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Rezension:Die Geschichte des Organisierten Verbrechens (Geo Epoche 48-2011) (Taschenbuch)

Geo Epoche Nr.48 befasst sich ausgiebig mit der Geschichte des organisierten Verbrechens. Im Prolog hat man Gelegenheit durch bewegende Fotos einen Eindruck von dem Krieg, den Mafiosi 1981 in Italien gegeneinander und gegen den Staat entfesselten, zu gewinnen. Man wird visuell mit dem Chaos auf den Straßen konfrontiert, das die Cosa Nostra ausrichtete und erlebt den hochkonzentrierten leitenden Staatsanwalt in Palermo, Roberto Scarpinato, der von diversen Bodyguards bewacht wird, in der Öffentlichkeit.


Mathias Mesenhöller berichtet von den Anfängen der Mafia und lässt dabei nicht unerwähnt, dass sich schon immer Menschen verbündet haben, um gewaltsam reich zu werden. So haben Räuberbanden oder auch Piratengesellschaften bestimmte Regeln befolgt und in jedem erdenklichen Verhältnis zur politischen Macht gestanden. Jeder weiß von den europäischen Freibeutern, die das Einverständnis ihrer Fürsten genossen, solange sie deren Rivalen plünderten, (vgl.: S.23).


Modern organisierte Kriminalität bedingt einen Staat, der das alleinige Recht beansprucht, Gewalt auszuüben, um auf diese Weise seine Bürger und deren Eigentum zu schützen und zudem das Versagen dieses Staates, den Anspruch durchzusetzen. Nur so wird aus privater Gewalt organisierte Kriminalität, zu einer Verschwörung, die das Gemeinwesen unterminiert, ohne dabei ideologische Ziele anzustreben, sondern einzig Profit zu machen, (vgl.: S.24).

Man liest von Personen in Westsizilien, die sich 1838 an Verbrechen aller Art beteiligt haben und die gütliche Einigungen mit gewöhnlichen Banditen vermittelten sowie Fonds unterhielten, um auf diese Weise Gerichte und Behörden zu manipulieren. Trotz dieser Berichte lässt sich weder ein Gründungsjahr noch ein Statut der Mafia ermitteln, weil sie keine zentrale Führung und keine Gremien kennt und auch keine Aufzeichnungen hinterlässt. Das ist ihre Methode, sich gegen Verrat und Verfolgung zu schützen. Deshalb auch wissen die Behörden nur wenig von der Mafia. Die Unsichtbarkeit trägt den Namen "omertà". Was dies konkret bedeutet, wird sehr gut erklärt, (vgl.: S.24).

Einer der spannendsten Beiträge ist Al Capone, dem mächtigsten Kriminellen Chicagos um 1930 gewidmet. Dieser Verbrecher herrschte über ein Imperium, das mit Alkoholschmuggel, Glücksspiel und Prostitution Millionen scheffelte. Al Capone soll zwischen 20 und 60 Menschen ermordet und die Ermordung weiterer 400 Personen veranlasst haben.


Nicht uninteressant ist, das nach dem ersten halben Jahr der Prohibition (am 17.1.1920 trat ein Verfassungszusatz in den USA in Kraft, der "Herstellung, Verkauf und Transport von berauschenden Getränken" im Land verbot), schon 1500 Ärzte und 57000 Drogisten "Alkohollizenzen" für "medizinische Zwecke" beantragten und im gleichen Jahr der Verbrauch an Messwein im über drei Millionen Liter zunahm, (vgl.: S.36).


Man liest des Weiteren von der "Grünen Bande", die um 1927 Bordelle, Opiumhöhlen und Spielkasinos in Shanghai kontrollierte, auch von der Neu-Formierung der mächtigsten Mafia-Familien in den USA um 1931, die ihre kriminellen Geschäfte wie ein Wirtschaftskartell betrieben haben und ihre Widersacher mittels professioneller Todesschwadronen ermorden ließen, (vgl.: S.59). Richter und Politiker wurden duch Bestechung gefügig gemacht und Kontrolle rund um die Uhr war ebenso üblich wie Erpressung usw.. Mafiosi wenden immer solche Mittel (Kontrolle, Bestechung, Erpressung und Mord) zur Durchsetzung ihrer Interessen an. Das wird in diesem Magazin deutlich.


Eine kriminelle Vereinigungen in Russland in den 1920er Jahren, auch die Mafia auf Kuba während der Diktatur Batistas werden zur Sprache gebracht und man freut sich, dass Fidel Castro 1959 in Kuba der Mafia den Garaus machte, in dem er Laster, Korruption und Glücksspiel per Dekret verbot und die Mafiosi des Landes verwies.

Lesenswert auch ist der Beitrag "Tod unter der Brücke". Hier geht es um den Mord an dem Mailänder Bankier Roberto Calvi, der in illegale Geschäfte mit Mafia, dem Vatikan und korrupten Politikern verstrickt war. Spannend zu lesen ist der Beitrag über "Pablo Escobar", der in den 1970er Jahren ein milliardenschweres Kokain-Imperium aufbaute und Krieg gegen den kolumbianischen Staat führte, als dieser seinen Plänen im Wege stand, (vgl.: 118). Bemerkenswert ist, dass Escobar, der ein sehr brutaler Drogenboss war, noch heute von einer großen Anzahl von Menschen in Medellín verehrt wird. Wie kommt es, dass manche Menschen brutale Schurken bewundernswert finden, anstelle ihnen die rote Karte zu zeigen?


Es finden sich neben den genannten noch eine Reihe weiterer interessanter Beiträge zum Thema Mafia in diesem Magazin und daneben viele Fotos furchtbar hässlicher, dazu noch tätowierter Gestalten, denen man weder im Hellen noch im Dunkeln begegnen möchte.


Nochmals, Kontrolle, Korruption, Erpressung und Mord sind die gängigen Methoden der Mafia, die durch Unterminierung der Systeme, sich die Basis schaffen, um skrupellos Kasse machen zu können. Keine Gründe also, Mafiosi zu bewundern.
Empfehlenswert.


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Rezension: Das Ende der Gewissheiten: Reden über Europa (Gebundene Ausgabe)

Dieses Buch enthält Reden über Europa von Ulrich Beck, Professor und Direktor des Soziologischen Institutes der Ludwig-Maximilians- Universität bis 2009 und jetzt Gastprofessor in Harvard, Bazon Brock, Philosoph und Professor der Kunst und Ästhetik an der Universität Wuppertal, Konrad Paul Liessmann, Essayist, Literaturkritiker und Professor für Philosophie an der Universität Wien, Jakob von Uexküll, Stifter des "Alternativen Nobelpreises" und Initiator des World Future Councils und vielen anderen mehr.


Das Buch erschien 2009. Für die Autoren der Anthologie ist die globale Krise, gemeint Klimawandel und Artensterben, Hungerkatastrophen, die Verknappung der natürlichen Ressourcen, Terrorismus und zerfallende Staaten, ein Wendepunkt. Diese Krise, die aus vielen kleinen und großen Krisen besteht, könnte nämlich das Überleben auf unserer Erde infrage stellen, so Michael M.Thoss, Geschäftführer der Allianz Kulturstiftung, weil diese Krisen sich auf gefährliche Weise potenzieren. Gefragt wird, wie sich Europa gegenüber der Bedrohung positioniert und was wir zur Bewältigung beitragen können. Analysiert wird im Rahmen der Reden die derzeitige Verfasstheit Europas und in diesem Zusammenhang unsere Zukunftsfähigkeit in einem sich rapide verändernden globalen Kontext. Wohin bewegt sich Europa und welche Lehren ziehen wir aus der Krise, sind Fragen, die den Redner Thoss bewegen. Christine Weiss, Publizistin und Honorarprofessorin der Universität des Saarlandes, will u.a. wissen, woher wir unsere eigene kulturelle Identität beziehen und ob es überhaupt eine europäische, kulturgeprägte Identität gibt.

Es führt zu weit, die 21 Reden im Einzelnen zu skizzieren. Gesagt werden kann, dass in diesen Reden viele wohl durchdachte Antworten auf die vielschichtigen Fragen der globalen Bedrohung gegeben werden. Der kulturelle und religiöse Pluralismus im jetzigen Europa schafft eine Reihe von Problemen, die man nur im Rahmen eines Dialoges lösen kann, dessen ist sich nicht nur Tariq Ramadan, Islamischer Denker und Professor für Islamwissenschaften am St. Antony`s College in Oxford bewusst und dass man mit schmelzenden Gletschern nicht verhandeln kann, hat sich auch schon herumgesprochen. Karel Schwarzenberg , Außenminister der Tschechichen Republik von 2007 bis 2009, titelt zu Recht: "Das Biedermeier ist zu Ende, wir haben es nur noch nicht realisiert" und trifft genau den Punkt, wenn er postuliert: "Wir müssen ein gemeinsamer Markt von Ideen werden, nicht nur der Waren, ein gemeinsamer Markt der Begabungen, nicht nur der Beamten. All das steht und noch bevor", (Zitat: S. 140).


Die Reden sind keine Festtagsreden, sondern gedanklich tiefgehend uns aufschlussreich.


 Empfehlenswert

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Rezension:Die Formel der Macht (Gebundene Ausgabe)

Dr. Harald Katzmaier und Dr. Harald Mahrer befassen sich im vorliegenden Buch mit den Facetten der Macht. Auf Seite 62 las ich den entscheidenden Satz: "Die Deutungshoheit über unsere Wirklichkeit ist wahrscheinlich eine der wichtigsten Quellen von Macht überhaupt."Wie nun erlangt man diese Deutungshoheit und was versteht man eigentlich unter Macht? Hat sich der Machtbegriff im Laufe der Jahrhunderte verändert? Welche Machtmodelle gibt es? Das sind einige der Fragen, die im Buch sehr gut beantwortet werden. Nicht allen werden die Überlegungen der Autoren schmecken, die in Sätzen zum Ausdruck kommen, wie etwa: "Die liberale Amerikanische Revolution beförderte eine Machtkultur, die Macht und insbesondere ökonomische Macht auf der Ebene der Geschichten (der "Stories") und Mythen egalisiert hat".(...)"Das Primat der Ökonomie hat in den vergangenen Jahrzehnten die globalen Machtstrukturen weiter verändert. Die weltweite Finanzindustrie wurde zum zentralen Schlüssel-Spieler und stolperte jüngst gemeinsam mit der Politik- wie wir zwischenzeitlich wissen, über eine intransparente, nicht mehr beherrschbare Systemkomplexität. Und die Finanzindustrie stolperte über eine Kasino-Mentalität, in der an Ressourcen und Netzwerken Mächtige immer weniger in den Aufbau realen Sach- und Humankapitals investieren wollten, sondern in immer fabelhaftere Finanzprodukte. Es wurde mehr gewettet als investiert."(...) "Was für eine eigenartige Änderung des Bildes der Macht, weg vom "heroischen" Unternehmer hin zum Spieler(der, der "Riecher" hat), der - wie sich zuletzt herausstellte- vor allem auf Kosten anderer Geld macht. Auf Kosten getäuschter Anleger, auf Kosten der haftenden öffentlichen Hand und damit auf Kosten der Gesellschaft."(Zitat: S. 63-64). Ich teile diese Überlegungen der Autoren und habe das Buch, nachdem ich beim ersten Durchblättern diesen zitierten Text las, neugierig in seiner Gesamtheit gelesen und als sehr informativ empfunden.

Gleich zu Beginn erfährt man, dass derjenige, der spezifische Ressourcen (nicht nur Geld!) mit spezifischen Beziehungen in Verbindung bringen kann, Macht besitze. Diese Machtformel erläutern die Autoren im Buch gut nachvollziehbar, zeigen auch, dass ökonomische Ressourcen wie Geld und Wissenskapital nur ein Teil der relevanten Machtressourcen sind und ein anderer Teil in Werten, Haltungen, Visionen und Ideen besteht. Symbolische Ressourcen spielen seit Jahrtausenden bereits in der Politik und in der Gesellschaft eine Rolle. Dort, wo Ideen und Persönlichkeiten sich glaubwürdig vereinen, entstehen besondere Machtpotentiale, (vgl.: S.23). Macht in der Gegenwart habe derjenige, der Deutungsmacht über die Zukunft gewinne. Dazu ist es allerdings notwendig, seine Netzwerke im Griff zu haben und sie immerfort auszubauen. Am Beispiel unserer Kanzlerin kann man sehr gut nachvollziehen, wie ihr Netzwerk brüchig wird. Dass dies Folgen für die nächste Wahl haben wird, ist m.E. vorauszusehen. Was könnte sie tun, um das Ruder noch herumzureißen?

Es stimmt, man benötigt eine große Machtperipherie, um Macht im Zentrum konzentrieren zu können und es stimmt auch, dass diejenigen, die die eigene Peripherie nicht am Wachstum des Wohlstands, der im Netzwerk erwirtschaftet wird, teilhaben lassen, die Quellen des eigenen Ressourcenreichtums zerstören. Anhänger des Neokapitalismus wollen diesen Punkt nicht begreifen, obschon die Folgen doch absehbar sind. Ludwig Erhard hat dieses Problem sehr gut erkannt und in seinem Konzept der Sozialen Marktwirtschaft überaus erfolgreich und klug umgesetzt.

Es stimmt, keiner ist in der Lage absolute Macht zu erringen, "Macht bildet Ranking und Reihen, sie vergibt Plätze"(...)Die Sieger leben vom Vergleich mit den Verlierern- jeder kluge Sieger weiß, dass man nicht aus sich heraus man mächtig ist, sondern man den anderen dazu benötigt, (siehe S. 38). Das vergessen selbstverliebte Machtinhaber allzu oft und werden dann Opfer ihrer Hybris, so meine Beobachtung.

Es stimmt weiter, wenn die Autoren konstatieren, dass derjenige, der keine Handlungsmacht besitzt, den Widrigkeiten der Zukunft schutzlos ausgeliefert ist. Deshalb auch ist die oberste Maxime der militärischen Führung für strategische Entscheidungen am Erhalt der Handlungsfreiheit orientiert. Machtorientierte Personen versuchen alles zu unternehmen, um die Handlungsfreiheit ihrer Gegner zu zerschlagen und dazu ist ihnen in der Regel jede Intrige recht. Soweit ich mich erinnere, hat Machiavelli sich dazu bereits dezidiert geäußert.

Die Autoren verdeutlichen, weshalb Macht ein solides Fundament, auch weshalb sie Resilienz benötigen. Resilienz- das Zauberwort der Stunde-, war meines Erachtens in allen Zeiten notwendig, um bei allen Widrigkeiten der Zeitläufte seine Macht zu erhalten. Auf Unvorhergesehenes machtvoll zu reagieren, bedarf eines mathematischen Verstandes und auch sehr guter intuitiver Fähigkeiten, an denen reine Machtechnokraten in der Regel scheitern.

Gut sind die Fragen der Autoren, wie etwa: "Was macht uns resilienter und entwicklungsfähiger?", "Was fördert unser Vermögen, auf Unvorhergesehenes zu reagieren?", "Wie halten wir uns neue Optionen offen?", "Wie bleiben wir inmitten eines Sturms handlungsfähig?" (Zitat:. S. 60). Meines Erachtens haben diese Fragen schon immer die Macht der Zukunft geprägt und wurden stets nur von sehr intelligenten Machthabern sinnvoll beantwortet. Mir fallen dazu die historischen Beispiele, wie der Stauferkaiser Friedrich II. und Jakob Fugger ein. Zwei absolute Ausnahmemenschen.

Eine These der Autoren lautet, dass die Macht der Zukunft noch mehr denn je durch die Software-Industrie definiert wird. Wer dort die neuen Wirklichkeitsräume zur Verfügung stellt, sie kontrolliert, steuert und weiterentwickelt, hat die Macht, sofern er in der Lage ist Machtmythen zu durchschauen und Deutungshoheit sowie Ressourcen gut zu managen,(vgl.: S. 83- 84). Stimmt.

Die Autoren befassen sich intensiv mit Netzwerken und lassen den Leser wissen, dass starke Netzwerke über einen starken Kern an geteilten Wahrnehmungen, Interessen und Perspektiven verfügen. Man sei sich einig darüber, wie die Welt sei und noch mehr einig darüber, wie die Welt sein sollte, (vgl.: S.87). Wer die Macht eines Mächtigen untergraben möchte, muss demnach Zwietracht im Netzwerk säen, so meine Analyse. Dies ist das tägliche Brot der Intriganten in Wirtschaft und Politik. Jeder weiß das.

Wann ist ein Netzwerk machtvoll und wann ist es machtlos? Welchen Sinn haben soziale Netzwerke, wenn überhaupt? Die Autoren schreiben nicht zu Unrecht, dass soziale Netzwerke nicht dazu in der Lage sind, Macht zu verdichten, weil dies nämlich Repräsentation und entsprechende Strukturen erfordere, (vgl.: S. 99).

Aufgezeigt wird, woran man Netzwerkmacht erkennen kann und auch welches Machtmodell in welcher Weise funktioniert und ferner, welche Chance man hat, in Netzwerken aufzusteigen, d.h. , was man tun muss, damit dieses geschieht. Man sollte wissen, dass man, je tiefer man in Machträume vordringt, je näher man also dem Machtkern kommt und je höher man in der Netzwerkhierarchie aufsteigt, um so mehr kommt man in den Genuss von Informationen, die die eigenen Ressourcen vergrößern. Es trifft nach meinen Beobachtungen zu, dass, wie die Autoren schreiben, je höher man aufsteigt, desto wichtiger nicht nur Taten, sondern die Worte oder andere Artikulations- und Darstellungsformen, sowie die Bedeutung von Symbolik und nonverbale Kommunikation werden. Dies wird einem sehr schnell klar, wenn man sich aufmerksam die Nachrichten im Fernsehen ansieht und hin und wieder den Ton abstellt. Sehr bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang die Selbstinszenierungen Joschka Fischers, einem Meister auf diesem Gebiet.

Wichtig zu wissen: "Mächtige Netzwerke fordern, bevor sie fördern", (Zitat. S.137) Von daher ist es notwendig einem Netzwerk zu zeigen, was man zu bieten hat, aber man sollte sich auch darüber klar werden, was einem das jeweilige Netzwerk tatsächlich bringen kann. Soziale Netzwerke in der digitalen Welt haben nach Meinung der Autoren für Machtnetzwerke keine Zukunft, weil sie kein qualitatives Wachstum besitzen. Thesen wie diese werden den Betreibern von Facebook etc. gewiss nicht gefallen, weil ihr Marktwert dadurch bestimmt langfristig nicht steigt. Was können uns Netzwerke lehren? Wie "man Visionen und Ideen bündelt, wie man dafür Anhängerschaft mobilisiert, wie man Ziele formuliert und wie man sie gemeinsam erreichen kann."(Zitat: S. 158).

"Macht =Ressourcen x Netzwerk". Da sich Ziele ohne Macht nicht durchsetzen lassen, sollte sich jeder, der wirtschaftliche oder politische oder andere Ziele umsetzen möchte, mit den Grundvoraussetzungen von Macht auseinandersetzen. Dieses Buch ist ein Einstieg dazu.
Empfehlenswert.

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Rezension:Kluge Mädchen: Oder wie wir wurden, was wir nicht werden sollten (Sonderausgabe) (Gebundene Ausgabe)

Dieses sehr schöne und dabei hochinformative von Antonia Meiners herausgegebene Buch mit einem Vorwort von Senta Berger befasst sich mit der Entwicklung der jungen Mädchen von 1900 bis heute. Das Buch ist untergliedert in die Kapitel:
1900-1918 Die gute Partie oder der eigene Weg

1919-1932 Kurze Röcke, kurze Haare, kurze Freiheit

1933-1945 Blond und brav zum BDM

1946-1961 Nach dem Chaos in die heile Welt

1989- heute Die Qual der Wahl

Zu Beginn jedes Kapitels erfährt man im Rahmen einer Zeitblende die wichtigsten Eckdaten der jeweiligen Zeitperiode und hat Gelegenheit sich in Texte unterschiedlicher Art (auch Briefe und Tagebuchauszüge) im Hinblick auf Mädchenverhalten einzulesen, um auf diese Weise einen Überblick über die Erwartungshaltungen an junge Mädchen und über das Fühlen und Denken dieser Mädchen in den letzten elf Jahrzehnten zu erhalten.

Begeistert haben mich die vielen Fotos der weiblichen Teenager, einst junge Mädchen genannt. Zu Beginn des Jahrhunderts besaßen diese Mädchen einen Liebreiz, den gleichaltrige Teenager heute nicht mehr besitzen, vielleicht weil man ihnen bereits im Kindesalter die geistige Unschuld raubt.

1908, also vor etwas mehr als 100 Jahren, gewährte Preußen als eines der letzten Länder des Deutschen Reiches Frauen die Zulassung zum Universitätsstudium. In Österreich durften die Frauen bereits seit 1900 Medizin und Pharmazie studieren. Frauen, die in jenen Tagen studierten, waren die Ausnahme, noch dachte man daran, dass Frauen Hausfrauen werden sollten und junge bürgerliche Mädchen besuchten deshalb Haushaltsschulen für höhere Töchter.

Man hat Gelegenheit aus dem Tagebuch Marlene Dietrich zu lesen. Die Einträge stammen von 1913-18 und zeigen, dass sie ein Mädchen war, das seiner Zeit offenbar schon weit voraus gewesen ist. Sie schreibt am 4.2.1914: "Ich hatte einen Riesenkrach mit Mutti. Als sie sagte, wenn ich mit so vielen Pennälern ginge, wäre ich mannstoll. Erstens "treibe" ich mich nicht mit Jungen "rum" und zweitens wäre die Freundschaft mit Bekannten- man braucht sich ja nicht gleich zu lieben- noch lange nicht mannstoll. Ich werde immer erst darauf gestoßen, in allen harmlosen Dingen etwas Schlimmes zu sehen,"(Zitat. S.25).

Die Zwanziger Jahre zeigen die allmähliche Veränderung im Denken von jungen Mädchen, die nun keine langen Kleider mehr tragen müssen, sich freier bewegen können und dies auch tun, keineswegs nur körperlich, sondern auch mental. Die kurze Phase der Freiheit endete mit dem Nationalsozialismus und dessen rigiden Vorstellungen im Hinblick auf das, was aus jungen Mädchen einmal werden sollte. Fürchterlich war die Ideologie der BDM-Mädchen. Der Anteil der weiblichen Studenten wurde bei den Nazis übrigens auf 10% beschränkt. Das sagt viel aus über das menschenverachtende braune Gesindel. Der Psychopath aus Braunau unterstrich:"Es gibt doch nichts Schöneres, als sich ein jung Ding zu erziehen: Ein Mädchen mit achtzehn, zwanzig Jahren ist biegsam wie Wachs. Einem Mann muss es möglich sein, jedem Mädchen einen Stempel aufzudrücken. Die Frau will es auch nicht anders!" (Zitat: S.53)

Ein Brief vom mutigsten Mädchen des letzten Jahrhunderts von Sophie Scholl an ihren Freund Fritz Hartnagel kann man lesen und einen Auszug aus dem Tagebuch von Anne Frank. Solche Mädchen waren den Nazis ein Dorn im Auge.

Junge Mädchen zu Ende des Krieges und auch in den 1950er Jahren sind ein weiteres Thema. Damals war es ähnlich wie in der NS-Zeit noch immer verpönt, sich zu schminken. Alles ändert sich mit Conny und Peter, mit Elvis und den Halbstarken. Von da an war nichts mehr so wie es war. Es scheint wie ein Anknüpfen an die Freiheit der 20er Jahre. Mit großem Interesse habe ich über die Zeit zwischen 1962-1988 gelesen und die modischen Finessen jener Jahre mit Vergnügen nachvollzogen. Durch die Frauenbewegung änderte sich alles. Die Möglichkeiten für junge Mädchen sind heute so vielfältig wie nie. Diese Tatsache freut mich jeden Tag und es freut mich auch diese Tatsache im vorliegenden Buch bestätigt zu bekommen.

Klug ist ein Mädchen dann, wenn es seinen Weg geht und sich keinen Stempel aufdrücken lässt. Daran hat sich in allen Zeiten nichts geändert. Sophie Scholl war eines der klügsten Mädchen des letzten Jahrhunderts, auch wenn ihr Weg direkt zum Fallbeil geführt hat.

Empfehlenswert.

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Rezension: Im Inneren des Milliardengeschäfts Menschenhandel (Gebundene Ausgabe)

Die mexikanische Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Lydia Cacho deckte in ihrem ersten Buch einen Pädophilen-Ring in Mexiko auf, wurde daraufhin verhaftet und gefoltert und lebt seither unter permanenter Bedrohung in Mexiko.

Im vorliegenden Buch, das Jürgen Neubauer aus dem Spanischen übersetzt hat, beleuchtet Cacho das Milliardengeschäft des weltweiten Menschenhandels mit Frauen und Kindern und reiste aus diesem Grunde in die Türkei, nach Israel, Palästina, Japan, Kambodscha, Birma und Argentinien, um überall den Sexismus zu analysieren und um schließlich aufzuzeigen, welche neuen Formen der Ausbeutung durch das Internet entstanden sind. Dass die Journalistin bei ihren Reisen viele Gefahren auf sich nahm, dürfte jedem klar sein. Ihre berichtigte Angst zwang sie zur Vorsicht und veranlasste sie, ihre Informanten sorgfältig auszuwählen. Die Gefahren, in die sich die Opfer begaben, die ihre Geschichten erzählten, erinnerten die Journalistin daran, wie gefährlich es ist, als Frau in einer vollkommen von Männern beherrschten Gesellschaft zu leben.

Mafiosi, Politiker, Militärs, Unternehmer, Industrielle, religiöse Führer, Bankiers, Polizeibeamte, Richter, Auftragsmörder und ganz gewöhnliche Menschen bilden das gewaltige Netzwerk des internationalen Verbrechens und der Kitt dieses Netzwerkes ist die sexuelle Befriedigung, über die alle Beteiligten an den Ergebnissen der Zwangsprostitution teilhaben, so die Menschenrechtlerin. Cacho bringt auf den Punkt, wenn sie schreibt: "Die einen schaffen den Sklavenmarkt, andere beschützen ihn und wieder andere fragen die menschliche Ware nach,"(Zitat: S. 19)

Zu Recht schreibt die Mexikanerin, dass der Menschenhandel, der in 175 Ländern der Erde dokumentiert ist, aufzeigt, inwieweit sich die menschliche Grausamkeit mittlerweile in der Kultur festgesetzt hat. Realität ist, dass rund 1,4 Millionen Menschen, primär Frauen, in die Sexsklaverei gezwungen werden. Was man darunter zu verstehen hat, macht Cacho im Buch umfassend deutlich. Die Journalistin bringt es auch hier auf den Punkt, wenn sie unverblümt formuliert: "Sie werden gekauft, verkauft und weiterverkauft wie Rohstoffe der Industrie, wie Trophäen, wie Opfergaben oder wie gesellschaftlicher Müll,"(Zitat S.20).

Die Autorin zeichnet eine Landkarte der modernen Sexsklaverei und gibt Antworten auf die Grundfragen des modernen Journalismus: Durch, wen, wie, wann, wo und warum im 21.Jahrhundert der Handel mit Sklaven, Waffen und Drogen immer weiter zunimmt," (Zitat: S.26).

Eine Untersuchung unter thailändischen Studierenden, Soldaten und Arbeitern brachte zum Ausdruck, dass die Soldaten mit Abstand die besten Kunden der Prostitution sind. Untersuchungen zum Handel mit Frauen und Mädchen ergeben, dass es in erster Linie die vermeintlichen Ordnungshüter, also Angehörige der Polizei und Armee sind, welche Menschenhändler schützen und in Bordellen mindestens ebenso gute Kunden sind wie Touristen, (vgl.: S.211).

Cacho fragt, was sich hinter sexueller Gewalt verbirgt und macht klar, dass die Angst der Frauen vor Vergewaltigung kein Produkt der Phantasie, sondern ein Erfahrungswert darstellt. Kunden der Prostitution weisen lt. der Menschenrechtlerin eine Gemeinsamkeit auf: sie setzen ihre Sexualität dazu ein, ihre Macht zu bestärken, Anerkennung unter Gleichgesinnten zu finden und sich als "echte Männer" zu beweisen, (vgl.: S. 217). Nach Ansicht der Journalistin existiert dieser Machismo in aller Welt, nicht nur in den Schwellenländern und gründet sich in erster Linie auf Macht, Neid, Selbstverherrlichung und Sexualität. Weder Fernsehen, Kino noch Universitäten würden letztlich patriarchalische Wertvorstellungen hinterfragen, mit denen sie die vorherrschenden geschlechterspezifischen Rollen und Verhaltensmuster zementieren, (vgl.: S.218). Die Autorin zitiert die Sozialwissenschaftlerin Kathryn Farr, die bekundet, dass die Sexsklaverei und die Vergewaltigung durch Soldaten zumindest indirekt durch ein patriarchalisches System ermöglicht werden.


Cacho schreibt im Zusammenhang mit Menschenhandel auch von der Geldwäsche und wie diese abläuft. Dabei gibt es vier Grundregeln, die bis heute noch Gültigkeit haben, (siehe S. 229). Wie sich das Handwerk der Zuhälter gestaltet, kann man ab Seite 241 nachlesen und ist im Grunde einfach nur angewidert, über das, was Menschen anderen Menschen antun. Es stimmt, es ist erschütternd, inwieweit selbst die unmenschlichste Gewalt gegen Frauen vielfach als etwas Normales wahrgenommen wird. Es gäbe nur wenige Männer, die sich im Kampf gegen Menschenhandel und die Gewalt gegen Frauen engagieren, oder die für eine menschlichere, weniger verdinglichte und verdinglichende Männlichkeit eintreten. Demgegenüber steigt die Zahl der Kunden der Kinderpornographie und der Zwangsprostitution von Minderjährigen. Weshalb das so ist, versucht Cacho vielschichtig zu beantworten. Die Journalistin hat gelernt, dass aus Opfern nur dann Überlebende werden, sofern sie die Freiheit dazu haben. Nur auf diese Weise vermögen sie die Entscheidung treffen, den Schmerz hinter sich lassen, meint Cacho. Wir müssen und da stimme ich der Mexikanerin, wie in allen anderen Punkten des Buches zu, die Selbstbestimmung der Opfer respektieren, deren Feinde die Kunden des Sklavenmarktes sind und deren Verbündete wir sein könnten, wenn wir bereit sind, die Sklaverei ohne Wenn und Aber abzulehnen.
Empfehlenswert.


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Rezension: Staatsfeind WikiLeaks: Wie eine Gruppe von Netzaktivisten die mächtigsten Nationen der Welt herausfordert - Ein SPIEGEL-Buch (Broschiert)

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 1 .Mai konnte man im Wirtschaftsteil einen bemerkenswerten einseitigen Artikel mit dem Titel "Geschäftsmodell Hacker" lesen. Anlass war der Datenklau bei Sony, der derzeit durch die Presse geht. Preise auf dem Hackermarkt für E-Mail-Adresse, das Stehlen von Passwörtern, das Erstellen von Programmen für Angriffe von Firmenwebsites und Erstellen von Schadstoffsoftware werden genannt. Das Eindringen in fremde Computer sei kein Sport mehr für übermütige Teenager, sondern sei ein Geschäft geworden. Rund um Hacker und Cracker habe sich ein eine Branche gebildet, die genau so professionell wie skrupellos vorgeht. Das Geschäft sei profitabel. Wer Computer manipulieren könne, könne sehr rasch Geld verdienen. Große Datenmengen wie bei Sony seien eine Menge wert, sofern man sie gestückelt verkaufe. Computerkriminelle sind heute professionell organisiert, las ich weiter in dem Artikel. Offenbar ist keine Internetfirma vor diesen Kriminellen geschützt. Die Zeit von idealistischen motivierten Hackern wie Julian Assange gehört offenbar weitgehend der Vergangenheit an, so meine Wahrnehmung. Wirtschaftskriminelle Hacker dominieren das Feld und bedrohen unser Staatsgefüge auf eine Weise, wie man dies kaum für möglich hält.

Gestern, also am 7. Mai 2011, las ich im Wirtschaftsteil der FAZ erneut einen Artikel zum Thema, diesmal mit dem Titel "Die dritte Säule der IT Branche". Hier las ich u.a., dass das IT-Unternehmen IBM täglich 13 Milliarden digitale Angriffe und unser Bundesinnenministerium für Deutschland alleine Angriffe im Sekundentakt zähle. Gefordert wird nun von der IT-Branche eine dritte Säule, die es möglich macht, sich gegen die Angriffe erfolgreich zur Wehr zu setzen.

Im Netz tummeln sich, jeder weiß es, Kriminelle aller Art, die schwer greifbar sind und deshalb dort fröhliche Urstände feiern. Der weltwirtschaftliche Schaden beträgt lt. der FAZ von gestern mittlerweile 100 Milliarden Dollar im Jahr.


Die Spiegel-Autoren Marcel Rosenbach und Holger Stark beschreiben im vorliegenden Buch die idealistisch motivierte Hackeraktivitäten der Netzaktivisten der Organisation WikiLeaks, die seitens der amerikanischen Regierung zum Staatsfeind erklärt worden ist.

Sehr ausführlich wird die Vita des hochintelligenten Gründers dieser Organisation Julian Assange dargestellt, der seit Jahren gegen den Staat als Sammelbecken einer vermeintlich korrupten Elite zu Feld zieht. Er folge einer Konzeption, die Medien, Ökonomie und politische Eliten als Teilmengen eines größeren Problems betrachte, korrumpiert von der Macht, eine Verschwörung gegen die Bürger. Seine Weltsicht nehme Anleihen im radikalen Liberalismus eines Milton Friedman wie in einer klassischen anarchistischen Theorie, (vgl.: S. 109).

Im Buch wird nicht nur die biographische Entwicklung von Assange unter psychologisch und soziologisch nicht uninteressanten Kriterien ausgelotet, sondern auch die Anfänge der von WikiLeaks dargestellt. Dieser Organisation geht es darum, mittels Hackern gekaperte brisante Dokumente aus der Wirtschaft, Wissenschaft, Rüstung, den Geheimdiensten ins Netz zu stellen, um Aufklärung zu betreiben.

Auf die Widersprüchlichkeiten von Assange wird im Buch immer wieder hingewiesen, so etwa auch auf sein Verhalten im Hinblick auf die Presse. Rosenbach und Stark versuchen gut nachvollziehbar ein objektives Bild von ihm und der Organisation zu zeichnen also nicht Partei zu nehmen.

Dargestellt werden nicht zuletzt die Enthüllungen geheimer Dokumente aus US-Botschaften sowie über die Kriege in Afghanistan. Mit der Veröffentlichung der diplomatischen Geheimdienstdepeschen habe WikiLeaks aus Sicht der Regierenden eine rote Linie überschritten, weil die Geheimdiplomatie ein wichtiges Werkzeug der amerikanischen Machtpolitik sei. Die Politik von WikiLeaks sei eine Herausforderung für jeden Staat, für repressive Regime mehr noch wie für demokratische, (vgl.: S.287). Die Frage, die sich stellt, ist ob die Veröffentlichungen die Demokratie gefährden oder ob solche Veröffentlichungen nicht der Demokratisierung Vorschub leisten. Wie ist das Tun zu werten? Als kritischer Journalismus oder als Verrat von Staatsgeheimnissen?

Ein hochinteressantes Buch, das nachdenklich stimmt. Die Frage, die sich mir stellt ist, wodurch ein demokratisches Staatsgefüge mehr bedroht wird, durch einen rechtlichen mehr als bedenklichen, investigativen Internetjournalismus, wie Assange ihn auf seine Fahnen geschrieben oder durch wirtschaftskriminelle Handlungen in 100 Milliardenhöhe, von denen die FAZ gestern geschrieben hat? Wenn aufgrund des Internets Daten jedweder Art nicht mehr sicher zu stellen sind, dann geht es in erster Linie darum, dass Veränderungen herbeigeführt werden müssen. Die geforderte dritte Säule im IT-Bereich ist eine davon, ethisches Umdenken eine weitere.

Empfehlenswert.
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Rezension:Wir haben wieder aufgebaut: Frauen der Stunde null erzählen (Gebundene Ausgabe)


Antonia Meiners hat mit diesem Buch den sogenannten Trümmerfrauen ein würdiges Denkmal gesetzt.

Untergliedert ist das Buch in fünf Kapitel und enthält nicht zuletzt viele Zeitzeuginnen-Berichte. Diese Kapitel tragen die Titel:

Das Land versinkt im Chaos
Kampf ums tägliche Brot
Überleben in Ruinen
Hoffnung auf den Neubeginn
Neue Rollen, alte Muster

Ich habe das Buch nicht in einem durchgelesen, sondern mir immer wieder eine paar Tage Zeit gelassen, da mich die Texte sehr schmerzten, nicht nur weil sich viele Berichte mit den Erzählungen meiner Großmütter, meiner Großtanten, meiner Mutter und meiner Tanten, die alle aus dem Osten vertrieben wurden, decken. Ich glaube, dass wir Töchter jener Mütter und Großmütter eine besondere Pflicht haben, diesen Frauen Freude zu schenken, weil sie so Schreckliches erlebt haben. Dies erkennt man spätestens dann, wenn man verstanden hat, was diese Frauen geschultert haben.

Man liest vom Todesmarsch der Breslauer Mütter, liest den Brief einer jungen Breslauerin an ihre Mutter, in dem sie berichtet, wie ihr Kind in ihren Armen bei 20 Grad minus im Freien erfriert. Man liest von Flucht und Vertreibung, von einer Tragödie, die ich mich scheue, an dieser Stelle in knappen Worten wiederzugeben. All die Kinder, die in eisiger Kälte erfroren sind....schrecklich, unvorstellbar.

Thematisiert wird auch die Ankunft in der Fremde, die Vergewaltigungen von rund 2 Millionen Frauen durch die Soldaten der Roten Armee. Es werden Bilder gezeigt, die verdeutlichen, wie russische Besatzungssoldaten in Berlin Frauen auf offener Straße demütigten, bevor sie sich ihrer bemächtigten. Um Macht geht es immer bei Vergewaltigungen wie man weiß und Sieger demonstrieren nach Kriegen ihre Macht am liebsten an Frauen, weil ihnen das offenbar den größten Lustgewinn verspricht. Natürlich muss man alles vor dem Hintergrund sehen, dass die Nazis im Osten wie die Berserker gewütet haben und das Tun der Russen dem Rachegedanken entsprang. Für die betroffenen Frauen war dies schwer nachvollziehbar und ich begreife durchaus, das manche Frauen Jahre brauchten, um das zu verstehen.

Thematisiert wird die Vertreibung aus Schlesien, auch aus Polen und man hat Gelegenheit einen Originaltext von Gräfin Dönhoff zu lesen, in dem sie von ihren Flucht-Erfahrungen aus Ostpreußen berichtet. Auch andere Persönlichkeiten im Buch schreiben von der Flucht und Vertreibung aus dem Osten und ihren Erfahrungen nach dem Krieg und das in berührender Weise.

In der Folge wird der Kampf um das tägliche Brot näher beschrieben, auch von der Zuteilung von Lebensmittelkarten, von Kartoffelfeldern mitten in Berlin, den Hamstertouren, dem Schwarzmarkt und schließlich dem Hungerwinter 1946/47 und über das Überleben in den Ruinen kann man Aufschlussreiches lesen, wie auch über das tägliche Tun der Trümmerfrauen. Nicht vergessen werden darf, dass die zerbombten Städte in Deutschland eine leider notwendige Maßnahme seitens der Alliierten war, dem Terror der Nazis ein Ende zu setzen. Vielen Frauen war dies bewusst, wie das Buch verdeutlicht und sie wollten nicht zurückblicken, sondern ihr Jetzt durch den erneuten Aufbau einfach rasch wieder menschenwürdiger gestalten. Das kann ich nachvollziehen. Wenn man knietief in existenziellen Problemen steckt, bleibt keine Zeit zu trauern.

Man liest von der Sehnsucht der Frauen nach Schönheit,  auch von der Beziehung mit GIs und man versteht, dass die jungen Frauen einfach ein wenig Freude haben wollten, wenn sie im "Amerika-Haus" nach dem Alltag des Steineklopfens tanzen gingen und Freundschaften zu amerikanischen Soldaten unterhielten oder einfach nur eine Möglichkeit suchten, satt zu werden.

In der Folge erfährt man, wie die Frauen begannen sich für die Demokratie einzusetzen. In diesem Zusammenhang erzählt die Zeitzeugin Hildegard Hamm-Brücher, die am 11.Mai ihren 90. Geburtstag feiern wird, sehr packend aus ihrem Leben, bevor ganz zum Schluss über die Mütter des Grundgesetzes und den Kampf um die Gleichberechtigung berichtet wird.

Ein sehr gutes Buch über die Sorgen und Nöte, aber auch über die Tapferkeit und den Mut von Frauen, die es nicht einfach hatten, in einer Zeit, wo Männer sich noch schriftlich damit einverstanden erklären mussten, dass ihre Frauen studieren durften.

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Rezension:Bamberger Frauengeschichten (Gebundene Ausgabe)

Vor einigen Tagen habe ich das Hörspiel "Die Zauberin sollt du nicht leben lassen" des Bamberger Autors Peter Braun rezensiert, das Bezug nimmt auf die Bamberger Hexenverbrennungen. Verantwortlich an den Morden im 17. Jahrhundert war der "Hexenbrenner" Fuchs von Dornheim. Im vorliegenden Buch wird im Rahmen der Bamberger Frauendarstellungen vom 8. Jahrhundert bis zum 21.Jahrhundert ebenfalls von diesen grausigen Morden berichtet.


Mit besonderem Interesse habe ich die Geschichte des Tochter des Bamberger Torschusters gelesen, die sich im 13. Jahrhundert zutrug. Damals - lange vor der Hochphase der Hexenverbrennungen- sollte das bildhübsche Mädchen, das wegen seiner Schönheit von Neiderinnen der Unzucht bezichtigt wurde, verbrannt werden. Als es unterwegs war zum Richtplatz, lösten sich zehn Ziegel vom Dach des Domes und erschlugen die Schöne und ersparten ihr den qualvollen Tod auf dem Scheiterhaufen. Man sieht also, dass nicht nur im 17. Jahrhundert Neid und Missgunst Menschen dazu bewegt hat, Unschuldige zu verfolgen sowie zu martern. Neid, Missgunst und Gier waren und sind die wahre Geißel der Menschheit.


Es führt zu weit, all die im Buch aufgelisteten Frauen zu beleuchten. Sehr lesenswert ist die Geschichte des Bamberger Frauenhauses, in der einst die Dirnen der Stadt lebten, die man übrigens "Rosen" nannte und die man an ihrer roten Kopfbedeckung erkannte. Lesenswert ist die Geschichte nicht zuletzt wegen der Maßnahmen, die Prostituierte zur Abtreibung einleiteten und der zitierten Stellungnahme Kaiser Karls V. in der "Constitutio Criminalis Carolina" zur Abtreibung generell. Nach damaliger Sicht war ein männlicher Fötus nach 40 Tagen beseelt, ein weiblicher allerdings erst nach 80 Tagen. Eine bemerkenswerte Sicht, deren detaillierte Begründung ich gerne in einem alten Text nachlesen würde. Männliche Argumentationsketten sind in allen Jahrhunderten sehr spannend, besonders solche von Theologen.


Die Autorin schreibt auch über Agnes Dürer, die mit ihrem Gatten Albrecht einige Male in Bamberg weilte. Dürer hatte diese Frau nicht aus Liebe geheiratet, sondern sein Vater hatte ihm die Nürnberger Patriziertochter während seiner Abwesenheit ausgewählt. Agnes muss eine schlimme Xantippe gewesen sein, die ihrem Gatten, einem weltläufigen intellektuellen Künstler, die Hölle auf Erden bereitete. Dürers bester Freund, der Philosoph Willibald Pirckheimer beschuldigte Agnes in einem berühmtem Brief ihren Mann, aufgrund ihrer Geldgier und ihrer ewig schlechten Laune umgebracht zu haben, (vgl.: S.65-66). Leider gibt solche Frauen, ähnlich wie ihre männlichen Pendants in allen Jahrhunderten. Auf dem Scheiterhaufen landen solche Personen in der Regel nie.


Das spannendste Kapitel des Buches ist das 17. Jahrhundert. Hier erfährt Näheres zur "Bamberger Tortur", die man bei vielen Frauen und auch bei Männern anwandte, wenn man sie der Hexerei bezichtigte. Zunächst wurden die Folterinstrumente gezeigt, sofern dies nicht half, wurden Daumen- und Beinschrauben angesetzt, anschließend wurden die armen Menschen mit Schwefelruten gebrannt, ausgepeitscht und mussten tagelang auf spitzkantigen Lattenböden schlafen, (vgl. S.84). Die Autorin betont, dass die Verfolgung und Folter sich anfänglich nur gegen Frauen richtete. Man wird mit dem Schicksal des Bürgermeisters Johannes Junius und seiner Familie vertraut gemacht, auch mit dem Schicksal der Familie Dr. Georg Haan und mit dem traurigen Schicksal von Dorothea Flock, die alle Opfer des Fuchses von Dornheim wurden, einem geldgierigen, zugebretterten Theologen, Fürstbischof von Bamberg und Hexenbrenner seines Zeichens, der alles andere als ein Christ war. Die Autorin erwähnt die Dissertation von Britta Gehm "Die Hexenverfolgung im Hochstift Bamberg", die ich demnächst lesen werde, um mir noch mehr Klarheit über das, was sich in Bamberg ereignete, zu verschaffen.


Erwähnen möchte ich eine Bamberger Dame aus dem 18. Jahrhundert: Maria Katharina Wilhelmina Treu (1743-1811). Sie war eine der ersten Professorinnen an der Kunstakademie in Düsseldorf und führte ihren Titel bis zum Tode. Es folgen eine Reihe weiterer spannender Frauenporträts, auch solche von jüdischen Frauen während der NS-Zeit.


Dies ist ein Buch, das nachdenklich stimmt und die Frage aufwirft, was haben junge Bambergerinnen aus der Geschichte gelernt? Ist eine Maria Katharina Wilhelmina Treu ein Vorbild für sie? Wie begegnen sie Männern, die ihrem Wesen nach an den Fuchs von Dornheim erinnern?

Empfehlenswert.

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Rezension: Die Kelten. Fürsten, Krieger und Druiden. Auf den Spuren einer rätselhaften Kultur. (GEOepoche - GEO Epoche Nr. 47/2011) (Taschenbuch)


Geo Epoche Nr. 47 befasst sich mit der Kultur der Kelten. Diese herrschten 800 Jahre über weite Teile Europas. Da die keltischen Stämme kaum Inschriften und auch keine Geschichtswerke hinterließen, blieb von dieser Zivilisation, nachdem sie um die Zeitwende in die römische aufging, kaum etwas zurück.

Auf den ersten Seiten des Magazins lernt man Spuren dieser rätselhaften Kultur auf Fotos kennen.

Die Kelten lebten offenbar zumeist als Landwirte in Siedlungen. Sie bauten Dinkel und Gerste an und ernährten sich hauptsächlich von Getreidebrei.

Man lernt die Kelten aus der Sicht der Forscher kennen, für die das Bild der Kelten viele Schattierungen besitzt. Zur Sprache gebracht werden die Selbstwahrnehmung, die Fremdwahrnehmung, die Sprache, die Kultur und die Verwandtschaft, um auf diese Weise die Identität dieses Volkes auszuloten.

Man erfährt u.a., dass das älteste Hügelgrab der Kelten in der Nähe von Frankfurt liegt und keltische Siedlungen, wie beispielsweise Heuneburg an der Donau einem bislang ungewisses Schicksal anheimfielen. Bereits um 700 v. Chr. haben die Kelten ein unsichtbares Netz um Mitteleuropa gespannt. Wie Cay Rademacher meint, beinhaltete dieses Netz Handelswaren, Rohstoffe und Ideen des Glaubens. Keltische Hügelgräber waren Heiligtümer. Was es mit ihnen auf sich hatte, wird im Magazin gut erklärt.
Ausführlich befasst sich Dr. Anja Herold mit dem Bergbau der Kelten in Hallstatt. Zehntausende Tonnen Salz haben die Bergarbeiter zwischen 800-350 v. Chr. dem Berg dort abgerungen. Dadurch beherrschten die Kelten für lange Zeit den Handel mit den wertvollsten Gütern des Altertums. Bereits um 500 v. Chr. wird in Hallstadt erstmals Salz gewonnen und 1500 v.Chr.bauen die Alpenbewohner dann Salz in Schächten ab, die sie tief in den Fels hineintrieben, (vgl.:S.41).

Berichtet wird in einem der Beiträge des Magazins über die Fürstin von Vix, die an der Seine lebte und nach ihrem Tode wie eine Gottheit verehrt wurde. Berichtet wird auch über den Sturm auf Rom und ferner über den keltischen Totenkult, sowie über eine der größten keltischen Siedlungen: Manching. Dieser Ort kontrollierte vor allem den Handel zwischen Ost und West entlang der Donau. Der Wohlstand keltischer Städte soll sich dabei primär auf Sklavenhandel und Aktionen von Rauptrupps gerichtet haben.

Sehr lesenswert ist der Beitrag Martin Paetschs über die Druiden. Sie waren die geistigen Führer der Kelten, arbeiteten als Lehrer und Richter, kommunizierten mit den Göttern und entschieden über Leben und Tod, (vgl.: S. 107 ff). Die Kelten verehrten übrigens am intensivsten den Gott des Handels.

Über den Aufstand gegen Caesar seitens der Kelten wird man ausführlich unterrichtet und über das Ende der keltischen Kultur Der Krieg der Kelten gegen Caesar kostete gut 1 Million Kelten das Leben und eine weitere Million ging vermutlich in die Sklaverei. Die Römer haben ihre Tempel und Kultplätze zerstört und es sollen Hunderte Städte und Dörfer niedergebrannt worden sein, (vgl.: S. 145).
Man erfährt von den letzten Rebellen auf den Britischen Inseln und von Boudica, die zum Kampf gegen die Römer aufrief. Aber auch die letzten Rebellen unterlagen der Militärmaschine des Imperiums.

Ein sehr aufschlussreiches Magazin, das mir mal wieder verdeutlicht hat, dass die Geschichte der Menschheit letztlich nur eine Geschichte der Machtkämpfe ist. Leider.

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Rezension: Intrigenopfer- Barbara Beck

Die Historikerin Dr. Barbara Beck befasst sich im vorliegenden Buch mit dem Aufstieg und Fall sogenannter großer Männer. Die Rede ist von: Giuliano de`Medici, Kaiser Rudolf II., Georg Haan, Albrecht Wallenstein, Gaspar de Guzmán Olivares, Joseph Süß Oppenheimer, Anton Ulrich von Braunschweig-Bevern, Gustav III. von Schweden, Georg -Jaques Danton, Joseph Fouché, Maximilian Joseph von Montgelas, Harry von Arnim -Suckow, Ludwig der II. von Bayern, Alfred Dreyfus, Alexander I. Obrenovic, Philipp zu Eulenberg von Hertefeld, Wilhelm zu Wied, Mathias Erzberger, Michael Nikolajewitsch Tuchatschewskij und Galeazzo Ciano.

Am 15.3.2011 habe ich das Buch Intrige: Machtspiele - wie sie funktionieren - wie man sie durchschaut - was man dagegen tun kann rezensiert und nun beim Lesen des Buches "Intrigenopfer" immer wieder darauf geachtet, ob die Merkmale einer Intrige, die Michalik nennt, nachvollziehbar sind. Zumeist bestehen die Intrigen gegen ein ins Visier genommenes Opfer aus einer Kette von Einzelintrigen, schreibt Dr. Beck und unterstreicht, dass die klassischen Bestandteile der Intrige arglistige Täuschung, Fälschung, Verleumdung, Lüge und Rufmord sind.

Nur selten wollen Intriganten als die entscheidenden Strippenzieher im Hintergrund enttarnt werden, doch es gibt auch andere Fälle, wie im Buch an einem Beispiel sehr gut gezeigt wird. Dass Geheimhaltung ein sehr wichtiger Bestandteil von Intrigen und Komplotten ist, um so aus der sicheren Deckung heraus, das ins Auge gefasste Opfer zu Fall zu bringen, schreibt auch Regina Michalik und dass nicht immer zu Unrecht verfolgte Personen Opfer einer Intrige werden, wird am Beispiel Joseph Fouches verdeutlicht, der ein Fiesling erster Ordnung war, wie jeder weiß, der Stephan Zweigs "Joseph Fouche" gelesen hat.

Dr. Beck bringt es in ihren Titeln zu den Kurzbiographien inclusive Intrigenbeschreibungen auf den Punkt, wenn sie schreibt "Im Sog der Hexenverfolgung", "Von der Revolution gefressen", "Zum Sündenbock gestempelt", "Unfreiwilliger Mittelpunkt einer Staatsaffäre", "Verratener Verräter" etc..

Um die Spannung nicht zu mindern, sehe ich davon ab, Michaliks Intrigenbeschreibung akribisch in jeder Geschichte öffentlich auszuloten, sondern fasse bloß zusammen, dass es sich in allen Fällen um wirklich abgefeimte Intrigen handelt. Von einigen Intrigen wird der ein oder andere sicher gehört haben. "Die Affaire Dreyfuß" und Dantos Ableben dürften jedem halbwegs gebildeten Menschen bekannt sein.

Den Namen Georg Haan kennen gewiss nur wenige. Er erlangte traurige Berühmtheit in einer der Hochburgen der Hexenverfolgung und zwar in Bamberg. Dort nämlich wurden in den Jahren 1595 bis 1631 etwa 1000 Menschen als Hexen verbrannt. Als "Hexenbrenner" ging der damals regierende Bamberger Fürstbischof Johann Georg II. Fuchs von Dornheim in die Geschichte ein. Verfolgt wurden Mitglieder der Oberschicht und so auch der damals höchste weltliche Beamte, der Kanzler Dr. Georg Haan. Nicht nur er, sondern auch der größte Teil seiner Familie wurde durch gezielte Denunziation durch seine Gegner und Neider um ihr Leben gebracht, indem man die Haans der Hexerei bezichtigte. Was in Bamberg geschah war ein Skandal, (vgl.: S. 37ff). Ob junge Menschen in Schulen dort heute von den üblen Intrigen ihrer Vorfahren in Kenntnis gesetzt werden? Sind Bamberginnen heute zurückhaltender, wenn es um Boshaftigkeiten und Verleumdungen geht? Immerhin haben sie die Schuld ihrer Vorfahren abzutragen. Lernen die Menschen dazu oder würden sie nach wie vor am liebsten rufen: "Lasst die Hexe oder den Hexenmeister brennen?"

Die Verleumdungen, die mit Intrigen immer einhergehen, werden am Falle Dr. Haans und seiner Familie am augenscheinlichsten. Ich sehe Bamberg in jenen Tagen bildlich vor mir und ich sehe die Scheiterhaufen brennen, direkt vor dem Bamberger Dom und ich sehe wie der Hexenbrenner sich die Hände reibt....

Das Muster der Intrige gleicht sich stets und immer auch werden Helfer eingesetzt. Der Drahtzieher bleibt zumeist im Dunkeln. Ihn gilt es aufzuspüren und der Lächerlichkeit preiszugeben. Das allerdings ist nicht immer einfach.

Klar muss sein, dass Bamberg sich überall immer und immer wieder zutragen kann, wenn man Intriganten ihr Spiel spielen lässt.
Empfehlenswert.


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Rezension: Gallia Lugdunensis

Autor dieses Buches ist Professor Alain Ferdiére, einer der berühmtsten Altertumswissenschaftler Frankreichs. Er thematisiert hier die römische Provinz Gallia Lugdunensis, die im Herzen Frankreichs gelegen ist. Zwischen Nordseeküste, Atlantik und Rhone gab es in römischer Zeit eine Kulturlandschaft mit dem Zentrum Lugdunum (dem heutigen Lyon). In dem vorliegenden reich bebilderten Buch wird man zunächst über die Entstehung dieser Provinz aufgeklärt. Besonders interessant finde ich hier die Abhandlung über die einheimische Kultur und die Romanisierung.

Diese Romanisierung soll in mehreren Wellen verlaufen sein, von denen die wichtigste die Urbanisierung darstellte. Das markanteste Charakteristikum jener Zeit stellt die Schaffung städtischer Infrastruktur dar. In Städten wie Lyon ist eine Urbanisierung schon im 1. Jahrhundert v. Chr. festzustellen. Die Akkulturation kann man am besten an Gebäuden ablesen, die typisch für die römische Kultur sind. Der Autor nennt Thermen und Aquädukte, aber auch Theater und Amphitheater, (vgl.: S. 24). Auf dem Gebiet der Technik und des Handwerks manifestierte sich die Romanisierung in der Praxis, speziell in der Rationalisierung und Systematisierung der Arbeitsabläufe für den optimalen Betrieb und maximalen Profit, (vgl.: S.26).

Man liest von den ersten Metzgereien und Bäckereien als spezifisch städtisches Phänomen, aber auch von der Verbreitung der Literalität in den oberen Gesellschaftsschichten, die mit der Übernahme der lateinischen Sprache einherging. Die soziale Hierarchie soll innerhalb der gallo-römischen Gesellschaft sehr komplex gewesen sein. Die städtischen Eliten besaßen nicht selten römische Bürgerrechte, (vgl.: S.31). Die Geldgeschenke, die sie machten, um öffentliche Ämter bekleiden zu dürfen, wurden nicht als Bestechung, sondern als Ausdruck der Großzügigkeit gegenüber der Gemeinschaft empfunden. Auch die Etablierung des Arztberufes ist ein Zeugnis der Akkulturation, (vgl.: S. 32).

Ausführlich wird man über die Urbanisierung in Kenntnis gesetzt. Das wichtigste urbane Kennzeichen der neugegründeten Städte war immer das Zentrum, das gleichzeitig für die Stadt und das Territorium der "civitas" zuständig war. Woraus es im einzelnen bestand, wird ausführlich dargestellt. Interessant sind in diesem Zusammenhang Querschnittsrekonstruktionen von Gebäuden, die der Unterhaltung der Bürger dienten.

Die Gründung von Lyon wird thematsiert und in diesem Zusammenhang über Handel und Handwerk dort in jener Zeit, über Religion, über das Bundesheiligtum, die Großbauten, das Theater, das Odeon, den Circus, das Forum, die Thermen, die Aquädukte, die Nekropolen und anders mehr aufgeklärt. Über Caesarodorum (Tours) einer Stadt im Westen der Lugdunensis, aber auch über sekundäre Orte erfährt man Näheres und über zwei bemerkenswerte Siedlungen, nämlich Cenabum (Orléans) und Cabillonum (Chalon-sur-Saone). Es führt zu weit hier alle im Buch genannten Siedlungen aufzuführen. Interessant finde ich die Beschreibung der Wohnbereiche der Grundherren auf dem Lande und die Thematisierung der Erwirtschaftung von Vermögen in nicht urbanen Gebieten, d.h. die Produktion und Organisation von Landwirtschaft.

Zur Sprache kommen das Münzsystem und auch das Abgaben und Steuersystem, der Handel, das Handwerk und die Geschäfte in jener Zeit, wie auch das Kunsthandwerk. Aufgeklärt wird man fernerhin über die Kulte und Heiligtümer. Offenbar waren sowohl Gottheiten mit römischen Namen als auch solche mit eindeutig lokalem oder gemischtem Namen von Bedeutung. Die Integration führte durch die sogenannte "Interpretatio Romana" zu einer Neuordnung und Neuinterpretation der bestehenden religiösen Vorstellungen, (vgl.: S.194). In Lugdunum fand ein Madronenkult in Privathaushalten statt und im häuslichen Pantheon existierte nicht selten eine Venus, deren Kult mit familiärer Eintracht verbunden war, (vgl.: S.11).

Über Tempel und Gräber wird man gut informiert, bevor man sich mit der spätantiken Situation der beschriebenen römischen Provinz ausführlich befassen kann. Einen sehr bedeutenden Einschnitt für die Lugdunensis stellt die "Konstantinische Wende" des Jahres 312 n. Chr. dar, welche zur Duldung und Priviligierung der christlichen Religion im Römischen Reich führte, (vgl.: S.155).

Für kulturinteressierte Frankreichliebhaber ein sehr aufschlussreiches Buch, das ich gerne empfehle.

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Rezension: Eichmann war von empörender Dummheit

Herausgeber dieses bemerkenswerten, erhellenden Buches sind Ursula Ludz und Thomas Wild. Nachzulesen ist ein bislang unbekannter Briefwechsel zwischen der Jüdin Hanna Arendt (1906-1975) und Joachim Fest (1926-2006). Thema ist ihr viel diskutiertes Buch "Eichmann in Jerusalem", dass ihre Kritiker verwarfen, mit dem Vorwurf sie habe die Schuld Adolf Eichmanns verharmlost. Fest schickte Arendt einen Fragekatalog. Dass man Arendt missverstanden hatte, macht dieses  Buch unmissverständlich deutlich.

Das Buch ist untergliedert in:
"Eichmann war von empörender Dummheit"
Hannah Arendt-Joachim Fest:
Die Rundfuksendung vom 9. November 1964

"Wir haben sehr viel zu erörtern...."
Hannah Arendt- Joachim Fest:
Briefe 1964 bis 1973

Zur Kontroverse um Hanna Arendts
Eichmann in Jerusalem
Vier Dokumente aus den Jahren 1963 bis 1965

Gleich zu Beginn liest man, dass der international gesuchte NS-Verbrecher Adolf Eichmann im Frühling 1960 in Argentinien vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und nach Israel entführt wurde. Zwischen April und Dezember 1961 stand der ehemalige SS-Obersturmbannführer in Jerusalem vor Gericht. 1962 wurde er hingerichtet. Hannah Arendt war Prozessbeobachterin und Berichterstatterin für die Zeitschrift "The New Yorker". Für Arendt war die Erfahrung der "leibhaftigen" Anschauung eine Voraussetzung des Denkens und Urteilens. Sie erkennt während der Prozessbeobachtung, dass Eichmann kein Judenhasser oder ideologischer Fanatiker war, sondern ein "Hanswurst", der unreflektiert in der NS-Vernichtungsmaschinerie funktionierte. Für sie ist klar, dass sich Eichmann gegen die Wirklichkeit abgedichtet hatte, indem er für jede Erfahrung ein Klischee oder eine Sprachschablone bereithielt. Für Eichmann war Amtssprache seine einzige Sprache. Arendt erkannte in dessen Unfähigkeit sich zu verbalisieren, seine Unfähigkeit zu denken und zu urteilen. Im Gespräch mit Fest gehen beide der Frage nach, ob sich hier ein neuer Tätertyp zeigt. Eine der Überlegungen ist die, ob eine Kombination aus Wirklichkeitsverweigerung, Erfahrungsverlust, Pflichttreue und Verantwortungslosigkeit ein Paradigma der Moderne abbildet. Auch wird in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Eichmann, Hitler und Speer hinterfragt, siehe Seite 13 ff.)

Hannah Arendt exkulpiert Eichmann, der für sie von empörender Dummheit war, keineswegs, denn für sie hat, ähnlich wie für Kant kein Mensch das Recht zu gehorchen. Spezifisch für das deutsche Volk sei, das Unvermögen selbst zu denken. "Die Art von Dummheit, das ist, als ob man gegen eine Wand spricht."(Zitat: S.45).

Gehorsam ist für sie kein Exkulpationsgrund. "Gehorchen in diesem Sinne tun wir, solange wir Kinder sind, da ist es notwendig (...) Aber die Sache sollte im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr spätestens ein Ende haben", (Zitat: S. 45).

Spätestens nach den Briefen mit Fest ist klar, dass Arendt von ihren Kritikern missverstanden wurde. Interessant ist übrigens die Anlage zum Brief Nr. 17, ein Gedicht von Gottfried Keller, "Die öffentlichen Verleumder":

"...Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend; ....

Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart."

(Textstellen aus diesem Gedicht, Seite 105). Verleumdungen funktionieren offenbar nicht erst seit dem letzten Jahrhundert auf diese Art und Weise.

Es ist sehr aufschlussreich die vier Beiträge der Kontroverse um das Buch "Eichmann in Jerusalem" in der Folge zu lesen. In meinen Augen ist es nicht schwierig, Arendt zu begreifen und ich kann nicht verstehen, weshalb man sie so extrem missverstehen konnte. Besonders lesenswert ist Golo Manns Text "Der verdrehte Eichmann". Kritiker scheinen nicht selten dazu zu neigen, die Persönlichkeit des Autors anzugreifen, wenn sie ein Problem damit haben, dessen kluge Sichtweise zu begreifen. Diesbezüglich sollten Kritiker an sich arbeiten.

Lesenswert.


Das rezensierte Produkt ist überall im Handel erhältlich.

Rezension: Kaiser Friedrich II.- Welt und Kultur des Mittelmeerraumes.

Dieses reich bebilderte Buch ist der Katalog zu einer gleichnamigen Ausstellung, die im Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg gezeigt wurde und die ich leider nicht besucht habe.

Thematisiert wird Kaiser Friedrich II. (1194-1250), der auf Sizilien am dortigen Königshof mit arabisch-jüdisch-byzantinisch-normanischer Mischkultur seine Kindheit verbrachte. Dort schulte er einst sein diplomatisches Talent. Er besaß vielseitige kulturelle Interessen, auch Fremdsprachenkenntnisse und ein universelles Denken. Durch sein Falkenbuch, das in einem Essay von Michael Menzel näher beleuchtet wird, setzte er sich ein literarisches Denkmal. Friedrich II. schätzte philosophische Dispute und gründete die Universität Neapel. Im Rahmen von insgesamt 23 Essays lernt man diesen Herrscher näher kennen, der, wie man dem Klappentext bereits entnehmen kann, für die einen ein skrupelloser Politiker, ein Ketzer und Verräter der Christenheit und für die anderen ein aufgeklärter Regent und Vertreter der Reformation war.

Es ist unmöglich auf all die komplexen Inhalte der Essays im Rahmen der Rezension näher einzugehen, weil diese Essays nämlich wirklich alle Facetten Friedrichs, seiner Politik, der Kultur in jener Zeit und seiner individuellen Gepflogenheiten thematisieren. Besonders interessant ist der Essay, der sich mit Friedrichs Weltherrschaftsgedanken befasst und jener, der ihn als Freund der Muslimen thematisiert. Man erfährt übrigens auch Näheres zu seinen Ehefrauen. Friedrich II. war insgesamt viermal verheiratet und wurde viermal Witwer. Demnach hatte er wenig Glück in diesem Zusammenhang. Seine vierte Frau verstarb am Tag der Eheschließung.

Sehr lesenswert ist der Essay von Dankeart Leistikow mit dem Titel "Castel del Monte im Lichte der Forschung", dessen Geheimnisse noch immer nicht restlos entschlüsselt zu sein scheinen. Friedrichs Falkenbuch, sein berühmtes Werk über die Beizjagd, ist Gegenstand eines anderen Essays. Der Kaiser beschreibt in diesem Buch die Beitz als Paradebeispiel zwischen Mensch und Natur, (vgl.: S.260).

Der Katalogteil enthält viele Dokumente und Gegenstände aller Art, die auf der Ausstellung zu sehen waren. Alle Objekte werden ausführlich erläutert. Am meisten beeindrucken mich die Astrolabien, deren Handhabung mir nicht ganz klar ist, von denen ich aber weiß, das es Multifunktionswerkzeuge sind, die man schon in der Spätantike kannte und mittels derer man u.a. Himmelskörper bestimmen kann. Friedrich wird sie sich sicher schon früh haben erklären lassen. Das schließe ich aus seinem unbändigen Wissendurst, der diesen Kaiser mir so sympathisch macht.



Ein Buch, dass ich historisch Interessierten gerne empfehle.





Rezension: Das Amt und die Vergangenheit

Dieses Buch, das auf Betreiben des damaligen Außenministers Joschka Fischer durch die vier Autoren Eckart Conze, Norbert Frei, Peter Hayes, Moshe Zimmermann in mehrjähriger, wissenschaftlicher Arbeit entstanden ist, räumt endlich mit dem Mythos auf, dass das "Auswärtige Amt" und dessen Diplomaten in der Zeit der Hitler-Diktatur mit den verbrecherischen Machenschaften der Nationalsozialisten und ihrer Organisationen SS und SA nichts zu tun gehabt hätten. Diese Geschichtsklitterung wurde von dem "Diplomatischen Korps" in der neugegründeten Bundesrepublik intensiv propagiert, aufgrund der Tatsache, das die neuen Diplomaten eigentlich die alten waren. Dies bedeutet, dass das "Diplomatische Korps" der Bundesrepublik Deutschland überwiegend aus Beamten bestand, die auch schon zu Zeiten des Dritten Reiches Funktionsträger im "Auswärtigen Amt" waren.

Die Nazi-Diplomaten gingen nach dem Kriege noch einen Schritt weiter, denn sie versuchten das Bild des "sauberen Beamten" darzustellen, der nichts mit Judenverfolgungen und Deportationen zu tun hatte, der vom Holocaust nie etwas Konkretes gehört hatte und der allein mit den außenpolitischen Aufgaben betraut war, um Deutschland zu repräsentieren, weit entfernt von der Ideologie der verbrecherischen Nazischergen.

Dieser Mär setzt das Buch auf 880 Seiten endgültig ein Ende. Wissenschaftlich exakt wird anhand von einer Vielzahl von Dokumenten (Protokolle, Weisungen und Erlasse) nachgewiesen, dass das "Auswärtige Amt" ab 1933 Zielscheibe der nationalsozialistischen Einverleibungstaktik war.

Diplomaten jüdischer Herkunft wurden kurzerhand entlassen, allen anderen empfahl man der SS oder der SA beizutreten, wenn diese nicht schon freiwillig aus Karrieresüchten entsprechende Anträge gestellt hatten. So sollte die Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut dokumentiert werden.

Der Wahrheit halber zeigt das Buch auch auf, dass es nur einige wenige Diplomaten waren, die freiwillig den Dienst aus politischer Überzeugung oder ethischen Gründen quittierten, das Gros der Beamten jedoch sich bereit erklärte, alle Verbrechen der Nazis mit durchzuführen. Dieses bedeutet: sie beteiligten sich aktiv in allen besetzten Gebieten bei Deportationen verfolgter Menschen. Sie wurden freiwillig zu Handlangern der NS-Rassenpolitik.

Mit das Interessanteste an diesem aufklärerischen Werk ist nicht alleine die sehr umfangreiche Darstellung der Handlungsmuster der meisten Diplomaten, die oft namentlich genannt werden, im Hinblick auf ihre aktiven Beteiligungen als auch die Darstellung ihrer jeweiligen Schicksale nach dem Kriege, sondern was mich zutiefst berührt hat, ist die Tatsache, dass in sehr anschaulicher Form dem Leser erkenntlich gemacht wird, welche menschenverachtende Ideologie in den Köpfen dieser selbsternannten Herrenmenschen zementiert war. Nicht nur, dass Millionen von unschuldigen Menschen auf grausamste Art und Weise ihr Leben verloren haben wird zweifelsfrei dokumentiert, sondern die Niedertracht dieses geisteskranken Denkens sollte auch die Würde all dieser Menschen vernichten und selbstverständlich war auch das Eigentum eine willkommene Beigabe auf diesem zynischen Vernichtungsfeldzug.

Was geschah mit diesen "diplomatischen Herrschaften" nach dem Kriege? Auch darauf gibt dieses Buch eine dezidierte Antwort, denn es galt ja nach 1945 durch die Entnazifizierungsaktionen zu schlüpfen, um schnellstmöglich wieder eine exponierte Stellung in der deutschen Gesellschaft einzunehmen. Das Buch beschreibt genau wie sich die Diplomaten jeweils gegenseitig "Persilscheine" ausstellten, um so nachzuweisen, dass jeder von ihnen mehr oder weniger ein Widerstandskämpfer war und dass sie selbstverständlich die Eignung besaßen, erneut die diplomatische Laufbahn einzunehmen. Dieses erklärt auch weshalb so viele der Alten auch die Neuen waren. Dieses erklärt ferner, weshalb jahrzehntelang das Märchen vom "sauberen Amt" Bestand haben konnte.

Mit dem vorliegenden Buch ist nun endlich die Wahrheit auf dem Tisch. Viele Jahrzehnte jedoch zu spät, aber nicht spät genug, um die Geschichte aufzuarbeiten. Endlich verstummen die geschichtsfälschenden Lobeshymnen auf verstorbene Diplomaten im amtseigenen Presseorgan und endlich kann mit der wirklichen Aufarbeitung der Geschichte des "Auswärtigen Amtes" während des Dritten Reiches begonnen werden.

Freilich zeigt das Buch auch auf, dass der Geist der jungen Diplomatie der Bundesrepublik Deutschland ein anderer geworden ist. So zeigt es, dass der Geschichtsunterricht den junge Männer und Frauen, die nach dem Krieg geboren wurden und die sich für den diplomatischen Dienst entschieden haben, die eigentliche Aufklärung gebracht hat.

Zusammenfassend sei gesagt, dass dieses Buch einen notwendigen Beitrag dazu leistet, mit einer Geschichtsfälschung aufzuräumen.

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Rezension: Empört Euch! Stéphane Hessel

Am kommenden Montag werde ich in Frankfurt eine Veranstaltung besuchen, die die Rechte der Menschen zum Thema hat. Stéphane Hessel, der Autor des vor mir liegenden Büchleins war Mitglied der Kommission, die eine allgemeine Erklärung der Menschenrechte ausarbeitete, die am 10.Dezember 1948 von den Vereinten Nationen in Palais de Chaillot in Paris verabschiedet wurde. Hessel war einer der Mitunterzeichner der Charta der Menschenrechte.
Geboren wurde Stephan Hessel in Berlin im Jahre 1917. 7 Jahre später zogen seine Eltern mit ihm nach Paris. Französischer Staatsbürger ist er seit 1939. Im Nachwort seiner französischen Verlegerin erfährt man Näheres zu seinem widerständigen Leben, erfährt aber auch, dass er schon in jungen Jahren mit der Pariser Avantgarde in Berührung kam, liest an anderer Stelle im Buch, dass er sich intensiv mit Sartre und Hegel auseinander setzte und mit viel Herzblut in der Résistance engagiert war. Hessel wurde von den Nazis gefoltert, nachdem sie ihn in Paris verhaftet hatten.
Wenige Tage vor der Befreiung von Paris, am 8.8.1944 wurde er in das deutsche Konzentrationslager Buchenwald verbracht. Er floh schließlich mehrmals und konnte sich bis zu den alliierten Truppen durchschlagen, (vgl.: 28).
Engagiert war Hessel in all den Jahren nach 1945, nicht zuletzt war er Vertreter Frankreichs bei den Vereinigten Nationen in New York. Mit seinem von Michael Kohon ins Deutsche übersetzen Text redet der 93 jährige uns allen (nicht nur den Franzosen) ins Gewissen, uns gegen Unrecht zu empören und zwar, weil Empörung die Voraussetzung für Widerstand ist. Das Grundmotiv der Résistance sei Empörung gewesen. Nicht nur damals gab es Grund sich über die untragbaren Zustände zu empören, auch heute ist Empörung angesagt. Hessel meint: "Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft, die Intellektuellen, die ganze Gesellschaft dürfen sich nicht klein machen lassen von der internationalen Diktatur der Finanzmärkte, die es so weit gebracht hat, Frieden und Demokratie zu gefährden", (Zitat: S.10).
Hessel weiß, dass man sich in seinem Tun nie von der Angst leiten lassen darf, sondern alles unternehmen muss, um sich engagiert einzubringen, damit, wie in Hegels philosophischen Vorstellungen dargelegt, die Freiheit des Menschen stufenweise voranschreitet, eine Freiheit, die dort endet, wo die Freiheit des anderen beginnt.

Hessel stellt Hegels Vorstellung der Freiheit in knappen Sätzen den Vorstellungen von Freiheit von Walter Benjamin gegenüber. Ähnlich wie Hessel stehe auch ich Hegel näher. Ich bin mir auch sicher, dass in nicht allzu ferner Zukunft der Mensch seine vollständige Freiheit erlangen wird, nicht zuletzt, weil durch die Internetvernetzung es für Diktatoren immer schwerer wird, die Menschen in Unfreiheit zu halten. Jüngste politische Entwicklungen machen dies deutlich.

Mit Hessel bin ich der Meinung, dass man sich über unfaire Strukturen immer wieder empören muss, um Widerstand diesbezüglich herbeizuführen. Mit ihm teile ich auch die Ansicht, dass die Zukunft der Gewaltlosigkeit und der Versöhnung der Kulturen gilt. Es stimmt: "Wir müssen begreifen, dass Gewalt von Hoffnung nichts wissen will. Die Hoffnung ist ihr vorzuziehen - die Hoffnung auf Gewaltlosigkeit."(Zitat: S.19).

Es ist gut, wenn Hessel uns allen ins Gewissen redet (er ließ ja bewusst den Text vom Französischen ins Deutsche übersetzen) und anmahnt, dass es höchste Zeit sei, dass Ethik, Gerechtigkeit und nachhaltiges Gleichgewicht unser Anliegen werden, (vgl.:S.20) und es ist auch gut, dass Hessel der Jugend andere Perspektiven bieten möchte, als bloßen Massenkonsum. Wir alle stehen in Verantwortung für die Menschenrechte ernsthaft einzutreten. Das dürfte dem letzten einsichtig werden, wenn er sich bewusst macht, was es eigentlich bedeutet, solche universellen Rechte festgeschrieben zu wissen und was es bedeutet diese Rechte auch einklagen zu können.

Ein aufrüttelnder, wichtiger Text.



Rezension: Das Leben auf der Burg.

Dr. Manfred Reitz beleuchtet in diesem aufschlussreichen Buch nicht nur das Leben auf der Burg und in deren Umfeld zu Zeiten des Mittelalters, sondern geht auch der Frage nach, was es bedeutete, ein Ritter zu sein und was man unter einem Turnier unter Ritterfahrten und Kriegszügen der Ritter verstand. Das Buch ist reich bebildert und lässt den Leser dadurch auch visuell in längst vergangene Zeiten eintauchen.


Der Begriff "Burg" wird in Deutschland mit "Berg" und "bergen" in Verbindung gebracht. In der altindischen Gelehrtensprache Sanskrit wird Burg als "pura" bezeichnet. Das erklärt, weshalb nicht wenige indische Städtenamen mit "-pur" enden. Burgen waren in feudalen Systemen Herrensitze sowie Herrschaftszeichen und zwar auch im Orient, in Indien, in China und in Japan. In Mitteleuropa fing die Geschichte der Burgen mit Wehrbauten zum Schutz von Menschen, Vieh und Sachwerten in Kriegszeiten an. Schon in der Bronzezeit gab es so genannte Fluchtburgen. Mittelalterliche Städte wurden mit einer Burg gegründet, dabei gingen wirtschaftliche und kulturelle Entwicklungen von besagten Burgen aus, die die Grundlage für eine Stadt legten, (vgl: S.13).


Wie man liest, erlernten die germanischen Völker die Techniken der römischen Baukunst mit Steinen erst allmählich und entwickelten sie dann aber weiter. So glichen die Pfalzen der Karolinger lange Zeit eher römischen Landgütern als massiven Burgen. In Klosterbibliotheken konnte man sich über die "Zehn Büchern über Architektur" des römischen Baufachmannes Vitruv kundig machen, (vgl.: S.15), wenn man ein Burgprojekt plante. Man erfährt in der Folge, wie sich die typisch deutsche Burg entwickelte und auch, dass die große Zeit des Burgbaus in die Zeit der Staufer fiel. Die Zeit des große Burgbaus endete im 15. Jahrhundert. Ursache war die Erfindung des Schießpulvers, das der Artillerie entscheidende Impulse gab. Dadurch waren die Burgen vor Angriffen nicht mehr sicher und man musste aufwendige Festungen mit gewaltigen Wallanlagen errichten, (vgl.: S.16).


Der Autor informiert ausgiebig über die Aufgaben der Burgen und verdeutlicht, dass Burgen auch stets Zeichen der Macht waren. In diesem Zusammenhang wird man u.a. auch über die Burg Krak- des- Chevaliers in Syrien aufgeklärt, die im frühen 13.Jahrhundert etwa 2000 Mann Besatzung gehabt haben soll.

Sehr gut belehrt wird man über die Bevölkerungsstrukturen im Mittelalter, die Landwirtschaft und Technik und über die Machtverhältnisse während dieser Epoche. Beleuchtet werden die drei mächtigen Parteien: Kaiser, Fürsten und Papst, deren Bedeutung immer wieder wechselte. Fokussiert wird auch die Stellung der Kirche im Mittelalter. Hierzu sollte man wissen, dass das gesamte Mittelalter eine überaus religiöse Zeit war und die Menschen damals ihren Blick besonders stark auf das Jenseits gerichtet hatten.

Thematisiert wird die Stellung der Fürsten, Ritter, Bauern und Leibeigenen im mittelalterlichen Gesellschaftssystem und es werden die germanischen Wurzeln in der damaligen Gesellschaftordnung aufgezeigt. Des Weiteren kommt das Verhältnis zwischen Lehensherren und Vasallen zur Sprache. Hier auch liest man von bestimmten Ritualen, z.B. jenen bei der Verleihung eines Lehens, (vgl.: S. 37).

Die mittelalterliche Feudalgesellschaft entwickelte sich aus dem Lehenswesen. Sie war streng nach Schichten aufgeteilt und für den einzelnen nicht durchlässig, (vg.: S.38). Der Feudalstaat, der im Buch sehr gut erläutert wird, bildete die Vorstufe des späteren Ständestaates mit dessen Aristokratie, den bürgerlichen Schichten als auch den Arbeitern, (vgl.: S. 39).

Äußert interessant ist das Kapitel, in welchem man über das Alltagsleben der mittelalterlichen Bevölkerung unterrichtet wird. Zur Sprache kommen Bauern und andere Berufe, der Alltag der leibeigenen Bauern, der Tagesablauf und die Kleidung der Bauern (sie trugen übrigens zumeist Holzschuhe), das Verhältnis Bauer zu Ritter, die Ernährung der Bauern, (sie ernährten sich fast immer von Getreidebreien und Brot) und die Kinder der Bauern, (Näheres dazu: S. 40-49).

Der Handel und die Städte werden beleuchtet, zu denen Ritter ein gespaltenes Verhältnis hatten und auch die Kirchen und Klöster im Mittelalter und zwar deshalb, weil viele Ritter Vermögenswerte für "ihr" Kloster zur Verfügung stellten und in der Verwandtschaft eines jeden Ritters sich stets auch geistliche Herren, Nonnen und Mönche befanden.

Ausgelotet wird in einem Kapitel des Buches, was man eigentlich unter einem Ritter zu verstehen hat. Das Kapitel beginnt mit dem Satz: "Ritter waren Berufskrieger, die gleichzeitig so vermögend sein mussten, dass sie ihre gesamte Ausrüstung finanzieren konnten." (Zitat. S.54) Aufgeklärt wird man in diesem Zusammenhang über die Basis des Rittertums. In Verbindung mit den Kreuzzügen wurde das Rittertum immer stärker christlich gedeutet. Hinzu kam, dass längst verschüttete antike Fundamente nun hervortraten, aufgrund dessen sich der Begriff der Ritterehre und Ritterlichkeit herausbildete. Die Rittertugenden machten erforderlich, dass man bis zum Äußersten kämpfte. Dr. Reitz erinnert diesbezüglich an die extreme Kampfmoral der Tempelritter. Man wird über die Rituale der "Schwertleite" und des "Ritterschlages" bestens in Kenntnis gesetzt und liest auch von den Idealen der Ritter, für den Ehre, Treue, Maß und Zucht absolut prägend waren. Die Aufgaben der Ritters werden breitgefächert erörtert und man wird in Kenntnis gesetzt, was es mit dem Wappen, der Vititenkarte eines Ritters, auf sich hatte. Die Ausrüstung des Ritters, darunter das Schwert,der Helm und das Schild, lernt man näher kennen und wird über Ritterpferde, sprich Schlachtrösser, informiert.

Anschließend widmet sich der Autor der Architektur der Burgen. In diesem Zusammenhang lernt man den Inhalt der Fachbegriffe Abtrittserker, Bergfried, Donjon, Gußerker, Halsgraben, Rittersaal, Palas, Schießscharte, Schildmauer, Vorburg, Wasserburg und Wehrgang kennen. Aufgeklärt wird man über die Beschaffenheit der Kemenaten, der Badestuben, der Burgkapelle, der Küche etc. und man liest, was man unter so genannten "Bauhütten" zu verstehen hat, die bei großen Burgen mit dem Bau beauftragt wurden, auch wird man gut über Burgbautechniken informiert.

Burgherr war übrigens stets der Ritter. Über dessen Bedienstete und Kriegsknechte erfährt man Wissenswertes, auch über das Hauspersonal, über die Knappen und Pagen, die unter den Bediensteten eine Sonderstellung inne hatten und schließlich liest man auch etwas über die Familie des Burgherren. Thematisiert werden hier Verlobung, Hochzeit und Scheidung. Nicht unerwähnt lässt der Autor, dass beim Standesdenken der Ritter eine Ehefrau noch zwingend Jungfrau sein musste, wenn sie heiratete, (vgl.: S.107). Wenn dies nicht der Fall war, wusste man Abhilfe. Wie diese aussah, können Sie auf Seite 107 nachlesen.


Geburt, Taufe und Kindheit werden beleuchtet, auch die Erziehung und Kampfesübungen. Die höfische Bildung soll aus diversen Fächern bestanden haben. Von Bedeutung waren gutes Benehmen, Grundkenntnisse in der Musik, eventuell in der Literatur, auch sollte man ein Musikinstrument zumindest in Ansätzen spielen können. Lesen und Schreiben hielt man nicht für so wichtig wie eine Fremdsprache zu beherrschen, (vgl.: S. 116).

Das Kampftraining kommt auch zur Sprache und die Medizin und Krankenversorgung. Chirugenschulen gab es damals zwar in Italien und Frankreich, jedoch nicht in Deutschland. Die mittelalterliche Medizin war nicht besonders wissenschaftlich orientiert, sondern wohl eher eine Volksmedizin. Gemischt wurden Mystik und tatsächliche Erfahrungen. Neben den Behandlungen gab es immer auch Zauberformeln, (vgl.: S. 121).

Spannend zu lesen ist das Kapitel "Alltagsleben auf der Burg". Hier wird man über die Reinlichkeit (Dampfbäder waren überaus beliebt), die Haartracht, die Schönheitspflege, über Kochen und Mahlzeiten (zum Dessert gab es Honigkuchen, Gewürzkuchen und sogar gefüllte Torten), (vgl.: S. 130), über Tischgeschirr und Tischsitten (bei einem guten Festmahl wurden bis zu acht Gänge auf den Tisch gebracht und bei einem Festmahl zu Ehren des deutschen Kaisers im Jahre 1473 sogar 33 Gänge (vgl.: S.135), breitgefächert informiert.

Mode, Tracht und Bekleidung werden fokussiert. Auf Bildern erhält man hierzu auch einen guten visuellen Eindruck. Auf Hüte und Schuhe wurde großen Wert gelegt. Um ungestört über schmutzige Straßen gehen zu können, schnallte man sich unter die langen Schnabelschuhe Holzsandalen.

Die Jagd ist ein Thema. Sie war die Lieblingsbeschäftigung des Adels. Man erfährt Näheres zu Jagdrechten, zum Jagdmeister, zur Parforcejagd, zur Pirschjagd und auch zur Falkenjagd. Dies war die edelste aller Jagdformen. In diesem Zusammenhang bleibt Friedrich II. und dessen Falkenbuch nicht unerwähnt.

Im Rahmen der Betrachtungen des kulturellen Lebens auf der Burg kann man sich ausführlich und sehr gut mit der Minne, den Minnesängern und dem Minnegesang auseinandersetzen. Der Gesang der Troubadoure trat übrigens von Südfrankreich aus seines Siegeszug im Abendland an. Ritter sollen durch ihr Ethos freien Frauen gegenüber stets sehr galant gewesen sein und sie waren auch immer von deren Schönheit begeistert. Differenziert wird zwischen hoher und niederer Minne. Was dies im einzelnen bedeutet, erfährt man im Buch ab S. 149ff. Erläutert werden in der Folge die Stufen der Minne, man liest auch über eifersüchtige Ritter und den Keuschheitsgürtel als Dokument für krankhafter Eifersucht.

Des Weiteren wird man über Gaukler und das fahrende Volk informiert und auch über Sport und Freizeitvergnügungen, wie etwa Ballspiele, Tanzen, Brett- und Würfelspiele. Schach hieß einst übrigens "Schachzabel", kam ursprünglich aus Indien und ist in Mitteleuropa seit dem 10. Jahrhundert bekannt.

Das große Turnier auf dem Mainzer Hoffest kommt zur Sprache. Darüber wurde in einem Heft der Geo-Epoche auch schon sehr gut berichtet. Man erfährt Wissenswertes über die Zugangsbedingungen zur Teilnahme am Turnier, über den Tag des Turniers und über Sieger und Besiegte. Das letzte Turnier der Weltgeschichte wurde zu Ehren von Königin Viktoria im Jahre 1839 vom Earl of Eglington veranstaltet, (vgl.: S. 172).

Ganz zum Schluss des Buches werden die Ritterfahrten und Kreuzzüge abgehandelt. Hier auch wird der Begriff der Fehde thematisiert, über so nannte Femegerichte wird man in Kenntnis gesetzt, auch über Zweikämpfe und über die Schlachten. Hier erhält man einen Eindruck über die Burg im Krieg und bei Belagerungen und kann sich eine Vorstellung von den Ängsten und Nöten der Burgbewohner in solchen Zeiten machen.
Das Ende der Burgen setze mit den Feueraffen ein. Vom 15. Jahrhundert an gab es keine uneinnehmbaren Burgen mehr. Der Autor lässt sein hoch informatives Buch mit dem Satz enden: "Wer heute eine Burg besucht, findet dort Spuren der Ritterzeit ebenso der Träume der Romantik und der Mittelalterbegeisterung unserer eigenen Zeit- die Burg bleibt ein beeindruckendes Zeugnis der Vergangenheit."(Zitat. S. 207)

Dieser Meinung schließe ich mich nach der Lektüre dieses sehr guten Buches ohne Einwände an.

Sehr empfehlenswert.