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Rezension: Identität – Franz-Rudolf Esch- Das Rückgrat starker Marken

Autor dieses Buches ist Prof. Dr. Franz –Rudolf Esch. Die Zeitschrift "Absatzwirtschaft" nennt ihn den bekanntesten lehrenden Martketingforscher in Deutschland.

Im vorliegenden Buch schildert er seine persönliche Sicht des Aufbaus und der Stärkung von Marken. Diese basiert auf 25 Jahren Forschung und Beratung in punkto Marken. In besagtem Zeitraum hat er mehr als 400 Markenprojekte für unterschiedliche Unternehmen begleitet. 

Sein Werk untergliedert er in fünf große Teile. Diese  nennt er: 

-Von großen Persönlichkeiten und starken Marken
-Identität bilden 
-Identität wirksam umsetzen 
-Markenwachstum identitätskonform gestalten 
-Identität wahren 

Im ersten Kapitel erfährt man u.a., was große Persönlichkeiten auszeichnet, dass diese für klare Werte stehen, über eine klare Identität und eine ebensolche Vision verfügen. Das ist bei Marken im Kern nicht anders, wie Esch darlegt. Der Wert eine Marke liegt in den Köpfen der Kunden. Starke Marken sind nicht nur bekannt, sondern auch akzeptiert und leicht abrufbar. Man erfährt u.a., weshalb sie über ein klares Image verfügen und sich durch eine Vielzahl von Kennzeichnen, die näher genannt werden, von schwachen Marken unterscheiden.

So verbindet man mehr Assoziationen mit einer starken Marke und auch mehr bildhafte Vorstellungen, zudem sind starke Marken mit  weitaus mehr positiven und emotionalen Inhalten verknüpft. Zu solchen Marken bauen Kunden eine Bindung auf.

Nicht nur bei Persönlichkeiten, sondern auch bei Marken geht es um Identität. Diese nämlich ist die Voraussetzung für Authentizität. Markenauthentizität drückt sich aus in: Kontinuität, Glaubwürdigkeit, Integrität und Symbolismus. 

Bewusst sein sollte man sich, dass keine Marke ohne eine konkrete Leistung oder Idee oder ein Geschäftsmodell auskommt. Von daher ist es wichtig,  den Zweck und die Grundsätze eines Unternehmens festzulegen und die Identität der Marke zu bestimmen. Der Autor verdeutlicht, welche Fragen man sich stellen muss, um den Fokus und die Position der Marke zu bestimmen und wie man langfristige Positionen aufbauen kann. 

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension auf alle Betrachtungen im Buch einzugehen oder sie auch nur zu benennen. Besonders wichtig scheint mir das Kapitel, das sich mit der wirksamen Umsetzung von Identität befasst. Hier sollte man natürlich die Kundenbedürfnisse nicht aus den Augen verlieren. 

Wie man die richtigen Mitarbeiter ins Boot zieht und die Markenwerte durch Online-Plattformen und im Bewerberprozess vermittelt, erfährt man ebenso wie das, was erfolgshemmend wirkt. Gezeigt wird u.a., woran man Marken wieder erkennt und wie man sie sichtbar macht, wie die Marke zum Gesprächsstoff der Massen wird und was Menschen dazu bringt, Mundpropaganda zu betreiben und Botschaften weiterzuleiten. 

Es wird auch dargelegt wie man Marken wirksam dehnt und Allianzen bildet und schließlich wie man die Identität wahrt. 

Den Inhalt des Buches sinnstiftend umzusetzen, setzt voraus, dass man das Buch nicht nur liest, sondern am besten durcharbeitet und die Empfehlungen einfach testet. 

Wer eine große Marke gestalten möchte, die ein langes Leben hat, muss bereit sein, die Marke ständig an die Bedürfnisse der Kunden anzupassen, ohne dass sie dadurch  ihre Identität verliert. Eine Aufgabe, die Kreativität, Flexibilität und Intelligenz voraussetzt.

Sehr empfehlenswert 
Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich

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Rezension: Hier stehe ich, ich kann nicht anders- #Helge_Hesse- #Piper

Autor dieses spannend zu lesenden Buches, das seit wenigen Tagen in einer erweiterten Neuauflage vorliegt, ist der freie Autor und Publizist Helge Hesse.

Das Werk klärt in 85 Texten über historische Hintergründe von 85 berühmten Zitaten auf. Diese werden namhaften Persönlichkeiten aus der Vergangenheit und aus der Gegenwart zugeordnet. 

Erzählt werden 85 Episoden aus der Weltgeschichte. Dabei ist jeder Text in sich abgeschlossen, sodass man das Buch nicht zwingend chronologisch lesen muss. 

Bemerkenswert ist die Vorgehensweise, historische Sachverhalte - erfreulich unterhaltsam-  Lesern nahe zu bringen. 

Fast alle Zitate sind seit Generationen in aller Munde,- selbst in bildungsfernen Schichten-, doch nicht jeder weiß,  in welchem Zusammenhang der Ausspruch erstmals getätigt wurde oder wie das Zitat zu Stande kam. 

Auch ich konnte diverse Sentenzen nicht konkret in einen historischen Zusammenhang bringen, obschon Geschichte neben Latein zu meinen Lieblingsfächern in der Schule zählte. Zu diesen Zitaten gehört der Ausspruch  "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst." Den Name Eike von Repgow (um 1180- 1233) nahm ich erstmals bewusst in einer Vorlesung für Rechtsgeschichte wahr. Er ist der Verfasser des "Sachsenspiegels", einer Gesetzessammlung, die sich mit den wichtigsten Rechtsbeziehungen der damaligen Zeit befasst. Wie Hesse nicht unerwähnt lässt, wird vor allem durch die Ausführungen dort zum Landrecht eine kleine Gesellschafts-und Sittengeschichte jener Tage dokumentiert. Hier auch findet man dann den Satz, der im Volksmund zur Redewendung "Wer zuerst kommt, mahlt zuerst" führte. Im Buch 2, Artikel 59 des Sachsenspiegels heißt es "Wer zuerst zur Mühle kommt, der soll zuerst mahlen." Dieser Prioritätsgrundsatz wirkt als Maxime noch heute in der deutschen Rechtsprechung. 

Diverse Aussprüche, die im Buch näher beleuchtet werden, kennt man natürlich aus dem Lateinunterricht, so etwa "Irren ist menschlich", "Nutze den Tag" oder "Störe meine Kreise nicht". Wer einen guten Lateinlehrer hatte, wird mehr über die Hintergründe erfahren haben, die zu den Zitaten führten, andere können sie jetzt  bei Helge Hesse nachlesen. 

"Quod erat demonstrandum“ ist eine Sentenz, die man aus dem Mathematikunterricht  kennt. Die Geschichte dazu, ist vermutlich nur wenigen Mathelehrer bekannt, denn ansonsten würden sie diese ihren Schülern mitteilen, allein schon um Neugierde für den Lehrgegenstand zu wecken.

Mehr über den Satz "Nach mir die Sintflut" und "Wenn sie kein Brot haben, dann sollen sie doch Kuchen essen" zu erfahren, ist auch nicht uninteressant, denn die beiden Sätze haben sich ins kollektive historische Bewusstsein als Musterbeispiele für den Zynismus des Adels der vorrevolutionären Zeit in Frankreich eingeprägt und dienten  als Legitimation für den schonungslosen Gebrauch der Guillotine.

Jeder einzelne Beitrag in diesem Buch hilft uns, die Geschichte und uns Menschen zu verstehen, speziell auch die "Banalität des Bösen", derer wir uns stets bewusst sein sollten. Doch die Texte helfen auch, unser Hier und Heute so zu verändern, dass wir nicht besorgt in die Zukunft schauen müssen, weil dort eine Superintelligenz uns droht,  uns als Fossil einer untergegangenen Epoche auszumustern.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich

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Rezension Peter J. König: Die smarte Diktatur - Der Angriff auf unsere Freiheit- Harald Welzer, S. Fischer

Harald Welzer ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und lehrt zudem an der Universität St. Gallen in der Schweiz. In seinem neuesten Werk "Die Smarte Diktatur" erschienen im S. Fischer Verlag, ist eine essentielle Frage, wie wir es in der modernen Gesellschaft mit unserer Fähigkeit halten, Probleme selbstständig zu lösen und ob der Mensch von heute überhaupt noch die Möglichkeit hat, diese eigenständig zu bewältigen. 

Bereits in Welzers 2013 erschienenem, sehr erfolgreichen Buch "Selbst Denken", ebenfalls bei S. Fischer, ging es um die Frage, ob wir es auf Dauer schaffen im fortwährenden Konsumrausch als Menschheit zu überleben, oder ob es nicht Sinn macht, uns von dieser Spirale des sich stetig steigernden Konsums zu verabschieden, um so im Zuge einer neuen Nachhaltigkeit eine sinnvolle Zukunft zu ermöglichen. Um überbordenden Konsum geht es Professor Welzer auch in seinem vorliegenden Werk, hinterfragt er doch, welche Rolle dabei die digitale Übernahme der Gesellschaft durch das Internet und die darin agierenden globalen Unternehmen spielen. 

Als "Zukunfts-Denker" und realistischer "Gegenwarts-Forscher" hat Dr. Harald Welzer genau erkannt, dass diese Revolution nicht ohne entscheidende Folgen für uns alle werden wird, sind Google und Co. doch dabei einen absoluten Einfluss auf jegliche Entscheidungen der Nutzer zu nehmen, und durch personenbezogene Daten alle Wahlfreiheiten auszuschalten. 

Im Bereich des Konsums wird so zielgerichtetes Kaufverhalten manipuliert, die Frage des Konsumenten nach der Notwendigkeit des Kaufes komplett ausgeschaltet. Damit ist der Manipulation Tür und Tor geöffnet. Aber es geht schon lange nicht mehr nur um Konsum, so Welzer, die Digitalisierung dringt in alle Lebensbereiche vor. Ziel ist es das gesamte menschliche Verhalten zu bestimmen, wenn sogenannte Apps dem User sagen, was er zu tun hat, damit er seine Lebensführung optimieren kann, sei es im Gesundheitswesen, im Sport, im Beruf oder in der Freizeit. 

Durch gezieltes Sammeln von Daten, sei es bei Google, Amazon oder Facebook werden Profile erstellt, die minutiös das Verhalten der Nutzer registrieren, um so entsprechende Verhaltensvorgaben zu machen. Dabei wird ein uniformiertes Muster entworfen, denn bis ins Detail erhält der User nur solche Informationen und Vorschläge, die mit seinen eigenen identisch sind. Vielfalt, Alternativen und gar Verzicht, Fehlanzeige. 

Professor Welzer weist darauf hin, dass es so zu einer schleichenden Entmündigung kommt, darüber hinaus sind Demokratie und Selbstbestimmung in höchstem Maß gefährdet. Und dies ist so gewollt, mutmaßt Welzer, glauben doch die Internet-Giganten, dass Entscheidungen, die sie für die Allgemeinheit fällen ein absolutes Mehr an Glück und Zufriedenheit für die Menschheit bringen. Demokratie ist unzulängliches Stückwerk auf das man im Zeitalter der Digitalisierung problemlos verzichten kann. 

Hat in der analogen Welt ein solcher totaler Herrschaftsanspruch noch zu erbittertem Widerstand geführt, etwa durch Weltkriege und militärische Allianzen, wie etwa gegen den "IS", so ist der Angriff mit digitalen Mitteln auf unser Recht zur Selbstbestimmung problemlos möglich, ja geradezu erwünscht, wenn sich Milliarden von Menschen bereit erklären, ihre persönlichen Daten freiwillig herzugeben, damit diese anschließend zu ihrer Unfreiheit und Normierung zum Einsatz kommen. 

Schließlich stellt Welzer die Frage nach dem Sinn dieser Unterwanderung, werden doch gezielt die Überlebensstrategien, die Menschen über zig-Jahrtausende entwickelt haben, systematisch abtrainiert, indem alle Entscheidungen den Apps überlassen werden, was notwendigerweise zu der Frage führt, was passiert eigentlich bei einem systembedingten Stromausfall oder bei Sabotage weltumspannender Energie-Anbieter? 

Fatal sieht Professor Welzer die Tatsache, dass am Ende dieser verheerenden Entwicklung alle Macht in den Händen einiger weniger liegt, ohne dass diese sich deshalb rechtfertigen müssten, ganz im Gegenteil, sie werden für diese globale Machtübernahme gefeiert wie Pop-Stars, ähnlich wie dies jetzt schon bei Zuckerberg, Bezos und Schmidt der Fall ist. Dem gilt es sich zu widersetzen, meint Welzer in seinem Buch "Die Smarte Diktatur" , wobei nichts dagegen spricht, die digitalen Möglichkeiten positiv zu nutzen, wenn sie dazu dienen, konkrete und sinnvolle Hilfe für die Menschen zu leisten. 

Dem reinen Beschaffungsakt für Macht, Einfluss und astronomischen Gewinn mit Hilfe der Offenlegung aller noch so entscheidender Daten von uns allen erteilt der Professor für Transformationsdesign, Harald Welzer eine konsequente Absage. Hier lässt er sich nicht von der schönen, neuen Welt der digitalen Rundumversorgung blenden. Generell geht es ihm darum,  die Errungenschaft der Demokratie zu erhalten und speziell darum, dass seine persönliche Sphäre geschützt bleibt, auch um seiner individuellen Entscheidungen wegen. 

Dafür lohnt es sich zu kämpfen, hier ist Widerstand angesagt. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Rezension Peter J. König: Sommerhaus am See- Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte-Thomas Harding- dtv

Der Autor Thomas Harding hat nach unendlichen Bemühungen, einer Fülle von Recherchen und einer akribischen Auflistung von fünf Familiensträngen es geschafft, das Sommerhaus, das seine Vorfahren am Groß Glienicker See in der Nähe von Berlin erbauen ließen, nach nahezu hundert Jahren unter Denkmalschutz stellen zu lassen, um dort eine Begegnungs- und Erinnerungsstätte für die Menschen einzurichten, die im Laufe der vergangenen fast hundert Jahre eine unmittelbare Beziehung zu dem Haus und der Umgebung des Sees hatten. 

Im Jahre 1927 hatte der Urgroßvater von Thomas Harding, ein sehr angesehener Berliner Arzt mit dem Namen Dr. Alfred Alexander das Sommerhaus für sich und seine Familie erbaut. Hier sollten sie dem Trubel der stets wachsenden Metropole entfliehen. Am idyllischen Seeufer, das so viel Ruhe und Entspannung ausstrahlte, wollte Dr. Alexander den Ausgleich finden, der sein verantwortungsvoller und anstrengender Beruf mit sich brachte. In seiner jüdischen Gemeinde war er hoch angesehen, ebenso bei den angesagtesten Künstlern, Wissenschaftlern und Industriebosse. Sie alle begaben sich vertrauensvoll in die Hände des jüdischen Arztes, der es liebte seine berühmten Patienten, wie etwa Albert Einstein oder den Dichter Walter Hasenclever auch gerne bei abendlichen Veranstaltungen in seiner eleganten Wohnung zu empfangen. 

Als Refugium zum Rückzug sollte das einfache Haus am See dienen, wo Dr. Alexander mit seiner Frau und den vier Kindern sich ganz der Natur und dem einfachen Leben hingeben konnten, ohne überzogene Etikette und großbürgerliche Zwänge. Hier war die Familie in den Sommermonaten unter sich und auch die guten Freunde, die bisweilen einige Tage zu Besuch kamen, trugen merklich zur Freude und Entspannung bei. 

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wandelte sich alles grundlegend, in Berlin, in Deutschland und besonders bei den jüdischen Mitbürgern. Auch die Familie von Dr. Alexander blieb nicht verschont davon. Seiner Klinik gegenüber wurden mit den Repressalien gegen jüdische Ärzte immer mehr Verbote ausgesprochen, bis hin zum generellen Berufsverbot. Eine universitäre Ausbildung wurde den Kindern nicht mehr gestattet und bevor die unmittelbare Deportation ins KZ kam, gelang es der Familie nebst Anhang über Umwege nach London zu emigrieren. 

Ihr Sommerhaus am Groß Glienicker See haben die Alexanders allerdings nie vergessen, die Erinnerung an die wunderbaren Jahre, friedlich und beschaulich am See hat sie ihr Leben lang begleitet. Entsprechend wurden diese an die nächsten Generationen weitergegeben. Der Autor Thomas Harding erhielt sie von seiner Großmutter Elsie, einer Tochter von Dr. Alfred Alexander. Sie haben ihn nicht mehr losgelassen, sodass er 1993 beschloss,  nach Berlin und an den Groß Glienicker See zu reisen, um zu sehen, was in der Realität von den großartigen Erinnerungen seiner geliebten Großmutter noch übrig geblieben ist. 

Nachdem Thomas Harding mit eigenen Augen sah, dass das Sommerhaus die Wirren und die unterschiedliche Nutzung der bewegten Zeiten erstaunlich gut überstanden hatte, begann er sowohl das Schicksal des urgroßelterlichen Sommerrefugiums, als auch einiger Familien, die eng mit den Vorfahren verbunden waren, akribisch zu recherchieren. Dabei war es wichtig, auch immer den geschichtlichen Bezug herzustellen, hing doch zumeist das Schicksal der Menschen von den Geschehnissen der damaligen Zeit ab. 

Parallel dazu unternahm er alles, um dem Sommerhaus eine Überlebenschance zu geben, hatte doch der jetzige Eigentümer, die Stadt Potsdam beschlossen, das Haus abzureißen, um auf dem weitläufigen Ufergelände günstigen Wohnraum zu errichten. Scheinbar aussichtlos, gelang es Thomas Harding mit Hilfe seiner Familie, seinen neuen Freunden in der Ortschaft Groß Klienicke und rund um den See, interessierten Historikern und vielen anderen Wohlgesinnten die Stadtverordneten von Potsdam von seinem Projekt einer Kultur- und Begegnungsstätte der Aussöhnung zu überzeugen. 

Das Land Brandenburg stellte danach das Sommerhaus am See unter Denkmalschutz. Thomas Harding hat nicht nur ein spannendes, ja ergreifendes Buch über das Schicksal des Hauses am Groß Klienicker See geschrieben, er hat auch davon ausgehend den bewegenden, manchmal sogar sehr tragischen Verlauf der einzelnen Mitglieder dieser fünf Familien skizziert, die mit dem Haus verbunden waren. Dabei spielt die Geschichte der letzten hundert Jahre in Deutschland, in Berlin und unmittelbar am Groß Klienicker See eine ganz entscheidende Rolle. Dies zu vermitteln ist dem Autor bestens gelungen, zeigt er doch sehr anschaulich wie einschneidend die mörderische Despotie der Nazis auf die Menschen eingewirkt hat und welche Folgen daraus bis heute entstanden sind. Gemessen an den Stürmen der Zeit zeigt sich das Sommerhaus am See geradezu als eine Konstante, die für Thomas Harding Anlass zur Erinnerung ist, an seine Vorfahren und an die deutsche Geschichte. 

Sehr empfehlenswert.

Peter J. König

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Rezension: Anatomie des Holocaust- Raul Hilberg- Essays und Erinnerungen

Der im Jahre 2007 verstorbene Wissenschaftler Raul Hilberg war einer der ersten, der mit in die USA überführten deutschen Akten arbeiten konnte. Wer sich in der Holocaust-Literatur etwas auskennt, weiß, dass sein dreibändiges Werk "Die Vernichtung der europäischen Juden" von großer Bedeutung für die Holocaust-Forschung war.  

Die hier vorliegenden, von Prof. Dr. Hilberg verfassten Essays und Erinnerungen wurden von Walter H. Pehle und René Schott herausgegeben und sind brillant von Petra Post und Andrea von Struve übersetzt worden. 

Die Texte laden dazu ein, den Autor und Holocaust-Forscher über fünf Jahrzehnte seiner wissenschaftlichen Arbeit zu begleiten. Dabei sind die 13 Texte für dieses Buch zwischen 1965 und 2007 entstanden. Hilberg stellt darin Überlegungen zu den Ergebnissen und Kontroversen seiner Forschungstätigkeit an und zeigt zudem wie er bestimmte Formen des Gedenkens an den Holocaust sah. Zudem beinhalten die Erinnerungen des Autors die Archiv-Reisen, bei denen er das Material für seine Forschungsarbeit zusammen trug. 

Man erfährt u.a. Wissenswertes über die Bürokratie des Holocaust, die Zahl der Opfer, die Rolle der Judenräte und die Funktion der Reichsbahn und Wehrmacht im Vernichtungsprozess. 

Das Werk beginnt nach der Einleitung mit dem Aufsatz "The Anatomy oft the Holocaust" und wird fortgesetzt mit der Betrachtung der Motive der Deutschen für die Vernichtung der Juden. Wissen sollte man, dass die Forschung hier zwei Richtungen eingeschlagen hat: Die einen versuchen den Holocaust mit dem Wesen der Opfer zu erläutern, die anderen mit dem der Täter, so Hilberg. Darüber erfährt man im 2. Essay Näheres. 

Auch über die Bürokratie der Vernichtung wird man aufgeklärt und hat Gelegenheit, sich mit vielen anderen Aspekten der Forschung auseinander zu setzen. Dies halte ich für wichtig, um den gesamten Umfang der Abgründigkeit zu begreifen, der dieses Verbrechen erst möglich gemacht hat.

Das Buch kann ich jedem empfehlen, der sich mit diesem unsäglichen Geschehen vertieft auseinandersetzen möchte. Begreifen kann man den Holocaust meines Erachtens nur vor dem Hintergrund, dass sich die Nazis als Herrenmenschen verstanden haben und glaubten über Leben und Tod ihrer Mitmenschen befinden zu können.  Hybris war der Dreh- und Angelpunkt.


Helga König

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Rezension: #Amnesty_International #Report 2015/16- Zur weltweiten Lage der #Menschenrechte.- S-Fischer-Verlage

Das vorliegende Buch informiert über die Lage der Menschenrechte in 160 Ländern und Territorien im Jahr 2015.  

Salil Shetty, der internationale Generalsekretär von Amnesty International,  hat das Vorwort verfasst. Gleich zu Beginn weist er darauf hin, dass im Jahr 2015 die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft, auf Krisen und die massenhafte Vertreibung von Menschen zu reagieren, auf eine harte Probe gestellt wird. Weltweit sind derzeit so viele Menschen auf der Flucht, wie seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. 

Der bewaffnete Konflikt in Syrien hat das Jahr 2015 in besonderer Weise geprägt. Doch ist dieser Konflikt letztlich nur einer von vielen, wie das Buch verdeutlicht. Man liest von unglaublichen Menschenrechtsverletzungen in Afrika, nicht nur in Nigeria, sondern auch in Burundi, Kamerun, Somalia und anderen Ländern, erfährt von Flüchtlingen allerorten und von Unterdrückung, die fast schon zur Routine geworden ist. 

Zunächst  wird man über die Kontinente und die bewaffneten Konflikte, auch  über Flüchtlinge und Migranten dort in Kenntnis gesetzt, liest immerfort zu Folter und Misshandlungen aber beispielsweise  auch zu den Rechten indigener Völker, bevor man sich in die Länderberichte vertiefen kann. Dabei wird dann alphabetisch vorgegangen. 

Eingangs wird über die amtliche Bezeichnung des jeweiligen Landes informiert, auch erfährt man wer jeweils Staats- und Regierungschef ist. Anhand eines Kartenausschnitts kann man stets sehen, wo das beschriebene Land liegt. Man liest stets über Hintergründe und kann sich dann in die jeweiligen Schwierigkeiten eines Landes, was Menschenrechte anbelangt, vertiefen. 

Es führt zu weit, an dieser Stelle auf die Probleme einzelner Länder einzugehen.  Gesagt werden kann. dass das Buch in seiner Gesamtheit zeigt, wie sehr Menschenrechte überall auf der Welt mit Füßen getreten werden, doch es würdigt auch jene Menschen, die unter schwierigen und gefährlichen Bedingungen sich auf der ganzen Welt für Menschenrechte einsetzen. 

Ich empfehle allen dieses Werk des Schreckens sorgfältig zu lesen, dann dürfte jedem klar sein, dass man an den meisten Punkten dieser Erde einfach nicht leben kann und zur Flucht gezwungen ist und dass dies nicht mehr so weiter gehen kann. Die Weltgemeinschaft ist aufgefordert, endlich Vernunft anzunehmen. 


Helga König

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Rezension: Die geraubten Mädchen- #Boko_Haram und der #Terror im Herzen Afrikas- #Wolfgang_Bauer Suhrkamp

Autor dieses Buches ist Wolfgang Bauer. Er ist u.a. für die Wochenzeitung "Die Zeit" tätig. Die berührenden Aufnahmen von geraubten Mädchen zu Beginn des Buches hat der freie Fotograf Andy Spyra realisiert.

Wolfgang Bauer reiste im Juli 2015 nach Nigeria. Um dort mit Mädchen zu sprechen, denen die Flucht aus dem Gewaltbereich der Terrororganisation "Boko Haram" gelungen ist. Die Kämpfer dieser Organisation, deren Ziel es ist, mit dem Schwert "das Kalifat" aufzubauen,  töten in den Orten, die sie erobern,  zunächst alle Kleriker, die ihrer Auslegung des Islams widersprechen, beschlagnahmen und plündern Häuser, treiben die Menschen zusammen, die vor ihnen zu fliehen versuchten und töten sie.

Der Emir gibt in den eroberten Orten neue Regeln heraus, denen sich alle beugen müssen. Zu diesen Regeln zählt die Komplettverschleierung der Frauen. Auch wird die Bewegungsfreiheit der Frauen außerhalb der Siedlungen eingeschränkt. Die Arbeit wird zumeist von Kindern geleistet, weil die Männer allesamt in den Kriegsdienst eingezogen werden und die Frauen die Häuser nicht verlassen dürfen. Kinder sind es, die auf den Feldern ernten und Feuerholz sammeln.

Das Fundament des Boko Haram Reiches sind Sklaven. Hier sind es speziell ältere Frauen, die als Arbeitssklaven benutzt werden. In Sammellagern werden junge Frauen zusammengepfercht und vergewaltigt. In diesen Lagern auch werden Mädchen ausgesucht, die für Selbstmordattentate ausgebildet werden.

Der Emir verfügt, wer sich mit wem fortpflanzen darf. Frauen werden als Gefäße für die Gene der Männer betrachtet. Die gezeugten Kinder sollen vollständig im Sinne der Bewegung aufwachsen.

Der Autor lässt die aus dem Gewahrsam des Boko Haram geflüchteten Frauen in seinem Buch zu Wort kommen, so dass man einen beklemmenden Eindruck davon erhält, was Frauen in Nigeria zu erleiden haben. 

Vergewaltigung und Mord bilden den Alltag im Schreckensregime des Boko Haram. Diese Organisation wurde offenbar zunächst in den Machtzentren von Nigeria nicht wahrgenommen,  da das Land viele Schrecken kennt. So sterben in den Großstädten jährlich Tausende, weil die Opfer von Raubüberfällen werden. Sie kommen in den Kriegen der Straßengangs in Lagos ums Leben. Zudem gibt es Ritualmorde und Terror aller Art.

Spätestens nach der Lektüre des Buches wird klar, dass die 276 Schülerinnen, die 2014 seitens Boko Haram aus dem örtlichen Internat von Chibok im Nordosten Nigerias entführt wurden und zum Aufschrei der Weltgemeinschaft führten, nur die Spitze des Eisbergs waren.

Die Geisteshaltung der Terrororganisation Boko Haram beruht auf Machtbesessenheit, Menschenverachtung und Intoleranz. Mit Religion hat sie nichts gemein, auch wenn sie versucht, sich durch diese zu legitimieren. Man muss diesen Menschenpeinigern  das Handwerk legen, damit sich ihnen nicht noch mehr machtbesessene Idioten anschließen. Die Welt ist voll davon.

Sehr empfehlenswert.

Helga König

Das Buch ist überall im  Buchhandel erhältlich

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Rezension: Peter J. König: Mensch, Adolf Das Hitler-Bild der Deutschen seit 1945 Ansichten eines Zeitgenossen Rolf Rietzler C. Bertelsmann

Der Journalist und ehemalige Spiegel-Redakteur Rolf Rietzler hat hier mit seinem neuesten Werk "Mensch, Adolf" sehr intensiv und aufschlussreich beleuchtet, wie Adolf Hitler der Reichskanzler des Dritten Reiches in der Nachkriegs-Ära nach dessen Tod 1945 in seiner Gesamtheit wahrgenommen wurde. 

Dabei geht es Rolf Rietzler, der 20 Jahre lang beim "Spiegel" für das Serien-Ressort zuständig war, mit seinem Spezial-Gebiet Zeitgeschichte darum, endlich mit der weit verbreiteten Mär aufzuräumen, als sei der "Führer" ganz allein für alle Gräueltaten verantwortlich, die während der Zeit des National-Sozialismus von 1933 bis 1945 begangen worden sind. 

Bis in die Gegenwart wird ohne Unterlass und mit nie nachlassender Überzeugung über die gesamte Bannbreite von Forschung, Lehre und Publikation inbrünstig erklärt, dass nur die Nazis das verbrochen haben, was als die dunkelste Stunde der Deutschen gilt, und dass das deutsche Volk mit alledem nicht einverstanden war, die Menschen sich allein der Diktatur beugen mussten. 

Und an dieser Legende haben alle gestrickt nach 1945, diejenige die aktiv an dem Nazi-Regime beteiligt waren, so Speer, dem von Hitler geschätzten Baumeister seiner Prachtbauten und Rüstungsminister, die Vielzahl von ehemaligen Propaganda-Journalisten, die nach 1945 mit ihren Publikationsorganen wie Augstein mit dem Spiegel und Nannen mit dem Stern die Geschichte des "Dritten Reichs" in ihrem Sinn und ihrem Verständnis darzustellen versuchten. 

Generäle haben ihre Verantwortung und ihr Versagen in Hinblick auf Despotie und Kriegstreiberei ebenso bei Adolf Hitler abgeladen, wie die Diplomatie, hier sei der Staatssekretär im Außenministerium von Weizäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten genannt. Sie alle haben in der Nachkriegszeit mit einer Vielzahl von Büchern, Artikel und sonstigen Veröffentlichungen versucht, die Verschleierung ihrer Mitschuld an diesem verbrecherischen Regime kundzutun. 

Ganze Heerscharen von anerkannten Historikern sind seit jeher bemüht, Geschichts-Klitterung zu betreiben, wenn es darum geht, die Deutschen reinzuwaschen oder ihnen nur ein nachrangiges Mitverschulden zu attestieren. 

Hitler, dieser Dämon, ist an allem Schuld, so lautet die Devise. Gleichzeitig aber ist er der ungekrönte Medienstar, mit dem bis heute durch Film, Fernsehen und unzählige Magazine große Kasse gemacht wird. Der Autor Rolf Rietzler selbst durch seine eigene Familie mit dem Unwesen des Dritten Reiches verbunden, sein Vater war Mitglied bei der SS und als Polizeiangehöriger im Osten zugange, hat anhand unzähliger Nachweise aufgezeigt, welche weitere Treue und Verbundenheit zur Ideologie der Nazis von so vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der jungen Bundesrepublik, bewusst oder unbewusst bestanden hat, wenn versuchte wurde zu relativieren und eine persönliche Schuld auf ein Minimum zu reduzieren. 

Die Einen haben sich hinter ihrem Offiziers-Eid versteckt, die Zivilisten waren jung und wollten Karriere im System machen, entweder aus Überzeugung oder aber als Mitläufer, um nicht aufzufallen. Dass mit der dubiosen Entnazifizierung nicht sofort demokratischer Geist in die Köpfe von alle jenen eingezogen ist, war auch nicht zu erwarten. 

Dass es aber noch Jahrzehnte gedauert hat, bis die national-sozialistische Kopfgeburt mit all ihren verheerenden Folgen tatsächlich im Großen und Ganzen überwunden war, zeigt wie tiefgreifend diese Gehirnwäsche eingedrungen ist. 

Bis zum heutigen Tag in die übernächste Generation hinein sind die Folgen zu spüren, wenn z.B. die über Achtzigjährigen, die ihre Schulzeit bei fanatisierten Lehrern absolviert haben, im Zustand ihres langsamen Dahindämmerns, Parolen verkünden, die sie einst in ihrer Schulzeit in die Köpfe geklopft bekamen. Rolf Rietzlers Buch "Mensch, Adolf" dient dazu alle diese Facetten des Hitler-Bildes der Deutschen nach 1945 akribisch aufzuzeigen. 

Dass dabei eine endlose Recherche notwendig war, nicht nur um die Erkenntnisse zu erarbeiten, sondern in erster Linie diese anhand bekannter Dokumente zu belegen, versteht sich von selbst, wenn man erfährt, wie die deutschen Eliten im Nachkriegs-Deutschland getrickst haben und heute noch tricksen. 

Eine einzige Verirrung in seichtes Wasser, eine nicht belegbare Behauptung und der Autor Rolf Rietzler stirbt den Medientod. Bei dieser Drohkulisse ist es umso mutiger, dass Rietzler dieses Projekt angegangen ist. Es ist ihm wohl auch ein ganz familiäres Bedürfnis hier Aufklärung zu schaffen, wenn er die Art und Weise wie seine Eltern und Verwandten mit dem National-Sozialismus umgegangen sind in seinem Buch darstellt. 

Bei der vorliegenden Datenfülle hätte es nahe liegen können, dass "Mensch, Adolf" in ein dröges Aufklärungs-Buch abgeglitten wäre. Dem ist beileibe nicht so. Der Autor hat mit seinem ureigenen, humorigen Hintersinn es verstanden, auf informative und ironische Weise diese schwere Kost dem interessierten Leser nahe zu bringen. So macht Geschichts-Erleben neugierig und ist interessant, gerade wenn es sich dabei um die hintertriebene und mangelnde Aufklärung der Nazizeit nach 1945 handelt. 

Sofern man das Buch von Rolf Rietzler aufmerksam gelesen hat, ist klar, dass wir erst am Anfang der tatsächlichen Aufarbeitung unserer schlimmsten Geschichte und deren Nachwirkungen stehen. Es sind Autoren wie Rolf Rietzler, die beginnen, endlich mit den Verschleierungen und dem Geschäftemachen um Adolf Hitler und seiner braunen Pest aufzuräumen. Ob dies jemals ganz gelingen wird, sei dahingestellt. 

Auf jeden Fall ist "Mensch, Adolf" von Rolf Rietzler ein sehr lesenswertes Buch, das mit dem selbstgestrickten Exkulpations-Getöse einer ganzen Nachkriegs-Generation endlich aufräumt. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
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Rezension: #Erinnerungsstätte an der #Frankfurter_Großmarkthalle- #Deportation der #Juden 1941-1945- Prestel

Am 25. Oktober 1928 wurde in Frankfurt/Main die neue Großmarkthalle eingeweiht. Entworfen hatte sie  der Architekt Martin Elsässer.  Das Gebäude beeindruckte damals durch seinen monumentalen, funktionalen und technisch ausgeklügelten Hallenbau, der im In- und Ausland als Beispiel der architektonischen Moderne galt. Dreizehn Jahre danach mieteten die Geheime Staatspolizei in Komplizenschaft mit "brauner" Stadtverwaltung und Gauleitung die Keller an, um ab Oktober 1941 mehr als 10.000 jüdische Menschen dort "zu sammeln, auszuplündern, zu erniedrigen und sie dann gewaltsam auf die Transporte in den Tod zu zwingen." Währenddessen lief der tägliche Marktbetrieb weiter. 

Heute befindet sich auf dem Gelände, auf dem bis 2004 die Großmarkthalle stand, der Sitz der #Europäischen_Zentralbank und hier auch ist die Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkhalle positioniert. 

#Salomon_Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main spricht der Erinnerungsstätte eine heraussagende Bedeutung zu, weil sie an das entsetzliche Leid der schwer misshandelten Menschen und Mordopfer erinnert. Korn lässt nicht unerwähnt, dass diese Menschentransporte zentraler Bestandteil der staatlich gelenkten Ausplünderung und wirtschaftlichen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung waren. Alle inhaftierten Menschen dort mussten vor dem Abtransport eine detaillierte "Vermögenserklärung" abgeben und ihr Hab und Gut dem Staat überschreiben. Mit dem Aufenthalt in der Großmarkthalle wurde bezweckt, die Menschen zu entwürdigen und völlig auszurauben. 

Im Buch wird das künstlerische Konzept der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle seitens #Marcus_Kaiser und #Tobias_Katz vorgestellt und von #Norbert_Migueletz fotografisch dokumentiert. Kaiser und Katz wollen durch ihre Gestaltung auf das hinweisen, was an jenem Ort vorgefallen ist, man aber dem Ort so nicht ansieht. Die beiden verstehen den Charakter des Hinweisens als dokumentarisch und emotional zugleich, dabei stets subtil und nicht didaktisch erläuternd. 

Peter_Cachola_Schmal schreibt, dass die neue Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle ganz bewusst in der Tradition der größten Vorbilder der Gedenkstättenarchitektur stehe, zeige sich in der Lakonie, Präzision und Reduktion der architektonischen Mittel. 

Die  Zeugenschaft der Deportationen wird textlich dokumentiert. Was man hier lesen kann, berührt zutiefst und löst Empörung aus. Monica Kingreen berichtet in ihrem Aufsatz über "Die Großmarkthalle und die gewaltsame Verschleppung der jüdischen Bevölkerung Frankfurts und des Regierungsbezirks Wiesbaden ab 1941 bis 1945 und hier auch von der Großmarkthalle als Gestapo-Sammellager und den zahlreichen Massendeportationen. Auch die Perspektive eines NS-Täters kommt zur Sprache, bevor der lange Weg zur Erinnerung von Fritz Backhaus nachgezeichnet wird. 

Sich mit den Gräueltaten der Deutschen zu Zeiten Hitlers bewusst auseinander zu setzen und nichts zu verschweigen,  ist heute notwendiger denn je, weil der Fremdenhass  in diesem Land sich schon wieder breit macht und die Pogromstimmung  mittlerweile erneut  als Normalzustand hingenommen wird.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich
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Rezension:"Mit meiner Vergangenheit lebe ich“ Memoiren von #Holocaust- Überlebenden- Herausgegeben von Ivan Lefkovits mit 15 Bildern von Gerhard Richter- Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Die vorliegende Box enthält 15 Hefte mit Memoiren von Holocaust-Überlebenden, die Ivan Lefkovits – er ist einer von ihnen- herausgegeben hat. Es handelt sich bei diesem umfangreichen Werk um ein Memoiren-Projekt gegen das Vergessen. 

Wir leben in einer Zeit, in der die Generation der im Holocaust nicht ermordeten jüdischen Zeitzeugen ausstirbt und einige der Autoren der vorliegenden Hefte schon nicht mehr leben. Um so mehr ist es nun Aufgabe bei nachfolgenden Generationen, die Erinnerung an  das größte Verbrechen aller Zeiten wachzuhalten und sie von der Humanität als das einzig sinnstiftende menschliche Verhalten zu überzeugen.

Die Umschläge der Hefte sind mit Bildern des Künstlers Gerhard Richter illustriert. Peter Iden schreibt dazu in einem Essay, dass Richter für den Umschlag eines jeden Bandes aus vier großformatigen Gemälden Teile herausgeschnitten habe. Die Originale wurden im Frühjahr 2015 in Dresden im Museum Albertinum der Städtischen Kunstsammlungen gezeigt. Bei den Bildern handelt es sich um abstrakte Malerei. 

Die vier Werke tragen den Titel "Birkenau". Dies ist der Namen des größten Vernichtungslagers der Nazis, in dem  die  braunen Schergen etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet haben. Peter Iden berichtet über die Entstehung dieser Bilder und auch wie man deren Farben zu interpretieren hat. Resümierend schreibt er: "Eine Wut lebt in dieser Malerei. Wütende Trauer. Verzweiflung. Zu spüren ist in jedem Augenblick die für den Maler existentielle Notwendigkeit, diese Bilder zu wagen", die "die Grenzen des Fassbaren" bezeugen. 

Der Herausgeber  Ivan Lefkovits erzählt im Heft Nr. 8 aus seiner Vita. Er ist Holocaust-Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 seitens der britischen Armee befreit wurde. Er ist der einzige aus seiner Familie, der den Holocaust überlebte. Der studierte Chemiker besitzt seit 1984 das Schweizer Bürgerrecht und lebt in Basel. 

Allen Heften sind eine Vielzahl von Schwarz-Weiß-Fotos beigegeben worden, die genau wie die Texte als sinnstiftende Maßnahmen gegen das Vergessen zu begreifen sind. Jedes der Hefte enthält entsetzliche Zeugnisse von nie zuvor da gewesener Menschenverachtung. 

Die Texte vollständig zu lesen, kostet Überwindung und man fragt sich immerfort, wie es überhaupt möglich war, mit solchen Traumata sein Leben fortzusetzen: All die Leichenberge in Bergen-Belsen, der Rauch der Krematorien, der Wahnsinn der Selektion, die Brutalität, die Folter, die unglaublichen Perversionen dieser furchtbaren Nazibrut, wie soll man damit umgehen? Alles als Teil des Menschseins begreifen, als das Böse, das immer wieder hervorbrechen kann? 

Schon wieder brennen Häuser in Deutschland, schon wieder gibt es Attacken gegen Fremde. In 2015 haben Rechtsextreme 924 Flüchtlingsheime angegriffen. Dabei nehmen die Täter die Gefahr für die Menschen in den Häusern billigend in Kauf. Der rechte Mob tobt erneut auf den Straßen und jeder, der nicht blind ist, sieht die Parallelen zu den fatalen Zuständen in der Weimarer Republik. 

Diese  Memoiren von Holocaust-Überlebenden zu lesen, empfehle ich nachdrücklich. Wer verdrängt oder vergessen will, wer zusieht und schweigt, wer nicht begreifen möchte, dass der Jude von gestern heute bei den Rechtsradikalen der Muslime ist, macht sich mitschuldig, wenn morgen hierzulande wieder Millionen  von Menschen Opfer  einer krankhaften Ideologie werden.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich
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Rezension: Peter J. König: #ROM- Die Biographie eines Weltreichs -#Greg_Woolf- #Klett_Cotta

Die Geschichte Roms darzustellen, ist ein Werk von bedeutendem Ausmaß, handelt es sich doch dabei um die Weltmacht, die mit Abstand am längsten existiert hat, unglaubliche 1500 Jahre, wenn man das antike Rom von den Anfängen der Republik bis zum Ende der Kaiserzeit betrachtet. Um hier die Zusammenhänge richtig zu erkennen und sie zu deuten, bedarf es eines Autors, der ganz außergewöhnliche Kenntnisse über die Entwicklung Roms besitzt. Einer der wenigen, der dazu in der Lage ist, ist der Autor dieses spannenden und höchst informativen Sachbuchs mit dem alles sagenden Titel "Rom, die Biographie eines Weltreichs" Professor Greg Woolf, einer der weltweit führenden Historiker für die Geschichte des Römischen Reichs.

Woolf hat Altertumswissenschaften in Oxford und Cambridge studiert und lehrt heute die Geschichte des Altertums an der renommierten Universität St. Andrews in Schottland. Dabei sind die Schwerpunkte seiner Forschung die römische Wirtschafts-und Sozial-Geschichte, ebenso erforscht er die Geschichte der antiken Religion. Bekanntermaßen ist die Geschichte des Römischen Reiches ein nicht wegzudenkender Teil einer gymnasialen Ausbildung, wobei die Kenntnisse eher rudimentär vermittelt werden. So bleibt es auch nicht aus, dass den Allermeisten überhaupt nicht klar ist, welchen enormen Einfluss das Römische Reich auf die Entwicklung der westlichen Hemisphäre bis heute hat, weitaus mehr als jede andere Kultur.

Selbst die "Alten Griechen" können bei weitem nicht mithalten, obwohl auch ihr Einfluss die römische Geschichte mit prägte. Anfang und Ende des Römischen Reiches sind nur unklar zu erkennen, deshalb gilt die Gründung Roms durch Romulus im Jahre 753 v. Chr. als Beginn, während das Ende unterschiedlich interpretiert wird, vom Wechsel der Herrscher von Rom nach Konstantinopel, bis hin zur Krönung Karls des Großen im Jahre 800 n. Ch. als römischer Kaiser.

Greg Woolf zeigt in sehr nachvollziehbarer Weise auf, wie sich das antike Rom von einer kleinen Siedlungsgründung zu einem Weltreich entwickelt hat, dessen Ausmaße von Britannien über den gesamten Eurasischen Kontinent bis weit nach Asien hinein reichte. Dabei spielt die militärische Überlegenheit eine entscheidende Rolle, denn ständig wurden neue Gebiete erobert, oder Aufstände in besetzten Gebieten niedergeschlagen. Um ein solches Riesen-Reich mit einer Unzahl völlig unterschiedlicher Völker zu beherrschen, bedurfte es ganz besonderer Strategien in Verwaltung, Logistik aber auch permanenter militärischer Macht.

Hier haben die Römer Einzigartiges geschaffen, und wenn wir an das Römische Recht denken, so hat dies noch heute fundamentalen Einfluss auf unsere aktuelle Gesetzgebung und Rechtsprechung. Wie intensiv die Geschichte Roms ist, zeigt allein die Anzahl der nicht zu überblickenden Daten, die man schon als Schüler im Geschichtsunterricht vermittelt bekommen sollte. Tatsächlich ist dies aber nur der berühmte "Tropfen auf den heißen Stein", wenn man bei der Lektüre dieses umfangreichen Werkes von Greg Woolf erfährt, wie die Geschichte Roms im Überblick wirklich aussieht.

Der Autor hat mit diesem Buch ein Standardwerk über das Römische Reich entwickelt, das Licht in das Dunkel der kaum zu entwirrenden Zahlen und Zusammenhänge gebracht hat, sodass man nicht römische Geschichte studiert haben muss, um das Weltreich am Tiber in seinen Ausmaßen und seiner Bedeutung zu begreifen. Gleichzeitig ist es Greg Woolf gelungen noch viel weiter in die Geschichte vorzudringen, indem er das Römische Reich mit anderen Reichen der Antike vergleicht, um so die Einzigartigkeit dieses einzigen Weltstaates der Geschichte in seiner Bedeutung zu analysieren, in Hinblick auf die zivilisatorische und politische Rolle die Rom für die ganze Welt gespielt hat und heute noch spielt. Besonders erwähnenswert ist auch die Arbeit von Andreas Wittenburg, dem Übersetzer dieses Werks, denn so etwas ist nur zu leisten, wenn man selbst die nötigen Kenntnisse der Materie mitbringt.

Da Andreas Wittenburg selbst Alte Geschichte an verschiedenen Universitäten in Europa gelehrt und einige Bücher über antike Geschichte verfasst hat, ist ihm die Übersetzungsarbeit aus dem Englischen bestens gelungen. So ist diesen beiden Historikern ein Werk geglückt, das nicht nur informativ und anschaulich ist, sondern auch neugierig macht und spannend zu lesen ist.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

Das Buch ist in Fachbuchhandel erhältlich.

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Rezension: Zeiten der Erkenntnis- #Ian_Mortimer #Piper

Autor dieses aufschlussreichen Buches ist der erfolgreiche, britische Historiker Ian Mortimer. Das faktenreiche Werk mit dem Titel "Zeiten, der Erkenntnis" befasst sich wie der Untertitel bereits deutlich macht, mit den großen Veränderungen, die uns bis heute prägen. 

In der Einführung schreibt der Autor, dass dieses Werk keine Geschichte der ganzen Welt und auch keine umfassende Geschichte einiger Länder oder einer Region sei, denn viele sehr bedeutsame Ereignisse der Nationalgeschichten kommen hier gar nicht vor oder werden nur gestreift. Es geht in erster Linie um eine Synthese des Denkens über die Entwicklung des Westens, um Antworten auf eine spezifische Frage zu finden. Das auch ist der Grund, weshalb bestimmte  Persönlichkeiten und Themen weniger Raum erhalten als man ihnen gemeinhin in Geschichtsbüchern einräumt. 

Vom 11. Jahrhundert an hat Mortimer für jedes Jahrhundert ein bemerkenswert eloquentes Kapitel verfasst und thematisiert wichtige historische Veränderungen, wie etwa das Ende der Sklaverei im 11. Jahrhundert, die Entdeckungen des 15. Jahrhunderts und in besagtem Jahrhundert auch den Realismus und Naturalismus der Renaissance, den Buchdruck und die Alphabetisierung wie des Weiteren die Reformation. Ob nun der Aufstieg der Mittelschicht im 17. Jahrhundert, der Liberalismus der Aufklärung und die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert, die sozialen Reformen des 19. Jahrhunderts oder die Elektrik und Elektronik des 20. Jahrhunderts gerade im Betrachtungsfokus sind, jedes Kapitel endet mit einer gut nachvollziehbaren Zusammenfassung und es wird auch jeweils der wichtigste Akteur des Wandels näher erläutert. 

Gehen wir ins 12.  Jahrhundert so lernen wir dort als wichtigsten Akteur des Wandels Pierre Abaelard kennen. Dessen Rationalität war etwas ganz Neues. Die Auswirkung seines Rationalismus wurde im darauf folgenden Jahrhundert von Thomas von Aquin weiterentwickelt und Gratian übernahm die dialektische Methode in seinem Decretum. Jede Universität hat sich in der Folge eine Fakultät für Theologie eingerichtet und arbeitete primär mit Abaelards Rationalismus. Mortimer nennt als Gründe Abaelard zum wichtigsten Akteur des 12. Jahrhunderts zu erklären: seine Mitwirkung daran, Aristoteles zum herausragenden Philosophen für die Gelehrten des 12. Jahrhunderts machen, aber auch  sein Engagement im Hinblick seiner Entwicklung der Theologie, seiner Ethik, seiner kritischen Methode und seiner indirekten Wirkung auf das Sittengesetz der gesamten Christenheit durch dessen Einfluss auf das Decretum. 

Sehr interessant fand ich die Abwägung im 18. Jahrhundert im Hinblick auf den wichtigsten Akteur des Wandels. Jean-Jacques Rousseau soll hier die Menschen seiner Zeit am meisten verändert haben. Seine Ideen inspirierten den Ruf nach Toleranz, Freiheit und Gleichheit, der 1789 in  die Französische  Revolution mündete. 

Am Ende seiner vielen Betrachtungen zieht der Autor ein umfangreiches Fazit. Hier geht er der Frage nach, welches Jahrhundert den größten Wandel erfahren hat. Er betrachtet hier die Kriterien Stabilität und Veränderung, analysiert die jeweilige Bedürfnishierarchie und den sozialen Wandel mit Blick auf besagte Hierarchie. Die Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, um die Spannung im Hinblick auf das sehr lehrreiche Buch nicht zu mindern, das ich gerne weiterempfehle. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Piper und können dort das Buch bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihren Buchhändler um die Ecke ordern. http://www.piper.de/buecher/zeiten-der-erkenntnis-isbn-978-3-492-05669-4

Rezension: Die Sprache des Geldes und warum wir sie verstehen (sollen)- #John_Lanchester.#Klett_Cotta

John Lanchester zählt zu den führenden Intellektuellen Englands. 

Der Autor hat mit diesem Buch ein Standardwerk für  alle vorgelegt, das die komplizierte Sprache des Geldes entschlüsselt. Die  teilweise polemische Publikation ist keineswegs in erster Linie ein Nachschlagwerk, obschon es die Begriffe rund um das Geld chronologisch ausführlich erklärt, sondern ein hoch eloquenter Text der Zusammenhänge in Bezug auf Geld begreifbar macht. Da der Autor brillant schreiben kann, spricht das Werk auch Leser an, die den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen normalerweise lieber überblättern. 

Man erfährt nicht nur Wissenswertes zu Begriffen wie "Ersparnisse" und "Investitionen" etc., sondern kann sich beispielsweise auch zu dem Begriff  "Elendsindex" informieren. Was "Fiatgeld" ist, wird nicht jeder wissen. Lanchester erklärt es sehr gut im Geldlexikon, nimmt aber auch in seinem Aufsatz "Die Sprache des Geldes", der dem umfangreichen Geldlexion vorangestellt ist,  Bezug dazu.  In besagtem Aufsatz sind komplexe Gedankengänge auf rund 60 Seiten so dicht zusammenfasst, dass man sie nicht in wenigen Worten wiedergeben kann, ohne den Sinn zu verfälschen. 

Mit den Arbeiten und essentiellen Gedanken von  namhaften Ökonomen wird man umfassend vertraut gemacht. Auch werden Begriffe wie "Moral Hazard" nicht ausgespart und man wird zudem u.a. über "die Theorie über den Mehrwert" nicht im Ungewissen gelassen. 

Wie kritisch der Autor die Begriffe unter die Lupe nimmt,  sieht man beispielsweise bei dem Begriff "Synergie", den er als "Bullshit" begreift. Er definiert  Synergie "Wenn es überhaupt etwas bedeutet, dann den Zusammenschluss zweier Unternehmen, bei dem die Unternehmensführung die Gelegenheit bekommt, Leute zu entlassen." Es gehe beteiligten Unternehmen stets darum, Kosten zu sparen und den Gewinn zu steigern. Wie Lanchester weiter schreibt, kosten solche Zusammenschlüsse zumeist mehr Geld als sie in der Folge einbringen. In diesem Zusammenhang weist er auf die dadurch entstehende Wertevernichtung hin, einen Begriff, den er  an anderer Stelle ausführlich erläutert. 

Im Nachwort Lanchesters zum Schluss dokumentiert er seinen analytischen Verstand und die Tatsache, dass er einer der führenden Intellektuellen in England ist. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Klett-Cotta und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.https://www.klett-cotta.de/suche?vt=Die+Sprache+des+Geldes&x=28&y=7

Rezension: Geo Epoche- Das Magazin für Geschichte- Nr. 75 – Die Pest

Dieses Geo-Magazin thematisiert im Rahmen von 13 Textbeiträgen unterschiedlicher Autoren die größte Katastrophe des Mittelalters: Die Pest.

Damals starben um 1350 in Europa mehr als 20 Millionen Menschen an der verheerenden Seuche. Jeder Dritte auf unserem Kontinent erlag der Pandemie.

Joachim Telgenbüscher schreibt: "Die Pest beginnt mit Gliederschmerzen, Frösteln und Fieber, dann schwellen die Lymphknoten an, füllen sich mit Blut und Eiter. Schwärende Beulen entstellen den Erkrankten, bald darauf vernebeln Halluzinationen und Schwindel ihren Verstand bis nach wenigen Tagen die geschwächten Körper kollabieren und alle Organe versagen."

Anhand von alten Bildern erhält man einen Eindruck von dieser Plage, die Folge des Handels mit Schätzen aus fernen Ländern war. Die weitgespannten Kontakte wurden den Europäern zum Verhängnis. Schuldige für die Pest wurden vielerorts gesucht und es dauerte lange bis man die eigentlichen Ursachen erkannte.

Anhand einer Landkarte hat man die Gelegenheit, den Weg der Pest nachzuvollziehen. 1340 flammte sie in Zentralasien auf, sechs Jahre später erreichte sie das Mongolenreich an der Wolga, ein Jahr danach Italien und dann ganz Europa. Zunächst erfährt man von der Belagerung der Hafenstadt Caffa auf der Krim seitens der Mongolen. Sie war eine merkantile Metropole und soll ein Ort des Profits und der Skrupellosigkeit gewesen sein.

Man liest über das Leben und den Handel in dieser Stadt in der genannten Zeit, auch über die Belagerung durch die Mongolen und schließlich über das Ausbrechen der Pest. 

Das Wesen des Schwarzen Todes wird näher beleuchtet. Man erfährt hier u.a. den Unterschied zwischen Beulen- und Lungenpest und deren Ursprünge. Im Frühling 1348 grassierte die Seuche in Venedig, eingeschleppt wurde sie mit Frachtschiffen. Der mehrseitige Beitrag mit dem Titel "Stadt der Sterbenden halte ich für den wichtigsten im Magazin, um sich das Ausmaß der Katastrophe klar zu machen. Etwa 70 000 von gut 100 000 Venezianern wurden dahingerafft. Es gab Mangel an allem, auch an Ärzten. Istrien – die Halbinsel -  zählte auch zu den venezianischen Gebieten  und war von der Bevölkerung her völlig ausgelöscht. Um Neuansiedler anzulocken, sprach die Regierung jeden 5 Jahre lang frei von allen Abgaben und Frondiensten. Ich möchte den Inhalt des Beitrags hier nicht verkürzt wiedergeben. Man muss sich in den Text reinvertiefen und die Bilder dazu sich vergegenwärtigen, damit man begreift, wozu Menschen fähig sich, wenn eine Seuche dieser Art über sie hereinbricht. 

Interessant auch ist der Beitrag, der sich mit der Ohnmacht der Gelehrten befasst. 600 Jahre sollte es noch dauern bis man endlich die Pest heilen konnte und ebenfalls interessant ist es zu erfahren, wie man nach Sündenböcken suchte und wie sollte es sein, diese bei den jüdischen Geldverleihern vermutet hat. Als die Pest nahte, nahmen überall die Angriffe von Christen auf Juden zu. Ewig das gleiche Lied...Die Menschen lernen nicht dazu. 

Auch über England liest man. Dort war die Hälfte aller Einwohner aufgrund der Pest gestorben. Bemerkenswert finde ich den Beitrag über die Flagellanten. Es waren Bauern, Städter, Ritter und Geistliche, die barfuß durchs Land gingen, sich selbst auspeitschten um die Leiden Christi nachzuempfinden und glaubten auf diese Weise die Menschheit vor der Pest retten zu können. Hilfloses Bemühen in immer aberwitzigeren Formen... 

Die Folgen der Pest waren überall gravierend, sowohl sozial, wirtschaftlich und kulturell. Eine Vielzahl von Gesetzen war die Folge, um Herr der chaotischen Lage zu werden. Auf diese Weise entstand die Grundlage für den modernen Staat. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Rezension: #Verbrecher, #Opfer, #Heilige - Eine Geschichte des Tötens- Klett-Cotta

Autor dieses Werks ist Prof. Dr. Peter Schuster. Er ist an der Universität in Bielefeld tätig und hat dort den Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit inne.

Das Buch befasst sich mit der Geschichte des Tötens und ist ein #Plädoyer gegen die #Todesstrafe und religiösen Fundamentalismus. 

Schuster hält fest, dass die Todesstrafe eine der sichtbarsten und intensivsten Ausdrucksformen staatlicher Herrschaft über Menschen ist. Obschon die Todesstrafe in über 100 Ländern dieser Erde abgeschafft ist, ist sie leider nach wie vor ein Thema. Wir werden diesbezüglich täglich in den Medien informiert.

Im 19. Jahrhundert noch waren Hinrichtungen öffentliche Veranstaltungen. Damit, so Schuster, war die Todesstrafe stets mehr als ein juristisches Problem. Sie diente der Machtdemonstration, Reinigung, Rache, Vergeltung, der Einschüchterung und als blutiges Spektakel. Stets war sie "eine religiöse oder quasi-religiöse Strafe, eine Etappe auf dem Weg zum irgendwie definierten Heil". 

Gezeigt wird in diesem Buch wie groß der religiöse Einfluss in der Geschichte des Tötens war. Er hat sich keineswegs nur auf die Sorge um das Seelenheil der Verurteilten beschränkt, sondern prägte auch die Gesetzgebung, die Ausgestaltung des Hinrichtungsrituals sowie dessen Legitimierung. 

Der Einleitung wurde ein Zitat von Camus vorangestellt. Es lautet: "In der Tat und Wahrheit ist die Todesstrafe durch die Jahrhunderte hindurch immer eine religiöse Strafe gewesen."Albert Camus, 1957. Dies  ist der Gedanke, der durch Fakten im Buch bestätigt wird. 

Bemerkenswerterweise waren in der vormodernen Blutjustiz die zum Tode Verurteilten zumeist keine Mörder, sondern Diebe. Diebstahl war ein Armutsdelikt und wurde besonders brutal geahndet. Darüber hinaus wurden Verstöße gegen die religiöse Ordnung strafmäßig sehr verfolgt. 

Man wird darüber aufgeklärt,  auf welche Weise Hinrichtungen zu einem religiösen Ritual wurden und wird ausführlich über die Arten der Tötungen informiert. Die Rede ist u.a. von solch perversen Todesstrafen wie dem Enthaupten, Rädern, Verbrennen und Vierteilen. 

Auch über Hinrichtungen von Frauen im Mittelalter liest man Aufschlussreiches und es wird sehr schnell klar, dass die Justiz, wie man sie heute noch im Orient erlebt, jener sehr ähnlich ist, die auch die Christen in Europa vor der Aufklärung als die richtige Methode im Umgang mit Regelbrechern ansahen. 

Erst wenn Humanismus und Aufklärung den Geist erhellen, wird die Todesstrafe weltweit dem Gestern angehören. Das sollte sich jeder bewusst machen und danach sein Handeln ausrichten.

Ein sehr aufschlussreiches Buch. 

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Link, dann  gelangen Sie zu Klett-Cotta und können das Buch bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.klett-cotta.de/suche?vt=Peter+Schuster&x=17&y=13

Rezension: Peter J. König: Die unheimlichen #Richter- Wie Gutachter die #Strafjustiz beeinflussen- #Rudolf_Egg- C. Bertelsmann

Der Autor Rudolf Egg ist als #Kriminalpsychologe ein renommierter Gerichtsgutachter, der in seiner langjährigen Karriere einen tiefen Einblick in die Strafjustiz erhalten hat. In seinem Buch: "Die unheimlichen Richter-Wie Gutachter die Strafjustiz beeinflussen", erschienen im C. Bertelsmann Verlag schildert er an Hand selbst erlebter Gerichtsverfahren sehr anschaulich, wie die Gutachten von gerichtsbestellten Gutachtern Einfluss auf das spätere Urteil der Richter haben können. 

Man benötigt keine juristische Ausbildung um den Ausführungen des Autors zu folgen. An Hand vieler Fallbeispiele demonstriert Egg welche Problematik für die Richterschaft bei Strafprozessen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Angeklagten und noch wichtiger, eventueller Zeugen besteht. Um dem Richter ein klareres Bild zu vermitteln, werden versierte Psychologen und Psychiater als Gutachter herangezogen, damit eine möglichst objektive Beurteilung der maßgeblichen Prozess-Beteiligten erreicht werden kann. 

Rudolf Egg will in seinem Buch zeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Geheim-Wissenschaft handelt, gleichzeitig demonstriert er welchen Einfluss diese Gutachten auf die Entscheidungs-Findung bei den Richtern durchaus haben. Dass es so auch zu krassen Fehlurteilen kommen kann, erläutert der Autor auch an Hand von Aufsehen-erregenden Fällen, die in den letzten Jahren die Medien-Welt intensiv beschäftigt hat. 

Erinnert sei dabei an den Fall Mollath in Bayern, der geradezu einen Auflauf von Sympathisanten für das vermeintliche Justiz-Opfer hervorrief. Dass sich Gutachter auch maßgeblich irren können, macht der Autor hier ganz deutlich. Deshalb ist es so wichtig,  sehr behutsam mit allen Einschätzungen umzugehen, besonders dann, wenn eine Prognose auf das Verhalten eines Täters abgegeben wird, wie seine Chancen zur Resozialisierung zukünftig stehen. 

Dass ein Richter sein Urteil verständlicher Weise gerne auf die Analyse eines versierten Fachmannes stützt, oftmals auch gleich auf mehrere, ist sehr wohl nachzuvollziehen. Darauf folgt zwangsläufig gleich die Frage, wie steht es dann aber noch mit der Unabhängigkeit der Richter? 

Und sind es dann nicht oftmals die Gutachter, die das Urteil über den Angeklagten fällen? 

Auf all diese Fragen versucht Rudolf Egg eine fundierte Antwort zu geben. Er zeigt auf, wie viel Unvoreingenommenheit, Aufmerksamkeit und Menschenkenntnis erforderlich sind, um solch eine verantwortungsvolle Aufgabe im Sinne des Rechts zu bewältigen. Für alle interessierten Laien macht der Autor transparent, wie er in der Praxis an solche Gutachten herangegangen ist und welche Besonderheiten dabei jeweils zu beachten sind. Kaum jemand weiß besser als Rudolf Egg, dass es Fehleinschätzungen gibt. Deshalb nimmt sich der Autor vollkommen zurück, bei der Beurteilung von Kollegen, deren Gutachten zumindest dazu beigetragen haben, dass es zu Justiz-Skandalen gekommen ist, wie nachweislich in dem berühmten Fall Mollath. 

Justiz-Schelte und Kollegen-bashing ist nicht das Thema, das Rudolf Egg in seinem Buch "Die unheimlichen Richter" darstellen möchte. Ihm geht es in erster Linie darum,  einen Blick in die Welt der Rechtsprechung zu geben, hier der Strafjustiz, um allgemein verständlich zu machen, was passiert eigentlich zwischen Richtern, Gutachtern, Angeklagten und Zeugen. 

Dies ist dem Autor bestens gelungen, zumal er diese Kaste nicht über den grünen Klee lobt, sondern durchaus kritisch mit dem Gesamt-Komplex umgeht, eben wie ein unvoreingenommener Gutachter, dem es an Aufklärung gelegen ist. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Bertelsmannverlag und können das Buch dort bestellen.http://www.randomhouse.de/Buch/Die-unheimlichen-Richter-Wie-Gutachter-die-Strafjustiz-beeinflussen/Rudolf-Egg/e467749.rhd Sie können das Buch auch direkt bei Ihrem Buchhändler ordern.

Rezension: #Mythos_Redemacht- Eine andere Geschichte der #Rhetorik- Karl-Heinz Göttert, S.Fischer Wissenschaft

Prof. Dr. Karl-Heinz Göttert ist der Autor dieses breit angelegten Sachbuches, in dem er aufzeigt, dass der europäische Redner keine universelle, sondern eine historisch fixierbare Erscheinung verkörpert, mit klarem Start und durchgehender Tradition über bereits schon zweieinhalb Jahrtausende hinweg. 

Redekunst wurde in Griechenland ausgebildet zu einem Narrativ, in dem die Macht der Rede zu einem Mythos wurde.

Das Buch wiederlegt die Thesen vom Niedergang der Redekunst und den mangelnden Fähigkeiten der Redner. Es gibt sie noch immer, die große Rede mit sprachlicher Kunst und perfekter Präsentation. Die Wissenschaft hat sich mit dem theoretischen Aspekt der Rede ausgiebig befasst. 

Zwischenzeitlich gibt es eine perfekte Aufarbeitung der rhetorischen Fachliteratur von der Antike bis heute. Es ist möglich Redner und Reden europäischen Zuschnitts miteinander zu vergleichen, denn entscheidende Maßstäbe haben sich nicht verändert. Der Autor fragt, worin genau diese Maßstäbe bestehen, was das Spezifische ist, das sich abgrenzen lässt von anderen Kulturen, in denen europäische Redekunst aufgrund unterschiedlicher Erwartungen vermutlich ebenso wirkungslos wäre wie umgekehrt nichteuropäische bei uns? 

Fakt scheint zu sein, dass man dem folgt, den man anerkennt und Rede im Grunde sekundär ist. Es geht also um Autorität, die der Redner hat. Autorität gewinnt man, wenn man das Publikum versteht, dessen Gedanken aufnimmt und dabei mit argumentativen und sprachlichen Mitteln arbeitet, die beeindrucken. Bei der Redekunst geht es offenbar um vorzeigbares, vorgezeigtes Können, so der Autor.

Glaubwürdigkeitslücken werden beispielsweise durch Ästhetik überdeckt, zumindest in Europa. Glaubt man Göttert, scheint die Macht der Rede von Anbeginn an eine durchsichtige Konstruktion gewesen zu sein, die der Idee des Überwältigens durch (Anwendung von) Kunst folgte. Dieses Konzept europäischer Redekunst hat offenbar immer noch Erfolg. 

Der Autor stellt im Buch Reden in interessanten Paarungen (Meister Eckhart und Johann Christoph Gottsched, Cicero und Rosa Luxemburg oder Perikles und Richard von Weizäcker) nebeneinander und verleiht der Geschichte der Rhetorik eine neue Perspektive. Dazu gibt es eine Fülle von lehrreichen Exkursen, z.B. zu Platons Kritik an der Rhetorik, zur Größe der Rede oder zu Charisma.

Wer sich in Sachen Rhetorik kundig machen möchte, sollte dieses aufschlussreiche Buch lesen, das ein Kompendium rednerischen Geheimwissens darstellt und uns Redner aus völlig neuer Perspektive betrachten lässt.

Empfehlenswert

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu den S Fischer Verlagen und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch  direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.fischerverlage.de/buch/mythos_redemacht/9783100265319

Rezension: Weil es um die Menschen geht- #Kilian_Kleinschmidt-# Econ

Kilian Kleinschmidt, der Autor dieses Buches,  lebt heute als Berater, globaler Netzwerker und Gründer der Organisation "Innovation an Planning Agency" mit seiner Familie in Wien. Zuvor hat er jahrelang als Nothelfer für das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) gearbeitet und war u.a. in Sri Lanka, im Kosovo, in Somalia, im Kongo, in Kenia, in Ruanda und im Süd-Sudan tätig. Kleinschmidt leitete zudem "Zaatari",  das größte Lager für syrische Flüchtlinge an der syrisch-jordanischen Grenze. 

Während ich das Buch las, fragte ich mich immer wieder, wie es für Kilian Kleinschmidt möglich ist, all diese entsetzlichen Eindrücke, die er im Buch beschreibt, zu verarbeiten. Zunächst analysierte ich den Bildteil, der den aufmerksamen Beobachter mit diesem Alpha-Mann visuell vertraut macht und fand auf der letzten Seite die Antwort: "Es ist mein Traum, dass wir kollektiv begreifen, dass alle Menschen, die heute auf der Flucht sind, in Slums vegetieren, keine Arbeit haben oder auf dem Land versklavt werden, aus ihrem menschenunwürdigen Leben mit dem, was die Welt an Ressourcen schon besitzt, leicht herausgebracht werden können und müssen. Es geht um unser gemeinsames Überleben und unsere gemeinsamen Werte."  Dieser Mann hat also eine Vision und die Kraft sie umzusetzen. Das ist Motor genug, um all die schlimmen Eindrücke zielführend zu verarbeiten.

Eine Rezension zu seinem Buch zu schreiben, in dem man immer wieder Bezug auf die Inhalte nimmt, ist fast unmöglich, denn  in diesem autobiografischen  Werk  mit dem Titel "Weil es um die Menschen geht" wird man in sehr dichter Form mit den Erinnerungen eines Menschen konfrontiert, der Zehntausende von Hutu aus dem Regenwald rettete, die Flüchtlingsrückkehr im Kosovo koordinierte sowie nicht zuletzt das syrische Flüchtlingslager "Zaatari" befriedete und viele andere Meisterleistungen auf humanitärer Ebene erbrachte,  dass man einfach nur staunen kann über die Power dieses wirklich mutigen und dabei beeindruckend klugen Mannes.

Kleinschmidts Vater war Hochschullehrer in Frankfurt und später in Köln. Nichts deutete in der Kindheit und Jugend des Autors darauf hin, dass er nach dem Abitur, anstelle zu studieren, zunächst Ziegenkäsebauer und Dachdecker in den Pyrenäen werden würde. Doch gewiss hat sein humanistisch geprägtes, familiäres Umfeld die Basis dazu geliefert, dass er später zu einer Person wurde, die anstelle Krisen auszulösen,  sich zum Experten entwickelte, diese zu managen. 

Im Buch beschreibt Kleinschmidt zunächst seine Jahre in den Pyrenäen, erwähnt auch seine Beziehungen zu den Menschen dort und wie es dazu kam, dass er schließlich als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt tätig wurde. So war er u.a. zweimal in Mogadischu, zuletzt von 2012 bis 2013 als Stellvertretender humanitärer Koordinator für ganz Somalia und auch als Sicherheitskoordinator der Vereinten Nationen für Mogadischu im Einsatz. Der Nothelfer  schreibt von Millionen von Vertriebenen dort und an vielen anderen Orten dieser Welt, berichtet vom Selbstfindungsprozess in verschiedenen Länder, die vormals Kolonialstaaten waren, der gegenseitigen Ausbeutung, die zu gewaltsamen Perioden führte und es wohl immer noch tut. 

Er berichtet weiter von  den Monaten in Ruanda, von den Hutus, die er rettete und hier auch liest man: "Immer wieder hatte ich Massen von Menschen gesehen, die versuchten auf irgendeine Weise zu überleben. Die Angst stand ihnen in den Augen, die Angst vor dem Tod." 

Man erfährt von Mädchensoldaten bei den Tamil Tigers und in diesem Zusammenhang macht Kleinschmidt begreifbar, dass Kinder benutzt werden für Ideologien, weil sie noch nicht verstehen. 

Überall hat der heutige globale Netzwerker  mit Menschen gesprochen und sich ein Bild gemacht, hat tausend Gefahren durchlebt, wie kein Anderer Flüchtlingselend gesehen. Er schreibt über seine Aktivitäten in Zaatari, dem Ort, der viele Geschichten zu erzählen hat: "Die Geschichte des Krieges und der Menschen aus Syrien, die Geschichte der Helfer und Mühen, eine solche Situation in den Griff zu bekommen; und dann das große Thema: die Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht und wie man im 21. Jahrhundert humanitäre Hilfe und Flüchtlingslager innovativer gestalten kann." 

Kleinschmidt weiß aufgrund seiner Erfahrungen, dass Milliarden Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben, weil sie durch Klimawandel, Umweltschäden, Verschmutzung, Armut und brutalste Ausnutzung durch skrupellose Industrielle und Großgrundbesitzer ausgebeutet und vertrieben worden sind. Er weiß auch, dass es diese Menschen sind, denen wir, wenn sie fliehen, beim Ertrinken auf dem Mittelmeer zuschauen. 

Für Kleinschmidt ist klar, dass Menschen, die aufgrund von Armut, Ausbeutung und fehlenden Menschenrechten die Flucht ergreifen, Grund genug haben, genau dieses zu tun und es keineswegs eines Krieges bedarf, um sich mit ihnen solidarisch zu erklären. 

Wie der Autor konstatiert, werden Flüchtlinge als Sklaven gehandelt, als Kinder verkauft und Vergewaltigung sei eher die Regel als die Ausnahme. Flüchtlinge erstickten in Containern, ertrinken und verdursten und Menschenhändler machen Millionen mit ihnen. Bei all dem schaut die moderne Gesellschaft zu. 

Die traditionelle humanitäre Hilfe könne ihre Grundaufgabe, Leben zu retten, nicht mehr für alle, die sie benötigen, erfüllen. 

Leider sei die humanitäre Hilfe zu einem gigantischen Geschäft geworden. Amerikanische und europäische Charity-Organisationen kämpften nur noch um ihre Marktanteile. Der Mensch und seine Würde werde selten in den Mittelpunkt gestellt, stattdessen werde die Not als Ware verkauft. 

Diese Realität und die Tatsache, dass die Hilfsorganisationen der UNO kein eigenes Geld besitzen und dass sich bestimmte Flüchtlinge und bestimmte Krisenherde besser verkaufen als andere, stimmt mehr als nachdenklich.   

Wenn sie wissen möchte, welche neuen Perspektiven die humanitäre Hilfe im 21. Jahrhundert bietet, dann lesen Sie bitte dieses analytische und dabei zutiefst berührende Buch. Der Troubleshooter Kilian Kleinschmidt zeigt neue Wege auf. Diese  zu gehen, kann nur klug sein. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link,  dann gelangen Sie zu Econ und können das Buch, dort bestellen. Sie können es aber auch direkt bei ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/weil-es-um-die-menschen-geht-9783843711487.html