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Rezension: 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert- #Yuval_Noah_Harari- C.H. Beck

Dr. #Yuval_Noah_Harari, der Autor des vorliegenden Buches, lehrt Geschichte an der #Hebrew_University in Jerusalem. Sein Schwerpunkt liegt auf #Weltgeschichte.

Mit seinem Werk  möchte er das Hier und Jetzt in den Blick nehmen und richtet seinen Fokus auf das aktuelle Geschehen und die unmittelbare Zukunft menschlicher Gesellschaften.

Folgenden Fragen will Harari nachgehen: "Was geschieht jetzt gerade?", "Was sind heute die größten Herausforderungen und Möglichkeiten?", "Worauf sollten wir achten?", "Was sollten wir unseren Kindern beibringen?".

Dabei peilt er die zentralen Faktoren an, die Gesellschaften überall auf der Welt prägen und die nach seiner Vermutung die Zukunft unseres gesamten Planeten beeinflussen werden.

Das Werk ist  teilweise im Gespräch mit der Öffentlichkeit entstanden, lässt der Autor seine Leser wissen.  Insofern konzentrieren sich einige Abschnitte auf die Technologie, einige auf Politik, einige auf Religion und einige auf Kunst. Die übergreifende Frage sei stets: "Was geschieht heute in der Welt und welche tiefere Bedeutung steckt in den Ereignissen?" 

Obschon das Werk eine globale Perspektive einnimmt, wird die persönliche nicht vergessen. So sei Terror beispielsweise ein globales politisches Problem. Doch Terror funktioniere, indem er tief in uns den Angstknopf drücke und die private Vorstellungskraft von Millionen Individuen in Geiselhaft nehme.

Die globale Dimension unseres persönlichen Lebens bedeute, dass es wichtiger denn je sei, unsere religiösen und politischen Voreingenommenheiten, unsere rassen- und geschlechtsspezifischen Privilegien und unsere unwissentliche Komplizenschaft bei der institutionellen Unterdrückung sichtbar zu machen.

Das Werk nimmt seinen Anfang mit einem Überblick über das aktuelle politische Geschehen. Seit den 1990er Jahren habe das Internet die Welt vermutlich stärker verändert als jeder andere Faktor, allerdings sei die Internet-Revolution von Technikern und weniger von politischen Parteien gelenkt worden. Das demokratische System sei immer noch damit beschäftigt, sich zu vergegenwärtigen, wovon wir da getroffen worden seien und schlecht gerüstet, um die nächsten Erschütterungen mit dem Aufstieg der künstlichen Intelligenz und der #Blockchain_Revolution fertig zu werden.

In unserem Jahrhundert verschafften uns #Biotechnologie und #Informationstechnologie die Macht, die Welt in uns zu manipulieren und uns selbst umzugestalten. Doch weil wir die Komplexität unseres Geistes nicht wirklich begreifen, könnten die Veränderungen, die wir vornehmen, unser mentales System so Gestalt aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass es u. U. gleichfalls zusammenbreche.

Seit dem Zusammenbruch von #Faschismus und #Kommunismus werde es schwierig für den #Liberalismus, weil er aufgrund der neuen Technologien an Glaubwürdigkeit verliere. #Big_Data_Algorithmen könnten nun digitale Diktaturen schaffen, in denen sich die gesamte Macht in den Händen einer winzigen Elite konzentriere, das Gros der Menschheit aber als Folge davon an #Ausbeutung und #Bedeutungslosigkeit leide.

Harari schreibt von den technologischen und politischen Herausforderungen und macht klar, dass die Verschmelzung von #Informationstechnologie und #Biotechnologie die zentralen Werte der Moderne bedrohe, sprich die #Freiheit und die #Gleichheit.

#Nationalismus, #Religion und #Kultur spalteten die Menschheit in feindliche Lager. Das habe zur Folge, dass es nicht einfach sei auf globaler Ebene zu kooperieren.

Reflektiert werden #Gemeinschaften, die #Zivilisation, der #Nationalismus und hier die einzelnen Herausforderungen, die nach globalen Antworten verlangen. #Religion und #Zuwanderung bleiben in den Reflektionen auch nicht ausgespart. Dann geht es mit der Bedrohung durch Terror weiter, auch der Gefahr des globalen Krieges, mit Vorurteilen und dem Hass, die solche Konflikte verstärken und der Frage wie man damit umgehen kann.

Im 4. Teil des Buches geht es um Wahrheit in postfaktischen Zeiten und die Frage, ob es noch immer eine klare Grenze gibt, die die Realität von der Fiktion trennt.

Im 5. Teil schließlich  geht es um Resilienz, die in Zeiten der Verunsicherung, weil alte Erzählungen (z.B. Liberalismus und andere ideologische Ammenmärchen) mehr als nur fragwürdig geworden sind, notwendig ist, um tatkräftig die Realität für alle positiv zu gestalten.

Was ist nun  zu tun? Wichtig sei, Leid wahrzunehmen und zu erkunden, was Leid tatsächlich ist, weil dieses Tun  keine Mär, sondern Realität verkörpert, die es zu verändern gilt.

Dies ist ein Buch, das zum Nachdenken, vor allem aber zum Handeln anregt.

Von daher: Maximal empfehlenswert

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Rezension Peter J. König: Harald Welzer . Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen - Alles könnte anders sein- S. Fischer

#Harald_Welzer, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit Lehraufträgen in Hannover, Flensburg und St. Gallen befasst sich sehr intensiv mit der Zukunft und hat sich hier einen außerordentlichen Ruf erarbeitet. Bereits seine früheren Bücher "Selbst Denken" und "Die smarte Diktatur" sind Bestseller, alle erschienen bei S. Fischer. 

Schon in seiner Publikation "Wir sind die Mehrheit" hat er sich intensiv mit Zukunftsvisionen auseinander gesetzt, gilt Welzer doch als ein erprobter Zukunftsarchitekt. In seinem aktuellen Buch "Alles könnte anders sein" stellt der Professor für Transformationsdesign fundierte Überlegungen an, welche Alternativen es zur heutigen Lebenswirklichkeit gibt und was geboten wäre eine gerechtere Welt zu schaffen, die allen Menschen Frieden, den notwendigen Wohlstand und Zufriedenheit bringt. Dass Welzer hier allerdings berechtigte Zweifel an der Umsetzung seiner Thesen sieht, dies bringt er schon auf dem Cover seines Buches zum Ausdruck, wenn er noch vor dem Titel verlauten lässt, dass es sich um eine "Gesellschaftsutopie für freie Menschen" handelt.

Interessant sind dabei die Formulierungen "Gesellschaftsutopie" und  "freie Menschen". Dies impliziert, dass die heutige Gesellschaft, ganz zum Unterschied der im Buch entwickelten theoretischen Gedankenspiele nicht frei ist, und Welzer sie selbst aus heutiger Sicht als utopisch einstuft. Und doch besitzen sie eine entwaffnende Logik, immer unter Hinzuziehung des Ist-Zustandes und der alternativen Möglichkeit, wenn sie nur umgesetzt werden würde. Dazu führt Welzer eine Vielzahl von Missständen in unserer Gesellschaft an, die zwar dem Einzelnen Mega-Vorteile bringt, den Menschen insgesamt aber nur maximale Nachteile, bis hin zur Verarmung und Verelendung ganzer Völker und Kontinente. Dabei spielt die globale Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle, die einhergeht mit einer nie gekannten Konzentration von Kapital, Eigentum an Ressourcen und Macht in den Händen weniger. 

"Global Players" sind die eigentlichen Herrscher dieser Welt, die Politik hat schon lange ihre demokratische Legitimation verloren. Die Folgen sind unübersehbar, nicht zuletzt durch den Klimawandel und die unaufhaltsame Verschwendung von lebensnotwendigen Ressourcen für die Menschen und den Erhalt einer intakten Natur. 

Dass es auch anders geht, dies zeigt der Autor deutlich, an Hand einer zwingenden Logik, wenn nur die Vernunft an erster Stelle steht. 

Professor Welzer hat hier ein Schriftwerk geschaffen, das nicht nur vom Humanismus und einer dringend gebotenen Nachhaltigkeit geprägt ist, er hat auch verstanden dies alles anschaulich, nachvollziehbar, sehr interessant und kurzweilig darzustellen. Und besonders verblüffend ist, wie relativ einfach seine Thesen vom Glück, des Wohlstandes und der Nachhaltigkeit umzusetzen wären, wenn die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft die Vorteile für die Gemeinschaft wahrnehmen würden, um sie dann auch Wirklichkeit werden zu lassen. 

Doch da stehen in der Regel Egoismus, die Gier und das grenzenlose Habenwollen davor. Und doch hat das Buch eine zwingende Berechtigung, zeigt es doch auf, welche immensen Möglichkeiten es gibt, dem drohenden Absturz zu entkommen. Was heute noch Utopie ist, kann schon morgen Wirklichkeit werden, zumal wenn es keine Alternativen mehr gibt, außer diesen die Professor Harald Wenzel hier aufgezeigt hat, freie Menschen sie verstanden haben und Realität werden lassen. 

Allzu viel Zeit bleibt dabei allerdings nicht mehr. 

 Maximal empfehlenswert 

Peter J. König

Im Fachhandel erhältlich

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Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Rezension: Was ist so schlimm am Kapitalismus- Jean Ziegler- C. Bertelsmann

Der Autor dieses Buches, #Jean_Ziegler, ist Soziologe, emeritierter Professor der Universität Genf und war bis 1999 Nationalrat im Eidgenössischen Parlament. Von 2000 bis 2008 war er als UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung tätig. Seither ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und Träger verschiedener Ehrendoktorate sowie internationaler Preise.

Sein neues Buch enthält ein langes, aufklärerisches Gespräch zwischen ihm und seiner Enkelin zum Thema "Was ist so schlimm am Kapitalismus", das unmissverständlich deutlich macht, dass man den Kapitalismus nicht verbessern und korrigieren kann, sondern bekämpfen und zerschlagen muss, weil er die Existenz der Menschheit bedroht. Für Jean Ziegler hat der Kapitalismus eine kannibalische Ordnung geschaffen, deren Prinzip im Überfluss für eine kleine Minderheit und im mörderischen Elend für die große Masse besteht.

Der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats schreibt, seine Leser damit aufrüttelnd, "Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder..." Weil die Eigentümer des Kapitals enorme Finanzmittel konzentrieren, menschliche Begabungen mobilisieren, sich zudem Wettbewerb und Konkurrenz zunutze machen, sei es möglich, dass die mächtigsten Eigentümer des Kapitals das, was die Wirtschaftswissenschaftler "problematischen Wissen" nennen, zu kontrollieren. Gemeint sind damit die wissenschaftliche und technologische Forschung auf verschiedenen Gebieten wie Elektronik, Informatik, Pharmazie. Medizin, Energie, Luftfahrt, Astronomie, Materialwissenschaft etc.

Der Autor erläutert, woher der Begriff Kapitalismus kommt und wie der Kapitalismus - historisch gesehen - sich entwickelt hat. Dabei sollte man wissen, dass das Wort Kapitalismus auf zwei fundamentale Gegebenheiten verweist: Jean Ziegler nennt: "Das Kapital als Geldmenge und den Kapitalisten als Wirtschaftssubjekt oder gesellschaftlichen Akteur, der sich auf Kosten der Arbeiter bereichert." Man erfährt, was man unter Mehrwert zu verstehen hat, wie dieser entsteht, wie  sich Kapital akkumuliert, wie Oligarchien sich entwickeln und was man unter ihnen zu verstehen hat. Begriffe wie "Arbeitseinkünfte" und "Kapitaleinkünfte" werden erklärt und  es wird verdeutlicht, dass Drittländer die erste Akkumulation des europäischen Kapitals unter unvorstellbar grausamen Bedingungen und mit ihrem Leben bezahlt haben. Nahezu alle Kolonialherren waren Ausbeuter und Verbrecher.

Jean Ziegler schreibt auch von der französischen Revolution, die der politische, ideologische und wirtschaftliche Triumph des kapitalistischen Bürgertums war. #Robespierre sei der Hauptverantwortliche der "Heiligsprechung" des Eigentums, der Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung wie der Autor meint. Es gab eine Reihe von Revolutionären damals in Frankreich, die die Abschaffung des Privateigentums propagierten, unter diesen #Gracchus_Babeuf, der aber damals hingerichtet wurde.

Nun nahm die kapitalistische Produktionsweise Fahrt auf. Seit Ende des letzten Jahrtausends habe sich das #Finanzkapital verselbstständigt. Es handelt sich hierbei um eine besondere Form des Kapitals, das der Autor genau erklärt. Er beschreibt die Wirtschaftsinstitution der Börse, skizziert das Agieren der Trader und erinnert daran, dass die Zirkulationsgeschwindigkeit der Informationen den Planeten schrumpfen lassen.

Wer über die Weltwirtschaft herrscht? "Das sind genau die Oligarchen, die Eigentümer des globalisierten Finanzkapitals, die winzig kleine Gruppe von Männern und Frauen unterschiedlicher Nationalität, Religion, Herkunft, aber alle einander ähnlich in ihrer Energie, ihrer Gier, in ihrer Verachtung für die Schwachen, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl, der Blindheit für die Geschicke des Planeten und das Schicksal der Menschen, die auf ihm leben.", so Jean Ziegler  Die Oligarchien  arbeiten im Verborgenen, nur selten kenne man ihre wahre Identität.

Es macht zornig, was der Autor über den Kongo und den dortigen Abbau des Erzes Coltan schreibt. Kindersklaven werden hierfür eingesetzt und in die engen Schächte geschickt, damit ein Bergbaugigant sich utopisch bereichern kann und im Steuerparadies Kanton Zug dann  jährlich nur 0,2 Prozent Steuern zahlt.

Die Waffen der Oligarchien des Finanzkapitals seien: "Zwangsfusion, Unternehmensverlagerung, Errichtung von Oligopolen, Vernichtung des Gegners durch Dumpingpreise oder Desinformation." Beseelt von ihrem Machttrieb, der Gier und dem rauschhaften Gefühl grenzenloser Verfügungsgewalt verteidigten sie mit Zähnen und Klauen die Privatisierung der Welt. Ihr verdankten sie nämlich extravagante Privilegien, Pfründe ohne Zahl und persönliche Vermögen.

Nicht unerwähnt bleiben Korruption und Veruntreuung durch die obsessive, grenzenlose #Habgier, bevor der Autor über den Begriff Globalisierung informiert, der irreführend sei, weil die Welt, die die Kapitalisten geschaffen haben, einem Archipel ähneln würde. Westeuropa sei einer der wohlhabendsten Inseln dieses Archipels.

Jean Ziegler schreibt über das Verhalten von Konsumenten für die Güter hergestellt werden, die nur von kurzer Lebensdauer sind, schreibt auch über irreführende Werbung und wie der Kunde eingeseift wird, damit sich immer mehr Kapital akkumulieren kann.

Man liest über die schlechte Bezahlung in Drittländern, so etwa in Bangladesh, wo Textilien seitens westlicher Ausbeuter für die Industrieländer billig hergestellt werden. Man liest auch von der Umweltverschmutzung, vom Klimawandel und dass rund 62% aller Krebserkrankungen in den Industrieländern Auswirkungen eines gestörten Ökosystems sind oder auf eine unangemessene, industrielle Ernährung zurückzuführen seien.

Die Akkumulation von Reichtümern durch Kosmokraten kenne nur einen Antrieb: "#Gier, #Machthunger, das Verlangen immer mehr Reichtümer zu raffen, mehr Kapital als der Nachbar und der Konkurrent anzuhäufen. In diese wahnhaften Begierde nach unbegrenztem Profit spiele der Gebrauchswert keine Rolle.

Der Kapitalist möchte das Bewusstsein und Denken anderer Menschen beherrschen. Wenn unsere Welt und wir alle eine Zukunft haben sollen, dann muss Schluss sein mit der Akkumulation von Reichtümern Einzelner, Schluss sein mit dem Machtanspruch. Dann gilt es Humanismus zu realisieren auf der ganzen Welt, dann muss aufgeklärt werden, genau so wie Jean Ziegler es in seinem wunderbaren Buch tut.

Maximal empfehlenswert

Helga König

Im Fachbuchhandel erhältlich

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Was ist so schlimm am Kapitalismus?: Antworten auf die Fragen meiner Enkelin

Rezension: Das neue Wir- Warum Migration dazugehört- Eine andere Geschichte der Deutschen- Jan Plamper- S. Fischer

#Jan_Plamper lebte lange in den USA und in Russland. Heute lehrt er als Professor am Goldsmith College in London und pendelt zwischen Berlin und London hin und her.

Das vorliegende, überaus faktenreiche Buch bewegt sich um die Themen #Migration, #Nation und #Identität, verrät der Autor in seinem Vorwort. Er lässt die Leser (m/w) weiter wissen, dass das Buch Migrantengruppen in die deutsche Geschichte hineinschreibe, die nur selten in ihr vorkomme. Er  erzähle Geschichte anhand von nicht fiktiven Menschen, die seit 1945 nach Deutschland West und Ost migriert seien. Dabei sei die Summe ihrer Geschichten die Geschichte der Deutschen. Für Jan Plamper- übrigens auch für mich- gilt: Zusammen sind wir das neue Wir. 

Darüber hinaus ist für Jan Plamper "das neue Wir" ein Plädoyer für eine kollektive Identität. Ziel des Buches ist, ein Verständnis von Nation, bei dem die Zugehörigkeit zur deutschen Nation und andere Zugehörigkeiten, auch die Herkunft aus einer anderen Nation, zusammengehen, anstelle einander auszuschließen. Als Sammelbegriff für alle deutschen Staatsbürger mit "zusätzlichem kulturellen Gepäck" schlägt er den Begriff "#Plusdeutsche" vor und erläutert die Vorteile dieses Begriffs. 

Nach dem umfangreichen Vorwort warten 8 Kapitel auf die Leser, wobei es im ersten Kapitel um die Geschichte der Auswanderung aus Deutschland geht. Wie Jan Plamper betont, war Deutschland vor dem 20. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland. Der Autor fragt sich, weshalb es trotz der deutschen Massenauswanderung für die Deutschen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts so schwierig gewesen sei, sich als Einwanderungsland zu definieren und fragt weiter, ob es eventuell mit der spezifisch deutschen Denktradition, die mit dem Namen des Philosophen Johann Gottfried Herder verbunden sei, zu tun habe. Damals gab es noch keine deutsche Nation, deshalb definierte er die Nation primär über Sprache und Kultur und nicht über die Staatsbürgerschaft. 

Jan Plamper berichtet wie es dann weiterging und schreibt u.a. von der deutschen "Parallelgesellschaft in Pennsylvania" um 1750. Die Furcht vor einer deutschen Parallelgesellschaft  soll sich durch die gesamte Geschichte der deutschen Einwanderung in den USA gezogen haben. Auch damals gab es schon Zeltstädte für Auswanderer. Der Weg in die USA muss recht beschwerlich gewesen sein. Wie auch immer, Integration fand dort statt. Im Bürgerkrieg von 1881-1865 kämpften 200 000 Deutschamerikaner auf der Seite der Nordstaaten gegen die Sklaverei. 

Man liest weiter über die Massenauswanderung der Deutschen im 19. Jahrhundert. So waren Ende des 19. Jahrhunderts etwa eine Viertelmillion Juden aus Deutschland nach Amerika ausgewandert. Dann liest man über den ersten Weltkrieg und was das für die Deutschamerikaner bedeutet hat. So reagierten nicht wenige  aus Angst mit Hyperassimilation.

Weiter erfährt man Wissenswertes über Deutsche in Russland in vorangegangenen Jahrhunderten und in Südamerika. Je größer der Nationalismus wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert, umso mehr blieben den deutschen Auswanderern nur zwei Möglichkeiten: Rückzug in abgeschirmte, ethnische Communities oder das Lossagen von allem Deutschen. 

Blickt man auf die Situation der Migranten in Deutschland im Hier und Jetzt, weiß man, dass der Spruch" nichts ändert sich unter Gottes Sonne" auch in diesem Fall zutrifft.

Anschließend geht es um die größte Migrationsbewegung in der europäischen Neuzeit, nämlich jene nach Kriegsende 1945. Millionen von Menschen waren unterwegs, nicht nur Flüchtlinge und Vertriebene, sondern auch Wehrmachtssoldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Überlebende der Vernichtungslager und neun Millionen evakuierte Städter. Man kann es sich kaum vorstellen.

Insgesamt sind mindestens zwölf Millionen Menschen vertrieben worden, möglicherweise sogar vierzehn Millionen. Die meisten dieser Menschen seien Frauen und Kinder gewesen. Vergessen werden darf nicht, dass die Ursache dessen die Expansionspolitik der Deutschen war. Sie waren es, die zuvor Tschechen und Polen aus ihrer Heimat vertrieben hatten. Das Motiv der Vertreibung seitens der Deutschen in der Nazi-Zeit waren pseudobiologische Reinheitsphantasien. 

Dann liest man weiter von vererbten Traumata. Hier wird auch die Autorin Sabine Bode erwähnt, von deren  sehr guten Büchern ich zwei rezensiert habe. Sie leitet u.a. Kinderlosigkeit vieler aus der Folgegeneration aus fehlender Trauer über die von der Kriegsgeneration erlittenen Schrecken ab.

Jede fünfte Person in Deutschland kommt  übrigens aus einer Vertriebenenfamilie. 

Weiter geht es dann mit Arbeitsmigration im Westen. Gefragt wird was "Gastarbeit" war.  Es werden wahre Geschichten aus dem damaligen Leben erzählt, die einen Eindruck von dem vermitteln, was zu Wirtschaftswunderzeiten im Hinblick auf Gastarbeiter sich ereignete. Die allermeisten der Gastarbeiter, - 11 von 14 Millionen - kehrten in ihre Herkunftsländer zurück. Das verbleibende Fünftel arrangierte sich mit den Verhältnissen und integrierte sich  recht bald.

Wie Arbeitsmigration im Osten aussah, wird auch breit erörtert, bevor das Thema Asyl zur Sprache kommt. Asylbewerber der frühen 1980er bis frühen 2000er sind hier das Thema und auch der Asylkompromiss aus dem Jahre 1993. 

Durch den Mauerfall 1989 erhöhte sich die Geschwindigkeit, mit der sich Menschen in Europa bewegten. Damals begann die zweite Epochenschwelle der Migration Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so der Autor. 

Im 6. Kapitel geht es um russlanddeutsche, polnische und rumänische Aussiedler und im Kapitel 7 um jüdische Kontingentflüchtlinge. Hier erfährt man, dass die Sowjetunion immer wieder in den Antisemitismus abglitt, speziell nach der Gründung des Staates Israel. Nach wie vor würden viele Deutsche in russischen Juden nur Russen sehen und nicht als Überlebende der Schoa. Die Gründe hierfür erläutert Jan Plamper im Buch sehr gut. Für jüdische Kontingentflüchtlinge war und ist es sehr schwer hierzulande, rasch in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, selbst wenn sie hochgebildet sind. 

In Kapitel 8 dann geht es um die "Willkommenskultur 2015". Darüber wird ausgiebig berichtet, aber auch von den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime in diesem Zusammenhang. Auch Thilo Sarrazin und sein fatales Buch "Deutschland schafft sich ab", kommt zur Sprache, dessen Verriss Jan Plamper sehr gut begründet. Hut ab vor der in den Text eingebundenen Rezension.

Gefragt wird, ob Bewegungsfreiheit ein nationales Grundrecht oder ein universelles Menschenrecht sei. Es werden zudem sehr wichtige Fragen zur Migrationsethik gestellt. 

Jan Plamper ist, wie eingangs schon  erwähnt, der Überzeugung, dass wir eine kollektive Identität brauchen, die eine stärkere emotionale Bindefestigkeit besäße als die Liebe zum Grundgesetz oder eine "Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Aufsteigermentalität". Für ihn ist #Toleranz das Kernelement des Wir. Dabei wird die kollektive Nationalität des Deutschen, das neue Wir, im Rahmen des Grundgesetzes auf demokratischem Wege inhaltlich bestimmt. 

Mit Jan Plamper teile ich die Vision, dass es in Zukunft ein universelles Recht- ein Menschenrecht- auf Freizügigkeit geben wird. 

Was bleibt noch zu sagen? Das Buch sollte jeder lesen, um sich bewusst zu machen, das die deutschen Geschichte eine Migrationsgeschichte ist und man genau darüber sehr froh sein sollte, weil sie der Motor für fortlaufende Erneuerung hierzulande war und ist. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Das neue Wir: Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen

Rezension: #Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt- #Bettany-Hughes- #Klett_Cotta

Bettany Hughes ist eine preisgekrönte Historikerin, Bestseller-Autorin und Verfasserin von TV-Sendungen.

Mit dem Buch "Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt" legt sie eine neue Darstellung der Geschichte dieser Metropole vor, die nach ihrer Ansicht unter den Namen #Byzanz, #Konstantinopel und #Istanbul über Jahrtausende nichts an Macht und Magie eingebüßt habe und deren Einfluss die Welt bis heute präge.

Nach einem Prolog und Anmerkungen zu den Namen sowie einer umfangreichen Einleitung ist das Werk in acht Teile untergliedert:

Teil Eins: Byzantion, Stadt des Byzas, 8 000 v. Chr.-311 n. Chr. 
Teil Zwei: Konstantinopel, Stadt Gottes, 311-475 
Teil Drei: Das neue Rom, 476-565 
Teil Vier: Das Sehnen der Welt, 565- 1050 
Teil Fünf- Stadt des Krieges 1050-1320 
Teil Sechs- Allahs Stadt, 1320-1575 (720-983 im islamischen Kalender) 
Teil Sieben: Reichsstadt, 1550-1800 (957-1215 im islamischen Kalender) 
Teil Acht Stadt der Revolten- Stadt der Chancen,1800 (1250 im islamischen Kalender) 

Dem siebenhundertdreißigseitigen Text folgt ein fast zweihundertseitiger Anhang. Das bedeutet für eine Rezension, die nicht endlos lang sein soll, den Mut zur Lücke.

Für die Autorin speist sich Istanbuls kulturelle politische und emotionale Stärke aus dem Umstand, dass das Wesen dieser Stadt nicht durch Zeitbegrenzungen zu definieren ist. Istanbul sei ein Ort, an dem die Menschen zeitübergreifend durch diesen einen Raum verbunden seien. Dies auch sei der Grund, weshalb sie landschaftliche Fixpunkte nutze, um die Geschichte dieser Stadt von der Vorzeit bis zur Gegenwart zu erzählen. Der Ort habe oft etwas Außerzeitliches an sich. Von daher wurde die Ansiedlung auch als Neues Rom, als Neues Jerusalem und als Allahs Stadt bezeichnet. 

Wie man erfährt, haben dort mehr als 320 Menschengenerationen in über achttausend Jahren gelebt, gearbeitet und gespielt. So sei trotz diverser Leerstellen ein reicher Fundus an archäologischen und literarischen Zeugnissen vorhanden. Bettany Hughes hat sich mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten der Stadt beschäftigt, sich dabei allerdings nicht nur auf jene konzentriert, die über öffentliche und öffentlichkeitswirksame Macht verfügt haben, sondern sich auch mit jenen befasst, denen u. U. nicht klar war, dass sie Geschichte schrieben. 

Es handelt sich bei diesem Werk um keinen umfassenden Katalog über Istanbuls Vergangenheit, sondern die Autorin geht der Frage nach, was diese Stadt ausmacht. Sie hat sich auf wegweisende Ereignisse und Ideen konzentriert, die die Metropole prägten oder durch die sie Einfluss gewonnen hat. 

Istanbul habe den hartnäckigsten Theokratien der Welt Rückhalt geboten und sie habe die Vorherrschaft des Christentums als Weltreligion unterschützt. Zudem entmutigte sie Kalifen und fand sich alsdann mit dem langlebigsten Kalifat der Geschichte ab. Aus Gründen, die die Autorin  natürlich benennt, kommt sie zum Ergebnis, dass Istanbul der Rosetta-Sein für internationale Angelegenheiten verkörpere.  Dem kann man nur zustimmen.

Eine Reihe von Helden- Bettany Hughes nennt sie alle beim Namen-, wurden von der Stadt angezogen. Insofern wundert es nicht, dass Literaten den Ort besungen haben. Viele der erstklassigen, literarische Erzeugnisse seien nur dank der Arbeit in den Skriptorien Istanbuls entstanden. Auch das bleibt nicht unerwähnt.

Die Autorin verdeutlicht in den acht Teilen ihres umfangreichen Werkes, dass Istanbul die langlebigste politische Einheit in Europa sei. Es handele sich dabei um einen Ballungsraum, der im Laufe der letzten achttausend Jahre ein Mosaik von Siedlungen und Mikrostädten versammelt habe, aus dem dann das gewaltige, chaotische Konglomerat der modernen Metropole entstanden sei.

Sich durch die Jahrhunderte im Buch durchzuarbeiten, bedeutet letztlich, das Konglomerat zu entschlüsseln und diese Stadt in all ihren Facetten  besser zu verstehen. 

Maximal empfehlenswert

 Helga König 

Überall im Handel erhältlich 

Rezension Peter J. König: DIE TOTENGRÄBER - Der letzte Winter der Weimarer Republik- Rüdiger Barth und Hauke Friederichs-S. Fischer

Die Autoren #Rüdiger_Barth und #Hauke_Friederichs haben in ihrem sehr lesenswerten Buch: "#Die_Totengräber" akribisch die letzten Tage der Weimarer Republik hier nachvollzogen, indem sie aufzeigen, wie politisch instabil dieser letzte Winter vor der Machtergreifung Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten abgelaufen ist. Eine stabile Regierung hat es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gegeben, Reichspräsident Hindenburg, als die graue Eminenz, und noch immer von den Deutschen hoch geachtet, besaß nicht mehr die Kraft, die politischen Geschicke zum Wohle des Deutschen Volkes zu beeinflussen, zumal die Parteien im Reichstag sich gegenseitig zerfleischten, die Sozialisten gegen die Kommunisten, die Zentrumspartei contra die Adligen und die Nationalsozialisten überhaupt gegen die Weimarer Republik, die sie unter allen Umständen abschaffen wollten, mit demokratischen Mitteln mit Hilfe von Wahlen. 

Das Parlament war ein Sammelsurium von Splitterparteien, die nur unter größten Kompromissen eine Regierung zustande gebracht haben, um dann einen Reichskanzler zu wählen, der sowohl den Koalitionsparteien als auch Reichspräsident Hindenburg genehm war. Als Kompromiss wurde dann der führungsschwache Kanzler Franz von Papen von den republiktreuen Parteien installiert, der allerdings nach den Wahlen vom 6. November 1932 und dem verheerenden Ergebnis für die Demokraten demissionierte. 

Fortan begann das Gerangel um die Macht, wobei die Führungsriege der Nationalsozialisten um Göring, Goebbels, SA-Führer Röhm und Parteiideologe Strasser, Adolf Hitler uneingeschränkte Macht zukommen ließen und seine Ambitionen auf die Reichskanzlerschaft mit allen Mitteln unterstützen. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen wurde schließlich nicht Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, sondern General Schleicher, ein machtbesessener Militär, dem es gelang das Vertrauen von Hindenburgs Sohn, der auch gleichzeitig mit der engste Berater des greisen Feldmarschalls war, zu erlangen. 

Die wirtschaftliche Situation in Deutschland war ein Desaster, die Bevölkerung litt unter Hunger, dem kalten Winter und der galoppierenden Arbeitslosigkeit, sodass es eine starke von einer breiten Mehrheit getragene Regierung gebraucht hätte. Aber eine solche hat die Weimarer Republik nicht mehr zustande gebracht, vielmehr hat die SA auf der Straße gegen die Republik mobil gemacht. 

Um seine Macht zu festigen, verlangte Kanzler Schleicher von Hindenburg quasi-diktatorische Vollmachten, die dieser jedoch verweigerte. Am 28. Januar 1933 tritt Schleicher als Kanzler zurück, da Hindenburg der geforderten Auflösung des Reichstages zwecks Neuwahlen nicht zustimmte. Auf der Suche nach einem neuen Kanzler kam nun Adolf Hitler am 30. Januar an die Macht, als Hindenburg endgültig seiner Kanzlerschaft zustimmte und damit die unheilvolle Herrschaft der Nationalsozialisten begann. Vizekanzler wurde Franz von Papen, Hermann Göring und Wilhelm Frick, die führenden Mitglieder der NSDAP, erhielten Kabinettsposten. 

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs haben in ihrem Buch "Die Totengräber" ein sehr anschauliches Bild der zeitlichen Abläufe vom 12. November 1932, nach den Reichstagswahlen vom 6. November und der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 gezeichnet. Dabei haben die Autoren sehr genau die Vorgänge beschrieben, die sowohl bei den wichtigsten Parteien, als auch bei den einzelnen Akteuren, die es zur Macht drängte, vorgenommen haben. Intrigen, Versprechungen und Erpressungen wurden dabei ebenso wenig ausgespart, wie taktische Winkelzüge und Lügen. Am Ende waren es die Nationalsozialisten unter Hitler, die mittels Terror auf den Straßen, hochtrabenden Versprechungen und bösartigen Verleumdungen, sowohl die Wähler als auch den altersschwachen Reichspräsident Hindenburg überzeugt haben, die beste politische Lösung für das Reich zu erbringen.

Die demokratischen Parteien hätten dies noch verhindern können, doch dazu waren sie viel zu zerstritten, zumal jede selbst an die Macht kommen wollte.

Die Autoren geben in dem hier vorliegenden Buch tiefe Einblicke in diese dunklen Stunden am Ende der Weimarer Republik. Sie tun dies überaus anschaulich, auch weil sie die laufenden politischen Erklärungen in der damaligen Presse-Landschaft in die fortlaufenden Geschehnisse mit einbinden. So entsteht ein anschauliches Bild das begreiflich macht, woran die Demokratie am Ende von Weimar gescheitert ist. 

Absolut empfehlenswert 

Peter J. König

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Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik

Rezension: Haymatland- Dunja Hayali- Ullstein

Die Journalistin #Dunja_Hayali wurde 1974 als Tochter irakischer Eltern in Nord-Rhein-Westfalen geboren, studierte an der Deutschen Sporthochschule und moderiert seit 2007 das ZDF-Morgenmagazin, seit 2017 dunja hayali und seit 2018 das ZDF Sportstudio. Sie engagiert sich gegen #Rassismus, #Fremdenfeindlichkeit und #Antisemitismus. 2018 erhielt Dunja Hayali das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und für ihre journalistische Arbeit. 

"Haymatland" ist ein sehr persönliches Buch, indem sie der Frage nachgeht, wie wir alle zusammenleben wollen. Untergliedert ist das Werk nach einer kleinen Einleitung in vier Kapitel: Heimat, Hass, Tatsachen, Hoffnung. Diesen Kapiteln schließt sich der Epilog an.

Die Autorin stellt zunächst Überlegungen an, was nun Heimat genau ist und konstatiert, dass diese für sie nicht per se durch die Geburt oder über die Herkunft der Eltern festgelegt sei. Für sie bedeutet Heimat Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft, Solidarität, Nachbarschaft, Freundschaft. Heimat vermittele ihr Sicherheit, Stabilität und Stärke. Dunja Hayali schätzt an dem Wort die Anpassungsfähigkeit an die Wechselfälle der Biografie. Das lässt bereits erkennen, dass es nicht "die" Heimat gibt, sondern dass Heimat unterschiedliche Orte für einen Menschen sein können, schlussendlich eine Art Anker verkörpert. 

Das Problem, dass die Autorin mit der momentanen Heimatbühne habe, sei der Frust, der Hass und das Misstrauen, mit der diese Bühne derzeit konfrontiert werde. Hass erlebt die Journalistin täglich im Netz und ärgert sich, dass diese "Hater"  keinen einzigen positiven Gedanken ihr eigen nennen und das Klima unserer offenen Gesellschaft zu vergiften drohen, ohne dass sich ihnen jemand ernsthaft entgegenstellt. 

Die Autorin hält es für wichtig, mit diesen Leuten in den sozialen Netzwerken in Kontakt zu kommen, weil sie so vom Gegenstand des Hasses zu einer realen Person wird und als solche u.U. Veränderung bewirken kann. Sie fragt sich, was so gewaltig schief gelaufen sei, dass es Menschen gäbe, die sich allen Ernstes Mühe gäben, ihren Hass zu hegen und zu pflegen, fragt, wodurch dieser überbordende Hass ausgelöst werde?

Sie berichtet von ihren Erfahrungen, schreibt ganz konkret wie sehr sie beschimpft und beleidigt wird. Sie schreibt, dass in den (a)sozialen Medien Hass und Drohungen immer weiter zunehmen, die Anfeindungen härter, zügelloser, unversöhnlicher und unverschämter werden, wundert sich, wie es dazu kommen konnte, dass Heimat zu einem Kampfbegriff und aus einem humanistischen Wir ein ausgrenzendes Ich geworden sei und ist beunruhigt, im Hinblick auf die ungeheure Energie, mit der der Hass all die Beleidigungen und Anschuldigungen in die Öffentlichkeit hinausschleudert werden. 

Die Autorin ist sehr mutig und lässt sich von verblendeten Idioten wie sie sagt, nicht das Recht absprechen, ihre Meinung zu sagen, ihr Leben zu leben und Deutschland ihre Heimat zu nennen.

Dunja Hayali schreibt, dass Rechtsextreme gezielt unmoderierte Kommentarspalten reichweitenstarker Medien nutzen, um ihre verfassungsfeindlichen Narrative in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, um auf diese Weise die Deutungshoheit über gesellschaftliche Diskurse zu übernehmen. Der Studie, auf die sie sich bezieht, liegen 1.6 Millionen rechtsextreme Beiträge auf Facebook zwischen Februar 2017 und Februar 2018 zugrunde. Zu den taktischen Mitteln (der sehr gut organisierten Trollarmeen) gehörten das Erstellen zahlreicher Fake-Profile, die zeitgleich für Kampagnen und Shitstorms gegen einzelne Politiker als auch Politikerinnen in Institutionen eingesetzt werden, das koordinierte Kapern von Hashtags und das Flute von Kommentarspalten reichweitenstarker Medien mit Hasskommentaren.

Die Offenheit des Internets, die Idee, dass die Menschen sich besser, schneller und effizienter austauschen können, werde von denen konterkariert, die es benutzen,  um Hass Zwietracht und Neid unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu säen und dabei auch vor willentlichen Falschbehauptungen nicht zurückschreckten. Die Autorin zeigt auf, wie Menschen zu Sündenböcken gemacht, wie Worte als Waffen umfunktioniert werden und konstatiert: 

"Benutzt man eine respektlose Sprache, verliert man zunehmend den Respekt vor Menschen, Ansichten, Religionen und Werten.“ 

Dunja Hayali weiß, wie ein friedliches Miteinander in einer liberalen Demokratie möglich ist und auf diese Weise ein "Haymatland" garantiert ist, was durch das Heimatland der Shitstorms und der braunen Attacken immer mehr in Gefahr gerät. 

Heimat ist ein Ort, wo Menschen aus vielen Ländern sich wohl fühlen können und man Fremden dieses Gefühl von Herzen genauso gönnt wie sich selbst. Genau das macht Dunja Hayalis Buch begreifbar.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Haymatland: Wie wollen wir zusammenleben?

Rezension: #Faschismus-Eine Warnung-Madeleine Albright-DUMONT

#Madeleine_Albright wurde 1937 in Prag geboren, emigrierte mit ihrer Familie in die USA, arbeitete von 1978 bis 1981 im US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsrat und ab 1993 als US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Unter Präsident Bill Clinton war sie von 1997 bis 2001 Außenministerin der USA. Seitdem ist sie als Universitätsdozentin tätig und leitet eine Consultingfirma in Washington.

Ihr vorliegendes Werk hat sie den Opfern des Faschismus - damals und heute - und allen, die den Faschismus der anderen und ihren eignen bekämpfen, gewidmet. 

In 17 Kapiteln breitet sie ihr Thema aus. Der Faschismus entstand in den Anfängen des 20. Jahrhunderts zu Zeiten des neu erwachten Nationalismus. Man erfährt zunächst mehr von Benito Mussolini, dem Begründer der faschistischen Bewegung, der diese innerhalb von zwei Jahren so vorantrieb, dass sie 2000 Ortsverbände vorweisen konnte. Dieser Faschismus begann also mit einem charismatischen Führer, der eine weit verbreitete Unzufriedenheit seinen Zwecken dienstbar machte, indem er Unhaltbares versprach. Jene die Mussolini zujubelten und sich mit ihm gemein machten, trugen eigene Uniformen und setzen ohne Skrupel Gewalt ein. 

Man liest vom rasanten Aufstieg dieses Herrschers, der sein Ziel erreichte, ohne eine Wahl gewinnen oder die Verfassung brechen zu müssen. Die Italiener hielt er dazu an, die Vorstellung über Gleichheit aufzugeben und stattdessen das faschistische Jahrhundert willkommen zu heißen, wonach sich die Völker Autorität, Lenkung und Ordnung (Ideale des Faschismus)wünschten. 

Albright beschreibt einzelne faschistische Herrscher des vergangenen Jahrhunderts, natürlich auch Adolf Hitler, der von seinem ehemaligen Lehrer als widerborstig, eigenmächtig, rechthaberisch und jähzornig beschrieben wurde. Seinen Aufstieg skizziert die Autorin sehr präzise. 

Hitler versuchte Hass zu schüren und verwendete bei seinen Reden immer wieder dieselben Schlagworte"zerschmettern, zerstören, vernichten, töten." Man erfährt, was  er alles von den italienischen Faschisten übernommen hat, liest von seinen schamlosen Lügen, über sich und seine Feinde, dabei verbarg er seinen mörderischen Ehrgeiz, seinen Rassismus und seine extreme Unmoral hinter der Fassade bürgerlicher Verlogenheit. 

Zu den Taktiken, die Hitler von Mussolini übernommen hatte, gehörten auch der Einsatz von Schlägertrupps, die Einschüchterung des Parlaments, die Stärkung und den anschließenden Missbrauch der Amtsbefugnisse, die Unterwerfung der Beamtenschaft, spektakuläre Auftritte und das Beharren darauf, dass das Oberhaupt, sei es der Führer oder der Duce, niemals irrt. 

Indem die Autorin viele historische Fakten vermittelt, zeigt sie, warum der Faschismus einen solchen Anklang damals fand. 

Dann liest man von Stalin. Verdeutlicht wird, dass Hitler und Stalin eine gemeinsame Sprache hatten, sprich die der Gewalt und beide die Ideale von Thomas Jefferson verachteten, nämlich eine Volksregierung, vernunftsgeleitete Debatten, Meinungsfreiheit, eine unabhängige Rechtsprechung und freie geheime Wahlen. 

Albright zählt in der Folge weitere Machtmenschen auf, deren Handlungsmuster faschistisch war oder ist, so auch den Peronismus als linksgerichtete Variante des italienischen Faschismus mit einer korporatistischen Wirtschaft, Einschränkungen der Pressefreiheit, einer hart durchgreifenden Polizei.etc. 

Die Autorin macht durch viele Beispiele auch im Hier und Jetzt klar, dass es an uns allen liegt, die Mängel der Demokratie zu beheben und niemals deren Stärke zu vergessen, den Führerkult zu hinterfragen und sich der Angriffe auf die demokratischen Werte bewusst zu werden. Die Angriffe haben eine lange Tradition. Die Angreifer wollen unterwerfen und diktieren. Diesbezüglich sollte keiner zur Verfügung stehen.


Sehr empfehlenswert

Helga König

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Faschismus: Eine Warnung

Rezension: Zeitenwende in der Weltpolitik- Sigmar Gabriel

Autor dieses faktenreichen Buches ist der beeindruckend analytisch denkende, ehemalige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Sigmar Gabriel, der sich bis vor noch nicht allzu langer Zeit als Wirtschafts- und Außenminister auf der internationalen Bühne bewegte. 

"Mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten" lautet der Untertitel des Werks. Damit die Leser einen Eindruck davon erhalten, wie ungewiss die Zeiten, in denen wir leben, tatsächlich sind, berichtet der Autor ausführlich aus seinen reichhaltigen Erfahrungen, schreibt über drei deutsche Sonderwege, die zum Unmut unserer Nachbarn geführt haben und hier vor allem auch von der Flüchtlingskrise, die die Lage in Europa grundlegend verändert und sich als Europas 11. September erwiesen habe. 

Ein starkes Land wie Deutschland müsse sich einem Perspektivwechsel unterziehen und zwar hin zur Sichtweise der Schwächeren, um Sonderwege zu vermeiden, weil nur ein geeintes Europa handlungsfähig sei und bleiben müsse in diesem unruhigen Zeiten. Ohne ein geeintes Europa bestehe die Gefahr, dass wir in der Welt des 21. Jahrhunderts untergehen, weil diese Welt sich rasant und dramatisch verändere und uns alle durch Ungewohntes herausfordere. Dem könnten die Europäer nur gemeinsam begegnen. 

Auf dem Weg in eine neue Welt erfährt man mehr über Donald Trumps "Zuverlässigkeit" und weshalb mit ihm die USA vom Architekten und Garanten der liberalen Weltordnung zu deren Abrissunternehmer mutiere. Hier liest man auch, dass Trump im Umgang mit Europa keine Partnerschaft, sondern Gefolgschaft wolle. 

Sigmar Gabriel schreibt dann weiter über die weltpolitischen Spielregeln des 20. Jahrhunderts. So erfährt man von den Phasen Weltordnung 1.0 und 2.0 und auch, dass wir uns derzeit am Übergang zu einer Weltordnung 3.0 befänden. Allerdings seien deren Konturen noch nicht deutlich sichtbar.  Amerikas Macht und Ressourcen seien  relativ geschrumpft, während andere Mächte wie China, Russland und der Iran ihre Ziele konsequent weiterverfolgten und  sie sich  deshalb weiterentwickelt hätten. In der noch nicht neu geordneten Welt bleibe die USA in absehbarer Zeit allerdings immer noch stärkste Kraft, aber Europa verlöre aus diversen Gründen, die Gabriel nennt, wohl seine Sonderstellung. An allen außenpolitischen Fronten sehe sich Europa derzeit bedroht. 

Was es bedeute, dass die Welt sich im Krisenmodus befindet, beschreibt der Autor ausführlich, erwähnt wird auch die rapide wachsende internationale Kriminalität und die verursachten Schäden, die Interpol auf jährlich bis zu 4,8 Billionen US-Dollar beziffere. Man liest von der nuklearen Bedrohung in unserer aus den Fugen geratenen Welt und dass Abrüstung und Rüstungskontrolle nicht mehr auf der internationalen Agenda stünden. Auch liest man von der wachsenden sozialen Ungleichheit, die längst schon die Mittelschichten erreicht habe. Die entgrenzte Globalisierung sei verantwortlich für die wachsende Kluft bei den Vermögensverhältnissen, die weitgehend unkontrollierte Rolle der Finanzmärkte, bei der neoliberalen Wende, dem Kontrollverlust staatlicher Institutionen und der Freisetzung bürgerlicher Wutkräfte.  Die Zeiten sind ungewiss, ohne Frage.

Sigmar Gabriel stellt in einem Exkurs Überlegungen an zur Attraktivität der Autoritäten. Dies hier näher auszuführen, sprengt allerdings den Rahmen der Rezension. Des Weiteren liest man über die Botschaft des Trumpismus, speziell über die besorgniserregende derzeitige amerikanische Politik, aber es bleibt nicht unerwähnt, dass die Fähigkeit, Werte und Macht trotz aller Unzulänglichkeiten und Widersprüche immer wieder miteinander zu versöhnen, Amerika erfolgreich gemacht habe und das stimmt hoffnungsfroh. 

Über Russland schreibt der Autor ebenfalls differenziert, hier u.a. über den Aufstieg Wladimir Putins und weshalb wir unsere Goethe-Institute und deutschen Schulen in Russland verdoppeln sollten. Auch die chinesische Herausforderung ist ein breites Thema für den Politiker, um schließlich  nach einer Fülle von Fakten und Überlegungen über die europäische Idee zu philosophieren. 

"Europa ist die Idee vom Zusammenleben der Menschen und der Völker. Die europäische Idee stellt das Gemeinwohl über das Einzelinteresse, die kulturelle Vielfalt über den Zwang der Anpassung und die Lebensqualität über die Anhäufung von Reichtum. Europa setzt die nachhaltige Entwicklung vor die rücksichtslose Ausbeutung von Mensch und Natur. Und allem voran stellt die europäische Idee die Zusammenarbeit über einseitige Machtausübung."

Das sind wahrlich genügend gute Gründe, um der europäischen Idee zu folgen. Wie das im Einzelnen funktionieren kann, schreibt Sigmar Gabriel auch, um schließlich zu einer europäischen Antwort zu gelangen, die in vielen Beziehungen den Abbau eines Transformationsstaus bedeutet, aber nicht nur dies. 

Maximal empfehlenswert 

Helga König

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Zeitenwende in der Weltpolitik: Mehr Verantwortung in ungewissen Zeiten

Rezension: Ein ganz normales Pogrom-November 1938 in einem deutschen Dorf- #Sven_Felix_Kellerhoff - Klett-Cotta

Autor dieses exzellent recherchierten Werkes ist der Historiker Sven Felix Kellerhoff. Er hat zahlreiche zeithistorische Sachbücher verfasst und ist Leitender Redakteur für Zeit-und Kulturgeschichte der WELT. 2012 bekam er den Ehrenpreis der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Im vorliegenden Buch, das er in 13 Kapitel untergliedert hat, zeigt er am Beispiel des Dörfchens Guntersblum/Rheinhessen wie  aufgrund des Novemberpogroms im Jahre 1938 die Qualität und Verfolgung der jüdischen Mitbürger im Nazis-Deutschland an Intensität zunahm. 

Jahrzehntelang nach 1945 wurden die Übergriffe- wie in vielen anderen Städten und Dörfern Deutschlands - verschwiegen, doch in Guntersblum tauchten nach 70 Jahren Fotos eines demütigenden Marsches jüdischer Männer durch den alten Weinort auf. 

Dieses "ganz normale Pogrom" war Teil dessen, was dazu führte, dass in rund tausend Städten und Dörfern etwa 1400 Synagogen und Betsäle verwüstet, angezündet und abgerissen wurden. Hinzu kamen Tausende von Plünderungen von Geschäften jüdischer Eigentümer und eine fünfstellige Zahl von Plünderungen von Privatwohnungen jüdischer Mitbürger. 

Wie der Autor schreibt, wurden rund 31000 jüdische Männer in die Konzentrationslager Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen verschleppt und es seien Hunderte gewesen, die die Tortouren nicht überstanden haben. Nach den November- Gräuel von 1938 habe es in Deutschland quasi keine jüdische Kultur mehr gegeben. 

Sven Felix Kellerhoff beleuchtet den Begriff Pogrom und kommt zu dem Ergebnis, dass bei helllichtem Tage in Guntersblum genau ein solches stattgefunden habe. Die Autor analysiert die Ursachen für den Judenhass in Rheinhessen, berichtet von der Fremdherrschaft nach dem 1. Weltkrieg und der materiellen Not damals, die die Deutschen selbst verschuldet hatten, indem sie einen Krieg gegen Frankreich angezettelten. Für all das brauchte man einen Sündenbock.

Eine jüdische Gemeinde gab es seit 1555 in dem fokussierten  rheinhessischen Dorf bereits, doch judenfeindliche Vorfälle  habe es während des Kaiserreichs in Guntersblum noch nicht gegeben. Der Hass musste erst gesät werden und dies geschah durch die Nazi- Ideologen. 

Die Nationalsozialisten  Guntersblums teilten die Weltanschauung der Gesamtpartei, wie sich denken lässt. Als Feinde loteten sie Demokraten, Marxisten und Juden aus. Man erfährt mehr von der Aufgabe der Ortsgruppe Guntersblum, vom zunehmenden Erfolg der Partei, auch in anderen rheinhessischen Gemeinden, so etwa im Weinort Stadecken und liest schließlich von der Ausgrenzung der Juden dort und anderenorts. 

Wer privat oder gesellschaftlich mit Juden Verbindungen unterhielt, wurde von der Vergabe gemeindlicher Aufträge für die Zukunft ausgeschlossen. Ziel der Judendiskriminierung war die Aneignung des jüdischen Eigentums und der Versuch den Auswanderungsdruck zu steigern. Die  Juden wurden also gemobbt. Man ging immer heftiger gegen sie vor, auch im antisemitischen, ländlichen Hessen und  man erhält einen sehr plastischen Eindruck von den Demütigung der Juden in Guntersblum im November 1938. Dabei kann man sich ein Bild vom "Schandmarsch "durch beigefügte Fotos machen. Dieser Demütungsmarsch, zu dem jüdischen Bewohner des Weinorts gezwungen wurden, soll einige Stunden angedauert haben. Über das Geschehen berichtet der Autor ausführlich. 

Immer wieder auch schreibt Sven Felix Kellerhoff vom abgründigen Geschehen in ganz Deutschland damals, um die Strategie der Nazis begreifbar zu machen. Verwüstungen und Plünderungen waren das Prinzip, das mancherorts orgiastische Züge annahm.

In Guntersblum blieben die Übergriffe auf jüdisches Eigentum ungeahndet. Die Juden wurden deportiert. Über ihr weiteres Schicksal wird man nicht im Ungewissen gelassen, auch nicht wie man nach 1945 mit den Tätern umging und die Geschehnisse feige verschwieg. 

Seit dem 2. April 2011 liegen 23 #Stolpersteine für NS-Verfolgte in dem rheinhessischen Weinort, die der Künstler #Gunter_Demnig verlegt hat. Sie erinnern an die Niedertracht der Täter aber vor allem an das Leid der Opfer, vor denen sich jeder tief verbeugen sollte. 

Der Autor resümiert "Sechs Millionen Menschen mussten sterben, weil untergeordnete Dienststellen und Einzelpersonen sich die nationalsozialistische Maxime des Judenhasses zu eigen machten und sie mit aller Kraft so gründlich wie möglich umzusetzen suchten. Erst dieses furchtbare Engagement sorgte dafür, dass völlig unschuldige Menschen bis in den letzten Winkel Deutschlands, später des besetzten Europas diskriminiert, deportiert und umgebracht wurden."

Das sollte im Hier und Jetzt zu denken geben, wenn erneut Hassparolen die Runde machen und zugleich gegen das Asylrecht gewettet wird. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

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Ein ganz normales Pogrom: November 1938 in einem deutschen Dorf

Rezension: Die Abgehobenen- Wie die Eliten die Demokratie gefährden- Michael Hartmann- Campus

Der Autor dieses Buches war bis Herbst 2014 Professor für Soziologie an der TU Darmstadt. Sein Schwerpunkt ist "Eliteforschung" geblieben. Dabei steht Michael Hartmann für die These, dass Herkunft entscheidend für den beruflichen Erfolg ist. Diesbezüglich hat er bereits mehrere Bücher verfasst. Das vorliegende Werk ist in fünf Kapitel untergliedert, als da sind: 

1. Einleitung: Paralleltext mit eigenen Regeln 
2. Eine zunehmend geschlossene Gesellschaft 
3. Wie Eliten die soziale Ungleichheit vorantreiben 
4. Eigennutz vor Gemeinnutz-so ticken die Eliten 
5. Eine Politik jenseits des Neoliberalismus ist nötig und möglich 

Wie Michael Hartmann die Leser wissen lässt, stammen zwei von drei Elitemitgliedern aus bürgerlichen und großbürgerlichen Familien und haben neben einem hohen Einkommen zudem noch ererbtes Vermögen. Dabei führten die eigene Lebenssituation und die exklusive soziale Rekrutierung der meisten Eliten zu einer zunehmenden Homogenisierung der Einstellungen gerade in Fragen der sozialen Ungleichheit. 

Für die meisten Elitemitglieder-vor allem in der Wirtschaft- sei charakteristisch, dass sie glauben, die allgemeinen Regeln hätten für sie nur noch eingeschränkt Gültigkeit. Diese Grundhaltung habe sich auf nicht wenige Finanzskandale niedergeschlagen. Dafür zeigt der Autor zahlreiche Beispiele auf. Dass Machtausübung beispielsweise durch Spenden und Sponsoring funktioniert und dass Elitenverhalten in anderen Länder auch nicht besser ist als hierzulande, sind Hinweise für die Gründe, dass der Rechtspopulismus zunimmt. Konkret heißt es da "Der Rechtspopulismus hat seine Erfolge zum größten Teil der neoliberalen Politik in den letzten Jahrzehnten zu verdanken sowie der schier unendlichen Zahl von Skandalen in deren Kreisen." (28)

Michael Hartmann ist davon überzeugt, dass man sich darüber Klarheit verschaffen muss, was Elite wirklich bedeutet und ob so etwas wie eine einheitliche Elite existiert. Dies müsse man deshalb ermitteln, um der Politikverdrossenheit und dem Rechtspopulismus erfolgreich begegnen zu können. 

Der Autor begründet in seinem Werk deshalb vier zentrale Themen ausführlich:

1. Die Elite in den großen westlichen Industriestaaten sind überwiegend sozial exklusiv und homogen. 
2. Soziale Exklusiviät und Homogenität der Eliten waren und sind eine entscheidende Voraussetzung für die Durchsetzung neoliberaler Politik 
3. Die Haltung der Eliten zu sozialer Ungleichheit und neoliberaler Politik wird entscheidend durch ihre soziale Herkunft geprägt. 
4. Die Antwort auf Politikverdrossenheit und Rechtspopulismus kann nur in einer grundlegenden Abwendung von der herrschenden neoliberalen Politik liegen. Notwendig dafür sind eine von der Basis ausgehende, durchgreifende Erneuerung der Parteien des linken Spektrums und eine daraus resultierende massive soziale Öffnung der politischen Elite. 

Elite bedeute Macht auszuüben. Diese Macht erlange man, wenn man an der Spitze einer sehr einflussreichen Organisation stehe oder über viel Kapital verfüge. Kapital verleihe Macht, Geld allein hingegen nicht. 

Die einflussreichsten Eliten kommen, so der Autor, in allen modernen Industrieländern immer aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Justiz. Wissenschaften und Medien seien eine Etage tiefer angesiedelt. Intellektuelle unterscheiden sich grundsätzlich von den Mitgliedern der tatsächlichen Eliten durch die fehlende Stabilität und Kontinuität, die den zuvor genannten Elitemitgliedern durch die großen Konzerne und Institutionen garantiert werden. 

Um in Spitzenpositionen zu gelangen, sei es notwendig, eine Eliteuniversität erfolgreich absolviert, aber auch Eigenschaften kultiviert zu haben, die man in großbürgerlichen Elternhäusern erlernt habe. Die kostspieligen Elite-Universitäten sorgen für soziale Exklusivität. Soziale Ähnlichkeit werde von den Prüfern belohnt, soziale Differenz werde bestraft. Die hohen Studiengebühren, die an Eliteuniversitäten derzeit jährlich 20 000 Euro betragen, hätten zusätzliche soziale Selektionswirkung. 

Michael Hartmann zitiert den Philosophen Max Horkheimer, um zu verdeutlichen, woran die Großbourgeoisie Menschen erkennt, mit denen sie gern umgeht. "Die Freiheit, Selbstverständlichkeit, "Natürlichkeit", die einen Menschen in gehobenem Kreis sympathisch machen, sind eine Wirkung des Selbstbewusstseins, gewöhnlich hat sie nur der, welcher immer schon dabei war und gewiss sein kann, dabei zu bleiben."

Der Autor blickt in seinen Elitebetrachtungen auch auf andere Länder. Dabei ist in Frankreich eine geradezu außergewöhnliche Homogenität feststellbar. 

Es führt zu weit, im Rahmen der Rezension auf all die angeführten Fakten und Betrachtungen näher einzugehen. Empfehlenswert ist u.a.,  das Kapitel "Wie Eliten die soziale Ungleichheit vorantreiben" genau zu studieren. Überall wachsen die Einkommensunterschiede rasant und die Einkommensmitte ist dabei zu erodieren, wie Zahlen belegen. Dass die Herkunft der politischen Elite ihre Entscheidungen prägt, lässt sich denken und dass in neoliberalen Zeiten Eigennutz vor Gemeinnutz bei den Eliten geht, steht auch außer Frage. 

Auch nicht uninteressant zu lesen sind die Begründungen von Elitemitgliedern für Topgehälter aber auch wie sehr das Elternhaus eine Rolle spielt bei der Beurteilung von Sachverhalten,  so etwa bei der Finanzkrise. Dass Eliten in ihrem eigenen Kosmos leben, keinen Blick für die Armut haben und weniger liberal sind als sie vorgeben, bleibt auch nicht als bloße These stehen, sondern wird belegt und dass man  durchaus  erfolgreiche Politik betreiben kann, die den Neoliberalismus außen vor lässt, wird zu Ende des Buches thematisiert.

Dieses Werk ist Aufklärung pur und deshalb empfehlenswert.

Helga König

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Die Abgehobenen: Wie die Eliten die Demokratie gefährden

Rezension: Heimat.Volk.Vaterland-Eine Kampfansage an Rechts- #Peter_Zudeick- Westend

Peter Zudeick, der Autor des vorliegenden Buches, arbeitet als freier Journalist und Korrespondent für nahezu alle ARD-Rundfunkanstalten.

Der promovierte Philosoph reflektiert in seinem Buch bestimmte Begriffe, die sich das rechte Lager schon im letzten Jahrhundert angeeignet hat, um mit ihnen in ideologische Schlachten zu ziehen. Diese Begriffe aber waren vormals völlig wertfrei und könnten es auch wieder werden, wenn man sich darum ernsthaft bemüht. Peter Zudeick tut dies bereits. Er meint, im Sinne des Philosophen Ernst Bloch, dass es "Kategorien des Irrationalen" gäbe, die vor dem Zugriff der Rechten gerettet werden können. Allerdings klammert Zudeick Begriffe aus, die von den Nazis so sehr beschmutzt wurden, dass sie nicht mehr wiederverwendbar sind. Einer dieser Begriffe ist beispielsweise "Blut und Boden".

Peter Zudeick hat mit "Heimat.Volk.Vaterland" ein Buch vorgelegt, bei dessen Erarbeitung er bemerkenswert wissenschaftlich vorgegangen ist, wie das Literaturverzeichnis und die Anmerkungen deutlich machen. Trotz dieser Tatsache liest sich sein eloquenter Text flüssig, auch spannend, motiviert zum Nachdenken und ist dazu noch lehrreich. 

"Heimat" ist die erste Begrifflichkeit, die der Autor in seinem Werk näher in Augenschein nimmt. Den diesbezüglichen Überlegungen stellt er eine Heimatdefinition der Brüder Grimm voran und erinnert später daran, dass Heimat neuerdings wieder Konjunktur habe. Ein Zeichen dafür sei die Einrichtung von Heimatministerien. 

Den Begriff "heimuot" kannte man schon im 11. Jahrhundert, die moderne Form "Heimat" ist seit dem 15. Jahrhundert bekannt. Bedeutete der Begriff ursprünglich "Haus", "Hof", "Stammsitz", wurde er nun zu einem klar definierten Rechtsverhältnis. Dieses vom Autor näher ausgeführte Rechtsverhältnis wandelte sich im 19. Jahrhundert. Nun war Heimat nicht mehr nur Geburtstort. Nun entstanden Heimatlieder und die sogenannte Heimatbewegung. Nun wurden hierzulande Heimatvereine, Heimatbünde, Trachtenvereine, Geschichtsvereine, Volkskunstvereine und Heimatmuseen gegründet und das Schulfach Heimatkunde eingeführt.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts dann gewann die Heimatbewegung immer größeren Einfluss, zugleich seien die nationalistischen und völkischen Töne stärker geworden. Wie es dazu kam, wird auch aufgezeigt und es bleibt nicht unerwähnt, dass die sogenannte  Blut- und Boden-Ideologie der Nazis  genau hier ihre Wurzeln hat. 

Hitler übernahm also später, was schon dagewesen. Nun allerdings wurde Heimat in der Nazi-Ideologie zu etwas, was  gegen "rassenfremde Kräfte" (darin sah man Urheber der Heimatzerstörung) und gegen den äußeren Feind, der angeblich die Heimat rauben wollte, verteidigt werden musste. Der Heimatbegriff wurde aggressiv aufgeladen, wie beispielsweise das Wort "Heimatfront" dokumentiert. 

Nach dem 2. Weltkrieg wurde der Begriff im wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr verwendet. Heimatfilme und Heimatlieder standen in den 1950er Jahren aber hoch im Kurs und der Begriff Heimat blieb auch später ein ungebrochener Teil der Kulturindustrie. In intellektuellen Kreisen allerdings war er lange tabuisiert. 

Für den Philosophen  und Linksintellektuellen Ernst Bloch - und das ist sehr interessant- war Heimat ein "philosophischer Begriff" gegen die Entfremdung. Ihm geht es um den Umbau der Welt zur Heimat. 

Auch der Schriftsteller Bernhard Schlink begreift Heimat als Gegenentwurf zur Entfremdung. Peter Zudeick zitiert aus dessen Werk "Heimat als Utopie", wo für Schlink in der Uniformierung und Anonymisierung der Lebenswelt  die Entfremdung konkret vor Ort erfahrbar ist.

Dass nun auch die Grünen mit dem Begriff "Heimat" auf Tuchfühlung gehen und ihn neu definieren, zeigt, dass dieser Begriff sich allmählich wieder wertfrei im Raum bewegt, auch wenn die Rechten ihn gerne noch immer als ihr Eigentum betrachten möchten. 

"Vaterland" ist ein weiterer Begriff, den Peter Zudeick unter die Lupe nimmt. Auch hier zeigt er die historische Entwicklung und auch hier sieht man, dass der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts kippte und nun Elemente feindseliger Ausgrenzung enthielt. Wie er dann im Nazi-Regime geradezu krankhafte Formen annahm und welche Rolle der Stolz dabei hatte, bleibt in den Betrachtungen auch nicht ausgespart, bevor es um die Begriffe "Volk" und "völkisch" geht. 

Es führt zu weit, all die Zwischenüberlegungen des Philosophen hier zu erwähnen. Was dem Linksintellektuellen geglückt ist, betrachte ich weniger als eine Kampfansage an Rechts, vielmehr  als gelungenen Versuch für eine differenziertere Sprache zu sensibilisieren und dafür zu werben, den Mut aufzubringen - jenseits ideologischer oder emotionaler Überfrachtung - Worte entspannt zu verwenden, die in der Lage sind, Gemeinschaft im positiven Sinne zu bestärken  und so ein friedliches Miteinander zu leben, in einer Heimat, die die gesamte Erde und alle Völker mit einbezieht. Die Völker einer solchen Heimat  beseitigen Fluchtursachen wie Krieg, Armut und Hunger überall, weil  ihr Solidaritätsdenken nichts anderes zulässt.

Leben auf der ganzen Welt lebenswert zu machen, heißt Heimat nicht zur bloßen Worthülse verkommen zu lassen und sie im Irgendwo sehnsüchtig  suchen zu müssen. Das sollte allen bewusst werden.

Sehr empfehlenswert. 

Helga König

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Heimat. Volk. Vaterland: Eine Kampfansage an Rechts

Rezension: Peter J. König: Arabisches Beben- Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten-Rainer Hermann -Klett-Cotta

Rainer Hermann ist Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Als langjähriger Auslandskorrespondent hat er wie kaum ein Zweiter den Nahen Osten kennengelernt. Schon als Student war er unter anderem in Damaskus, um hier Islamwissenschaften zu studieren. Er berichtete vom Einmarsch der Iraker in Kuweit, den er selbst Vorort miterlebte. Seine weiteren Stationen waren Istanbul und Abu Dhabi, wo er einige Jahre lebte und journalistisch tätig war, bevor er anschließend Mitglied der politischen Redaktion der "FAZ" wurde. In seinem hier vorgelegten Werk "Arabisches Beben" versucht der Autor ganz akribisch zu hinterfragen, wo die Ursachen zu suchen sind, dass der Nahe Osten so aus den Fugen geraten ist, dass er mittlerweile zu den gefährlichsten und explosivsten Regionen weltweit gehört. Alles begann mit dem Untergang des Osmanischen Reichs, das zuvor jahrhundertelang für Ruhe und Ordnung in der Region sorgte, als die Türken die Ländereien dominierten von Euphrat und Tigris, auf der Arabischen Halbinsel und auch in Syrien. 

Die türkische Vorherrschaft zerbrach mit dem Ende des Ersten Weltkrieges, als die Kolonialmächte Großbritannien und Frankreich die Macht im ganzen Nahen Osten übernahmen, von Marokko über das Maghreb, Ägypten und die gesamte Levante. Als Schutzmächte sorgten sie für eine gewisse Stabilität in diesen Regionen, die aber dann brüchig wurde, als nach dem Zweiten Weltkrieg quasi auf dem Reißbrett Staaten herausgebildet wurden, die über keinen inneren Zusammenhalt verfügten und wo man die Grenzen willkürlich gezogen hatte. Mit der Entlassung in die Unabhängigkeit wurde die Machtfrage immer aktueller, die dann durch Militärputschs und despotische Herrscherhäuser in den einzelnen Ländern geklärt wurde und so wieder eine gewisse trügerische Ruhe einkehrte. 

Zugleich nahmen die Auseinandersetzungen zwischen den schiitischen und sunnitischen Glaubensrichtungen zu und mit der Gründung der schiitischen Islamischen Republik Iran entstand ein gefährlichen Gegenspieler zum saudi-arabischen sunnitischen Königshaus, zumal Russland die Ayatollahs in Teheran massiv unterstütze, während die USA die engsten Verbündeten der Saud-Dynastie waren. Den Ländern im Nahen Osten war es nicht gelungen, nach ihrer Entlassung in die Unabhängigkeit eine eigene staatliche Identität zu entwickeln. Ihre Bezüge bestanden aus ihrer jeweiligen Religion, ihrer Volks- und Stammeszugehörigkeit oder ihren wirtschaftlichen Interessen, wobei alles zusammen gewürfelt war, ohne auf natürliche Weise über einen langen Zeitraum gewachsen zu sein. 

Das Militär und die Geheimdienste haben in allen Staaten des Nahen Ostens dafür gesorgt, dass der Zusammenhalt erzwungen werden konnte. Aufstände, die es immer wieder gab, wurden brachial im Keim erstickt. So konnte die Ordnung in der Region erhalten bleiben, bis zu dem Zeitpunkt als in Tunesien der sogenannte "Arabische Frühling" ausbrach und sich im ganzen Nahen Osten fortzusetzen schien. Dabei wurde Ägypten, das Land mit der größten Bevölkerung im Nahen Osten ebenso erschüttert, wie Syrien, Jemen, Libyen und der Libanon. 

Jetzt zeigt sich, dass die Länder neben ihren mangelnden Identitäten auch mit den größten wirtschaftlichen und religiösen Problemen zu kämpfen haben. Bürgerkriege und die Vorherrschaft von Sunniten oder Schiiten haben die unterschiedlichsten Formen von Milizen entstehen lassen, die alle versuchen die Macht in der Region zu erlangen und mit dem "Islamischen Staat" ist ein Gebilde entstanden, dass über den Nahen Osten hinaus die Weltherrschaft der Scharia mit Terror und Gewalt durchsetzen will. 

Rainer Hermann belässt es in seinem Buch "Arabisches Beben" nicht allein bei der Analyse der Vergangenheit und der Beschreibung des aktuellen Zustands, wo neben den Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran, die um die Vorherrschaft in der Region kämpfen, auch Russland, die Türkei und die USA in diesen Konflikt involviert sind. Für den Autor ist klar, dass auf einen langen Zeitraum das Beben im arabischen Raum anhält und dass eine Entspannung in der Region nur dann zustande kommen kann, wenn die Menschen sich einer neuen staatlichen Identität bewusst werden, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen für die Menschen sich so ändern, dass sie eine Perspektive in ihren Ländern sehen und sie nicht gezwungen sind, ihre Zukunft durch die Flucht nach Europa zu suchen.

Die Vorgänge im Nahen Osten sind seit jeher komplex und die militärischen Auseinandersetzungen im Bürgerkrieg in Syrien mit seiner Stellvertreter-Funktion macht die Situation zusätzlich kompliziert. Hier den Überblick zu bekommen, das ist der Verdienst von Rainer Hermann, der es schafft sehr verständlich und nachvollziehbar dem Leser die Zusammenhänge zu vermitteln. 

Sehr empfehlenswert 

Peter J. König

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Arabisches Beben: Die wahren Gründe der Krise im Nahen Osten

Rezension: Die Erfindung der Leistung- Nina Verheyen- Hanser Berlin

Nina Verheyen ist Historikerin an der Universität zu Köln. Sie schreibt nebenbei Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und für den Merkur. Das vorliegende Buch hat sie in insgesamt 7 Kapitel gegliedert. Diesen gehen eine umfangreiche Einleitung voran.

Wie sie festhält, übe sie in ihrem Werk weder pauschale Leistungskritik, noch breche sie eine Lanze für das Leistungsprinzip. Vielmehr sollen ihre Ausführungen zu einem besseren Verständnis von "Individueller Leistung" als einer im Alltag mächtigen und gleichwohl unentdeckten Kategorie beitragen. Dies sei die Grundlage für eine differenzierte Kritik, die tatsächlich etwas bewirken könne, ohne sogleich das Kind mit dem Bade auszuschütten.

Die Autorin schreibt in ihrem Buch aus unterschiedlichen Perspektiven wie sich das Leistungsparadigma im Verlauf der Zeit verfestigt hat, allerdings auch immer wieder verändert wurde. Dies geschah dadurch, dass Leistungserwartungen ebenso stabilisiert wie aufgebrochen, Techniken der Leistungsmessung einerseits fortgeführt, andererseits aber auch modifiziert und schließlich Formen der Leistungsbelohnung zementiert aber auch reformiert wurden.

Der räumliche Schwerpunkt der Betrachtungen Nina Verheyens liegt auf Deutschland und führt nur ab und an in andere Länder. Es waren die Europäer, die im 19. und 20. Jahrhundert von der Leistung anderer profitiert haben und zwar durch die schon im frühen 16. Jahrhundert begonnen habende ökonomische, kulturelle und soziale Verflechtung der Welt. Nach Ansicht Verheyens sei die Leistung der westlich-modernen Welt vor allem eines: eine gelungene Zuschreibung.

Man erfährt in der Folge, wie Menschen aus vergangenen Zeiten sich die Vorstellung ihrer Leistung zu Eigen machten und welches Glücksgefühl, aber auch welches Leid damit verbunden war, wenn jemand den Anforderungen nicht entsprach. Zwar komme man an die Geschichte der Gefühle, um die es hier geht, nicht mehr heran, wohl aber an die öffentlichen Debatten und Bekenntnisse, die Gefühle zum Thema hätten. Sowohl die Debatten über "Leistungsgefühle" als auch die damit verbundenen Praktiken der Leistungszuschreibung hatten im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland für große Teile der Bevölkerung an Gewicht gewonnen.

Der bürgerliche Tugenddiskurs der Dekaden um 1800 habe- zumindest im deutschsprachigen Raum wenig mit dem optimierungswütigen, produktivitäts- und effizienzorientierten Leistungsverständnis der Gegenwart zu tun. Damals ging es um das Leisten von Gesellschaft, um Wertschätzen von Familie in dem Diskurs. Mit der Industrialisierung, Nationalstaatenbildung und der von Globalisierungsschüben geprägten Epoche habe sich ein stark auf die Erwerbsphäre bezogenes, von den Naturwissenschaften in den Bereich des Sozialen übertragenes Leistungsverständnis herausgebildet, in dessen Tradition heute noch jene stehen, die höhere Leistungen einfordern und damit nicht nur höhere Umsatzzahlen aber auch eine bessere Unterstützung für Erwerbslose.

In der Zeit zwischen dem Fin de Siècle und dem Zweiten Weltkrieg wurde das Leistungsparadigma zugespitzt und verband sich immer fester mit dem Gedanken der Leistungssteigerung. Dies führte zum einen zu rationalisierten Arbeitsprozessen und gezielt herbeigeführten Spitzenleistungen zum anderen aber auch zu kollektiven und individuellen Zusammenbrüchen. Während der Nazizeit steigerte sich das Verhalten noch mehr. So war der systematische Massenmord und die Politik der Euthanasie in den Augen des braunen Packs die Voraussetzung dafür, die Leistungskraft der "Volksgemeinschaft" weiter zu steigern.

In den 1960er Jahren begann dann die Debatte um und das Zeitalter der Leistungskritik, die auch als Kapitalismuskritik betrieben werde, anstelle zu erkennen wie sich mit Leistung gegen die dunklen Seiten des Kapitalismus streiten lasse. Dies setze aber voraus, dass man ein soziales Leistungsverständnis entwickele, dass individuelle Leistung als einen kollektiven Kraftakt begreife und als eine gemeinsame Konstruktion, die sich auch ändern lasse- sowohl auf der großen Bühne der Politik als auch im Alltag. So nämlich sei man nicht länger dem Leistungsprinzip des Kapitalismus ausgeliefert. Auf diese Weise gestalte man selbst. Dass Leistung dieser Art erfüllend und weniger stressend und selbstausbeutend ist, steht für mich außer Frage.

Ein spannend zu lesendes Buch, das ich gerne weiterempfehle.

Helga König

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