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Rezension: #Gunter_Dueck #schwarmdumm- So blöd sind wir nur gemeinsam- #Campus

Wie Prof. Dr. Gunter Dueck gleich zu Beginn seines neuen Buches schreibt, thematsiert er diesmal die selbst verschuldete Kompliziertheit unseres Lebens und zeigt wie es hierzu gekommen ist. Er möchte aus gutem Grund, dass wir begreifen, dass es uns mehr bringt, anstelle von "kompliziert" klugerweise "smart" und damit gewissermaßen runder zu agieren. Dabei ist das Runde das Einfachere, aber keineswegs das Simplere.

Dueck moniert, dass gerade im Team (neudeutsch  im "Schwarm") immer komplizierter vorgegangen werde und dadurch vormalige #Schwarmintelligenz zu #Schwarmdummheit mutiert sei. In den vielen #Meetings von #Managern werden keine eleganten (runden) Lösungen entwickelt, sondern es entstehe zusammengebasteltes Stückwerk, weil ohne gute Vorbereitung (Manager hetzten von Termin zu Termin) einfach nichts Vernünftiges herauskommen könne.

"Genial einfach" sei als Ergebnis eines Meetings geradezu utopisch. Dueck nennt viele Gründe für das Manko, doch ich denke Hauptgrund hierfür ist mangelnder Gemeinschaftssinn, geringe Eigenverantwortung im Team und die Tatsache, dass im Teamergebnis der Einzelne nicht genügend glänzen kann.

Gute Teamarbeit entspricht vermutlich  nicht dem egomanen Zeitgeist, deshalb auch mutierte Schwarmintelligenz zur Schwarmdummheit, so meine Beobachtungen. Der Autor schreibt u.a. von "antipathischer Abteilungsdenke", die den idealen Nährboden für Schwarmdummheit bilde. Abteilungsleiter sind offenbar zumeist nicht in der Lage, generalistisch  das Große und Ganze zu sehen, sondern haben nur ihr eigenes Ding im Auge. So hockt eine Vielzahl von Teilblinden in Meetings und entsprechend sehen dann auch die Ergebnisse aus.

Der Begriff Schwarmintelligenz von dem sich Duecks Wortschöpfung Schwarmdummheit ableitet, stammt aus dem Umfeld des Internets, weil es hier durch die weltweite Vernetzung von untereinander ganz unbekannten Personen zu erstaunlichen Problemlösungen gekommen  sei, so der Autor, der hierfür auch Beispiele nennt. Während im Internet Menschen  mitunter Freude an einer gemeinsamen Lösung haben, schaut es in traditionellen Firmen anders aus. Offenbar lässt sich die Idee der Schwarmintelligenz dort nicht so smart umsetzen. Dueck definiert "Schwarmdummheit entsteht, wenn das Ganze nicht klar verstanden ist und kein Ganzes das Team einigt."

Gunter Dueck untergliedert, nachdem er das Wesen der Schwarmdummheit erst einmal ausgelotet hat, in elf weitere Kapitel und gibt gestressten Managern die Chance, stets  den Kurzinhalt des jeweiligen Kapitels vorab zu überfliegen, damit sie hinterher noch wissen, was sie in der Hektik gelesen haben. Zudem hat Dueck im Vorfeld jeweils einen Merksatz formuliert. Damit Sie eine Vorstellung davon erhalten, was man sich merken soll, zitiere ich den Merksatz aus Kapitel 2:

"Unter zu hohen Zielen arbeiten wir sofort zu viel, anstatt uns bessere Strategien auszudenken oder auch festzustellen, dass wir es gar nicht schaffen können. Das führt zur Überbelastung aller Personen und Funktionen, die wiederum erzeugt Fehler, Terminverschleppen und Ärger. Dadurch wächst die Arbeitsmenge enorm an, ohne dass mehr geschafft würde."

Alle, die sich preußisch-protestantisch extrem viel aufhalsen, kennen das zur Genüge. So schreibt der Autor, er ist übrigens u.a. Mathematikprofessor, nicht nur von der Vergeudung unserer Kräfte in dem dann folgenden Kapitel, sondern erläutert das Problem anhand einer mathematischen Formel für Warteschlangenlängen.

Damit zeigt er, dass eine zu hohe Auslastung zu einem Stau der Arbeitsvorgänge führt. 85 % Auslastung sollten nicht überschritten werden. Je mehr ein Mensch zu entscheiden hat, umso mehr benötigt er Luft, um vernünftig nachdenken zu können, bevor er erfolgreich handeln kann.

Werden in Teams zu hohe Ziele gesetzt, führt dies zu einer neurotischen Gruppenbildung mit teamzersetzendem Verhalten. Das weiß jeder, der mit Teams bereits zu tun hatte, wie auch jeder weiß, dass ohne eine hellwache Teamleitung man eine wirklich lobenswerte Arbeitsbereitschaft eines Teams jenseits von Hobbyteams über einen längeren Zeitraum hin vergessen kann.

Dueck thematisiert eine Vielzahl von Nährböden für Schwarmdummheit. Selbstüberschätzung hart arbeitender Inkompetenter scheint mir der übelste Nährboden zu sein. Anstelle von Arbeiten im Hamsterrad sollte man sich mit den Methoden um "Kaizen" befassen und den drei Mu- Prinzipien: Muda, Muri und Mura,  mittels denen man in Japan große Erfolge erzielte.

Es führt zu weit, im Rahmen der Kapitel, nun jedes einzelne näher zu beleuchten. Wichtig ist zu wissen, wo die Grenzen eines Teams angesiedelt sind und wie die Persönlichkeitsstruktur von Teamworkern ausschauen sollte, damit Intelligente auch etwas Intelligentes zu Wege bringen.

"Für Schwarmintelligenz ist die Frage  "Was ist vortrefflich?"essentiell. Wenn sie verdrängt wird, entsteht Schwarmdummheit." (S.153)

Dueck zeigt Seite für Seite, wie es sich bewerkstelligen lässt, Schwarmdummheit im Team zu vermeiden, macht auch deutlich, dass man sich bei Statistikbetrachtungen im Team artikulierte Korrelationen genau ansehen soll und generell es meiden möge, nach Ausreden zu suchen, wenn es darum geht,  dem  Misserfolg ins Auge zu schauen.

Wenn im Team aus Fehlern gelernt werden soll, bedeutet dies, alles Persönliche zurückzustellen und Schuldzuweisungen zu meiden, sich stattdessen mit Erfolgsstrategien zu befassen und diese in Ruhe gemeinsam umzusetzen. 

Gunter Dueck träumt von Managern, die ihre Mitarbeiter wie Freiwillige führen und zu First-Class-Leistungen führen, denn er weiß, dass nur so der Schwarmdummheit entgegengewirkt werden kann. Um klug zu werden, bedarf es der persönlichen Reife und einer Persönlichkeit, die frei von Rechthaberei ist. 

Zuhören, Vorschläge überdenken, dem besten Gedanken den Vortritt geben, gemeinsam an einem Strang in die gleiche Richtung ziehen, aber  zuvor die Richtung genau bestimmen, so kann Schwarmdummheit vermieden werden. 

Also Scheuklappe absetzen, das Ganze der Firma im Auge habe, auch das Ganze der Branche und der Wirtschaft überhaupt, dann denken, kurz besprechen und nicht vor lauter Laberei um Kaisers Bart das Handeln vergessen, so gelangt man zu einem schwarmintelligenten Ergebnis,  das zumeist auch zu Erfolg führt, wenn Fortune mit im Boot ist...  

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Ganz normale Organisation- Zur Soziologie des #Holocaust- Stefan Kühl

Prof. Dr. Stefan Kühl ist der Autor des vorliegenden Buches, das sich mit der Soziologie des Holocaust beschäftigt. Er geht der Frage nach, weshalb so viele Deutsche bereit waren, sich an der Vernichtung der europäischen Juden zu beteiligen. Dabei geht er davon aus, dass über eine Vielfalt von Motiven wie Überzeugung, Zwang, Kameradschaft und Geld hinweg es die Einbindung in die Organisation des NS-Staates war, die sie dazu brachte, sich an Massenerschießungen und Deportationen zu beteiligen. 

Nach einer umfangreichen Einleitung untergliedert Kühl sein Werk in 9 Kapitel. Er berichtet zunächst in dem Kapitel "Jenseits der ganz normalen Männer" und "ganz normalen Deutschen" von den Massenerschießungen in Józefow im Jahre 1942, wo das "Polizeibataillon 101"  innerhalb von 12 Stunden 1500 Juden erschoss. Dieses Polizeibataillon war zwei Jahre hindurch immer wieder an Ghettoräumungen, Deportationen und Massenerschießungen beteiligt. Lebten 1942 noch 320 000 Juden im Distrikt Lublin, so waren es 1946 nur noch 5000. Verantwortlich für die Auslöschung der Juden dort war maßgeblich besagtes Polizeibataillon, (S.53). 

Kühl hinterfragt zahlreiche Begründungen für das Handeln der Mörder, so etwa den Fanatismus, den Sadismus, die Indoktrination und den Judenhass. Doch all diese machen nicht plausibel, weshalb so viele Personen, bei denen vorher kein solches Verhalten festgestellt werden konnte, während des 2. Weltkrieges an Deportationen, Massenerschießungen und Vergasungen teilnahmen. 

Der Autor befasst sich mit den Motiven von Organisationsmitgliedern und den Motivationsmitteln von Organisationen. Dabei ist es für eine Organisation nebensächlich aus welchen Motiven heraus sie handeln, wichtig allein ist, dass gehandelt wird. Thematisiert wird die antisemitische Konsensfiktion und die Zustimmungsdiktatur, zu der auch die schleichende Ausgrenzung der Juden aus dem öffentlichen Leben gehörte und damit die Vernichtung ihrer wirtschaftlichen Existenz. 

Gezeigt wird die schrittweise Durchsetzung der antisemitischen Konsensfiktion und zur Sprache gebracht wird auch der Zwangscharakter der Ordnungspolizei. "Zwangsorganisationen setzen Erzwingungsmittel ein, um auf diese Weise die Teilnahme an der Organisation sicherzustellen.“ Wie es damit bestellt war,   wird beleuchtet. Doch auch die Grenzen der Freiräume. Kameradschaft, Geld etc. sind Themen in der Untersuchung und es wird verdeutlicht, dass das Personal, das für Direkttötungen durch Massenerschießungen und Vergasungen zuständig war,   zumeist in "gierige Organisationen" eingebunden war, die den Anspruch hatten, die Mitglieder zu kontrollieren. Bei solchen "gierigen Organisationen" (Begriff von Lewis A. Coser) handelt es sich um Organisationen, die von ihren Mitgliedern exklusive Loyalität verlangen, indem sie andere Rollenengagements zu kontrollieren, einzuschränken und zu unterbinden suchen. (S.316). 

Das Buch macht begreifbar, dass die Formen exzessiver Gewaltanwendung Teil der informalen Struktur der NS-Gewaltorganisationen waren und dass nicht nur die Mitglieder in auf Massentötungen spezialisierten Organisationen häufig ganz normale Menschen gewesen sind, sondern dass auch die Organisationen, über die die Massentötungen geplant und durchgeführt wurden, Merkmale ganz normaler Organisationen aufweisen.

Das gibt zu denken, weil es klar macht, dass man im Hier und Jetzt und in der Zukunft nicht davor gefeit sein kann, dass Organisationen mörderisch mutieren und ganz normale Menschen zu grausamen Mördern werden lassen.. 

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Suhrkamp und können das Buch direkt bestellen:http://www.suhrkamp.de/buecher/ganz_normale_organisationen-stefan_kuehl_29730.html. Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändlerum die Ecke ordern.

Rezension: #Sklavenmarkt Europa- Das #Millardengeschäft mit der Ware Mensch- #Michael_Jürgs

Michael Jürgs, der Autor dieses Buches ist nach Meinung der Süddeutschen Zeitung der vielseitigste und beste Sachbuchautor hierzulande. Sein Buch "Sklavenmarkt Europa" hat Jürgs in  acht Kapitel untergliedert und eine präzise Definition des Begriffs Menschenhandel vorangestellt. 

Wissen muss man, dass 58 Prozent des im Menschenhandel erzielten Gewinns auf dem internationalen Sexmarkt generiert werden, gefolgt von den Erlösen aus Zwangsarbeit. Hierzu zählen auch die wie Sklaven gehaltenen Dienstboten mit ungefähr 36%, die sich seit der weltweiten Finanzkrise ab 2007/2008 verdoppelt haben. Es folgen an Banden verkaufte Kinder, die für diese betteln und stehlen müssen mit 15% und krimineller, globaler Organhandel. 

Internationale Organisationen wie Europol gehen davon aus, dass – alle Arten von Ausbeutung mitgerechnet- circa zwanzig Millionen Menschen nicht frei über ihr Leben bestimmen können, so der Autor. Dabei sind Frauen und Kinder die begehrteste Ware und damit die am meisten leidtragenden Menschen. 

Einst war Sklavenhandel Menschenhandel und heute ist Menschenhandel Sklavenhandel. Die Mittel und Methoden haben sich geändert und die Absatzmärkte gewandelt. Globale aktive Menschenhändler nutzen heute die modernste Technik um Menschen unter Androhung von Gewalt und unter Machtmissbrauch auszubeuten. 

Der Autor reflektiert auch die Vergangenheit und lässt nicht unerwähnt, dass es Ende des 18. Jahrhunderts etwa 700 000 Sklaven in den Südstaaten gab. Sklavenhändler verschleppten damals auf brutalste Weise Menschen vom afrikanischen Kontinent. Schon 1787 forderten 10700 Einwohner der Industriemetropole Manchester den Sklavenhandel zu verbieten. Die Gier und Niederträchtigkeit von Menschen ist seit der Aufklärung nicht weniger geworden. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein.

Wie Jürgs verdeutlicht, ist Menschenhandel heute nichts anderes als Sklavenhandel in moderner Form. Deshalb auch sollte diese Menschenhändler wie internationale Terroristen bekämpft werden und zwar mit allen erlaubten Mitteln. Genauso ehe ich das auch. 

Ich habe das aufwühlende Buch nicht in einem Rutsch durchgelesen, sondern mir Monate damit Zeit gelassen, weil mich die Themen Zwangsprostitution, Zwangsarbeit, Scheinehen, Haussklaven, Organhandel und Zwangsadoption einfach emotional überfordert haben. 

Rund 300 000 Frauen zwischen achtzehn und dreiundzwanzig werden Jahr für Jahr auf internationalen Märkten feilgeboten. Tausende stammen aus Thailand, Nigeria und Ghana. Es ist schier unmöglich all das, was im Buch zur Sprache kommt, hier anzureißen. Meine Empörung gegenüber diesen widerwärtigen Sklavenhändlern ist nicht in Worte zu fassen und es packt mich der Ekel bei so viel Verkommenheit. Leider  hilft hier keine Aufklärung, sondern nur das Umsetzen von Höchststrafen im Rahmen der Gesetze des Menschenhandels. Anderes zu glauben wäre einfältig.

Man liest von der Schleusungskriminalität, die Schmuggel und Handel umfasst und wie vorhin schon erwähnt, dass seit der Finanzkrise die höchste Zuwachsrate im kriminellen Business Zwangsarbeit sei. 

Erschreckend, was man im 6. Kapitel zum Thema Organhandel lesen muss. Nieren und Leber werden angeboten und offenbar über Ebay verkauft, (S. 261). All die Entsetzlichkeiten detailliert in der Rezension wiederzugeben, erlaube ich mir nicht. 

Ich empfehle Ihnen, sich ein Bild zu machen und das Buch ausführlich zu studieren. Man muss wissen  wie viel Inhumanität hier auf dem Sklavenmarkt Europa stattfindet, um dagegen protestieren zu können.

Die zehn Gebote einer interdisziplinären gesamteuropäischen Strategie von Michael Jürgs (S. 319/320) sollte als Resolution im Internet kursieren und von möglichst vielen Menschen unterzeichnet werden. Alles ist eine Frage von Bewusstsein, speziell die Einhaltung der Menschenrechte. 


Sehr empfehlenswert.

Helga König
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Rezension Peter J. König: #Weltordnung- Henry_Kissinger- C. Bertelsmann

Der Autor dieses Buches mit dem Titel "Welt Ordnung", Henry Kissinger, ist nicht nur einer der bekanntesten, lebenden Staatsmänner überhaupt, sein Rat als "elder statesman" wird mehr denn je gesucht. 

1938 floh er als Jude vor der Verfolgung aus Nazi-Deutschland in die USA, um dort nach einer akademischen Ausbildung viele Jahre später eine Professur für Politikwissenschaften in Harvard anzunehmen. Schon damals zeichnete er sich durch einen brillanten Geist und ungewöhnlich scharfe Analysen aus. Deshalb ist es auch nur plausibel, dass Henry Kissinger ab 1969 als Sicherheitsberater für den amtierenden Präsidenten Richard Nixon tätig war und von 1973 bis 1977 als Außenminister der Vereinigten Staaten amtierte. 

Für seine Bemühungen um die Entspannungspolitik und den Rückzug der US-Truppen aus Vietnam erhielt Kissinger 1973 den Friedensnobelpreis. Auch war er maßgeblich an der politischen Annäherung von den USA mit China beteiligt. Noch heute, mit 91 erlebt man ihn bei Podiumsdiskussionen und Sicherheitskonferenzen. Sein Wort hat Gewicht in der großen Politik. Die Sicherheits- relevanten Fragen hat er immer wieder in sehr lesenswerten Büchern erörtert, die staunend machen, nicht nur welche klaren Erkenntnisse dieser brillante Geist gewonnen hat, sondern wie er auch in der Lage ist, auf der Basis seines Insider-Wissens sie sehr anschaulich zu vermitteln. 

Das hier vorgelegte Werk "Welt Ordnung" ist also dann auch eine profunde Analyse über die Machtverhältnisse zwischen den Völkern und Staaten, die mit dem Ende des "Dreißigjährigen Krieges" und dem daraus entwickelten "Westfälischen Frieden" beginnt und ganz aktuell mit einer zukünftig notwendigen Machtbalance in der sich verändernden, globalen Welt abschließt. 

Dazwischen liegen Jahrhunderte mit Kriegen, Eroberungen und Entdeckungen, die immer wieder dafür gesorgt haben, dass neue Machtzentren entstanden sind, die es galt in ein weltweites Gefüge einzubinden. Um dem Leser dieses alles verständlich zu machen, bedurfte es eines unendlichen Wissens, was auch die Fußnoten bestätigen, aber vielmehr noch eines Autors mit einem ordnenden Überblick, der alle historischen Fakten zu einem großen Ganzen zusammen bindet. 

Dies ist Henry Kissinger einmal wieder hervorragend gelungen. Wer seine Geschichtskenntnisse nicht mehr so ganz parat hat, kann sie erneut auffrischen, und zwar in einem Maße, wie sie anschaulicher nicht sein könnten. Dabei werden Zusammenhänge klar, wie die Machtpolitik der Vergangenheit sich heutzutage erstaunlicherweise erneut widerspiegelt, so als hätte die Menschheit aus der Geschichte nichts gelernt. 

Besonders interessant aber wird es, wenn der ehemalige Außenminister die politische Entwicklung aus seiner aktiven Zeit schildert und so die Zusammenhänge aus seiner Sicht erläutert. Damit es aber nicht nur bei diesem Buch um pragmatische Machtpolitik geht, hat Kissinger versucht auch jeweils die unterschiedlichen philosophischen Hintergründe zu beleuchten, die er besonders bei den amerikanischen Staatsführern zu sehen glaubt. "Welt Ordnung" ist ein wichtiges Buch, denn es erlaubt Zusammenhänge zu erkennen, die selbst dem Politik-interessierten Leser in dieser Kompakt- und Klarheit nicht möglich sind.

Über die Wissensfülle erübrigt sich jede Diskussion. Natürlich kann man in dem einen oder anderen Punkt eine andere politische Auffassung vertreten, wie sie der Autor kundtut, zumal Henry Kissinger nicht nur ein pragmatischer Diplomat ist, sondern auch ein amerikanischer Patriot. Trotzdem ist es gut, gerade in der sich wieder mit verschärften Krisen entwickelnden Zeit einen fundierten Überblick zu bekommen, zumal sich Kissinger nicht scheut neue Perspektiven einer Machtbalance aufzuzeigen, die Antworten geben sollen auf die mögliche Instabilität der globalen Zukunft. 

Um dem Leser bereits hier eine konkrete Vorschau über Henry Kissingers Werk  "Welt Ordnung" zu geben, folgt anschließend noch ein wesentlicher Auszug aus der Inhaltsangabe: 

Einleitung Die Suche nach der Weltordnung 
Kapitel 1 Europa: die pluralistische Internationale Ordnung 
Kapitel 2 Das europäische Kräftegleichgewicht und sein Ende 
Kapitel 3 Islamismus und der Nahe Osten: eine Welt in Unordnung 
Kapitel 4 Die Vereinigten Staaten und der Iran 
Kapitel 5 Die Vielfalt Asiens 
Kapitel 6 Zu einer asiatischen Ordnung Konfrontation oder Partnerschaft
Kapitel 7 "Um der Menschheit willen" Die Vereinigten Staaten und ihr Ordnungskonzept 
Kapitel 8 Die Vereinigte Staaten: eine ambivalente Supermacht 
Kapitel 9 Technik, Gleichgewicht und menschliches Bewusstsein 
Schlussfolgerung Weltordnung in unserer Zeit 

Das abschließende Fazit ist auf einen kurzen Nenner zu bringen: Ein großartiges Buch, das nicht nur ein geschichtliches Kompendium darstellt, sondern in erster Linie zum Nachdenken über die aktuellen Bedrohungen unserer Zeit anregt, und dabei hilft diese einzuordnen. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Rezension: Wir letzten Kinder #Ostpreussens- #Zeugen einer vergessenen Generation- Freya Klier- #Herder_Verlag

Freya Klier, die Autorin dieses bemerkenswerten Buches wurde 1950  in Dresden geboren und ist 1968 zu 16 Monaten Gefängnis wegen versuchter Republikflucht verurteilt worden. Sie gilt als Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung, wurde 1988 gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern verhaftet und unfreiwillig ausgebürgert. Die engagierte Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen u.a. das Bundesverdienstkreuz. 

Im vorliegenden Buch mit dem Titel "Wir letzten Kinder Ostpreussens. Zeugen einer vergessenen Generation" zeichnet sie die Schicksale von sieben ostpreußischen Kindern zu Kriegsende nach. Klier fragt gleich zu Beginn, ob die Zivilisten Ostpreußens, auf die damals die rote Armee zuwalzte, eine Vorstellung davon hatten, was die Menschen im Osten, sprich in Russland, seit Jahren erleiden mussten? Sie fragt weiter, ob die ostpreußischen Zivilisten wussten, in welchem Tempo beispielsweise im September 1941 in der Schlucht von Babi Jar 34000 Juden aus Kiew ermordet wurden? 

Klier erwähnt die Massenerschießungen im Baltikum, in Weißrussland und in Teilen der Ukraine, an denen die Deutsche Wehrmacht beteiligt war und lässt nicht unausgesprochen, dass in den ersten Monaten nach dem Überfall auf Russland rund eine halbe Million Menschen Opfer der Deutschen wurden. Sie  schreibt auch über Leningrad, wo im eisigen Winter 1941/42 aufgrund der Blockade der Deutschen Wehrmacht 470 000 Kinder, Frauen und Männer starben, weil sie ohne Wasser, Nahrung Licht, ohne Strom, ohne Heizung und Kanalisation dahinvegetierten. 

Man liest von der Auslöschung der gesamten jüdischen Stammesgeschichte der Schapiro-Juden, bevor man sich mit dem Schicksal der sieben ostpreußischen Kinder vertraut machen kann, sich aber bereits bewusst gemacht hat, dass das, was in Ostpreußen geschah, die Folge des abgründigen Handelns der Deutschen Wehrmacht in Russland gewesen ist. 

Ich möchte das Buch nicht verkürzt nacherzählen, das inhaltlich im Sommer 1944 beginnt und im 21. Jahrhundert endet. Als Tochter einer Mutter, die das ostpreußische Kriegstrauma seit 70 Jahren in sich trägt, habe ich in diesem Buch vieles gelesen, was ich von Kind an seitens meiner ostpreußischen Vorfahren immer wieder hörte und was auch mein Leben nachhaltig geprägt hat.

Die Zerstörung Königsbergs im August 1944 war der Auftakt zu jenem unermesslichen Leid, das 1945 über Ostpreußen hereinbrach und es traf in erster Linie Zivilisten. Während nun in Ostpreußen der deutsch-russische Kampf tobte, rangen die Flüchtlinge auf dem Haff um ihr Leben. 

Wie Klier schreibt, erreichte der Tod Ende Januar 1945 im Osten ein biblisches Ausmaß. Sie erwähnt die Schiffstragödie der "Wilhelm Gustloff", wo aufgrund von drei sowjetischen Torpedos 9000 Menschen in der Nacht des 30.1. 1945 ertrinken, zumeist waren es Flüchtlinge aus Ostpreußen. Wenige Tage später am 9.Februar 1945 sterben rund 3400 Menschen beim Untergang der "General Steuben", auch dieses Schiff sollte Flüchtlinge aus Ostpreußen in Sicherheit bringen. Im April 1945 ertrinken beim Untergang des Frachters "Goya" fast 7000 Menschen, nachdem das Schiff die Danziger Bucht verließ. 

All das Leid, was unschuldigen Zivilisten angetan wurde, muss man den Nazis zurechnen. Ohne Wenn und Aber. 

Klier schreibt von 7000 Juden, Arbeitssklaven der Nazis, die kaum bekleidet bei eisiger Kälte seitens der SS aus fünf ostpreußischen Außenlagern nach Königsberg getrieben werden. Auch der Mord an diesen Juden  später an der Samlandküste bleibt nicht unerwähnt. Im 1. Februar 1945 ermordet die SS Tausende wehrloser Juden am Strand von Palmicken. Er war der letzte Massenmord der Nazis an europäischen Juden....

Das Buch in seiner Gesamtheit ausführlich zu rezensieren überfordert mich emotional. Man liest von den Massenvergewaltigungen ostpreußischer Frauen und  immer wieder von  grausigen Morden. Der Vernichtungsfeldzug der Deutschen Armee im Osten forderte 6 Millionen polnische Kriegsopfer und 25 Millionen russische Tote, davon 8.6 Millionen Soldaten.

Ich wundere mich nicht über die Unbarmherzigkeit, mit der Rache geübt wurde. Gleichwohl wundere ich mich, dass überhaupt jemand überlebt hat.

Die Autorin lässt ihr Buch nicht unmittelbar nach 1945 endet, sondern begleitet die "letzten Kinder Ostpreußens" bis in unsere Gegenwart. 

Kann ein Mensch, der diese Hölle als Kind erlebt hat, jemals wirklich  fröhlich sein?

Ein aufwühlendes Buch, das ich jedem zu lesen empfehle und das mich in meiner pazifistischen Grundeinstellung  nur noch bestärkt.

Empfehlenswert.

Helga König

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Rezension: Die Ottonen und das Konzept eines vereinten Europas- Robert F. Barkowski

Robert F. Barkowski ist der Autor dieses hoch-interessanten, bebilderten Buches, das allein schon des Titels wegen neugierig macht. 

Wie der Autor die Leser wissen lässt, war die Epoche der Ottonen von herausragenden Persön-lichkeiten geprägt, die sich mit hohem Einsatz bemühten, Staatsgebilde zu konstruieren, die mit einer zentralen Macht eine politische, administrative, kulturelle und religiöse Einheit garantieren vermochten. Diese Bemühungen rief aber auch Widersacher auf den Plan, wodurch eine konfliktreiche Phase der feudalen Zersplitterung einsetzte. 

Es waren die Ottonen, die ein viele Völker vereinendes Reich schufen. Benannt wurde die Dynastie nach ihrem ersten Kaiser Otto dem Großen. Sie endete mit Otto III., seinem Enkel, der keine Nachkommen hatte. 

Man erfährt im Buch zunächst Wissenswertes über Europa im 9. und 10. Jahrhundert und wird über Heinrich I., Otto I., II. und III. sowie Heinrich II. und das Ende der Ottodynastie aufgeklärt. Des Weiteren im Fokus steht Kaiserin Theophanu, die berühmte Prinzessin aus Byzanz, die als Gemahlin Otto II. Mitkaiserin des Ottonenreichs wurde. 

Es führt zu weit, auf Einzelheiten des gut strukturierten Buches einzugehen, das sich speziell wegen des Leitbildes eines friedlichen, europäischen Staatensystems, das damals möglicherweise entstand, als nicht uninteressante Lektüre erweist.

Rezension: Warum die Sache schiefgeht- Karen #Duve

Karin Duwe ist eine Autorin von beeindruckender Intelligenz. Das beweist sie in ihrem Essay "Warum, die Sache schiefgeht- Wie Egoisten, Hohlköpfe und Psychopathen uns um die Zukunft bringen."

Freunde wird sich die Autorin in den Vorstandsetagen mit ihrer Streitschrift nur wenige machen, denn bis zum heutigen Tage sind Boten schlechter Nachrichten nicht sonderlich beliebt.

Duwe wartet in ihrem Buch mit vielen Fakten auf, die dokumentieren, dass der globale Kollaps nicht zu verhindern ist, sofern wir unseren Lebensstil nicht umgehend ändern. Dabei spricht sie von einem ungezügelten Generationsimperialismus, der durch bestimmte Verhaltensmuster in den Chefetagen vorangetrieben wird. 

Wie Duwe eingangs bereits festhält, wird weiteres Wirtschaftswachstum nur noch kurzfristig zu mehr Wohlstand führen, langfristig jedoch  "zu mehr Klimaerwärmung, mehr Müll, mehr Hunger, mehr Dürrekatastrophen, mehr Waldbränden und mehr Überschwemmungen." Die Ausbeutung der Ressourcen, das Artensterben und die Überbevölkerung sind neben anderen Faktoren jene, die den Kollaps beschleunigen. 

Ein Grundproblem, dass es zu dieser Entwicklung gekommen ist, scheinen Personen in Chefetagen und in höchsten Ämtern zu sein, die man als Psychopathen bezeichnen muss. Duwe erwähnt den amerikanischen Wirtschaftspsychologen Paul Babiak, der ermittelt hat, dass der Anteil an Psychopathen bei US- Managern bei 8 % liegt. Das bedeutet, dass es ansonsten nur noch in den Hochsicherheitstrakten amerikanischer Gefängnisse eine höhere Psychopathen-Dichte gäbe.

Kerneigenschaften von Psychopathen sind kompromissloser Eigennutz und Skrupellosigkeit und der hemmungslose Gebrauch anderer Menschen.  Duwe schreibt von typischen psychopathischen Verhaltensmustern wie beispielsweise einem grandiosen Selbstwertgefühl, Überzeugungskraft, oberflächlicher Charme, Rücksichtslosigkeit, fehlende Reue und die Fähigkeit andere Menschen zu manipulieren. Diese Eigenschaften werden in Führungskreisen der Wirtschaft  eher positiv gesehen, was leider zu sehr negativen langfristigen Folgen auf unserer Erde führt. 

Psychopathische Verhaltensweisen werden nicht selten mit Alphatierverhalten in der Wirtschaft verwechselt, weil emotionale Defizite wie Leichtsinn, Selbstüberschätzung, Rücksichtslosigkeit und kaum vorhandenes soziales Interesse mit den gewünschten Unternehmertugenden Risikobereitschaft, Selbstvertrauen, Durchsetzungsfähigkeit und unbegrenztem Einsatzwillen gleichgesetzt werden. Eine fatale Fehleinschätzung!

Solange Psychopathen ihr zerstörerisches Verhalten in den Dienst einer Firma stellten und rücksichtslos Gewinne einbrächten, würden sie als effiziente Mitarbeiter gefeiert, doch der Schaden den Psychopathen volkswirtschaftlich anrichten, ist so extrem, dass mittlerweile bereits Persönlichkeitstests für die Auswahl von Führungskräften gemacht werden, die bestimmte psychopathische Charaktermerkmale herausfiltern, aber bedauerlicherweise nicht alle.

Leider verhielte es sich  immer noch so, dass  Schamlosigkeit, Rücksichtslosigkeit und die Abwesenheit von Mitleid die Grundvoraussetzungen dafür seien, eine Spitzenposition zu besetzen. Duwe zeigt Beispiele auf, so etwa in der Finanzwirtschaft, die dokumentieren, was geschieht, wenn man der Gier freien Lauf lässt. Managertugenden wie "Risikobereitschaft" werden unter die Lupe genommen und immer wieder stellt Duwe Überlegungen an, wie bestimmte Verhaltensmerkmale sich negative auf verantwortliches Handeln auswirken können. 

Auch Selbstvertrauen thematisiert sie und beleuchtet das Problemfeld der multiresistenten Keime ausgiebig, ähnlich ausführlich wie sie zuvor schon  die Risikoeinschätzung von Teilchenbeschleunigung in Augenschein genommen hat. Bereits jetzt sterben jedes Jahr 37 000 Europäer an Infektionen mit multiresitenten Keimen und die europäische Gesundheitsbehörde hält besagte Keime für die bedeutendste Krankheitsbedrohung in Europa. Die Agrarindustrie schert dies offenbar wenig. 

Bedrohliche Veränderungen allerorten sind das Ergebnis der Gier von Psychopathen in Führungsetagen. Das scheint nach der Lektüre des Buches gewiss. Einhalt geboten werden könnte all dem wohl nur mittels striktem Umsetzen eines neuen Wertebewusstseins und der Erkenntnis, dass Psychopathen und Soziopathen in den Führungsetagen der Wirtschaft und Politik nichts, aber auch gar nichts verloren haben, denn hier sollte Verantwortungsbewusstsein oberstes Gebot sein..

Empfehlenswert.

Helga König

Rezension Peter J. König: Sven Kuntze Die schamlose Generation C. Bertelsmann

Der Fernsehjournalist und Buchautor Sven Kuntze, vielen von uns noch bekannt als WDR-Korrespondent in New York und Washington, aber auch als Moderator des ARD-Morgenmagazins hat nach seinem Eintritt in den Ruhestand mitnichten sich unter südlicher Sonne zurückgezogen. Als freier Journalist und Moderator in Berlin nahm er sich unter anderen eines Themas an, das in zunehmendem Maß unsere Gesellschaft vereinnahmt und bestimmt. Es ist das Alter in seinen unterschiedlichen Facetten, das Sven Kuntze, Jahrgang 1942 thematisiert. 

Für seine Reportage-Alt sein auf Probe- einen Bericht über seine Erfahrungen im Altenheim, das er probeweise für einige Wochen aufgesucht hatte, wurde er 2008 mit dem Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet. 2011 veröffentlichte er sein Buch-Altern wie ein Gentleman- mit großem Erfolg und einem monatelangen Platz in den Bestsellerlisten. Sven Kuntze hat nun erneut ein bemerkenswertes Buch vorgestellt, mit dem Titel "Die schamlose Generation", in dem er feststellt, wie seine Generation, nämlich die Vierziger, die Ressourcen der zukünftigen Jahrgänge nicht nur verfrühstückt, sondern auch nichts als Schulden, Umweltbelastungen, leere Rentenkassen und eine überalterte Gesellschaft den zukünftigen Generationen übergibt. 

Der Autor analysiert sehr exakt, wo die Gründe zu diesem Verhalten zu suchen sind. Dabei thematisiert er den Bruch zwischen der streng hierarchisch geführten Vorkriegsgesellschaft und dem Wandel der sich durch den Zusammenbruch durch den Zweiten Weltkrieg abrupt vollzog. Der Ruf nach Freiheit und das Abstreifen aller erstarrten Konventionen sollte dazu führen, dass auch der Generations-übergreifende Konsens aufgelöst wurde und die Verantwortung die daraus erwächst, als nicht mehr erstrebenswert erachtet worden ist. Das individuelle Glück, zumeist als persönlicher Vorteil bemessen, war die Maxime, die die Vierziger bestimmt haben bei all ihren Entscheidungen, ob in Politik, Familie oder was die Zukunft generell anbetrifft. 

Getreu dem Motto: Heute leben und nicht an morgen denken, haben sie die letzten Winkel dieser Erde bereist und sich eher mit der Freizeit- als der Familienplanung beschäftigt, Technologien entwickelt, deren Folgen kaum beherrschbar sind und die noch viele Generationen belasten werden, so wie die Atomenergie. Kuntze konstatiert, dass seine Generation sich ausgeprägt mit den Rechten der Gesellschaft beschäftigt hat, weniger mit den Pflichten, die ebenso aus der Gemeinschaft erwachsen, aber alles andere als spektakulär sind, also völlig uncool. 

Coolness ist sowieso das Zauberwort der Vierziger, wer das nicht bringt, ist nicht auf der Höhe der Zeit und wenn er gar von Verantwortung spricht, ist er spießig und muffig, und ihm wird gar unterstellt, dass er die ach so schöne immerwährende Party versauern möchte. Die Zeche zahlen die Kinder und Kindeskinder, so Sven Kuntze. Wachstum um jeden Preis war die Devise, die alles zu ermöglichen schien. 

Mittlerweile sind die Vierziger in die Zielgrade des Lebens eingebogen, auch der Autor, der sich zum Ende seines sehr Nachdenkens werten Buches fragt, ob der zu zahlende Preis für die Nachkommen nicht viel zu hoch ist, völlig unzumutbar erscheint und ein jahrtausendealtes Generationsprinzip zumindest ins Wanken gebracht hat. Mittlerweile haben Begriffe wie Nachhaltigkeit, Langfristigkeit, Solidität aber auch Zumutbarkeit in die Zukunft wieder in das Denken der jüngeren Generationen Einzug gehalten. Wenn man sich allerdings auf den Flughäfen dieser Welt so umschaut, scheinen die Vierziger mit diesem Gesinnungswandel noch so ihre Probleme zu haben. Nicht desto trotz bietet Sven Kuntze Lösungsansätze an, denn er sieht noch Möglichkeiten bei konsequentem Handeln die schlimmsten Folgen des Selbstverwirklichungstrip seiner Generation abwenden zu können.

"Die schamlose Generation" von Sven Kuntze ist ein sehr lesenswertes Buch, denn es zeigt die ach so freie Generation unter einem anderen Gesichtswinkel, wenig selbstverklärt und kritisch eingebettet im Rahmen größerer Zusammenhänge. Beachtlich ist, dass der Autor sich keineswegs dabei ausspart und mit einem gehörigen Maß an Selbstkritik, aber auch Selbstironie dem Leser umfassend nahebringt, was die Vierziger am wenigsten akzeptieren wollen, Kritik an ihrer eigenen Lebensführung.

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Rezension: Psychopolitik- Neoliberalismus und die neuen Machttechniken

Prof. Dr. Byung –Chul Han hat mit "Psychopolitik – Neoliberalismus und die neuen Machttechniken" ein Buch auf den Markt gebracht, das mich gedanklich sehr beschäftigt hat, denn er zeigt auf, dass die digitale Kontrollgesellschaft, in der wir leben, uns eine Freiheitskrise beschert.

Zunächst definiert der äußerst eloquente Autor, was er unter Freiheit versteht und definiert: "Frei sein heißt frei von Zwängen sein." Im Hier und Heute aber verhält es sich so, dass wir eine Vielzahl von inneren Zwängen und Selbstzwängen aufgebaut haben und zwar in Form von Leistungs- und Optimierungszwängen, demnach weit entfernt von Freiheit sind. Diese neue Unfreiheit, die Folge der digitalen Kontrollgesellschaft ist, führt zu Krankheitsbildern wie Depression oder Burnout. 

Byung-Chul Han macht klar, dass das neoliberale Subjekt als Unternehmer seiner selbst unfähig sei, Beziehungen zu anderen aufzubauen, die frei vom Zweck seien. Frei-sein aber bedeute ursprünglich bei Freunden zu sein. Das neoliberale Subjekt aber sei vereinzelt und insofern unfrei. Der Autor resümiert: "Der Neoliberalismus ist ein sehr effizientes, ja intelligentes System, die Freiheit selbst auszubeuten." (S.11). Der Wissenschaftler, der seit 2012 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin lehrt, schreibt, dass alles, was zu Praktiken und Ausdrucksformen der Freiheit gehöre, so etwa Emotion, Spiel und Kommunikation ausgebeutet werde. Untergraben wird die Freiheit, die ein Synonym für eine gelingende Gemeinschaft sei.

Der Neoliberalismus sei eine Mutationsform des Kapitalismus, forme aus dem Arbeiter einen Unternehmer und aufgrund dieser perfiden Methode die fremdausgebeutete Arbeiterklasse. Heute ist jeder ein "selbstausbeutender Arbeiter seines eigenen Unternehmens".

Nach Auffassung des Autors lässt sich die Unterscheidung von Proletariat und Bourgeoisie  insofern nicht mehr aufrechterhalten, denn heute sind alle von einer Diktatur des Kapitals beherrscht. Alle Klassen sind im Neoliberalismus von der Selbstausbeutung betroffen. 

Wer in der neoliberalen Leistungsgesellschaft scheitert, stellt das System nicht in Frage, sondern macht sich selbst verantwortlich. Das scheint die besondere Perfidie des neoliberalen Regimes zu sein. Die Aggression richtet sich gegen sich selbst. Heute werden Ausgebeutete nicht mehr zum Revolutionär, sondern sie werden depressiv, (vgl.: S.16).

In der digitalen Kontrollgesellschaft pervertiert die Freiheit und wird zur freiwilligen Selbstausleuchtung und Selbstentblößung. Dies geschieht unter dem Namen der Informationsfreiheit. Mehr Kommunikation und Information bedeute mehr Produktivität, Beschleunigung und Wachstum. Ein gutes Beispiel hierfür scheint mir Amazon zu sein. Auf deren Verkaufsplattform kann man sich die Thesen Byung Chul Hans sehr gut vergegenwärtigen.

Nach Auffassung des Autors werden Personen im Neoliberalismus entinnerlicht und zwar weil Innerlichkeit dessen Ziele  behindere und die Kommunikation verlangsame, gar blockiere.

Im Neoliberalimus sind wir keine freien Bürger mehr, sondern Konsumenten, unfähig politisch zu handeln. Da der Mensch im digitalen, neoliberalen Zeitalter sich pausenlos selbstausleuchtet und ständig im Netz kommuniziert, ist Datenschutz kein wirkliches Thema mehr, weil die Geschützten durch ihr Tun die staatlichen Schutzmaßnahmen fortwährend unterlaufen.

Wir kommunizieren unsere Meinungen, Bedürfnisse, Wünsche und Vorlieben, setzen auf freiwillige Selbstoptimierung und Selbstorganisation und werden auf diese Weise in der neoliberalen Kontrollgesellschaft unfrei und krank.

Wie kann man sich diesen Mechanismen entziehen und dennoch im Internet agieren? Ich denke, man muss sich genau überlegen, wo man sich platziert, welche Informationen man nach außen gibt und in welchem Rahmen man tatsächlich unter Freunden ist.

Der Autor schreibt u.a. über Betrachtungen des französischen Philosophen Foucaults, dem Begrifflichkeiten wie Selbstausbeutung noch nicht bekannt waren. Thematisiert werden zudem auch die sich immer intensiver vermehrenden Persönlichkeitsseminare und Mentaltrainings, deren Aufgabe es ist die Selbstoptimierung des Einzelnen in der neoliberalen Kontrollgesellschaft zu verbessern. Diese betrachtet er mit großer Skepsis.

Der Freiraum im Neokapitalismus ist so eng, dass die Menschen kaum mehr atmen können. Alles führt zur totalen Selbstausbeutung. Wer Amazon kennengelernt und das System dort begriffen hat, weiß wie perfide die Methoden sein können. Vielleicht muss man dort an seine eigenen Grenzen gegangen sein, um die Methoden des Neokapitalismus wirklich in ihrer gesamten Perfidie zu kapieren.

Es stimmt, wenn Byung-Chul Han sagt, dass das Subjekt des neoliberalen Regimes am Imperativ der Selbstoptimierung zugrunde gehe, nämlich am Zwang, immer mehr Leistung hervorzubringen.

Es stimmt fernerhin, dass wir uns in einer Diktatur der Emotion befinden, weil der Neoliberalismus erkannt hat, dass die Emotionalisierung die Produktivität steigert. Ebenfalls benutzt wird das Wissen, dass der spielende Mensch produktiver ist. Deshalb auch wird die Gratifikationslogik von "Likes" zur Produktions- bzw. der Verkaufssteigerung genutzt. Bestes Beispiel: Amazon.

Was können wir tun, um unsere Individualität und Freiheit nicht vollständig aufzugeben? Wir  können neoliberale Strukturen im Netz ausloten und analysieren, Selbstausbeutung  bewusst begrenzen und uns dort aufhalten, wo wir unter Freunden sind, denn solche Orte versprechen zumindest eine relative Freiheit. 

Sehr empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Fischerverlag und können dort das Buch direkt bestellen.http://www.fischerverlage.de/buch/psychopolitik/9783100022035
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Rezension Peter Jakob König: Wirtschaft im Würgegriff- Wie das Kartellamt Unternehmen blockiert- Detlef Brendel Florian Josef Hoffmann

Der Wirtschaftspublizist Detlef Brendel und der Wirtschaftsjurist Florian Josef Hoffmann haben sich mit ihrem Buch "Wirtschaft im Würgegriff-Wie das Kartellamt Unternehmen blockiert", erschienen im renommierten Campus Verlag, sich eines Themas angenommen, dessen Brisanz in der Öffentlichkeit bisher nur peripher wahrgenommen wurde, wenn überhaupt, die Unternehmen jedoch empfindlich trifft, ja sogar für sie existenzbedrohend sein kann. 

Der Titel des Buches sagt deutlich aus, worin die beiden Autoren die Gesamtproblematik dieses Themas sehen. Sie beleuchten die Rolle des Bundeskartellamtes und welche Auswirkungen deren Strategien auf die einzelnen Unternehmen, aber darüber hinaus auf die gesamte volkswirtschaftliche Situation haben.

Damit der geneigte Leser überhaupt eine Vorstellung davon erhält, worum es sich hierbei eigentlich handelt, nicht jeder ist auf Anhieb in dieser zugegebenermaßen nicht unkomplizierten Materie zuhause, haben sich Detlef Brendel und Florian Josef Hoffmann bemüht, diesen Komplex in unserem gesamtwirtschaftlichen Handeln besonders transparent zu gestalten. Dies ist auch der Sinn dieses Buches. Es soll der Aufklärung dienen, und nicht ein weiteres Exemplar im Meer der unendlichen Wirtschaftsliteratur werden. Denn nur wenn der Inhalt dieses Werkes einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich ist, besteht die Möglichkeit, die aktuelle Rolle des Bundeskartellamtes zu erfassen und über ihr, wie die Autoren herausarbeiten, nachteiliges Verhalten für unsere wirtschaftliche Prosperität nachzudenken, mit der Folge einer dringend notwendigen, grundsätzlichen Korrektur. 

Wenn man sich das Inhaltsverzeichnis vornimmt, wird klar, wie Detlef Brendel und Florian Josef Hoffmann es gelungen ist, dem interessierten Leser die Sachverhalte nahe zu bringen. Insgesamt ist das Buch in drei Teile gegliedert, wobei im ersten Teil der Wirtschaftspublizist Brendel das Handeln der Behörde analysiert, im zweiten Teil Interviews mit drei namhaften Unternehmerpersönlichkeiten von Familienunternehmen zu diesem Thema geführt werden und im dritten Teil der Wirtschaftsjurist Hoffmann die historischen, theoretischen und politischen Hintergründe dazu erläutert. Damit ein erster Eindruck hier vermittelt wird, ist es interessant sich die einzelnen Untertitel aus dem ersten Teil von Detlef Brendel anzuschauen. Sie lauten:

1. Eine verhängnisvolle Atmosphäre
2. Verabredung für oder gegen 
3. Omnipotenz 
4. Das Prinzip Discountry 
5. Staat statt Markt 
6. Allmachtsfantasien 
7. Medienmaschinerie Kartellamt 
8. Unternehmerisches Selbstbewußtsein 

Schon die Überschriften zeigen deutlich, welche vermeintlichen Missstände hier aufgezeigt werden sollen. Es geht um die grundsätzliche Frage: Was macht das Kartellamt, was darf es und welche Auswirkungen hat das Ganze auf die Unternehmen, welche Handlungsspielräume sind den Unternehmern noch geblieben, ohne dass sie befürchten müssen, mit Bußgeldern in Millionenhöhe belegt zu werden? 

In den Unternehmergesprächen im zweiten Teil wird es dann konkret:
9. Gespräch mit Alfred T. Ritter, Alfred Ritter Gmbh&Co.KG
10. Gespräch mit Wolfgang Fritsch-Albert,  Westfalen AG
11. Gespräch mit Friedrich Neukirch, Klosterfrau Healthcare Group.

Hier werden drei Unternehmensführer von drei mittelständigen, namhaften traditionsreichen Familienunternehmen interviewt, bezüglich ihrer Erfahrungen mit dem Kartellamt, welchen Belastungen sie dadurch ausgesetzt sind und wie sie das Handeln der Behörde aus Unternehmersicht sehen. Ausdrücklich wird bei diesen Interviews darauf hingewiesen, dass es nicht einfach war, überhaupt jemanden zu finden, sich öffentlich zu dieser Thematik zu äußern, zu brisant scheint das Thema. 

Florian Josef Hoffmann, der Ökonom und Jurist hat im dritten Teil sich sehr intensiv und informativ der Frage angenommen, wie sind eigentlich die historischen, theoretischen und politischen Hintergründe der staatlichen Wettbewerbspolitik und des Kartellverbots? Auch hier wieder die einzelnen Sequenzen dieses dritten Teils: 
12. Das Ende der Moral 
13. Kartellrecht ist Kartellunrecht 
14. Von Smith und Erhard. So entstand der Würgegriff 
15. Das Kartell-Vom Retter der Wirtschaft zum Unwort des     Jahrhunderts 
16. Die Befreiung vom ideologischen Würgegriff
17. Der Ausweg aus dem Würgegriff
18. Auf einen Blick: Fakten und Argumente 

Liest man die Überschriften fällt es nicht schwer auch hier den eindeutigen Tenor der Abhandlungen zu erkennen. Dabei wird besonders deutlich, warum und wie Kartelle sich gebildet haben, und wie in den letzten Jahrhunderten der Wirtschaftsgeschichte damit umgegangen worden ist. Entgegen der momentan herrschenden Meinung wird aufgezeigt, dass dies durchaus zur wirtschaftlichen Blüte in früheren Jahrzehnten geführt hat.

Fazit: „Wirtschaft im Würgegriff-Wie das Kartellamt Unternehmen blockiert“ von Detlef Brendel und Florian Josef Hoffmann ist ein sehr informatives Buch, das nicht nur für Betriebs- oder Volkswirte geschrieben worden ist. Ganz im Gegenteil es zeigt aktuelle Problematiken der Unternehmen auf, die sie mit dem Kartellamt ausfechten müssen. Da aber nicht der Staat sondern diese Unternehmen, besonders im Mittelstand mit Abstand die meisten Arbeitsplätze in unserem Land schaffen, ist das Verhalten des Kartellamtes auch ursächlich für diesen Bestand und deshalb auch ein wichtiges Thema für die breite Öffentlichkeit. Dass hier von den beiden Autoren die richtige Sprache gewählt wurde, um in dieser breiten Öffentlichkeit verstanden zu werden, macht den besonderen Reiz dieses Buches aus, zumal, wie zuvor schon erwähnt, nicht jeder sofort mit dieser Materie etwas anfangen kann. Wenn dadurch auch noch eine politische Diskussion in Gang gesetzt wird, deren Ziel es ist, das Handeln des Bundeskartellamtes wieder unter objektiven Gesichtspunkten zu betrachten, ist das Bemühen von Detlef Brendel und Florian Josef Hoffmann ganz besonders erfolgreich. 

Sehr empfehlenswert

Rezension: Nachdenken über das 20. Jahrhundert- Tony Judt; Timothy Snyder

Autoren des Buches sind der 2010 verstorbene Erich-Maria-Remarque-Professor für Europäische Studien in New York Tony Judt und der Historiker Timothy Synder. 

Das Werk sollte man als historischen und biographischen Text, aber auch als moralphilosophische Abhandlung verstehen. Es handelt sich um eine politische Ideengeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. Dabei geht es um die Themen Macht und Gerechtigkeit und zwar in der Weise wie sie seit dem späten 19. Jahrhundert seitens liberaler, sozialistischer, kommunistischer, nationalsozialistischer und faschistischer Intellektueller interpretiert werden. 

Neben den oben schon genannten biographischen Facetten geht es im Buch auch um die Grenzen und die Erneuerungsfähigkeit politischer Ideen und um die Aufgabe sowie das Scheitern von Intellektuellen.

Das Werk ist eine Art Gespräch zwischen den beiden Autoren und ein Ausdruck der Spontanität, Unberechenbarkeit und er gelegentlich spielerischen Art zweier Dialogpartner, wie Snyder schreibt. Was ich als Leser bestätigen kann. 

Das Nachwort hat Tony Judt verfasst. Das Buch verdeutlicht, dass die Aufgabe des Intellektuellen im einundzwanzigsten Jahrhundert darin bestehen könnte, für die Wahrheit einzutreten und dabei zugleich ihre verschiedenen Formen und Grundlagen zu akzeptieren.

Es führt zu weit den, den höchst komplexen Inhalt hier zu erörtern. Letztlich geht es um die Frage nach den Wahrheiten. 

In seinem Plädoyer zum Schluss macht Tony Judt deutlich, dass der Sozialstaat es ist, welcher ein anständiges Leben für alle ermöglicht. Die ist  die Wahrheit der Menschenfreundlichkeit. 

Doch eine ultimative Grundwahrheit scheint es bei allen Erörterungen nicht zu geben, wenn man intensiv über das 20. Jahrhundert nachdenkt.  Trotz allem lohnt sich das Nachdenken, wie  dieses Buch begreifbar macht.

Empfehlenswert.

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Rezension:Idole und Idioten: Haarsträubende Erlebnisse auf der Chefetage -Bob Lutz

"Die beste Methode, um die Intelligenz eines Führenden zu erkennen, ist, sich die Leute anzusehen, die er um sich hat.", (Niccolò Machiavelli)

Der Autor dieses äußerst aufschlussreichen Buches ist Bob Lutz, der ehemalige stellvertretende Vorstandschef von General Motors, der im Laufe seiner Karriere auf weitere Führungspositionen bei BMW, Ford und Chrysler zurückblicken kann. In seinem neuen Buch porträtiert er folgende Ex-Magnaten:

Georges –André Chevallaz (Stadtpräsident von Lausanne), Robert «Bob» Wachtler (Director of Forward Planning, GM Overseas Operations), Ralph Mason (Vorstandsvorsitzender, Adam Opel AG), Eberhard von Kuehnheim (Vorstandsvorsitzender, Adam Opel AG), Philip Caldwell (Chairman und CEO, Ford Motor Company),Harold A. «Red» Poling (Chairman und CEO, Ford Motor Company), Lee Iacocco (Chairman und CEO, Chrysler Corporation, Robert J. «Bob» Eaton (Chairman und CEO, Chrysler Corperation), Arthur M. Hawkins (Chairman und CEO, Exide Technologies), G. Richard «Rick» Wagoner (Chairman und CEO, General Motors)

Bob Lutz beleuchtet in seinem Buch Führungspersönlichkeiten sowie Führungsqualitäten und versucht zu ergründen, weshalb die Größten unter ihnen so erfolgreich waren. Erfolg misst sich am Ergebnis. Deshalb geht es um die Fragen: Haben die angeführten Top-Manager die Unternehmen unter ihren Amtszeiten vorangebracht und wurde für alle Beteiligten ein monitärer Wert geschaffen. Das Untersuchungsergebnis lautet ja, wie alle angeführten Beispiele deutlich machen und dies offenbar auch, weil die Protagonisten alle komplizierte Charaktere aufgeweisen oder klarer ausgedrückt, sich als geistig und emotional widersprüchlich offenbaren. Nicht selten treten neben positiven Eigenschaften bei Erfolgsmenschen auch Eigensinn, Unzufriedenheit, Unbeherrschtheit, Dominanzgebaren, Ungeduld, Kompromisslosigkeit etc. auf, doch vielleicht ist es dieser Mix, der notwendig ist, um Firmen voranzubringen und in Krisen das Schiff unbeugsam durch stürmische See zu steuern.

Schon die erste Persönlichkeitsbeschreibung im Buch fand ich faszinierend. Hier skizziert der Autor seinen Lehrer George –André Chevallaz, der später Stadtpräsident von Lausanne wurde und mehrere bemerkenswerte Bücher schrieb. Dieser Lehrer beeindruckte offenbar durch seine hohe Intelligenz, seine Dynamik und Entschlossenheit, aber auch dadurch, dass er Leistungsstarke förderte und stärkte, indem er ihnen viel Wissen, intellektuelle Neugierde, kritisches Urteilsvermögen und Charakter vermittelte, wie sie es nur mit harter Arbeit in sich aufnehmen konnten.

Um ein wirklich guter Wirtschaftslenker zu werden, müssen all diese Fähigkeiten sehr trainiert sein, doch offenbar bedarf es noch anderer Fähigkeiten, die Erfolgsmenschen vom Durchschnittstypen unterscheiden. Das zeigt dieses Buch, das den ganz normalen Wahnsinn in Führungsetagen facettenreich nachzeichnet.

Sehr lesenswert. 

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Rezension Peter J. König: Maos Grosser Hunger, Frank Dikötter

Im Klett-Cotta Verlag ist in deutscher Übersetzung das schockierende, aber besonders informative Buch des Professor of Humanities an der Universität von Hongkong Dr. Frank Dikötter erschienen. Der Titel "Maos Grosser Hunger" deutet pauschal schon an, worum es sich in dem hier vorliegenden Werk handelt.

Aufgearbeitet wird die Zeit von 1958 bis 1962 als Mao Zedong, der uneingeschränkte Parteiführer und chinesische Staatslenker sich anschickte, das Land und seine etwa 800 Millionen Menschen mit Hilfe der Parteikader und den Milizen zum "Großen Sprung nach vorn" zu prügeln. Animiert durch die Sowjet-Union, die in einem Zeitraum von 10 Jahren nach den Ankündigungen von Generalsekretär Chruschtschow die USA in ihrer wirtschaftlichen Stärke überholen wollten, verkündete der große Führer Mao, dass China in 15 Jahren die Produktivität Englands hinter sich lassen würde, speziell in der Eisen-und Stahlproduktion.

In den 1950iger und 1960iger Jahren gehörte Großbritannien noch zu den führenden Nationen auf diesem Sektor. Um dieses Ziel zu erreichen wurde der Plan vom "Großen Sprung nach vorn" entwickelt, einer Kampagne zum Umbau der chinesischen Gesellschaft und Wirtschaft, weg von einer Agrar- und Händlergesellschaft, hin zu einer besitzlosen Verstaatlichung, gelenkt durch eine zentrale Planwirtschaft.

Das Zentralkomitee mit Mao an der Spitze gab die Ziele vor, die von den Politkadern über alle Ebenen bis in die dörfliche Grundstruktur mit Hilfe der Milizen und der Armee durchgesetzt werden mussten. Umgekehrt war der erfolgreiche Vollzug von unten nach oben zu melden, Fehlschläge beim Erreichen der Planzahlen zogen drastische Folgen für die Verantwortlichen nach sich. Um die utopischen Ziele zu erreichen, wurde zunächst eine generelle Enteignung angeordnet, sämtliches privates wurde in staatliches Eigentum umgewandelt, bis hin zum Nachttopf einem Utensil, das in jedem chinesischen Haushalt vorhanden war.

Die Ernährung der Menschen wurde durch Volksküchen organisiert, die Rationen entsprachen der Leistungsfähigkeit jedes Einzelnen oder der Anordnung durch die Partei. Die verfehlte Planwirtschaft, das Missmanagement und die Enteignung hatten verheerende Ausmaße. Anstatt die Produktivität zu erhöhen, waren der Zerfall der gewachsenen Strukturen in der Industrie und in der Landwirtschaft die Folgen. Die Versorgung der Menschen war nicht mehr gewährleistet. Es kam zu einer Hungerkatastrophe unendlichen Ausmaßes.

Millionen von Menschen, nach ersten Überblicken mehr als 50 Millionen starben unter erbärmlichsten Bedingungen, ohne dass die Führungskader eine Notwendigkeit sahen die Planungen zu verändern, um sie nach realistischen Zielen auszurichten. Tod und Verelendung wurden als Kollateralschaden der Revolution hingenommen. Erst als die chinesische Volkswirtschaft Anfang der 1960iger Jahre drohte zu kollabieren, wurde die Planwirtschaft entschärft und mit Hilfe einer wieder zugelassenen Privatnutzung und der Wiedereinführung von örtlichen Märkten die Massentötung gestoppt.

Die Volkswirtschaft begann sich wieder zu erholen. Das Leid der Menschen war jedoch unendlich, die Familienstrukturen begannen sich aufzulösen, Kinder wurden fortgegeben oder wenn sie krank und schwach waren, ließ man sie bewusst verhungern. Diebstähle durch die Hungernden wurden mit drastischen Strafen von Seiten der Politfunktionäre geahndet, dabei sind Hunderttausende zu Tode geprügelt worden. Es kam zu Kannibalismus und menschenunwürdigen Verzweiflungshandlungen, wenn Tierkadaver oder gar Leichen wieder ausgegraben wurden, um sie in gekochtem Zustand zu verschlingen.

Wenn man weiß, dass gleichzeitig Schiffsladungen von Getreide in afrikanische Länder verschenkt worden sind, als Bruderhilfe und um das Image des revolutionären China aufzubessern, merkt man mit welcher Brutalität und Menschenverachtung Mao und seine Clique das Land unterdrückt und ausgebeutet hat, und alles im Zuge einer abstrusen Ideologie und persönlichem Größenwahn. Deshalb ist es richtig ihn auf eine Stufe mit Hitler und Stalin zu stellen, er gehört wie sie zu den größten Verbrechern der Menschheitsgeschichte, auch wenn zu seiner Zeit im Westen die jungen Leute ihm mit dem Vorzeigen seiner roten Mao-Bibel huldigten.

Über Jahrzehnte war es nicht möglich geeignetes wissenschaftliches Material über diese dramatischen Vorgänge in China zu erhalten. Jegliche Einblicke in Archive in der Volksrepublik waren unmöglich. Tatsächlich aber gibt es millionenfache Aufzeichnungen über die Vorgänge aus jener Zeit, sowohl regional als auch zentral in Peking.

Prof. Dr. Frank Dikötter ist es als erstem westlichen Wissenschaftler gelungen, in regionale Archive in mehreren Provinzen in China Einblick zu erhalten. So konnte er sich ein überschaubares Bild von der Lage der damaligen Zeit machen und mit seinem Buch auf die Gräuel und Verbrechen, die Mao und sein Politbüro an den Menschen in China begangen hatte, aufzeigen. Wenn man bedenkt, dass einige Jahre nach "dem großen Sprung nach vorne" eine vielleicht noch schlimmere Kampagne mit „der Kulturrevolution“ in China folgen sollte, wird klar in welchem Maße die Menschen im "Reich der Mitte" haben leiden müssen.

Dabei ist das gesamte Ausmaß noch lange nicht erforscht, das wird erst möglich sein, wenn alle Archive zugänglich sind.

Fazit: Dieses Buch ist ein Muss für jeden Zeitgenossen der an Weltgeschichte und seinen politischen Abgründen interessiert ist.

Sehr empfehlenswert

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Rezension: Das Hohe Haus- Roger Willemsen

"Das Recht der öffentlichen Rede ist ein kostbares Privileg, man darf es also nicht missbrauchen." (Roger Willemsen, S.203)

Wer wissen möchte, womit sich Prof. Dr. Roger Willemsen im letzten Jahr konkret befasst hat und wo er seine Zeit verbrachte, sollte dieses Buch lesen. Man verrät keine Geheimnisse, wenn man gleich vorab festhält, dass dieser Ort der Deutsche Bundestag war, denn dies offenbart schon das Cover, auf dem man den Adolf-Grimme-Preisträger das Sitzungsgeschehen beobachten sieht.

Den beredten Autor interessierte bei seinen regelmäßigen Besuchen des Parlaments während der Sitzungswochen weniger das Aktuelle als das Prinzipielle und er hat sich auch keine Sekundärinformationen von Parlamentariern oder Journalisten besorgt, wie er festhält, sondern schreibt ausschließlich über das, was er sieht und hört und was er der Lektüre von etwa 50 000 Seiten Parlamentsprotokoll entnimmt.

Sein Buch hat er Dieter Hildebrandt gewidmet, "der das Projekt leidenschaftlich verfolgt hatte und sich noch Tage vor seinem Tode auf den neuesten Stand bringen ließ." (S.397)

Willemsens Bericht beginnt am 31.Dezember 2012 mit der Neujahrsansprache. Schon hier erklärt er Begrifflichkeiten, reflektiert Gehörtes, beobachtet Gesten, hört auf Worte, fragt nach der Belastbarkeit von Rhetorik. Man erfährt gleich dort bereits Niederschmetterndes: "Die Neujahrsansprache hat keine Funktion. Die Ausstellung der Funktionslosigkeit ist ihre Funktion", (S.7).

Willemsen beschreibt zunächst genau, wo er sich ein Jahr aufhält, welchen Verhaltenskodex er befolgen muss, beschreibt die Architektur des verglasten Plenarsaals und der Kuppel, reflektiert den Bundesadler sowie anderes mehr und kommt zu dem sachlichen Ergebnis: "Die Hoheit der Repräsentationsarchitektur verrät, dass hier eine große Idee beheimatet ist", (S.15). Bei dieser Feststellung allerdings belässt er es nicht und hält am 7. Januar bereits fest: "Die Wahrheit ist: Regierungsparteien kontrollieren das Kabinett nicht, vielmehr begleiten sie ihr Tun repräsentativ, meist rühmend und dankend. Die Opposition sieht ohnmächtig zu und wird angesichts der langen vergeblichen Arbeit unbeherrschter und böser", (S.16). Der Leser ahnt, dass es spannend und Willemsen keine Lobeshymnen anstimmen wird.

Der Autor beschreibt Politiker in ihrem Gebaren während sie ihre Anliegen vortragen, äußerst sich über deren Kleidung, den Habitus und zeigt die Ohnmacht des Betrachters bei den Theateraufführungen, denn als diese erweisen sich die Parlamentssitzungen während der Lektüre immer mehr. Oder wie soll man Beobachtungen wie nachstehende anders werten? "Die Stimmung ist inzwischen von leichtherziger Gereiztheit, die Oberfläche bewegt von stark expressivem Verhalten, von Ausrufen, Schaulachen, Gesten des Abwinkens und Fäuste-Reckens, bitteren Beschuldigungen. Unterdessen verrät der Blick in den Saal die Routine, parallel ein Blättern, Krakeln, Umdrehen, gestreute Aufmerksamkeit mit reflexartigen Reinrufen", (29ff.) Wenig später liest man von den Grundakkorden in der heilige Halle, die da sind, "wechselseitige Missbilligungen und Ehrabschneidung", (vgl.: S.34)

Man erfährt immer wieder von dem, was gerade thematisiert wird. Unmöglich allerdings auf all dies im Rahmen der Rezension einzugehen, liest Persönlichkeitsskizzierungen, so etwa von Gregor Gysi, den Willemsen als den Typus des Parlamentariers benennt, der das Richtige immer wieder vergeblich sagt. Dies habe aber dessen Intelligenz nicht beschädigt, sondern wohl eher geschärft, (vgl. S. 41). Wer glaubt, daraus die politische Einstellung Willemsens ablesen zu können, irrt, denn später schreibt er auch über Gauweiler, den er als "kundig, unverblümt und entwaffend" skizziert (vgl.: S. 273). Roger Willemsen scheint sich für gute Schauspieler zu begeistern, ganz so wie der kritische Beobachter dies bei Theateraufführungen tut, wenn er  in der Lage ist, Großzügigkeiten zu verteilen.

Für den Autor steht fest: "Das parlamentarische Sprechen ist also uneigentlich, wo es so tut, als diene es der Entscheidung. In Wirklichkeit steht das Resultat fest, und es geht mehr um die Schaufensterdekoration." (S.156). Offensichtlich hat sich in den Reden die Rhetorik so sehr von ihrem Gegenstand entfernt, dass der Betrachter den Eindruck gewinnt, "gewisse parlamentarische Entscheidungen können nur gefällt werden, weil es unter der Umgehung der Realitätswahrnehmung geschieht", (S.169).

Willemsen sieht, überlegt,  nimmt die Glasarchitektur wahr  und kann nicht umhin zu bemerken: "Dieser Raum will sagen: Es ist alles flüchtig", (S.46) Er reflektiert, ob es möglicherweise den Typus des politikverdrossenen Politikers geben kann, (siehe S.76) und dies tut er nicht zu Unrecht, bei allem, was er hört und beobachtet. Doch was denken die Besucher auf den Tribünen fragt sich der Literaturprofessor am 21. Februar 2013? "Sie hören die Zahlen, es kommen und gehen die Informationen. Schon bei der Interpretation setzt das Verständnis aus", (S.96). Eine frustrierende Antwort. Was läuft da verkehrt, frage ich mich?

Man liest von den Fragestunden, vom Recht der öffentlichen Rede, das ein kostbares Privileg ist, das man nicht missbrauchen darf. Doch was geschieht an den Sitzungstagen des Deutschen Bundestages? Ich sehe Selbstdarsteller vor meinem geistigen Auge reden und gestikulieren, während ich Willemsens brillante Beschreibungen lese und frage mich plötzlich, ob Willemsen katholisch ist und man das Jahr als eine Art Bußübung begreifen muss? Was hat Willemsen getan, um so büßen zu müssen?

Man erfährt in den fortlaufenden Berichten eingangs Tagesmeldungen, wie etwa am 12. Juni 2013, dass Walter Jens verstorben ist und liest dann stets das eine oder andere zu den Reden, die an dem jeweiligen Tag gehalten werden. Rund 13 000 Reden sind es übrigens in einer Legislaturperiode, (vgl.: S.280).

Willemsen schreibt auch über den 22. September 2013, den Wahlsonntag, von den Wahlergebnissen, vom neuen Parlament, in dem es mehr Frauen gibt, darunter mehr junge als je zuvor, was dem Schirmherrn des Afghanischen Frauenvereins wichtig ist festzuhalten. (vgl: S.332) Als ich dann auf Seite 356 weiterlese, dass es auf der Internetseite des Deutschen Bundestages einen verwaisten Doppelpunkt gibt und zwar hinter "Aktuelle Tagesordnungen", nehme ich mir vor, an Ostern diesen anstelle eines Ostereies zu suchen. Fraglich aber, ob er dann wohl noch verwaist ist?

Am 17. Dezember stirbt Nelson Mandela. Der intellektuelle Philanthrop Roger Willemsen vergisst dies nicht zu erwähnen und auch nicht, dass zu diesem Zeitpunkt in Syrien der Winter über zerbombte Städte und jenseits der Landesgrenze über die Flüchtlingslager hereinbricht, (vgl.: S.357). Es ist der Tag, an dem im Parlamentsrestaurant Prosecco-Gläser klirren aus einem Anlass, der mit der Trauer, die Menschenfreunde an diesem Tag empfinden,  wirklich nichts zu tun hat.

Es wird weiter geredet, geredet und geredet im Parlament jenes Landes, dessen Kern lt. der Kanzlerin "Leistungsbereitschaft, Engagement und Zusammenhalt ist." (S.393).

Leistungsbereitschaft und Engagement zeigte nicht zuletzt der begnadete Autor Roger Willemsen bei der harten Erarbeitung dieses wirklich lobenswerten Buches, das dazu beiträgt, dass zumindest der Zusammenhalt der Intellektuellen in puncto Einstellung zum Deutschem Bundestag  für die nächsten Jahre gesichert ist.

Sehr, sehr empfehlenswert.

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Rezension: "Der Baron, die Juden und die Nazis"- Jutta Ditfurth

"Es kommt mir so vor, als ob es in diesem Land eine veröffentlichte und eine reale Wahrheit gibt." (Jutta Ditfurth)

Verfasserin dieses bemerkenswerten Sachbuches ist die Soziologin Jutta Ditfurth, die adeliger Herkunft ist und nicht ohne Grund dem elitären Denken vieler Aristokraten mehr als nur skeptisch gegenüber steht. In ihrem jüngsten Buch "Der Baron, die Juden und die Nazis" gibt sie schonungslos Familiengeschichte preis und berichtet von den Verstrickungen ihrer Vorfahren mit den Nazis.  Dabei sollte man wissen, dass mit "Familie" beim Adel nicht die bürgerliche Eltern-Kind-Kleinfamilie gemeint ist, sondern vielmehr die Sippe bzw. das Geschlecht, das sich über blutsmäßige, patrilineare Verwandschaftbande und ein gemeinsames Abstammungsbewusstsein definierte, (vgl.: S.209).

Weil  Ditfurth über ihre "Familie"  und über  abgründige Verhaltensmuster einer ganzen Klasse in vergangenen Jahrhunderten schreibt, ist ihr Sachbuch sehr wissenschaftlich angelegt und verfügt über eine beachtliche Anzahl, ihre Aussagen belegenden Fußnoten, Quellennachweise und ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Hier wird nicht fabuliert. Hier wird nachgewiesen. Hier kann man ihr nichts anhängen.  Sie wartet mit Fakten auf. Ein Thema wie ihres macht eine solche Vorgehensweise erforderlich. Ohne Frage.

Lassen sie mich meine Ausführungen mit einer Textstelle beginnen, die zu Anfang des 10. Kapitels steht: "Die Zahl der Adeligen, die die Juden nicht ablehnten und die Weimarer Republik nicht auf den Scheiterhaufen wünschten, war in Wahrheit winzig. Dass später die adeligen Mitglieder des 20. Juli 1944 allesamt tapfere Demokraten und niemals lebensgefährliche Gegner der deutschen und europäischen Juden gewesen sein sollen, ist ein überaus erfolgreicher Nachkriegsmythos. Dahinter versteckt sich ein  großer Teil des so genannten Adels bis heute.“(Zitat: S.203)

Die Autorin beginnt ihr Buch mit einem Reisebericht, der in das Jahr 1990 zurückführt. Gemeinsam mit ihrer Mutter besucht sie ein Anwesen ihrer Vorfahren im Osten Deutschlands. Im nahegelegenen Dorf des besuchten Ritterguts sieht sie in einer Dachkammer u.a. ein Ölbild ihrer Urgroßmutter, der Freiin von Beust (1850-1936)  und erhält seitens des Pfarrers Zugang zur Dorfchronik. In der Folge liest man dann Näheres zu Gertrud von Beust, einer kriegsbegeisterten Dame, "die am liebsten selbst in die Schlacht gezogen wäre". Es führt zu weit, nun das Leben dieser Adeligen nachzuzeichnen, doch zu erwähnen ist, dass diese Frau antisemitisch war.

Ditfurth nimmt ihrer Urgroßmutter zum Anlass im Anschluss über den Antisemitismus des Adels in der Romantik aufzuklären und fragt: "Woher hatten die adeligen Menschen wie meine Urgroßmutter ihr Wahnbild über die Juden?"(Zitat: S.33). Ich staunte nicht schlecht als ich hier las, welche Geisteshaltung Dichter wie Ernst Moritz Arndt umtrieb und war überrascht als ich weiter las, dass die "Deutsche Tischgesellschaft" ein Beleg dafür ist, dass der Rasseantisemitismus schon in der Emanzipationszeit in den Köpfen der deutschen Elite und hier in erster Linie des Adels Einzug hielt." (vgl.: S.40)

Achim von Arnim sprach in seiner Tischrede von Hostien-und Ritualmordlegenden und rechtfertigte Pogrome, wie Ditfurth an Textstellen belegt. "Deutsche Tischgesellschaften" waren ein Angriff auf jüdische Salonniéren und ihr emanzipatorisches Denken. Die Mitglieder dieser Tischgesellschaften zeichneten sich durch nationalistischen Dünkel, elitäres Denken, Antisemitismus und Frauenfeindlichkeit aus." (vgl.S.50).

Über Goethes Einstellung im Hinblick auf die Frage "Sollten Christen Juden heiraten dürfen?" erfährt man Aufschlussreiches und liest in der Folge, auf welche Weise in jenen Tagen die Juden unterdrückt und stigmatisiert wurden.

Im Königreich Preußen blieben jüdische Jurastudenten von der Promotion und von der Anstellung an einer juristischen Fakultät ausgeschlossen. Juden durften zwar Justiz-Kommissare und Anwälte werden, nicht jedoch Richter oder Notare. Generell war es ihnen untersagt,  richterliche, polizeiliche oder Verwaltungsfunktionen auszuüben, (vgl.: S.79).

Jutta Ditfurth beschreibt in ihrem Werk nicht zuletzt den Werdegang ihres Urgroßonkels des Schriftstellers und Balladendichters Börries Freiherr von Münchhausen, dessen Einstellung zu Juden mehr als  nur ambivalent war. Sie schreibt von seinem Buch "Juda" und zu seiner Beziehung zu Ephraim Moses Lilien, der sich durch seinen Anteil an diesem Buch in jüdischen Kreisen als Künstler etablieren vermochte, (vgl.:157).

Ditfurth lässt nicht unerwähnt, dass das Motiv ihres Großonkels für das Buch nicht der jüdische Mensch, seine soziale Lage, die Geschichte der Stigmatisierung, Verfolgung und Ermordung über die Jahrhunderte hinweg, sondern das Interesse an jüdischen Helden war, (vgl.: S.158). Trotz dieses Buches, das als eines der Lieblingsbücher in jüdischen Häusern galt, wie die Autorin vermerkt, entwickelte sich Münchhausen mehr als bloß grenzwertig im Hinblick auf Juden. Ihn im Schlepptau führt Ditfurth den Leser durch die Zeitläufe hin zur NS-Zeit und zeigt die antisemitische Grundhaltung der adeligen Oberschicht, die aufgrund der Niederlage durch den 1. Weltkrieg ihre Privilegien verloren hatten.

Der Balladenschreiber wurde zu einem Rassenideologen, dessen zentraler Gedanke nach dem verlorenen Krieg die Rassenreinheit war. Er träumt von "Menschenzüchtung". Während der NS-Zeit schmeichelte er der herrschenden Elite und attackierte Künstler, die Modernes schufen oder "unreinen Blutes" waren, (vgl.: S.272).

Dass der Adelsmann schließlich 1945 Selbstmord  begangen hat, wundert mich nicht. Seine Verstrickungen ließen für ihn nichts anders zu. Ditfurth fasst zusammen, dass dieser Großonkel ein Nazi, Antisemit, kulturpolitischer Strippenzieher war, der jüdische Menschen aussortiert hatte und Fotos seiner geliebten Nazi-Führer sammelte, der mit NS-Verbrechern am Kamin geplaudert und in der Saale gebadet hatte, Goebbels, Hess und Frick angeschwärmt und mit ihnen völlig übereingestimmt hatte..." (S. 297).  Münchhausen war keineswegs eine Ausnahme, sondern dachte wie viele Adelige in jener Zeit.

Jutta Ditfurth findet übrigens unter ihren Verwandten nur einen einzigen, "der Juden und Sozialdemokraten nicht verabscheut hatte". (S.228). Ihre Verwandten nennen diesen mutigen Mann "das rote  Biest von Brandenstein."

Die Autorin zeigt hervorragend in ihrem bemerkenswerten Buch, dass bereits im 19. Jahrhundert der Boden für den unsäglichen Antisemitismus des 20. Jahrhunderts bereitet wurde, der zur Ermordung von 6 Millionen Juden führte. Sie vergisst dabei keineswegs den 20. Juli 1944 zu beleuchten und unterstreicht, dass die Archive der meisten adeligen und hochadeligen Familien Forschern mit NS-kritischem Erkenntnisinteresse bis zum heutigen Tage verschlossen bleiben. Jutta Ditfurth hat einen Fuß in diese Tür gestellt, um unliebsame Wahrheiten ans Licht zu zerren. Nicht alle werden sie dafür beglückwünschen. Ich schon.

Ein hervorragendes, gut recherchiertes Buch. Sehr aufschlussreich.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

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