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Rezension: Peter J. König: Mensch, Adolf Das Hitler-Bild der Deutschen seit 1945 Ansichten eines Zeitgenossen Rolf Rietzler C. Bertelsmann

Der Journalist und ehemalige Spiegel-Redakteur Rolf Rietzler hat hier mit seinem neuesten Werk "Mensch, Adolf" sehr intensiv und aufschlussreich beleuchtet, wie Adolf Hitler der Reichskanzler des Dritten Reiches in der Nachkriegs-Ära nach dessen Tod 1945 in seiner Gesamtheit wahrgenommen wurde. 

Dabei geht es Rolf Rietzler, der 20 Jahre lang beim "Spiegel" für das Serien-Ressort zuständig war, mit seinem Spezial-Gebiet Zeitgeschichte darum, endlich mit der weit verbreiteten Mär aufzuräumen, als sei der "Führer" ganz allein für alle Gräueltaten verantwortlich, die während der Zeit des National-Sozialismus von 1933 bis 1945 begangen worden sind. 

Bis in die Gegenwart wird ohne Unterlass und mit nie nachlassender Überzeugung über die gesamte Bannbreite von Forschung, Lehre und Publikation inbrünstig erklärt, dass nur die Nazis das verbrochen haben, was als die dunkelste Stunde der Deutschen gilt, und dass das deutsche Volk mit alledem nicht einverstanden war, die Menschen sich allein der Diktatur beugen mussten. 

Und an dieser Legende haben alle gestrickt nach 1945, diejenige die aktiv an dem Nazi-Regime beteiligt waren, so Speer, dem von Hitler geschätzten Baumeister seiner Prachtbauten und Rüstungsminister, die Vielzahl von ehemaligen Propaganda-Journalisten, die nach 1945 mit ihren Publikationsorganen wie Augstein mit dem Spiegel und Nannen mit dem Stern die Geschichte des "Dritten Reichs" in ihrem Sinn und ihrem Verständnis darzustellen versuchten. 

Generäle haben ihre Verantwortung und ihr Versagen in Hinblick auf Despotie und Kriegstreiberei ebenso bei Adolf Hitler abgeladen, wie die Diplomatie, hier sei der Staatssekretär im Außenministerium von Weizäcker, der Vater des späteren Bundespräsidenten genannt. Sie alle haben in der Nachkriegszeit mit einer Vielzahl von Büchern, Artikel und sonstigen Veröffentlichungen versucht, die Verschleierung ihrer Mitschuld an diesem verbrecherischen Regime kundzutun. 

Ganze Heerscharen von anerkannten Historikern sind seit jeher bemüht, Geschichts-Klitterung zu betreiben, wenn es darum geht, die Deutschen reinzuwaschen oder ihnen nur ein nachrangiges Mitverschulden zu attestieren. 

Hitler, dieser Dämon, ist an allem Schuld, so lautet die Devise. Gleichzeitig aber ist er der ungekrönte Medienstar, mit dem bis heute durch Film, Fernsehen und unzählige Magazine große Kasse gemacht wird. Der Autor Rolf Rietzler selbst durch seine eigene Familie mit dem Unwesen des Dritten Reiches verbunden, sein Vater war Mitglied bei der SS und als Polizeiangehöriger im Osten zugange, hat anhand unzähliger Nachweise aufgezeigt, welche weitere Treue und Verbundenheit zur Ideologie der Nazis von so vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der jungen Bundesrepublik, bewusst oder unbewusst bestanden hat, wenn versuchte wurde zu relativieren und eine persönliche Schuld auf ein Minimum zu reduzieren. 

Die Einen haben sich hinter ihrem Offiziers-Eid versteckt, die Zivilisten waren jung und wollten Karriere im System machen, entweder aus Überzeugung oder aber als Mitläufer, um nicht aufzufallen. Dass mit der dubiosen Entnazifizierung nicht sofort demokratischer Geist in die Köpfe von alle jenen eingezogen ist, war auch nicht zu erwarten. 

Dass es aber noch Jahrzehnte gedauert hat, bis die national-sozialistische Kopfgeburt mit all ihren verheerenden Folgen tatsächlich im Großen und Ganzen überwunden war, zeigt wie tiefgreifend diese Gehirnwäsche eingedrungen ist. 

Bis zum heutigen Tag in die übernächste Generation hinein sind die Folgen zu spüren, wenn z.B. die über Achtzigjährigen, die ihre Schulzeit bei fanatisierten Lehrern absolviert haben, im Zustand ihres langsamen Dahindämmerns, Parolen verkünden, die sie einst in ihrer Schulzeit in die Köpfe geklopft bekamen. Rolf Rietzlers Buch "Mensch, Adolf" dient dazu alle diese Facetten des Hitler-Bildes der Deutschen nach 1945 akribisch aufzuzeigen. 

Dass dabei eine endlose Recherche notwendig war, nicht nur um die Erkenntnisse zu erarbeiten, sondern in erster Linie diese anhand bekannter Dokumente zu belegen, versteht sich von selbst, wenn man erfährt, wie die deutschen Eliten im Nachkriegs-Deutschland getrickst haben und heute noch tricksen. 

Eine einzige Verirrung in seichtes Wasser, eine nicht belegbare Behauptung und der Autor Rolf Rietzler stirbt den Medientod. Bei dieser Drohkulisse ist es umso mutiger, dass Rietzler dieses Projekt angegangen ist. Es ist ihm wohl auch ein ganz familiäres Bedürfnis hier Aufklärung zu schaffen, wenn er die Art und Weise wie seine Eltern und Verwandten mit dem National-Sozialismus umgegangen sind in seinem Buch darstellt. 

Bei der vorliegenden Datenfülle hätte es nahe liegen können, dass "Mensch, Adolf" in ein dröges Aufklärungs-Buch abgeglitten wäre. Dem ist beileibe nicht so. Der Autor hat mit seinem ureigenen, humorigen Hintersinn es verstanden, auf informative und ironische Weise diese schwere Kost dem interessierten Leser nahe zu bringen. So macht Geschichts-Erleben neugierig und ist interessant, gerade wenn es sich dabei um die hintertriebene und mangelnde Aufklärung der Nazizeit nach 1945 handelt. 

Sofern man das Buch von Rolf Rietzler aufmerksam gelesen hat, ist klar, dass wir erst am Anfang der tatsächlichen Aufarbeitung unserer schlimmsten Geschichte und deren Nachwirkungen stehen. Es sind Autoren wie Rolf Rietzler, die beginnen, endlich mit den Verschleierungen und dem Geschäftemachen um Adolf Hitler und seiner braunen Pest aufzuräumen. Ob dies jemals ganz gelingen wird, sei dahingestellt. 

Auf jeden Fall ist "Mensch, Adolf" von Rolf Rietzler ein sehr lesenswertes Buch, das mit dem selbstgestrickten Exkulpations-Getöse einer ganzen Nachkriegs-Generation endlich aufräumt. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Das Buch ist überall im Handel erhältlich
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Rezension: #Erinnerungsstätte an der #Frankfurter_Großmarkthalle- #Deportation der #Juden 1941-1945- Prestel

Am 25. Oktober 1928 wurde in Frankfurt/Main die neue Großmarkthalle eingeweiht. Entworfen hatte sie  der Architekt Martin Elsässer.  Das Gebäude beeindruckte damals durch seinen monumentalen, funktionalen und technisch ausgeklügelten Hallenbau, der im In- und Ausland als Beispiel der architektonischen Moderne galt. Dreizehn Jahre danach mieteten die Geheime Staatspolizei in Komplizenschaft mit "brauner" Stadtverwaltung und Gauleitung die Keller an, um ab Oktober 1941 mehr als 10.000 jüdische Menschen dort "zu sammeln, auszuplündern, zu erniedrigen und sie dann gewaltsam auf die Transporte in den Tod zu zwingen." Währenddessen lief der tägliche Marktbetrieb weiter. 

Heute befindet sich auf dem Gelände, auf dem bis 2004 die Großmarkthalle stand, der Sitz der #Europäischen_Zentralbank und hier auch ist die Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkhalle positioniert. 

#Salomon_Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt/Main spricht der Erinnerungsstätte eine heraussagende Bedeutung zu, weil sie an das entsetzliche Leid der schwer misshandelten Menschen und Mordopfer erinnert. Korn lässt nicht unerwähnt, dass diese Menschentransporte zentraler Bestandteil der staatlich gelenkten Ausplünderung und wirtschaftlichen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung waren. Alle inhaftierten Menschen dort mussten vor dem Abtransport eine detaillierte "Vermögenserklärung" abgeben und ihr Hab und Gut dem Staat überschreiben. Mit dem Aufenthalt in der Großmarkthalle wurde bezweckt, die Menschen zu entwürdigen und völlig auszurauben. 

Im Buch wird das künstlerische Konzept der Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle seitens #Marcus_Kaiser und #Tobias_Katz vorgestellt und von #Norbert_Migueletz fotografisch dokumentiert. Kaiser und Katz wollen durch ihre Gestaltung auf das hinweisen, was an jenem Ort vorgefallen ist, man aber dem Ort so nicht ansieht. Die beiden verstehen den Charakter des Hinweisens als dokumentarisch und emotional zugleich, dabei stets subtil und nicht didaktisch erläuternd. 

Peter_Cachola_Schmal schreibt, dass die neue Erinnerungsstätte an der Frankfurter Großmarkthalle ganz bewusst in der Tradition der größten Vorbilder der Gedenkstättenarchitektur stehe, zeige sich in der Lakonie, Präzision und Reduktion der architektonischen Mittel. 

Die  Zeugenschaft der Deportationen wird textlich dokumentiert. Was man hier lesen kann, berührt zutiefst und löst Empörung aus. Monica Kingreen berichtet in ihrem Aufsatz über "Die Großmarkthalle und die gewaltsame Verschleppung der jüdischen Bevölkerung Frankfurts und des Regierungsbezirks Wiesbaden ab 1941 bis 1945 und hier auch von der Großmarkthalle als Gestapo-Sammellager und den zahlreichen Massendeportationen. Auch die Perspektive eines NS-Täters kommt zur Sprache, bevor der lange Weg zur Erinnerung von Fritz Backhaus nachgezeichnet wird. 

Sich mit den Gräueltaten der Deutschen zu Zeiten Hitlers bewusst auseinander zu setzen und nichts zu verschweigen,  ist heute notwendiger denn je, weil der Fremdenhass  in diesem Land sich schon wieder breit macht und die Pogromstimmung  mittlerweile erneut  als Normalzustand hingenommen wird.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich
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Rezension:"Mit meiner Vergangenheit lebe ich“ Memoiren von #Holocaust- Überlebenden- Herausgegeben von Ivan Lefkovits mit 15 Bildern von Gerhard Richter- Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Die vorliegende Box enthält 15 Hefte mit Memoiren von Holocaust-Überlebenden, die Ivan Lefkovits – er ist einer von ihnen- herausgegeben hat. Es handelt sich bei diesem umfangreichen Werk um ein Memoiren-Projekt gegen das Vergessen. 

Wir leben in einer Zeit, in der die Generation der im Holocaust nicht ermordeten jüdischen Zeitzeugen ausstirbt und einige der Autoren der vorliegenden Hefte schon nicht mehr leben. Um so mehr ist es nun Aufgabe bei nachfolgenden Generationen, die Erinnerung an  das größte Verbrechen aller Zeiten wachzuhalten und sie von der Humanität als das einzig sinnstiftende menschliche Verhalten zu überzeugen.

Die Umschläge der Hefte sind mit Bildern des Künstlers Gerhard Richter illustriert. Peter Iden schreibt dazu in einem Essay, dass Richter für den Umschlag eines jeden Bandes aus vier großformatigen Gemälden Teile herausgeschnitten habe. Die Originale wurden im Frühjahr 2015 in Dresden im Museum Albertinum der Städtischen Kunstsammlungen gezeigt. Bei den Bildern handelt es sich um abstrakte Malerei. 

Die vier Werke tragen den Titel "Birkenau". Dies ist der Namen des größten Vernichtungslagers der Nazis, in dem  die  braunen Schergen etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet haben. Peter Iden berichtet über die Entstehung dieser Bilder und auch wie man deren Farben zu interpretieren hat. Resümierend schreibt er: "Eine Wut lebt in dieser Malerei. Wütende Trauer. Verzweiflung. Zu spüren ist in jedem Augenblick die für den Maler existentielle Notwendigkeit, diese Bilder zu wagen", die "die Grenzen des Fassbaren" bezeugen. 

Der Herausgeber  Ivan Lefkovits erzählt im Heft Nr. 8 aus seiner Vita. Er ist Holocaust-Überlebender des Konzentrationslagers Bergen-Belsen, wo er am 15. April 1945 seitens der britischen Armee befreit wurde. Er ist der einzige aus seiner Familie, der den Holocaust überlebte. Der studierte Chemiker besitzt seit 1984 das Schweizer Bürgerrecht und lebt in Basel. 

Allen Heften sind eine Vielzahl von Schwarz-Weiß-Fotos beigegeben worden, die genau wie die Texte als sinnstiftende Maßnahmen gegen das Vergessen zu begreifen sind. Jedes der Hefte enthält entsetzliche Zeugnisse von nie zuvor da gewesener Menschenverachtung. 

Die Texte vollständig zu lesen, kostet Überwindung und man fragt sich immerfort, wie es überhaupt möglich war, mit solchen Traumata sein Leben fortzusetzen: All die Leichenberge in Bergen-Belsen, der Rauch der Krematorien, der Wahnsinn der Selektion, die Brutalität, die Folter, die unglaublichen Perversionen dieser furchtbaren Nazibrut, wie soll man damit umgehen? Alles als Teil des Menschseins begreifen, als das Böse, das immer wieder hervorbrechen kann? 

Schon wieder brennen Häuser in Deutschland, schon wieder gibt es Attacken gegen Fremde. In 2015 haben Rechtsextreme 924 Flüchtlingsheime angegriffen. Dabei nehmen die Täter die Gefahr für die Menschen in den Häusern billigend in Kauf. Der rechte Mob tobt erneut auf den Straßen und jeder, der nicht blind ist, sieht die Parallelen zu den fatalen Zuständen in der Weimarer Republik. 

Diese  Memoiren von Holocaust-Überlebenden zu lesen, empfehle ich nachdrücklich. Wer verdrängt oder vergessen will, wer zusieht und schweigt, wer nicht begreifen möchte, dass der Jude von gestern heute bei den Rechtsradikalen der Muslime ist, macht sich mitschuldig, wenn morgen hierzulande wieder Millionen  von Menschen Opfer  einer krankhaften Ideologie werden.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Überall im Fachhandel erhältlich
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Rezension: Peter J. König: #ROM- Die Biographie eines Weltreichs -#Greg_Woolf- #Klett_Cotta

Die Geschichte Roms darzustellen, ist ein Werk von bedeutendem Ausmaß, handelt es sich doch dabei um die Weltmacht, die mit Abstand am längsten existiert hat, unglaubliche 1500 Jahre, wenn man das antike Rom von den Anfängen der Republik bis zum Ende der Kaiserzeit betrachtet. Um hier die Zusammenhänge richtig zu erkennen und sie zu deuten, bedarf es eines Autors, der ganz außergewöhnliche Kenntnisse über die Entwicklung Roms besitzt. Einer der wenigen, der dazu in der Lage ist, ist der Autor dieses spannenden und höchst informativen Sachbuchs mit dem alles sagenden Titel "Rom, die Biographie eines Weltreichs" Professor Greg Woolf, einer der weltweit führenden Historiker für die Geschichte des Römischen Reichs.

Woolf hat Altertumswissenschaften in Oxford und Cambridge studiert und lehrt heute die Geschichte des Altertums an der renommierten Universität St. Andrews in Schottland. Dabei sind die Schwerpunkte seiner Forschung die römische Wirtschafts-und Sozial-Geschichte, ebenso erforscht er die Geschichte der antiken Religion. Bekanntermaßen ist die Geschichte des Römischen Reiches ein nicht wegzudenkender Teil einer gymnasialen Ausbildung, wobei die Kenntnisse eher rudimentär vermittelt werden. So bleibt es auch nicht aus, dass den Allermeisten überhaupt nicht klar ist, welchen enormen Einfluss das Römische Reich auf die Entwicklung der westlichen Hemisphäre bis heute hat, weitaus mehr als jede andere Kultur.

Selbst die "Alten Griechen" können bei weitem nicht mithalten, obwohl auch ihr Einfluss die römische Geschichte mit prägte. Anfang und Ende des Römischen Reiches sind nur unklar zu erkennen, deshalb gilt die Gründung Roms durch Romulus im Jahre 753 v. Chr. als Beginn, während das Ende unterschiedlich interpretiert wird, vom Wechsel der Herrscher von Rom nach Konstantinopel, bis hin zur Krönung Karls des Großen im Jahre 800 n. Ch. als römischer Kaiser.

Greg Woolf zeigt in sehr nachvollziehbarer Weise auf, wie sich das antike Rom von einer kleinen Siedlungsgründung zu einem Weltreich entwickelt hat, dessen Ausmaße von Britannien über den gesamten Eurasischen Kontinent bis weit nach Asien hinein reichte. Dabei spielt die militärische Überlegenheit eine entscheidende Rolle, denn ständig wurden neue Gebiete erobert, oder Aufstände in besetzten Gebieten niedergeschlagen. Um ein solches Riesen-Reich mit einer Unzahl völlig unterschiedlicher Völker zu beherrschen, bedurfte es ganz besonderer Strategien in Verwaltung, Logistik aber auch permanenter militärischer Macht.

Hier haben die Römer Einzigartiges geschaffen, und wenn wir an das Römische Recht denken, so hat dies noch heute fundamentalen Einfluss auf unsere aktuelle Gesetzgebung und Rechtsprechung. Wie intensiv die Geschichte Roms ist, zeigt allein die Anzahl der nicht zu überblickenden Daten, die man schon als Schüler im Geschichtsunterricht vermittelt bekommen sollte. Tatsächlich ist dies aber nur der berühmte "Tropfen auf den heißen Stein", wenn man bei der Lektüre dieses umfangreichen Werkes von Greg Woolf erfährt, wie die Geschichte Roms im Überblick wirklich aussieht.

Der Autor hat mit diesem Buch ein Standardwerk über das Römische Reich entwickelt, das Licht in das Dunkel der kaum zu entwirrenden Zahlen und Zusammenhänge gebracht hat, sodass man nicht römische Geschichte studiert haben muss, um das Weltreich am Tiber in seinen Ausmaßen und seiner Bedeutung zu begreifen. Gleichzeitig ist es Greg Woolf gelungen noch viel weiter in die Geschichte vorzudringen, indem er das Römische Reich mit anderen Reichen der Antike vergleicht, um so die Einzigartigkeit dieses einzigen Weltstaates der Geschichte in seiner Bedeutung zu analysieren, in Hinblick auf die zivilisatorische und politische Rolle die Rom für die ganze Welt gespielt hat und heute noch spielt. Besonders erwähnenswert ist auch die Arbeit von Andreas Wittenburg, dem Übersetzer dieses Werks, denn so etwas ist nur zu leisten, wenn man selbst die nötigen Kenntnisse der Materie mitbringt.

Da Andreas Wittenburg selbst Alte Geschichte an verschiedenen Universitäten in Europa gelehrt und einige Bücher über antike Geschichte verfasst hat, ist ihm die Übersetzungsarbeit aus dem Englischen bestens gelungen. So ist diesen beiden Historikern ein Werk geglückt, das nicht nur informativ und anschaulich ist, sondern auch neugierig macht und spannend zu lesen ist.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

Das Buch ist in Fachbuchhandel erhältlich.

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Rezension: Zeiten der Erkenntnis- #Ian_Mortimer #Piper

Autor dieses aufschlussreichen Buches ist der erfolgreiche, britische Historiker Ian Mortimer. Das faktenreiche Werk mit dem Titel "Zeiten, der Erkenntnis" befasst sich wie der Untertitel bereits deutlich macht, mit den großen Veränderungen, die uns bis heute prägen. 

In der Einführung schreibt der Autor, dass dieses Werk keine Geschichte der ganzen Welt und auch keine umfassende Geschichte einiger Länder oder einer Region sei, denn viele sehr bedeutsame Ereignisse der Nationalgeschichten kommen hier gar nicht vor oder werden nur gestreift. Es geht in erster Linie um eine Synthese des Denkens über die Entwicklung des Westens, um Antworten auf eine spezifische Frage zu finden. Das auch ist der Grund, weshalb bestimmte  Persönlichkeiten und Themen weniger Raum erhalten als man ihnen gemeinhin in Geschichtsbüchern einräumt. 

Vom 11. Jahrhundert an hat Mortimer für jedes Jahrhundert ein bemerkenswert eloquentes Kapitel verfasst und thematisiert wichtige historische Veränderungen, wie etwa das Ende der Sklaverei im 11. Jahrhundert, die Entdeckungen des 15. Jahrhunderts und in besagtem Jahrhundert auch den Realismus und Naturalismus der Renaissance, den Buchdruck und die Alphabetisierung wie des Weiteren die Reformation. Ob nun der Aufstieg der Mittelschicht im 17. Jahrhundert, der Liberalismus der Aufklärung und die industrielle Revolution im 18. Jahrhundert, die sozialen Reformen des 19. Jahrhunderts oder die Elektrik und Elektronik des 20. Jahrhunderts gerade im Betrachtungsfokus sind, jedes Kapitel endet mit einer gut nachvollziehbaren Zusammenfassung und es wird auch jeweils der wichtigste Akteur des Wandels näher erläutert. 

Gehen wir ins 12.  Jahrhundert so lernen wir dort als wichtigsten Akteur des Wandels Pierre Abaelard kennen. Dessen Rationalität war etwas ganz Neues. Die Auswirkung seines Rationalismus wurde im darauf folgenden Jahrhundert von Thomas von Aquin weiterentwickelt und Gratian übernahm die dialektische Methode in seinem Decretum. Jede Universität hat sich in der Folge eine Fakultät für Theologie eingerichtet und arbeitete primär mit Abaelards Rationalismus. Mortimer nennt als Gründe Abaelard zum wichtigsten Akteur des 12. Jahrhunderts zu erklären: seine Mitwirkung daran, Aristoteles zum herausragenden Philosophen für die Gelehrten des 12. Jahrhunderts machen, aber auch  sein Engagement im Hinblick seiner Entwicklung der Theologie, seiner Ethik, seiner kritischen Methode und seiner indirekten Wirkung auf das Sittengesetz der gesamten Christenheit durch dessen Einfluss auf das Decretum. 

Sehr interessant fand ich die Abwägung im 18. Jahrhundert im Hinblick auf den wichtigsten Akteur des Wandels. Jean-Jacques Rousseau soll hier die Menschen seiner Zeit am meisten verändert haben. Seine Ideen inspirierten den Ruf nach Toleranz, Freiheit und Gleichheit, der 1789 in  die Französische  Revolution mündete. 

Am Ende seiner vielen Betrachtungen zieht der Autor ein umfangreiches Fazit. Hier geht er der Frage nach, welches Jahrhundert den größten Wandel erfahren hat. Er betrachtet hier die Kriterien Stabilität und Veränderung, analysiert die jeweilige Bedürfnishierarchie und den sozialen Wandel mit Blick auf besagte Hierarchie. Die Ergebnisse möchte ich an dieser Stelle aber nicht verraten, um die Spannung im Hinblick auf das sehr lehrreiche Buch nicht zu mindern, das ich gerne weiterempfehle. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Piper und können dort das Buch bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihren Buchhändler um die Ecke ordern. http://www.piper.de/buecher/zeiten-der-erkenntnis-isbn-978-3-492-05669-4

Rezension: Die Sprache des Geldes und warum wir sie verstehen (sollen)- #John_Lanchester.#Klett_Cotta

John Lanchester zählt zu den führenden Intellektuellen Englands. 

Der Autor hat mit diesem Buch ein Standardwerk für  alle vorgelegt, das die komplizierte Sprache des Geldes entschlüsselt. Die  teilweise polemische Publikation ist keineswegs in erster Linie ein Nachschlagwerk, obschon es die Begriffe rund um das Geld chronologisch ausführlich erklärt, sondern ein hoch eloquenter Text der Zusammenhänge in Bezug auf Geld begreifbar macht. Da der Autor brillant schreiben kann, spricht das Werk auch Leser an, die den Wirtschaftsteil der Frankfurter Allgemeinen normalerweise lieber überblättern. 

Man erfährt nicht nur Wissenswertes zu Begriffen wie "Ersparnisse" und "Investitionen" etc., sondern kann sich beispielsweise auch zu dem Begriff  "Elendsindex" informieren. Was "Fiatgeld" ist, wird nicht jeder wissen. Lanchester erklärt es sehr gut im Geldlexikon, nimmt aber auch in seinem Aufsatz "Die Sprache des Geldes", der dem umfangreichen Geldlexion vorangestellt ist,  Bezug dazu.  In besagtem Aufsatz sind komplexe Gedankengänge auf rund 60 Seiten so dicht zusammenfasst, dass man sie nicht in wenigen Worten wiedergeben kann, ohne den Sinn zu verfälschen. 

Mit den Arbeiten und essentiellen Gedanken von  namhaften Ökonomen wird man umfassend vertraut gemacht. Auch werden Begriffe wie "Moral Hazard" nicht ausgespart und man wird zudem u.a. über "die Theorie über den Mehrwert" nicht im Ungewissen gelassen. 

Wie kritisch der Autor die Begriffe unter die Lupe nimmt,  sieht man beispielsweise bei dem Begriff "Synergie", den er als "Bullshit" begreift. Er definiert  Synergie "Wenn es überhaupt etwas bedeutet, dann den Zusammenschluss zweier Unternehmen, bei dem die Unternehmensführung die Gelegenheit bekommt, Leute zu entlassen." Es gehe beteiligten Unternehmen stets darum, Kosten zu sparen und den Gewinn zu steigern. Wie Lanchester weiter schreibt, kosten solche Zusammenschlüsse zumeist mehr Geld als sie in der Folge einbringen. In diesem Zusammenhang weist er auf die dadurch entstehende Wertevernichtung hin, einen Begriff, den er  an anderer Stelle ausführlich erläutert. 

Im Nachwort Lanchesters zum Schluss dokumentiert er seinen analytischen Verstand und die Tatsache, dass er einer der führenden Intellektuellen in England ist. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu Klett-Cotta und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.https://www.klett-cotta.de/suche?vt=Die+Sprache+des+Geldes&x=28&y=7

Rezension: Geo Epoche- Das Magazin für Geschichte- Nr. 75 – Die Pest

Dieses Geo-Magazin thematisiert im Rahmen von 13 Textbeiträgen unterschiedlicher Autoren die größte Katastrophe des Mittelalters: Die Pest.

Damals starben um 1350 in Europa mehr als 20 Millionen Menschen an der verheerenden Seuche. Jeder Dritte auf unserem Kontinent erlag der Pandemie.

Joachim Telgenbüscher schreibt: "Die Pest beginnt mit Gliederschmerzen, Frösteln und Fieber, dann schwellen die Lymphknoten an, füllen sich mit Blut und Eiter. Schwärende Beulen entstellen den Erkrankten, bald darauf vernebeln Halluzinationen und Schwindel ihren Verstand bis nach wenigen Tagen die geschwächten Körper kollabieren und alle Organe versagen."

Anhand von alten Bildern erhält man einen Eindruck von dieser Plage, die Folge des Handels mit Schätzen aus fernen Ländern war. Die weitgespannten Kontakte wurden den Europäern zum Verhängnis. Schuldige für die Pest wurden vielerorts gesucht und es dauerte lange bis man die eigentlichen Ursachen erkannte.

Anhand einer Landkarte hat man die Gelegenheit, den Weg der Pest nachzuvollziehen. 1340 flammte sie in Zentralasien auf, sechs Jahre später erreichte sie das Mongolenreich an der Wolga, ein Jahr danach Italien und dann ganz Europa. Zunächst erfährt man von der Belagerung der Hafenstadt Caffa auf der Krim seitens der Mongolen. Sie war eine merkantile Metropole und soll ein Ort des Profits und der Skrupellosigkeit gewesen sein.

Man liest über das Leben und den Handel in dieser Stadt in der genannten Zeit, auch über die Belagerung durch die Mongolen und schließlich über das Ausbrechen der Pest. 

Das Wesen des Schwarzen Todes wird näher beleuchtet. Man erfährt hier u.a. den Unterschied zwischen Beulen- und Lungenpest und deren Ursprünge. Im Frühling 1348 grassierte die Seuche in Venedig, eingeschleppt wurde sie mit Frachtschiffen. Der mehrseitige Beitrag mit dem Titel "Stadt der Sterbenden halte ich für den wichtigsten im Magazin, um sich das Ausmaß der Katastrophe klar zu machen. Etwa 70 000 von gut 100 000 Venezianern wurden dahingerafft. Es gab Mangel an allem, auch an Ärzten. Istrien – die Halbinsel -  zählte auch zu den venezianischen Gebieten  und war von der Bevölkerung her völlig ausgelöscht. Um Neuansiedler anzulocken, sprach die Regierung jeden 5 Jahre lang frei von allen Abgaben und Frondiensten. Ich möchte den Inhalt des Beitrags hier nicht verkürzt wiedergeben. Man muss sich in den Text reinvertiefen und die Bilder dazu sich vergegenwärtigen, damit man begreift, wozu Menschen fähig sich, wenn eine Seuche dieser Art über sie hereinbricht. 

Interessant auch ist der Beitrag, der sich mit der Ohnmacht der Gelehrten befasst. 600 Jahre sollte es noch dauern bis man endlich die Pest heilen konnte und ebenfalls interessant ist es zu erfahren, wie man nach Sündenböcken suchte und wie sollte es sein, diese bei den jüdischen Geldverleihern vermutet hat. Als die Pest nahte, nahmen überall die Angriffe von Christen auf Juden zu. Ewig das gleiche Lied...Die Menschen lernen nicht dazu. 

Auch über England liest man. Dort war die Hälfte aller Einwohner aufgrund der Pest gestorben. Bemerkenswert finde ich den Beitrag über die Flagellanten. Es waren Bauern, Städter, Ritter und Geistliche, die barfuß durchs Land gingen, sich selbst auspeitschten um die Leiden Christi nachzuempfinden und glaubten auf diese Weise die Menschheit vor der Pest retten zu können. Hilfloses Bemühen in immer aberwitzigeren Formen... 

Die Folgen der Pest waren überall gravierend, sowohl sozial, wirtschaftlich und kulturell. Eine Vielzahl von Gesetzen war die Folge, um Herr der chaotischen Lage zu werden. Auf diese Weise entstand die Grundlage für den modernen Staat. 

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Rezension: #Verbrecher, #Opfer, #Heilige - Eine Geschichte des Tötens- Klett-Cotta

Autor dieses Werks ist Prof. Dr. Peter Schuster. Er ist an der Universität in Bielefeld tätig und hat dort den Lehrstuhl für Geschichte des Mittelalters und der frühen Neuzeit inne.

Das Buch befasst sich mit der Geschichte des Tötens und ist ein #Plädoyer gegen die #Todesstrafe und religiösen Fundamentalismus. 

Schuster hält fest, dass die Todesstrafe eine der sichtbarsten und intensivsten Ausdrucksformen staatlicher Herrschaft über Menschen ist. Obschon die Todesstrafe in über 100 Ländern dieser Erde abgeschafft ist, ist sie leider nach wie vor ein Thema. Wir werden diesbezüglich täglich in den Medien informiert.

Im 19. Jahrhundert noch waren Hinrichtungen öffentliche Veranstaltungen. Damit, so Schuster, war die Todesstrafe stets mehr als ein juristisches Problem. Sie diente der Machtdemonstration, Reinigung, Rache, Vergeltung, der Einschüchterung und als blutiges Spektakel. Stets war sie "eine religiöse oder quasi-religiöse Strafe, eine Etappe auf dem Weg zum irgendwie definierten Heil". 

Gezeigt wird in diesem Buch wie groß der religiöse Einfluss in der Geschichte des Tötens war. Er hat sich keineswegs nur auf die Sorge um das Seelenheil der Verurteilten beschränkt, sondern prägte auch die Gesetzgebung, die Ausgestaltung des Hinrichtungsrituals sowie dessen Legitimierung. 

Der Einleitung wurde ein Zitat von Camus vorangestellt. Es lautet: "In der Tat und Wahrheit ist die Todesstrafe durch die Jahrhunderte hindurch immer eine religiöse Strafe gewesen."Albert Camus, 1957. Dies  ist der Gedanke, der durch Fakten im Buch bestätigt wird. 

Bemerkenswerterweise waren in der vormodernen Blutjustiz die zum Tode Verurteilten zumeist keine Mörder, sondern Diebe. Diebstahl war ein Armutsdelikt und wurde besonders brutal geahndet. Darüber hinaus wurden Verstöße gegen die religiöse Ordnung strafmäßig sehr verfolgt. 

Man wird darüber aufgeklärt,  auf welche Weise Hinrichtungen zu einem religiösen Ritual wurden und wird ausführlich über die Arten der Tötungen informiert. Die Rede ist u.a. von solch perversen Todesstrafen wie dem Enthaupten, Rädern, Verbrennen und Vierteilen. 

Auch über Hinrichtungen von Frauen im Mittelalter liest man Aufschlussreiches und es wird sehr schnell klar, dass die Justiz, wie man sie heute noch im Orient erlebt, jener sehr ähnlich ist, die auch die Christen in Europa vor der Aufklärung als die richtige Methode im Umgang mit Regelbrechern ansahen. 

Erst wenn Humanismus und Aufklärung den Geist erhellen, wird die Todesstrafe weltweit dem Gestern angehören. Das sollte sich jeder bewusst machen und danach sein Handeln ausrichten.

Ein sehr aufschlussreiches Buch. 

Empfehlenswert.

Bitte klicken Sie auf den Link, dann  gelangen Sie zu Klett-Cotta und können das Buch bestellen. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.klett-cotta.de/suche?vt=Peter+Schuster&x=17&y=13

Rezension: Peter J. König: Die unheimlichen #Richter- Wie Gutachter die #Strafjustiz beeinflussen- #Rudolf_Egg- C. Bertelsmann

Der Autor Rudolf Egg ist als #Kriminalpsychologe ein renommierter Gerichtsgutachter, der in seiner langjährigen Karriere einen tiefen Einblick in die Strafjustiz erhalten hat. In seinem Buch: "Die unheimlichen Richter-Wie Gutachter die Strafjustiz beeinflussen", erschienen im C. Bertelsmann Verlag schildert er an Hand selbst erlebter Gerichtsverfahren sehr anschaulich, wie die Gutachten von gerichtsbestellten Gutachtern Einfluss auf das spätere Urteil der Richter haben können. 

Man benötigt keine juristische Ausbildung um den Ausführungen des Autors zu folgen. An Hand vieler Fallbeispiele demonstriert Egg welche Problematik für die Richterschaft bei Strafprozessen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit der Angeklagten und noch wichtiger, eventueller Zeugen besteht. Um dem Richter ein klareres Bild zu vermitteln, werden versierte Psychologen und Psychiater als Gutachter herangezogen, damit eine möglichst objektive Beurteilung der maßgeblichen Prozess-Beteiligten erreicht werden kann. 

Rudolf Egg will in seinem Buch zeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Geheim-Wissenschaft handelt, gleichzeitig demonstriert er welchen Einfluss diese Gutachten auf die Entscheidungs-Findung bei den Richtern durchaus haben. Dass es so auch zu krassen Fehlurteilen kommen kann, erläutert der Autor auch an Hand von Aufsehen-erregenden Fällen, die in den letzten Jahren die Medien-Welt intensiv beschäftigt hat. 

Erinnert sei dabei an den Fall Mollath in Bayern, der geradezu einen Auflauf von Sympathisanten für das vermeintliche Justiz-Opfer hervorrief. Dass sich Gutachter auch maßgeblich irren können, macht der Autor hier ganz deutlich. Deshalb ist es so wichtig,  sehr behutsam mit allen Einschätzungen umzugehen, besonders dann, wenn eine Prognose auf das Verhalten eines Täters abgegeben wird, wie seine Chancen zur Resozialisierung zukünftig stehen. 

Dass ein Richter sein Urteil verständlicher Weise gerne auf die Analyse eines versierten Fachmannes stützt, oftmals auch gleich auf mehrere, ist sehr wohl nachzuvollziehen. Darauf folgt zwangsläufig gleich die Frage, wie steht es dann aber noch mit der Unabhängigkeit der Richter? 

Und sind es dann nicht oftmals die Gutachter, die das Urteil über den Angeklagten fällen? 

Auf all diese Fragen versucht Rudolf Egg eine fundierte Antwort zu geben. Er zeigt auf, wie viel Unvoreingenommenheit, Aufmerksamkeit und Menschenkenntnis erforderlich sind, um solch eine verantwortungsvolle Aufgabe im Sinne des Rechts zu bewältigen. Für alle interessierten Laien macht der Autor transparent, wie er in der Praxis an solche Gutachten herangegangen ist und welche Besonderheiten dabei jeweils zu beachten sind. Kaum jemand weiß besser als Rudolf Egg, dass es Fehleinschätzungen gibt. Deshalb nimmt sich der Autor vollkommen zurück, bei der Beurteilung von Kollegen, deren Gutachten zumindest dazu beigetragen haben, dass es zu Justiz-Skandalen gekommen ist, wie nachweislich in dem berühmten Fall Mollath. 

Justiz-Schelte und Kollegen-bashing ist nicht das Thema, das Rudolf Egg in seinem Buch "Die unheimlichen Richter" darstellen möchte. Ihm geht es in erster Linie darum,  einen Blick in die Welt der Rechtsprechung zu geben, hier der Strafjustiz, um allgemein verständlich zu machen, was passiert eigentlich zwischen Richtern, Gutachtern, Angeklagten und Zeugen. 

Dies ist dem Autor bestens gelungen, zumal er diese Kaste nicht über den grünen Klee lobt, sondern durchaus kritisch mit dem Gesamt-Komplex umgeht, eben wie ein unvoreingenommener Gutachter, dem es an Aufklärung gelegen ist. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Bertelsmannverlag und können das Buch dort bestellen.http://www.randomhouse.de/Buch/Die-unheimlichen-Richter-Wie-Gutachter-die-Strafjustiz-beeinflussen/Rudolf-Egg/e467749.rhd Sie können das Buch auch direkt bei Ihrem Buchhändler ordern.

Rezension: #Mythos_Redemacht- Eine andere Geschichte der #Rhetorik- Karl-Heinz Göttert, S.Fischer Wissenschaft

Prof. Dr. Karl-Heinz Göttert ist der Autor dieses breit angelegten Sachbuches, in dem er aufzeigt, dass der europäische Redner keine universelle, sondern eine historisch fixierbare Erscheinung verkörpert, mit klarem Start und durchgehender Tradition über bereits schon zweieinhalb Jahrtausende hinweg. 

Redekunst wurde in Griechenland ausgebildet zu einem Narrativ, in dem die Macht der Rede zu einem Mythos wurde.

Das Buch wiederlegt die Thesen vom Niedergang der Redekunst und den mangelnden Fähigkeiten der Redner. Es gibt sie noch immer, die große Rede mit sprachlicher Kunst und perfekter Präsentation. Die Wissenschaft hat sich mit dem theoretischen Aspekt der Rede ausgiebig befasst. 

Zwischenzeitlich gibt es eine perfekte Aufarbeitung der rhetorischen Fachliteratur von der Antike bis heute. Es ist möglich Redner und Reden europäischen Zuschnitts miteinander zu vergleichen, denn entscheidende Maßstäbe haben sich nicht verändert. Der Autor fragt, worin genau diese Maßstäbe bestehen, was das Spezifische ist, das sich abgrenzen lässt von anderen Kulturen, in denen europäische Redekunst aufgrund unterschiedlicher Erwartungen vermutlich ebenso wirkungslos wäre wie umgekehrt nichteuropäische bei uns? 

Fakt scheint zu sein, dass man dem folgt, den man anerkennt und Rede im Grunde sekundär ist. Es geht also um Autorität, die der Redner hat. Autorität gewinnt man, wenn man das Publikum versteht, dessen Gedanken aufnimmt und dabei mit argumentativen und sprachlichen Mitteln arbeitet, die beeindrucken. Bei der Redekunst geht es offenbar um vorzeigbares, vorgezeigtes Können, so der Autor.

Glaubwürdigkeitslücken werden beispielsweise durch Ästhetik überdeckt, zumindest in Europa. Glaubt man Göttert, scheint die Macht der Rede von Anbeginn an eine durchsichtige Konstruktion gewesen zu sein, die der Idee des Überwältigens durch (Anwendung von) Kunst folgte. Dieses Konzept europäischer Redekunst hat offenbar immer noch Erfolg. 

Der Autor stellt im Buch Reden in interessanten Paarungen (Meister Eckhart und Johann Christoph Gottsched, Cicero und Rosa Luxemburg oder Perikles und Richard von Weizäcker) nebeneinander und verleiht der Geschichte der Rhetorik eine neue Perspektive. Dazu gibt es eine Fülle von lehrreichen Exkursen, z.B. zu Platons Kritik an der Rhetorik, zur Größe der Rede oder zu Charisma.

Wer sich in Sachen Rhetorik kundig machen möchte, sollte dieses aufschlussreiche Buch lesen, das ein Kompendium rednerischen Geheimwissens darstellt und uns Redner aus völlig neuer Perspektive betrachten lässt.

Empfehlenswert

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zu den S Fischer Verlagen und können das Buch dort bestellen. Sie können es aber auch  direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.fischerverlage.de/buch/mythos_redemacht/9783100265319

Rezension: Weil es um die Menschen geht- #Kilian_Kleinschmidt-# Econ

Kilian Kleinschmidt, der Autor dieses Buches,  lebt heute als Berater, globaler Netzwerker und Gründer der Organisation "Innovation an Planning Agency" mit seiner Familie in Wien. Zuvor hat er jahrelang als Nothelfer für das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) gearbeitet und war u.a. in Sri Lanka, im Kosovo, in Somalia, im Kongo, in Kenia, in Ruanda und im Süd-Sudan tätig. Kleinschmidt leitete zudem "Zaatari",  das größte Lager für syrische Flüchtlinge an der syrisch-jordanischen Grenze. 

Während ich das Buch las, fragte ich mich immer wieder, wie es für Kilian Kleinschmidt möglich ist, all diese entsetzlichen Eindrücke, die er im Buch beschreibt, zu verarbeiten. Zunächst analysierte ich den Bildteil, der den aufmerksamen Beobachter mit diesem Alpha-Mann visuell vertraut macht und fand auf der letzten Seite die Antwort: "Es ist mein Traum, dass wir kollektiv begreifen, dass alle Menschen, die heute auf der Flucht sind, in Slums vegetieren, keine Arbeit haben oder auf dem Land versklavt werden, aus ihrem menschenunwürdigen Leben mit dem, was die Welt an Ressourcen schon besitzt, leicht herausgebracht werden können und müssen. Es geht um unser gemeinsames Überleben und unsere gemeinsamen Werte."  Dieser Mann hat also eine Vision und die Kraft sie umzusetzen. Das ist Motor genug, um all die schlimmen Eindrücke zielführend zu verarbeiten.

Eine Rezension zu seinem Buch zu schreiben, in dem man immer wieder Bezug auf die Inhalte nimmt, ist fast unmöglich, denn  in diesem autobiografischen  Werk  mit dem Titel "Weil es um die Menschen geht" wird man in sehr dichter Form mit den Erinnerungen eines Menschen konfrontiert, der Zehntausende von Hutu aus dem Regenwald rettete, die Flüchtlingsrückkehr im Kosovo koordinierte sowie nicht zuletzt das syrische Flüchtlingslager "Zaatari" befriedete und viele andere Meisterleistungen auf humanitärer Ebene erbrachte,  dass man einfach nur staunen kann über die Power dieses wirklich mutigen und dabei beeindruckend klugen Mannes.

Kleinschmidts Vater war Hochschullehrer in Frankfurt und später in Köln. Nichts deutete in der Kindheit und Jugend des Autors darauf hin, dass er nach dem Abitur, anstelle zu studieren, zunächst Ziegenkäsebauer und Dachdecker in den Pyrenäen werden würde. Doch gewiss hat sein humanistisch geprägtes, familiäres Umfeld die Basis dazu geliefert, dass er später zu einer Person wurde, die anstelle Krisen auszulösen,  sich zum Experten entwickelte, diese zu managen. 

Im Buch beschreibt Kleinschmidt zunächst seine Jahre in den Pyrenäen, erwähnt auch seine Beziehungen zu den Menschen dort und wie es dazu kam, dass er schließlich als Krisenhelfer an den Brennpunkten der Welt tätig wurde. So war er u.a. zweimal in Mogadischu, zuletzt von 2012 bis 2013 als Stellvertretender humanitärer Koordinator für ganz Somalia und auch als Sicherheitskoordinator der Vereinten Nationen für Mogadischu im Einsatz. Der Nothelfer  schreibt von Millionen von Vertriebenen dort und an vielen anderen Orten dieser Welt, berichtet vom Selbstfindungsprozess in verschiedenen Länder, die vormals Kolonialstaaten waren, der gegenseitigen Ausbeutung, die zu gewaltsamen Perioden führte und es wohl immer noch tut. 

Er berichtet weiter von  den Monaten in Ruanda, von den Hutus, die er rettete und hier auch liest man: "Immer wieder hatte ich Massen von Menschen gesehen, die versuchten auf irgendeine Weise zu überleben. Die Angst stand ihnen in den Augen, die Angst vor dem Tod." 

Man erfährt von Mädchensoldaten bei den Tamil Tigers und in diesem Zusammenhang macht Kleinschmidt begreifbar, dass Kinder benutzt werden für Ideologien, weil sie noch nicht verstehen. 

Überall hat der heutige globale Netzwerker  mit Menschen gesprochen und sich ein Bild gemacht, hat tausend Gefahren durchlebt, wie kein Anderer Flüchtlingselend gesehen. Er schreibt über seine Aktivitäten in Zaatari, dem Ort, der viele Geschichten zu erzählen hat: "Die Geschichte des Krieges und der Menschen aus Syrien, die Geschichte der Helfer und Mühen, eine solche Situation in den Griff zu bekommen; und dann das große Thema: die Art und Weise, wie man mit Menschen umgeht und wie man im 21. Jahrhundert humanitäre Hilfe und Flüchtlingslager innovativer gestalten kann." 

Kleinschmidt weiß aufgrund seiner Erfahrungen, dass Milliarden Menschen unter unwürdigen Bedingungen leben, weil sie durch Klimawandel, Umweltschäden, Verschmutzung, Armut und brutalste Ausnutzung durch skrupellose Industrielle und Großgrundbesitzer ausgebeutet und vertrieben worden sind. Er weiß auch, dass es diese Menschen sind, denen wir, wenn sie fliehen, beim Ertrinken auf dem Mittelmeer zuschauen. 

Für Kleinschmidt ist klar, dass Menschen, die aufgrund von Armut, Ausbeutung und fehlenden Menschenrechten die Flucht ergreifen, Grund genug haben, genau dieses zu tun und es keineswegs eines Krieges bedarf, um sich mit ihnen solidarisch zu erklären. 

Wie der Autor konstatiert, werden Flüchtlinge als Sklaven gehandelt, als Kinder verkauft und Vergewaltigung sei eher die Regel als die Ausnahme. Flüchtlinge erstickten in Containern, ertrinken und verdursten und Menschenhändler machen Millionen mit ihnen. Bei all dem schaut die moderne Gesellschaft zu. 

Die traditionelle humanitäre Hilfe könne ihre Grundaufgabe, Leben zu retten, nicht mehr für alle, die sie benötigen, erfüllen. 

Leider sei die humanitäre Hilfe zu einem gigantischen Geschäft geworden. Amerikanische und europäische Charity-Organisationen kämpften nur noch um ihre Marktanteile. Der Mensch und seine Würde werde selten in den Mittelpunkt gestellt, stattdessen werde die Not als Ware verkauft. 

Diese Realität und die Tatsache, dass die Hilfsorganisationen der UNO kein eigenes Geld besitzen und dass sich bestimmte Flüchtlinge und bestimmte Krisenherde besser verkaufen als andere, stimmt mehr als nachdenklich.   

Wenn sie wissen möchte, welche neuen Perspektiven die humanitäre Hilfe im 21. Jahrhundert bietet, dann lesen Sie bitte dieses analytische und dabei zutiefst berührende Buch. Der Troubleshooter Kilian Kleinschmidt zeigt neue Wege auf. Diese  zu gehen, kann nur klug sein. 

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Rezension: Peter J. König: 1945- Niederlage und Neubeginn- Edition Lingen Stiftung

Die Edition Lingen-Stiftung ist dafür bekannt, dass sie immer wieder zeitgeschichtliche Themen analysiert und in Buchform veröffentlicht. Bei dem hier vorliegenden Werk, dessen Herausgeber der 1952 in Münster geborene Historiker Ernst Piper ist, geht es, wie der Titel es bereits aufzeigt, um die Niederlage und den Neubeginn Deutschlands. 

Beginnend mit dem Jahr 1939 wird die Geschichte des "Dritten Reiches" über die Kapitulation am 8. Mai 1945 und dem Ende der Hitler Diktatur, den ersten Nachkriegsjahren mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland bis hin zum Ende des Jahres 1949 beleuchtet. Weltpolitisch ist diese Ära von entscheidender Bedeutung, markiert sie nicht nur das Ende des Zweiten Weltkrieges mit all seinen Folgen, wie die Teilung in Ost und West mit den geo-politischen Einfluss-Sphären der USA und der Sowjet-Union, in diese Zeit fällt auch der Kalte Krieg mit der Spaltung Europas.

Deutschland ist geprägt von der Herrschaft der Besatzungsmächte, der Berlin-Blockade, den Kriegsverbrecher-Prozessen und der Gründung der beiden deutschen Staaten. International stehen solche weltbewegenden Ereignisse wie die Bürgerkriege in Griechenland und China, die Gründung des Staats Israel, ebenso die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien und die Staatsgründung Indiens auf dem indischen Subkontinent im Focus.

All diese Ereignisse haben unmittelbaren Einfluss auf das heutige Zeitgeschehen, deshalb ist es eminent wichtig, hierüber fundiertes Wissen zu erlangen. Damit dies gewährleistet ist, hat sich der Herausgeber Ernst Piper neben seinen eigenen Beiträgen die Mithilfe von 12 weiteren sehr kompetenten Wissenschaftlern gesichert, die jeweils in eigenen Beiträgen die besonderen Problematiken dieser Zeit beleuchten.

Um vorab einen ersten Eindruck zu vermitteln, hier nun ein Auszug aus dem Inhaltsverzeichnis, wobei es sich jeweils um die Oberbegriffe handelt, die dann im Buch durch viele Einzel-Beiträge der mitwirkenden Autoren ausgestaltet werden.

Die Themenkreise sind:
Einführung
Besatzungsherrschaft
Neue Grenzen und zwei deutsche Staaten
Auf dem Weg in die Bundesrepublik
Krieg – Bürgerkrieg – Unabhängigkeit
Ausblick

Wieviel Fachwissen hier versammelt ist, zeigt die Namensliste der renommierten Autoren, die da sind:
Jörg Becken
Wolfgang Benz
Ralf Fücks
Gerd Hankel
Manfred Jehle
Lars-Broder Keil
Sven Felix Kellerhoff
Silke Kettelhake
Christopher Kopper
Ernst Piper
Heinz A. Richter
Axel Schildt
Michael Schwartz

Das Werk "1945 Niederlage und Neubeginn" aus der Edition Lingen-Stiftung informiert nicht nur sehr profund mit seinen textlichen Beiträgen, die Anschaulichkeit des Zeitgeschehens wird auch durch eine Fülle von Bildern, Karten und Tabellen dargestellt. So gelingt es einen sehr anschaulichen Gesamtüberblick über diese an politischen Ereignissen so entscheidende Zeit im 20. Jahrhundert zu erlangen. Dass die Gestaltung des Buches die Neugierde und das Interesse des Lesers weckt, spricht besonders für die Ausgaben der Edition Lingen-Stiftung. Dabei eignen sie sich bestens auch als Nachschlage-Werke, wenn das Eine oder das Andere einmal in Vergessenheit geraten sein sollte.

Sehr empfehlenswert

Peter J. König

Im Fachhandel erhältlich
ISBN 978-3-945136-20-1

GEO-Epoche, Nr. 58: Deutschland unter dem Hakenkreuz, Teil. 2: 1937-1939: Hitlers Weg in den Krieg. (Broschiert)

GEO EPOCHE Nr. 58 thematisiert die Jahre 1937-1939 in Deutschland. Im Rahmen von 11 Beiträgen unterschiedlicher Autoren, darunter ein Interview mit dem Historiker Richard J. Evans und viele Fotos, gewinnt man einen sehr guten Eindruck von den Aktivitäten der braunen Kohorte, die damals zum 2. Weltkrieg geführt haben.

Das Magazin beginnt mit einer Bilddokumentation. Hier wird eingangs nochmals darauf hingewiesen, dass dieses Pack innerhalb von nur vier Jahren den Rechtsstaat durch Terror und Willkür ersetzten, Juden und politische Gegner verfolgten und ermordeten und den Versailler Vertrag brachen. Aufgrund der Gleichschaltung war die Geisteshaltung der Nazis in alle Lebensbereiche eingedrungen und bestimmte das Denken eines großen Teils der Bevölkerung.

Die Entrechtung der Juden verstärkte sich 1938 abermals und mündete in antisemitische Pogrome. Bereits in der Bilddokumentation wird auf die Arbeitssklaven der Nazis hingewiesen, die von ihnen gnadenlos ausgebeutet wurden.

Mathias Mesenhöller geht der Frage nach, weshalb sich so wenig Widerstand gegen das Regime regte, obschon die millionenfachen Naziverbrechen bekannt waren. Ich empfehle den Beitrag "Verführung und Gewalt" aufmerksam zu lesen, denn er ist sehr aufschlussreich. Der Analyse stimme ich vollkommen zu. Christoph Kucklick schreibt über den Angriff auf das baskische Städtchen Guernica am 26. April 1937. Die Nazis unterstützten den Spanischen Bürgerkrieg und hier die Truppen unter dem Putsch-General Fransisco Franco. Wissen muss man, dass weder Spanien noch die anderen europäischen Länder, die damals rechten Diktatoren zum Opfer fielen, eine solche Zerstörungswut und Aggressivität an den Tag legten, wie die Nazi-Deutschen.

Der Größenwahn Hitlers zeigte sich besonders deutlich in den Plänen, die er seitens Albert Speer für Berlin entwerfen ließ. Erwähnt werden im Zusammenhang mit dem Größenwahn auch das Seebad Prora, ein viereinhalb Kilometer langer Hotelkomplex an der Ostsee und die sogenannten Ordensburgen. Die vielen Großvorhaben plus die Milliarden, die für das Militär ausgegeben wurden, mussten finanziert werden. Da es mit eigener Kraft nicht funktionieren konnte, plante man andere Völker auszurauben. Allen voran die Juden.

6 Millionen Juden wurden aufgrund des vom Hass gespeisten Größenwahns ermordet.Die antisemitische Ideologie diente der Habgier der Nazis.

Johannes Strempel berichtet über den Obersalzberg. Der dortige "Berghof" im Berchtesgadener Land war Hitlers zweiter Regierungssitz. Auf dem Obersalzberg lebten auch seine Günstlinge, allen voran der Architekt Albert Speer und nicht zu vergessen seine 23 Jahre jüngere Geliebte Eva Braun. Wie man erfährt war der "Heilige Berg" das "Sehnsuchtsziel" eines pseudoreligiösen Hitlerkultus.

Weitere Themen sind der so genannte Anschluss Österreichs und die Kulturpolitik. Hier liest man Wissenswertes zum Propagandaminister Goebbels, der einen gewaltigen Apparat aufbaute, mittels dem er die Kultur und die Medien lenkte. Auf welche Weise dies geschah, wird sehr gut erörtert. Über den Betrug von München wird man aufgeklärt. Hier geht es um die sogenannte "Appeasementpolitik" und ihre Folgen. Zudem berichtet Constanze Kindel ausführlich über die "Reichskristallnacht". Damals in der Nacht vom 9. auf den 10. November gingen die Nazis von der Verfolgung zur existentiellen Vernichtung über.

Juden, die das Land verlassen wollten, wurden zuvor seitens des Nazi-Staates ausgeplündert. Ende Oktober 1938 wurden 12 000 Juden polnischer Staatsangehörigkeit verhaftet und deportiert. Am 9. November dann kam es zu den unsäglichen Plünderungen.

Ich frage mich wie all die Aggressoren und Wegducker nach 1945 weiterleben konnten? Kann man Schuld so sehr verdrängen?

Der Sommer 1939 kommt zur Sprache, bevor man das Interview mit Richard J. Evans lesen kann. Hier beantwortet der Brite die Fragen, ob die gewöhnlichen Deutschen Komplizen oder Opfer waren, ob sie Krieg wollten und ob sie Adolf Hitler hätten stoppen können. Ganz zum Schluss wird mit Kurzbiografien von Wegbereitern, Förderern sowie Trägern des NS-Regimes aufgewartet und die Daten und Fakten der fokussierten Zeit aufgelistet. Auch nach diesen beiden hervorragenden Magazinen ist mir immer noch nicht klar, weshalb große Teile des Volks damals zu Psychopathen mutierten und nur wenige Menschen sich nicht in den Massenwahn hineinziehen ließen. Wäre es heute anders?

Ich befürchte nicht..... Sehr empfehlenswert.

Helga König

Rezension: Peter J. König- Inside IS- 10 Tage im "Islamischen Staat“ , Jürgen_Todenhörfer, C. Bertelsmann

Zweifellos hat Jürgen Todenhofer mit seinem neuen Buch Inside IS – 10 Tage im "Islamischen Staat" ein nicht nur spektakuläres Buch verfasst, sondern auch ein erkenntnisreiches. Als erster westlicher Journalist hat der Publizist, der bereits seit vielen Jahrzehnten in der islamischen Welt recherchiert, er war unter anderem in Afghanistan bei den Taliban und ist mit ihnen durch die Kampfgebiete gezogen, nachdem die Russen das Land besetzt hatten, es geschafft, mit offizieller Erlaubnis die eroberten Gebiete des sogenannten IS in Syrien und im Irak zu besuchen, um eine Reportage von dort anzufertigen. 

Begleitet wurde er bei diesem mehr als lebensgefährlichen Unterfangen von seinem Sohn Frederic und dessen Freund Malcom. Internationale Journalisten hat es schon einige gegeben, die inkognito auf dem eingenommenen Territorium des "IS" versucht haben, über die dortige Situation zu berichten. Einige von ihnen wurden hingerichtet, indem man ihnen die Köpfe abgeschlagen hat, andere warten noch auf ihr zweifelhaftes Schicksal, ebenfalls enthauptet zu werden oder vielleicht doch durch eine hohe Lösegeldsumme frei zu kommen. 

Dies alles war Jürgen Todenhöfer sehr bewusst, als er den Entschluss fasste, ein solches journalistisches Unternehmen zu starten. Ihm war aber auch klar, dass nur eine Reise in die "IS-Gebiete" tatsächliche Erkenntnisse bringen, wie es mit dem Phänomen "Islamischer Staat" bestellt ist, und wie es sein kann, dass in so kurzer Zeit solche militärischen Erfolge erzielt werden konnten, trotz zahlenmäßiger und militärtechnischer Unterlegenheit, und wie dieses neue "Staatsgebilde" rein praktisch funktionieren soll, trotz verstärkter Luftangriffe der Amerikaner und der syrischen Luftwaffe. 

Weiterhin wollte Jürgen Todenhöfer wissen, warum der "IS" eine solche Anziehungskraft für viele jungen Menschen aus Europa, Russland und der übrigen Welt besitzt, die als Jihadisten sich dem "IS" angeschlossen haben, um auf blutigste Weise dort zu kämpfen und auch zu sterben. Wie es Todenhöfer und seinen Begleitern überhaupt gelang mit entscheidenden Personen des "IS" in Kontakt zu treten und darüber hinaus eine offizielle Einladung zum Besuch in den besetzten Gebieten in Syrien und dem Irak zu bekommen, dies schildert das Buch eindrucksvoll. 

Als die Reise dann auch tatsächlich beginnt, wird es durchaus dramatisch, denn Todenhöfer konnte niemals sicher sein, was die Garantien der Führungsebene des "IS" tatsächlich wert waren. Schließlich hat sich der Mut und die Neugierde der drei Journalisten gelohnt, denn so authentisch hat noch kein Medienvertreter aus dem Innern des "IS" berichtet, eine derartige genaue Recherche war bisher niemanden gelungen. 

Todenhöfer, der ehemalige Richter und Bundestagsabgeordnete ist kein Kriegsbericht-Erstatter, obwohl er sich schon oft in Kriegs-und Aufständigen- Gebieten aufgehalten hat. Ihn interessieren die Voraussetzungen der Konflikte, ihre Brutalitäten und wie diese sich auf die geschundenen Menschen auswirken. Als Humanist versucht er selbst Hilfe zu leisten, sowohl auf medizinisch-technischer Ebene durch Hilfsorganisationen, als auch auf diplomatischer, indem er sich an die Regierungen wendet. 

Seine Intension ist die Wahrheit zu recherchieren und zu publizieren, wobei er auch ständig heftigen Gegenwind erhält im In- und Ausland, je nach seinen Erkenntnissen. Deshalb treibt ihn auch immer wieder die Frage um, wie es sein kann, dass der "IS" im Namen Allahs und des Islam eine solche blutige und grausame Spur nach sich zieht, und ob da nicht gezielte Propaganda mit im Spiel ist. Dies versucht Todenhöfer vor Ort in langen Gesprächen mit "IS-Vertretern" herauszufinden, zumal er diese immer wieder auf die friedlichen Absichten des Korans hinweist. 

Inside IS- 10 Tage im "Islamischen Staat", erschienen im C. Bertelsmann Verlag ist ein erkennisreiches, aber auch sehr nachdenkliches Buch, auch weil Jürgen Todenhöfer auf Grund seiner über fünfzig-jährigen Erfahrung mit islamischen Staaten alles andere als in westlich eingefärbten Kategorien denkt. 

Sein Credo ist die Mitmenschlichkeit und wenn diese verletzt wird, scheut er sich nicht dieses anzuprangern, von welcher Seite auch immer. Für den Mut hautnahe Erkenntnisse des "IS" zu recherchieren, gebühren ihm, seinem Sohn Frederic und dessen Freund, der nicht erkannt werden will und deshalb das Pseudonym Malcom gewählt hat, höchsten Respekt und Anerkennung, haben die drei doch erstmalig belegbare Beweise über die Vorgehensweise und das Leben unter "IS" erbracht und aufgezeigt. 

Das Buch hilft etwas Licht in das Phänomen "IS" zu bringen. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Bertelsmann-Verlag und können das Buch dort direkt bestellen. Sie können es aber auch bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.http://www.randomhouse.de/Buch/Inside-IS-10-Tage-im-Islamischen-Staat/Juergen-Todenhoefer/e487332.rhd


Rezension: Im Namen der #Menschlichkeit- Rettet die #Flüchtlinge! #Heribert_Prantl #Ullstein Streitschrift

Kürzlich habe ich auf Twitter einen Tweet des Ullstein-Verlags verlinkt. Es handelte sich dabei um ein Zitat aus dem vorliegenden Büchlein, ganz konkret um den letzten Absatz. Dort ist zu lesen: „Es ist Zeit, sich auf Sankt Martin zu besinnen, einen der Schutzheiligen Europas. Es ist Zeit, die Klöster und Kirchen für Flüchtlinge aufzumachen, es ist Zeit, die Herzen für Schutzsuchende zu öffnen und die Haushaltspläne aufzustocken: Es ist Zeit, die Globalisierung der Gleichgültigkeit zu beenden."

Die Publikation erschien am 29. Mai 2015. Zwischenzeitlich hat sich viel ereignet. Der Papst hat mittlerweile jede Pfarrei, jedes Ordenshaus und jede Wallfahrtsstätte in Europa aufgefordert, eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen. Doch dies kommt letztlich nur einem Tropfen auf einen heißen Stein gleich. Viele Menschen haben die Herzen für Schutzsuchende hierzulande mittlerweile geöffnet und dies ist auch bitter notwendig, wenn man sich die derzeitige Flüchtlingslage vor Augen führt. Bald wird es herbstlich kühl in Europa. Was dies für die Flüchtlinge heißt, dürfte jedem klar sein. Nun müssen wir verstärkt an die Flüchtlingsursachenbekämpfung denken und gleichzeitig Unterkünfte bauen für all jene, die alles verloren haben und hier bei uns derzeit zum Teil in Zelten wohnen.  

"Zur Flüchtlingsursachenbekämpfung gehört eine restriktive Waffenexportpolitik und eine neue Handelspolitik." Das schreibt Heribert Prantl in seinem Plädoyer gegen die Abschottung Europas und für ein radikales Umdenken in der flüchtlings- und Einwanderungspolitik. 

Heribert Prantl hat Rechtswissenschaften Geschichte und Philosophie studiert. Er leitet seit 1995 das Ressort Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung und ist seit 2011 dort Mitglied der Chefredaktion. 

In seinem brillanten Text erinnert er zunächst an die "Internationale" und hier an die Anfangszeile, in der von den "Verdammten dieser Erde"  die Rede ist. Heute seien die Verdammten dieser Erde die Flüchtlinge, die vor Bürgerkrieg und Folter, vor Hunger und absoluter Armut fliehen. Wie Prantl unterstreicht, sind sie ausgeschlossen aus der Welt, "in der ein Fünftel der Weltbevölkerung vier Fünftel der Reichtümer verbraucht."

Der Autor schreibt und wir erleben dies in Fernsehberichten mittlerweile täglich, dass die Europäische Union versucht, von der Not unbehelligt zu bleiben. Es funktioniert aber nicht mehr. Da werden Grenzen mit einem Netz von Radaranlagen und Satelliten gesichert, durch die Grenzschutzagentur "Frontex" Flüchtlinge abgedrängt und mittels einer Mauer aus Paragraphen alles versucht, um Flüchtlinge wieder nachhause zu schicken. 

Der Autor erläutert das sogenannte "Dublin-System", wonach derjenige Staat, den der Flüchtling auf seiner Flucht nach Europa als Erstes betreten hat, für das Asylverfahren und die Aufnahme des Flüchtlings zuständig sei. Es liegt auf der Hand, dass dieses System erfunden worden ist, um die "Flüchtlingslasten" auf die Randstaaten der EU abzuwälzen. Dieses System funktioniert mittlerweile aber offenbar nicht mehr aufgrund der Massen an Flüchtlingen und Vertriebenen. 

Prantl nennt das Dublin-System zu recht "ein schweinisches System", weil es ein Aufruf zu möglichst brutaler Flüchtlingsabwehr sei. Die Rettungsinsel Lampedusa kommt zur Sprache und es wird auch erwähnt, dass in einer einzigen Woche im April 2015 über 1000 Menschen im Mittelmeer ertranken. Es waren Bootsflüchtlinge auf dem Weg nach Europa, erfroren und ertrunken "in der Kälte der europäischen Flüchtlingspolitik"

Der Jurist Heribert Prantl schreibt: "Der Tod der Flüchtlinge ist ein Teil der europäischen Abschreckungsstrategie. Die Europäische Union tötet. Sie tötet durch Unterlassen, durch unterlassene Hilfeleistung."

Ist Europa eine Festung? Offenbar wurde sie es, nachdem man sich vor dem Überlebenstrieb der Flüchtlinge zu fürchten begann. 

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezensionen sich weiter in Einzelheiten dieser Streitschrift zu vertiefen. Tatsache ist, die flüchtlingsarme Zeit in Deutschland ist nun vorbei. 

Ich stimme Prantl zu, wenn er schreibt, "Zur Flüchtlingsursachenbekämpfung gehört eine restriktive Waffenexportpolitik und eine neue Handelspolitik"  und empfehle jedem sich mit den sechs Punkten einer neuen europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik im Buch zu befassen, hauptsächlich die zuständigen Politiker. Sie finden dieses 6 Punkte- Programm auf den Seiten 24 ff des Manifests. 

In Punkt 6 geht es dabei um Flüchtlingskinder. Wie Prantl unterstreicht, verstößt der derzeitige Umgang mit Flüchtlingskindern massiv gegen die UN Kinderrechtskonvention als in Deutschland und Europa geltendes Recht. Darüber muss geredet werden, nicht nur am bevorstehenden #Weltkindertag.

Ich stimme Heribert Prantls analytischen Betrachtungen in seinem Büchlein völlig zu und auch seinen Vorschlägen wie man die derzeitigen Probleme bewältigen kann. 

Die Streitschrift sollte möglichst von vielen Menschen  gelesen werden, denn sie schafft Bewusstsein. Dass es daran leider mangelt,  erlebt man täglich,  nicht nur wenn man  Statements im Internet liest.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Ullstein-Verlag und können das Buch bestellen http://www.ullsteinbuchverlage.de/nc/buch/details/im-namen-der-menschlichkeit-9783550081262.html. Sie können es aber auch direkt bei Ihrem Buchhändler um die Ecke ordern.

Rezension: Geo Epoche Nr. 74- Das Britische Empire 1815- 1914

Das vorliegende Geomagazin dokumentiert, wie eine kleine Inselnation bis zum Ende des 19. Jahrhunderts ein Viertel der Erde und der Menschheit zu unterwerfen vermochte und berichtet von der Entstehung jener globalisierten Welt, in der wir heute noch leben. 

Das Magazin enthält 13 Beiträge unterschiedlicher Autoren. Kartenausschnitte und viel Bildmaterial dienen zur Illustration und zum besseren Verständnis der eloquenten Texte. 

Zunächst wird man über den Aufstieg des Imperiums unterrichtet. Bis 1733 entstanden nach und nach 13 Kolonien, von New Hampshire bis Georgia. Es war König Jakob I. , der Virginia zur Kronkolonie erklärte, d.h. sie zu einem direkt dem Monarchen unterstellten Territorium machte, das von einem Gouverneur verwaltet wurde. 

Man erfährt wie sich im Jahr 1600 etwa 100 Kaufleute zu einer Aktiengesellschaft zusammenschlossen. Diese "East India Company" erhielt einen Freibrief seitens Elisabeth I. Er ermöglichte es,  Handel mit Indien als auch mit Ost- und Südostasien zu betreiben. Die Anteilseigner teilten sich Kosten und zukünftige Gewinne. Weil das Handelsmonopol staatlich war, erhofften sich die Aktionäre ein vermindertes Risiko. Sehr rasch stieg die East India Company zur erfolgreichsten Aktiengesellschaft in England auf. 

Nachdem Ende des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges und dem Verlust der dortigen Kolonien wurde Indien zur bedeutendsten Kolonie Englands. Ab 1858 übernahm die britische Krone die Administration auf dem Subkontinent. Anhand einer Karte kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie groß das britische Weltreich dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts- auf dem Gipfel seiner Macht- war. London beherrschte über 400 Millionen Menschen, das heißt ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung und ein Gebiet, das 100x so groß war wie das Mutterland. 

Man erfährt Näheres über den Abenteurer Sir Thomas Stamford Raffles, der von einem malaiischen Sultan das Recht erhielt, ein im Piratennest einen Handelsposten zu gründen. Daraus entstand die Drehscheibe im Gewinn einbringenden Warenverkehr mit den Schätzen des Ostens und damit eine bedeutende Grundlage für den Aufstieg des Empire zum größten Weltreich. 

Äußerst spannend zu lesen ist der Beitrag mit dem Titel "Rebellion auf der Zuckerinsel" von Christina Schneider. Es geht dabei um die Zuckerrohrplantagen Jamaikas, wo Sklaven für den Reichtum britischer Pflanzer schufteten. Viele der Sklaven starben bereits bei Ankunft. 1831 dann erheben sich die Zwangsarbeiter gegen ihre Ausbeuter. Es war nicht zuletzt Jamaika, das das Empire reich machte. 

Es führt zu weit,  alle Beiträge hier zu streifen. Nennen möchte ich den Beitrag von Reymer Klüver, der den Titel trägt "Die Drogenhändler ihrer Majestät". Es geht um britische Kaufleute, die von Indien aus tonnenweise Opium nach China schmuggeln, was zu einer vorteilhaften Handelsbilanz des Vereinigten Königreichs führte. Kaum vorstellbar: 1850 werden mehr als 50 000 Kisten Opium nach China verbracht. Dort hat die Droge allerdings verheerende Folgen für die Menschen. Doch was zählt schon der Mensch, wenn es um Profit geht?

Man liest von  aufregenden Ereignissen auf Borneo und von anderen in Australien, das seitens der Briten seit 1788 als Strafkolonie genutzt wurde.  Auch über die Weltausstellung 1851 in London   wird man unterrichtet. Es war übrigens die erste Ausstellung dieser Art. Eröffnet wurde sie von Queen Victoria und ihrem Gatten Albert. 

Mehr erfährt man u.a. über Cecil Rhodes, dem Diamantenkönig, der in Afrika ein eigenes Reich besaß: Rhodesien. Das Gebiet befand sich nördlich des britischen Kolonialbesitzes und gehörte vormals afrikanischen Stämmen. 

Ausbeutung, Diebstahl und Raub hatte alle überall Methode. Dadurch wurden die Briten reich, aber die Menschen in den ausgebeuteten Ländern konnten sich nicht entwickeln. Die äußerst miesen Methoden schnell reich zu werden, sah in anderen Ländern Europas, die Kolonien besaßen,  nicht wesentlich anders aus. 

Dass heute Flüchtlingsströme aus vormaligen Kolonien  Europa zu überfluten drohen, wundern nicht, sobald dem Beobachter bewusst wird, was sich im Laufe der Geschichte ereignet hat. Ein Blick auf die Karte, wo auch die Kolonien anderer europäischer Länder eingezeichnet sind, verdeutlicht, dass das Gesetz der Resonanz nun zu wirken beginnt. Das ist die Folge der Ausbeutung, die nun ihren Tribut fordert, den man ohne zu Murren entrichten sollte. Der faire Ausgleich gebietet dies.

Empfehlenswert. 

Helga König

Rezension: Gefährliche Bürger- Die neue Rechte greift nach der Mitte- Liane Bednarz- Christoph Giesa- Hanser

Die Autoren dieses Buches sind die Juristin und Publizistin Liane Bednarz und der Publizist und Strategieberater Christoph Giesa. Sie befassen sich mit einer Thematik, die uns vermutlich allen in nächster Zeit noch viel Kopfzerbrechen bereiten wird. Dabei machen sie bereits im Klappentext deutlich, was ihr Hauptanliegen ist:

"Rechte Umtriebe in der Kirche und Medien. Gewalt gegen Minderheiten. Offener Hass gegen Politiker und Journalisten in Leserbriefen. Die Entwicklungen erinnern immer mehr an die 1920er, als rechte Intellektuelle die Weimarer Demokratie attackierten. Menschenfeindliche Agitation ist längst wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Wir dürfen dem empörenden Treiben nicht länger zusehen, sondern müssen ihm entgegentreten!“

Wie wahr!

Das aufklärerische Werk ist in drei große Teile untergliedert. Bereits in der Einleitung lässt das Autorenteam die Leser wissen, was ihnen auf den Nägeln brennt. Es ist nicht zuletzt die Frage: "Ist das, was lange ganz rechts außen gärte, in der Mitte der Gesellschaft angekommen, salonfähig geworden?"

Wer sich im Internet mit wachen Augen durch die sozialen Netzwerke bewegt, wird gewiss schon auf rechtslastige Texte gestoßen sein und sich gewundert haben, dass diese zum Teil von bis dato eher unverdächtigen Menschen aus der Mitte der Gesellschaft verfasst worden sind. Neuerdings muss man sich seine Follower oder FB-Freunde wohl genauer ansehen, wenn man nicht Gefahr laufen möchte, mit rechtslastigen Personen in Verbindung gebracht zu werden. Ich spreche aus eigener Erfahrung und war schon einige Male verblüfft über das Gedankengut, das oberflächliche Internetbekanntschaften plötzlich in öffentlichen Beiträgen offenbarten und mich zum sofortigen Abbruch des Kontakts veranlasst haben.

Wie die Autoren schreiben, sei die AfD nur das sichtbarste Symptom einer nach rechts driftenden, sich radikalisierenden Mitte, die dies noch nicht einmal bemerke. Die beiden Verfasser nennen viele Autoren und Journalisten beim Namen, die sich in jüngster Zeit wenig liberal in ihren Texten geäußert haben.

Aufgeklärt wird man über das Phänomen des Hasses, der der Attitüde der neuen Rechten innewohnt. Offensichtlich ist der anonyme Hass mittlerweile dem offenen Hass gewichen. Angeheizt von bürgerlich wirkenden Ideologen erlebt man nun hierzulande islamphobe Proteste, antisemitische Ausbrüche, Angriffe auf Ausländer und anderes mehr. Feststellbar ist ein Zynismus gegenüber Minderheiten und ein Hass gegen alles, was unsere Gesellschaft lebenswert gestaltet.

Man erfährt mehr über das neurechte Weltbild, über die Ausgrenzung von Fremdem. Diese Menschenfeindlichkeit, die sich einst beispielsweise gegen die Polen richtete, richtet sich heute gegen Muslime, weil die Rechte eine Islamisierung des Abendlandes befürchtet. Indem sich diese neue Rechte im Rahmen ihrer Kommunikation immer noch am Rande des Legalen aufhält, sei sie besonders gefährlich. Das sehe ich auch so.

Man liest über Szenenpublikationen von Pegida und AfD und dubiosen Gruppierungen im Internet, die mehr als nur erschreckend sind und muss sich fragen, ob hier die Meinungsfreiheit im Netz nicht schon lange an ihre Grenzen angelangt ist. 

Ich teile die Ansicht der Autoren im Hinblick auf den zynischen Umgang mit dem Begriff "Gutmensch", der von Rechtslastigen immer öfter diskriminierend benutzt wird. "Mit der Abwertung all jener, die versuchen, diese Welt erträglich und im Sinne eines Miteinanders zu gestalten, versuchen sie gleichzeitig all diejenigen aufzuwerten, die sich nicht daran beteiligen willen. Sich und ihr Milieu wollen sie reinwaschen und die diesem inhärente Rücksichtslosigkeit mit einer weißen Weste umkleiden.“ (S.81) 

Ganz offensichtlich gewinnen Vorurteile, Pauschalisierungen und Verschwörungstheorien wieder Raum in der Mitte der Gesellschaft. Hier findet eine politische Gehirnwäsche statt, "mittels deren Szene-Protagonisten ständig neue Jünger“ herangezüchtet werden. Man liest von Hetzseiten im Internet, die nicht immer sofort als solche erkennbar sind. Formuliert wird dort: Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Islamhass, Verschwörungstheorien und antidemokratische Propaganda. Je radikaler sie sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass das Impressum fehlt. 

Aufgeklärt wird man über die so genannte "Reichsbürger-Ideologie" und sensibilisiert wird man dafür, dass man sich die User von Beiträgen, die man im Netz teilt, genauer anschauen muss. Oft nämlich entpuppen sich diese als extrem rechtslastig. Wesensmerkmale der rechten Szene sind: zornige Kritikunfähigkeit und Hybris. 

Die beiden Autoren liefern immer wieder Quellen für ihre Analysen, aber man ist dann doch etwas aufgeschreckt, wenn sie sich wenig freundlich zu renommierten Autoren und Journalisten äußern, die man bislang nicht der rechtslastigen neuen Mitte zugeordnet hat. Ob man da nicht besser erst einmal die in den Fokus geratenen Personen interviewt hätte?  Deren Namen an dieser Stelle zu nennen, scheue ich mich, solange sie nicht selbst Stellung bezogen haben. Dies geschieht keineswegs aufgrund von Autoritätsgläubigkeit...

Teil 3 dokumentiert, dass es sich um ein konstruktives Buch handelt, das ich allen zu lesen empfehle. Dabei teile ich die Meinung: "Solange wir den Hass nicht wirksam eingedämmt, den Umgang mit ihm nicht erfolgreich eingeübt und ihn dorthin gedrängt haben, wo er keinen Schaden anrichtet, bleibt er allerdings eine der größten Stärken der Radikalen. Und das gilt weit über die neuen Rechten hinaus."

Das Buch hat mich sehr traurig gemacht, weil es mir zeigt, dass mangelnde Aufklärung in den letzten Jahrzehnten zu fatalen Ergebnissen geführt hat. Was bleibt zu tun? Nachschulen. Was sonst. Dies ist nun Aufgabe der Medien.

Helga König

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