorwort erfährt man eingangs sogleich, dass die Buchhändlerinnen Adrienne Monnier und ihre amerikanische Partnerin Sylvia Beach in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Literaturgeschichte schrieben. Ihre Buchhandlungen im Herzen von Paris haben sie "La Maison des Amis des Livres" und "Shakespeare and Company" genannt. 

Gleich zu Beginn liest man von der künstlerischen Avantgarde, die dort verkehrte, liest, dass die beiden Buchhandlungen Treffpunkt für Schriftsteller, Intellektuelle und Künstler wurden und sehr bald von ihnen auch als Bibliotheken, Veranstaltungsorte, Leibüchereien, Salon und Verlage genutzt worden sind.

Es fallen Namen wie James Joyce, dessen Roman "Ulysses" Silvia Beach veröffentlichte, auch der des Philosophen Walter Benjamin. Von beiden und unzählig anderen liest man lebensgeschichtlich sehr Wissenswertes und kann sich immer mehr in das widerständige, intellektuelle Klima von Paris in jener Zeit vertiefen.

Weil die Anfangsjahre der beiden Buchhändlerinnen und die Zwischenkriegsjahre, in denen die Freundschaften mit deutsch- jüdischen Emigranten begonnen hätten, für das Verständnis unabdingbar seien, werde das Buch auf zwei Zeitebenen, in zwei Handlungssträngen erzählt, die miteinander im Reissverschlussverfahren verbunden seien, begründet der Autor sein handwerkliches Tun. 1943 würden die Erzählstränge dann zusammengeführt, so Neumahr weiter. Mit der Befreiung der Buchhandlungen durch Ernest Hemingway und seiner Privatarmee im August 1944 ende das Buch.

Das alles macht sehr neugierig auf den Inhalt, der immer auch Fotos enthält, die die umfangreichen Texte illustrieren und im Grunde so faktenreich sind, dass es unmöglich ist, dies alles im Rahmen dieser Rezension auch nur kurz zu streifen.

Spannend u.a. ist z. B., was die beiden Buchhändlerinnen unternahmen, um ihre Freunde Walter Benjamin, die Fotografin Gisèle Freund und viel andere vor den Nazis zu retten. 

Über Gisels Freuds Porträtkunst erfährt man übrigens Wissenswertes, so etwa wie sie im Abbild ihres Gegenübers jenes Unsichtbare sichtbar werden ließ, das Paul Klee als substantielle Aufgabe von Kunst bezeichnet hat. Die Fotografin habe sich nie als Künstlerin gesehen, sondern als ein Übersetzerin  und Demaskiererin des Wahren begriffen.

Interessant auch ist die öffentliche Intervention für Jean-Paul Sartre im Frühjahr 1942 seitens Adrienne Monnier. Sie ist begeistert von dessen Existentialismus, auch vom äußeren Ausdruck des Existentialismus junger Menschen, der sich z. B. im "Swing" zeigte. Diese damals angesagte Musikrichtung war für Sartre ein Freiheitssymbol, natürlich verhasst von den Nazis, allen voran von  Hitler und Goebbels. 

Seit 1933 war Jazz in Deutschland im Radio verboten. In ihrem Brief an André Gide  habe Adrienne ihre Verbundenheit mit den Werten des existentialistischen Widerstandkämpfers und seiner Rolle als Erzieher der Jugend bekundet. Dies und unendlich viel mehr über den Widerstand der Intellektuellen von Paris und ihre zentralen Treffpunkte, - die beiden vom Autor brillant thematisierten Buchhandlungen -, dokumentieren den Mut aller Beteiligten gegen die Nazis, die so viele- auch Antoine de Saint- Éxupery auf dem Gewissen hatten. 

Die Befreiung der "Rue de Odeon"  und die Rolle Hemingways dabei werden vielschichtig beleuchtet und man erfährt zudem wie es nach der Befreiung weiterging.

Was mir das Buch vor allem verdeutlicht, ist, dass der Widerstand der Intellektuellen gegenüber faschistischen Tendenzen im Hier und Heute ungebrochen weitergehen muss und die rechtradikalen Umtriebe ernst genommen werden müssen. Noch ist es nicht zu  spät! Allerdings ist es bereits zwei vor zwölf!

Das Buch ist eine wirkliche Bereicherung.

Helga König

Rezension: Zeitreise- Europas Hotspots der Geschichte hautnah erleben-Kunth

Dieses Werk ist eine reich bebilderte Zeitreise durch Europa und beginnt mit dem Versuch des Bewusstbarmachens von Zukunft und deren Visualisierung, so etwa im Nixt Museum in Amsterdam, das beispielsweise mit Ausstellungen immersiver Installationen und neuer Medienkunst kreative Perspektiven aufzeigt. Auch interessant das 2019 eröffnete Futurium in Berlin. Es diene als neuartiges Dialogforum, um mögliche Zukunftsvarianten zu entdecken, zu diskutieren und zu gestalten. 

Im Buch werden die Zukunft, die Moderne, die Neuzeit, das Mittelalter, die Antike sowie die Erd- und Frühgeschichte beleuchtet. 

Man bewegt sich also beim Lesen rückwärts. Diese Perspektive ist höchst spannend, weil sie Neugierde weckt. Was war davor Bahnbrechendes oder was hat Unheilvolles herbeigeführt? 

Zu jeder Epoche gibt es sehr informative Texte, Fotos und Specials. Im Bereich der Moderne etwa einen Beitrag über Wiener Kaffeehäuser, einen weiteren über Picassos Guernica aber auch einen Beitrag über NS-Konzentrations- und Vernichtungslager. 

Hervorragend vermittelt werden die Museen der Moderne in Europa, darunter das Lenbachhaus in München und in Paris das Musée d`Orsay. 

Doch da ist auch von zwei Orten die Rede, von denen man im Geschichtsunterricht hoffentlich gehört hat: Ypern in Belgien und Verdun in Frankreich. Dort starben im 1. Weltkrieg Hunderttausende Soldaten, junge Menschen, die sinnlos von den Mächtigen jener Zeit verheizt wurden. 

Fast ist man froh dann einen Schritt zurück zu machen, liest vom Ende der Neuzeit und hier ein Special über Suffragetten, das auch für Männer empfehlenswert ist. Man entdeckt das Curie-Museum. Dann etwas ganz anderes, so etwa einen Beitrag über Schwarzwälder Uhren, oder einen weiteren über historische Kurbäder und darf auf einer Doppelseite Karlsbads berühmte Kolonnade, die im Empire-Stil erbaut worden ist, bewundern. 

Aufklärung und Absolutismus sind ein Thema der Neuzeit. Erfreulicherweise wird auf einer Doppelseite die Bibliothek von Herzogin Amalia in Weimar gezeigt, die, wer sie schon einmal besucht hat, sie nie mehr vergisst. Bücher sind die Basis für Aufklärung. In Weimar wusste man das.

Europäische Gartenkultur wird anhand von Texten und Bildern ebenfalls sehr gut veranschaulicht. Von gebändigter Kultur und begehbaren Landschaftsgemälden ist die Rede, um wenige Seiten danach vom Erdbeben in Lissabon zu lesen, das 1755 für 100000 Todesopfer und die Zerstörung der Stadt mit all ihren Palästen, Kirchen und Bibliotheken sorgte. 

Reformen und Revolutionen zu Beginn der Neuzeit und hier auch Calvin in Genf werden nicht ausgespart. Lesenswert zudem ist der Beitrag zu einer Spekulationsblase von einst, bekannt unter dem Begriff Tulpenfieber. 

Sehr gut ist der Beitrag zu den Fuggern und hier speziell zu Jakob Fugger, dessen Handelsgeschick und Weitsicht ich bewundere. Seite für Seite ist Staunen angesagt, speziell auch im Hinblick auf den Aufbruch in die "Neuen Welten". 

Dann geht es zurück ins Mittelalter hier erfährt man u.a. etwas über die Welt der Wikinger, liest vom Weltkulturerbe Visby, einer Hansestadt, die einst durch einen Brand zerstört wurde, liest auch von Quedlinburg, ein Ort, den es schon zu Zeiten der Karolinger gab, um sich dann schließlich in das Netzwerk der Hanse zu vertiefen. Das alles ist sehr gut dargestellt. Dass Orte wie Venedig und Sienna  interessant beschrieben sind, war zu vermuten, dass man sich intensiv mit Pfalzen, Burgen und Palästen beschäftigt hat, ebenfalls. Der Aachener Dom und die Kaiserpfalz in Goslar werden eindrucksvoll vorgestellt, aber auch Krakau, einst der Krönungsort polnischer Könige. Im Mittelalter bedeutende Orte in Spanien und Portugal lernt man kennen und so viele andere Orte in anderen Länder mehr, unmöglich sie hier aufzuzählen! Die süditalienische Stadt Materna mit ihren zahllosen Felsenkirchen muss man wohl besuchen, um sich einen Eindruck von der Höhlenstadt zu verschaffen und natürlich Cordoba, allein schon der eindrucksvollen Kathedrale wegen. Beeindruckt hat mich das Foto von der Selimiye- Moschee in Edirne, von der ich hier erstmals lese. Es handelt sich um ein Meisterwerk des Baumeisters Sinan (um 1488-1589). Was folgt sind Einblicke in die Antike und hier zunächst Orte des Römischen Imperiums. So etwa in Bath und Trier auch Arles und Orange. 

Pompeji ist ein Thema, auch die Thermalbäder in Budapest, anschließend griechische und koloniale Städte. Ephesus und Pergamon sind ein Synonym für Buchkultur, Troja für Untergang. 

Ganz zum Schluss dann liest man Wissenswertes zur Erd-und Frühgeschichte, lernt die Felszeichnungen von Tarnum kennen, aber auch Stonehenge und die Pfahlbauten von Unteruhldingen, die 2011 zum Welterbe erklärt wurden, erfährt Näheres zu des ersten Hochkulturen in Europa, so etwa Knossos auf Kreta und  ist sich bewusst, dass man dieses Buch immer wieder zur Hand nimmt, weil es historisches Wissen so aufbereitet hat, das man es in kleinen Häppchen  genießen kann und nicht satt dabei wird.

Maximal empfehlenswert

Helga König

Überall um Buchhandel erhältlich.