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Rezension: "Der Baron, die Juden und die Nazis"- Jutta Ditfurth

"Es kommt mir so vor, als ob es in diesem Land eine veröffentlichte und eine reale Wahrheit gibt." (Jutta Ditfurth)

Verfasserin dieses bemerkenswerten Sachbuches ist die Soziologin Jutta Ditfurth, die adeliger Herkunft ist und nicht ohne Grund dem elitären Denken vieler Aristokraten mehr als nur skeptisch gegenüber steht. In ihrem jüngsten Buch "Der Baron, die Juden und die Nazis" gibt sie schonungslos Familiengeschichte preis und berichtet von den Verstrickungen ihrer Vorfahren mit den Nazis.  Dabei sollte man wissen, dass mit "Familie" beim Adel nicht die bürgerliche Eltern-Kind-Kleinfamilie gemeint ist, sondern vielmehr die Sippe bzw. das Geschlecht, das sich über blutsmäßige, patrilineare Verwandschaftbande und ein gemeinsames Abstammungsbewusstsein definierte, (vgl.: S.209).

Weil  Ditfurth über ihre "Familie"  und über  abgründige Verhaltensmuster einer ganzen Klasse in vergangenen Jahrhunderten schreibt, ist ihr Sachbuch sehr wissenschaftlich angelegt und verfügt über eine beachtliche Anzahl, ihre Aussagen belegenden Fußnoten, Quellennachweise und ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Hier wird nicht fabuliert. Hier wird nachgewiesen. Hier kann man ihr nichts anhängen.  Sie wartet mit Fakten auf. Ein Thema wie ihres macht eine solche Vorgehensweise erforderlich. Ohne Frage.

Lassen sie mich meine Ausführungen mit einer Textstelle beginnen, die zu Anfang des 10. Kapitels steht: "Die Zahl der Adeligen, die die Juden nicht ablehnten und die Weimarer Republik nicht auf den Scheiterhaufen wünschten, war in Wahrheit winzig. Dass später die adeligen Mitglieder des 20. Juli 1944 allesamt tapfere Demokraten und niemals lebensgefährliche Gegner der deutschen und europäischen Juden gewesen sein sollen, ist ein überaus erfolgreicher Nachkriegsmythos. Dahinter versteckt sich ein  großer Teil des so genannten Adels bis heute.“(Zitat: S.203)

Die Autorin beginnt ihr Buch mit einem Reisebericht, der in das Jahr 1990 zurückführt. Gemeinsam mit ihrer Mutter besucht sie ein Anwesen ihrer Vorfahren im Osten Deutschlands. Im nahegelegenen Dorf des besuchten Ritterguts sieht sie in einer Dachkammer u.a. ein Ölbild ihrer Urgroßmutter, der Freiin von Beust (1850-1936)  und erhält seitens des Pfarrers Zugang zur Dorfchronik. In der Folge liest man dann Näheres zu Gertrud von Beust, einer kriegsbegeisterten Dame, "die am liebsten selbst in die Schlacht gezogen wäre". Es führt zu weit, nun das Leben dieser Adeligen nachzuzeichnen, doch zu erwähnen ist, dass diese Frau antisemitisch war.

Ditfurth nimmt ihrer Urgroßmutter zum Anlass im Anschluss über den Antisemitismus des Adels in der Romantik aufzuklären und fragt: "Woher hatten die adeligen Menschen wie meine Urgroßmutter ihr Wahnbild über die Juden?"(Zitat: S.33). Ich staunte nicht schlecht als ich hier las, welche Geisteshaltung Dichter wie Ernst Moritz Arndt umtrieb und war überrascht als ich weiter las, dass die "Deutsche Tischgesellschaft" ein Beleg dafür ist, dass der Rasseantisemitismus schon in der Emanzipationszeit in den Köpfen der deutschen Elite und hier in erster Linie des Adels Einzug hielt." (vgl.: S.40)

Achim von Arnim sprach in seiner Tischrede von Hostien-und Ritualmordlegenden und rechtfertigte Pogrome, wie Ditfurth an Textstellen belegt. "Deutsche Tischgesellschaften" waren ein Angriff auf jüdische Salonniéren und ihr emanzipatorisches Denken. Die Mitglieder dieser Tischgesellschaften zeichneten sich durch nationalistischen Dünkel, elitäres Denken, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit aus." (vgl.S.50).

Über Goethes Einstellung im Hinblick auf die Frage "Sollten Christen Juden heiraten dürfen?" erfährt man Aufschlussreiches und liest in der Folge, auf welche Weise in jenen Tagen die Juden unterdrückt und stigmatisiert wurden.

Im Königreich Preußen blieben jüdische Jurastudenten von der Promotion und von der Anstellung an einer juristischen Fakultät ausgeschlossen. Juden durften zwar Justiz-Kommissare und Anwälte werden, nicht jedoch Richter oder Notare. Generell war es ihnen untersagt,  richterliche, polizeiliche oder Verwaltungsfunktionen auszuüben, (vgl.: S.79).

Jutta Ditfurth beschreibt in ihrem Werk nicht zuletzt den Werdegang ihres Urgroßonkels des Schriftstellers und Balladendichters Börries Freiherr von Münchhausen, dessen Einstellung zu Juden mehr als  nur ambivalent war. Sie schreibt von seinem Buch "Juda" und zu seiner Beziehung zu Ephraim Moses Lilien, der sich durch seinen Anteil an diesem Buch in jüdischen Kreisen als Künstler etablieren vermochte, (vgl.:157).

Ditfurth lässt nicht unerwähnt, dass das Motiv ihres Großonkels für das Buch nicht der jüdische Mensch, seine soziale Lage, die Geschichte der Stigmatisierung, Verfolgung und Ermordung über die Jahrhunderte hinweg, sondern das Interesse an jüdischen Helden war, (vgl.: S.158). Trotz dieses Buches, das als eines der Lieblingsbücher in jüdischen Häusern galt, wie die Autorin vermerkt, entwickelte sich Münchhausen mehr als bloß grenzwertig im Hinblick auf Juden. Ihn im Schlepptau führt Ditfurth den Leser durch die Zeitläufe hin zur NS-Zeit und zeigt die antisemitische Grundhaltung der adeligen Oberschicht, die aufgrund der Niederlage durch den 1. Weltkrieg ihre Privilegien verloren hatten.

Der Balladenschreiber wurde zu einem Rassenideologen, dessen zentraler Gedanke nach dem verlorenen Krieg die Rassenreinheit war. Er träumt von "Menschenzüchtung". Während der NS-Zeit schmeichelte er der herrschenden Elite und attackierte Künstler, die Modernes schufen oder "unreinen Blutes" waren, (vgl.: S.272).

Dass der Adelsmann schließlich 1945 Selbstmord  begangen hat, wundert mich nicht. Seine Verstrickungen ließen für ihn nichts anders zu. Ditfurth fasst zusammen, dass dieser Großonkel ein Nazi, Antisemit, kulturpolitischer Strippenzieher war, der jüdische Menschen aussortiert hatte und Fotos seiner geliebten Nazi-Führer sammelte, der mit NS-Verbrechern am Kamin geplaudert und in der Saale gebadet hatte, Goebbels, Hess und Frick angeschwärmt und mit ihnen völlig übereingestimmt hatte..." (S. 297).  Münchhausen war keineswegs eine Ausnahme, sondern dachte wie viele Adelige in jener Zeit.

Jutta Ditfurth findet übrigens unter ihren Verwandten nur einen einzigen, "der Juden und Sozialdemokraten nicht verabscheut hatte". (S.228). Ihre Verwandten nennen diesen mutigen Mann "das rote  Biest von Brandenstein."

Die Autorin zeigt hervorragend in ihrem bemerkenswerten Buch, dass bereits im 19. Jahrhundert der Boden für den unsäglichen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts bereitet wurde, der zur Ermordung von 6 Millionen Juden führte. Sie vergisst dabei keineswegs den 20. Juli 1944 zu beleuchten und unterstreicht, dass die Archive der meisten adeligen und hochadeligen Familien Forschern mit NS-kritischem Erkenntnisinteresse bis zum heutigen Tage verschlossen bleiben. Jutta Ditfurth hat einen Fuß in diese Tür gestellt, um unliebsame Wahrheiten ans Licht zu zerren. Nicht alle werden sie dafür beglückwünschen. Ich schon.

Ein hervorragendes, gut recherchiertes Buch. Sehr aufschlussreich.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

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