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Rezension Peter J. König: Harald Welzer . Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen - Alles könnte anders sein- S. Fischer

#Harald_Welzer, Professor für Soziologie und Sozialpsychologie mit Lehraufträgen in Hannover, Flensburg und St. Gallen befasst sich sehr intensiv mit der Zukunft und hat sich hier einen außerordentlichen Ruf erarbeitet. Bereits seine früheren Bücher "Selbst Denken" und "Die smarte Diktatur" sind Bestseller, alle erschienen bei S. Fischer. 

Schon in seiner Publikation "Wir sind die Mehrheit" hat er sich intensiv mit Zukunftsvisionen auseinander gesetzt, gilt Welzer doch als ein erprobter Zukunftsarchitekt. In seinem aktuellen Buch "Alles könnte anders sein" stellt der Professor für Transformationsdesign fundierte Überlegungen an, welche Alternativen es zur heutigen Lebenswirklichkeit gibt und was geboten wäre eine gerechtere Welt zu schaffen, die allen Menschen Frieden, den notwendigen Wohlstand und Zufriedenheit bringt. Dass Welzer hier allerdings berechtigte Zweifel an der Umsetzung seiner Thesen sieht, dies bringt er schon auf dem Cover seines Buches zum Ausdruck, wenn er noch vor dem Titel verlauten lässt, dass es sich um eine "Gesellschaftsutopie für freie Menschen" handelt.

Interessant sind dabei die Formulierungen "Gesellschaftsutopie" und  "freie Menschen". Dies impliziert, dass die heutige Gesellschaft, ganz zum Unterschied der im Buch entwickelten theoretischen Gedankenspiele nicht frei ist, und Welzer sie selbst aus heutiger Sicht als utopisch einstuft. Und doch besitzen sie eine entwaffnende Logik, immer unter Hinzuziehung des Ist-Zustandes und der alternativen Möglichkeit, wenn sie nur umgesetzt werden würde. Dazu führt Welzer eine Vielzahl von Missständen in unserer Gesellschaft an, die zwar dem Einzelnen Mega-Vorteile bringt, den Menschen insgesamt aber nur maximale Nachteile, bis hin zur Verarmung und Verelendung ganzer Völker und Kontinente. Dabei spielt die globale Wirtschaft eine ganz entscheidende Rolle, die einhergeht mit einer nie gekannten Konzentration von Kapital, Eigentum an Ressourcen und Macht in den Händen weniger. 

"Global Players" sind die eigentlichen Herrscher dieser Welt, die Politik hat schon lange ihre demokratische Legitimation verloren. Die Folgen sind unübersehbar, nicht zuletzt durch den Klimawandel und die unaufhaltsame Verschwendung von lebensnotwendigen Ressourcen für die Menschen und den Erhalt einer intakten Natur. 

Dass es auch anders geht, dies zeigt der Autor deutlich, an Hand einer zwingenden Logik, wenn nur die Vernunft an erster Stelle steht. 

Professor Welzer hat hier ein Schriftwerk geschaffen, das nicht nur vom Humanismus und einer dringend gebotenen Nachhaltigkeit geprägt ist, er hat auch verstanden dies alles anschaulich, nachvollziehbar, sehr interessant und kurzweilig darzustellen. Und besonders verblüffend ist, wie relativ einfach seine Thesen vom Glück, des Wohlstandes und der Nachhaltigkeit umzusetzen wären, wenn die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft die Vorteile für die Gemeinschaft wahrnehmen würden, um sie dann auch Wirklichkeit werden zu lassen. 

Doch da stehen in der Regel Egoismus, die Gier und das grenzenlose Habenwollen davor. Und doch hat das Buch eine zwingende Berechtigung, zeigt es doch auf, welche immensen Möglichkeiten es gibt, dem drohenden Absturz zu entkommen. Was heute noch Utopie ist, kann schon morgen Wirklichkeit werden, zumal wenn es keine Alternativen mehr gibt, außer diesen die Professor Harald Wenzel hier aufgezeigt hat, freie Menschen sie verstanden haben und Realität werden lassen. 

Allzu viel Zeit bleibt dabei allerdings nicht mehr. 

 Maximal empfehlenswert 

Peter J. König

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Alles könnte anders sein: Eine Gesellschaftsutopie für freie Menschen

Rezension: Was ist so schlimm am Kapitalismus- Jean Ziegler- C. Bertelsmann

Der Autor dieses Buches, #Jean_Ziegler, ist Soziologe, emeritierter Professor der Universität Genf und war bis 1999 Nationalrat im Eidgenössischen Parlament. Von 2000 bis 2008 war er als UN-Sonderbotschafter für das Recht auf Nahrung tätig. Seither ist er Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats und Träger verschiedener Ehrendoktorate sowie internationaler Preise.

Sein neues Buch enthält ein langes, aufklärerisches Gespräch zwischen ihm und seiner Enkelin zum Thema "Was ist so schlimm am Kapitalismus", das unmissverständlich deutlich macht, dass man den Kapitalismus nicht verbessern und korrigieren kann, sondern bekämpfen und zerschlagen muss, weil er die Existenz der Menschheit bedroht. Für Jean Ziegler hat der Kapitalismus eine kannibalische Ordnung geschaffen, deren Prinzip im Überfluss für eine kleine Minderheit und im mörderischen Elend für die große Masse besteht.

Der Vizepräsident des Beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats schreibt, seine Leser damit aufrüttelnd, "Die kapitalistische Produktionsweise trägt die Verantwortung für unzählige Verbrechen, für das tägliche Massaker an Zehntausenden von Kindern durch Unterernährung, Hunger und Hungerkrankheiten, für Epidemien, die schon lange von der Medizin besiegt wurden, für die Zerstörung unserer natürlichen Umwelt, die Vergiftung der Böden, des Grundwassers und der Meere, die Vernichtung der Wälder..." Weil die Eigentümer des Kapitals enorme Finanzmittel konzentrieren, menschliche Begabungen mobilisieren, sich zudem Wettbewerb und Konkurrenz zunutze machen, sei es möglich, dass die mächtigsten Eigentümer des Kapitals das, was die Wirtschaftswissenschaftler "problematischen Wissen" nennen, zu kontrollieren. Gemeint sind damit die wissenschaftliche und technologische Forschung auf verschiedenen Gebieten wie Elektronik, Informatik, Pharmazie. Medizin, Energie, Luftfahrt, Astronomie, Materialwissenschaft etc.

Der Autor erläutert, woher der Begriff Kapitalismus kommt und wie der Kapitalismus - historisch gesehen - sich entwickelt hat. Dabei sollte man wissen, dass das Wort Kapitalismus auf zwei fundamentale Gegebenheiten verweist: Jean Ziegler nennt: "Das Kapital als Geldmenge und den Kapitalisten als Wirtschaftssubjekt oder gesellschaftlichen Akteur, der sich auf Kosten der Arbeiter bereichert." Man erfährt, was man unter Mehrwert zu verstehen hat, wie dieser entsteht, wie  sich Kapital akkumuliert, wie Oligarchien sich entwickeln und was man unter ihnen zu verstehen hat. Begriffe wie "Arbeitseinkünfte" und "Kapitaleinkünfte" werden erklärt und  es wird verdeutlicht, dass Drittländer die erste Akkumulation des europäischen Kapitals unter unvorstellbar grausamen Bedingungen und mit ihrem Leben bezahlt haben. Nahezu alle Kolonialherren waren Ausbeuter und Verbrecher.

Jean Ziegler schreibt auch von der französischen Revolution, die der politische, ideologische und wirtschaftliche Triumph des kapitalistischen Bürgertums war. #Robespierre sei der Hauptverantwortliche der "Heiligsprechung" des Eigentums, der Grundlage der kapitalistischen Ausbeutung wie der Autor meint. Es gab eine Reihe von Revolutionären damals in Frankreich, die die Abschaffung des Privateigentums propagierten, unter diesen #Gracchus_Babeuf, der aber damals hingerichtet wurde.

Nun nahm die kapitalistische Produktionsweise Fahrt auf. Seit Ende des letzten Jahrtausends habe sich das #Finanzkapital verselbstständigt. Es handelt sich hierbei um eine besondere Form des Kapitals, das der Autor genau erklärt. Er beschreibt die Wirtschaftsinstitution der Börse, skizziert das Agieren der Trader und erinnert daran, dass die Zirkulationsgeschwindigkeit der Informationen den Planeten schrumpfen lassen.

Wer über die Weltwirtschaft herrscht? "Das sind genau die Oligarchen, die Eigentümer des globalisierten Finanzkapitals, die winzig kleine Gruppe von Männern und Frauen unterschiedlicher Nationalität, Religion, Herkunft, aber alle einander ähnlich in ihrer Energie, ihrer Gier, in ihrer Verachtung für die Schwachen, der Gleichgültigkeit gegenüber dem Gemeinwohl, der Blindheit für die Geschicke des Planeten und das Schicksal der Menschen, die auf ihm leben.", so Jean Ziegler  Die Oligarchien  arbeiten im Verborgenen, nur selten kenne man ihre wahre Identität.

Es macht zornig, was der Autor über den Kongo und den dortigen Abbau des Erzes Coltan schreibt. Kindersklaven werden hierfür eingesetzt und in die engen Schächte geschickt, damit ein Bergbaugigant sich utopisch bereichern kann und im Steuerparadies Kanton Zug dann  jährlich nur 0,2 Prozent Steuern zahlt.

Die Waffen der Oligarchien des Finanzkapitals seien: "Zwangsfusion, Unternehmensverlagerung, Errichtung von Oligopolen, Vernichtung des Gegners durch Dumpingpreise oder Desinformation." Beseelt von ihrem Machttrieb, der Gier und dem rauschhaften Gefühl grenzenloser Verfügungsgewalt verteidigten sie mit Zähnen und Klauen die Privatisierung der Welt. Ihr verdankten sie nämlich extravagante Privilegien, Pfründe ohne Zahl und persönliche Vermögen.

Nicht unerwähnt bleiben Korruption und Veruntreuung durch die obsessive, grenzenlose #Habgier, bevor der Autor über den Begriff Globalisierung informiert, der irreführend sei, weil die Welt, die die Kapitalisten geschaffen haben, einem Archipel ähneln würde. Westeuropa sei einer der wohlhabendsten Inseln dieses Archipels.

Jean Ziegler schreibt über das Verhalten von Konsumenten für die Güter hergestellt werden, die nur von kurzer Lebensdauer sind, schreibt auch über irreführende Werbung und wie der Kunde eingeseift wird, damit sich immer mehr Kapital akkumulieren kann.

Man liest über die schlechte Bezahlung in Drittländern, so etwa in Bangladesh, wo Textilien seitens westlicher Ausbeuter für die Industrieländer billig hergestellt werden. Man liest auch von der Umweltverschmutzung, vom Klimawandel und dass rund 62% aller Krebserkrankungen in den Industrieländern Auswirkungen eines gestörten Ökosystems sind oder auf eine unangemessene, industrielle Ernährung zurückzuführen seien.

Die Akkumulation von Reichtümern durch Kosmokraten kenne nur einen Antrieb: "#Gier, #Machthunger, das Verlangen immer mehr Reichtümer zu raffen, mehr Kapital als der Nachbar und der Konkurrent anzuhäufen. In diese wahnhaften Begierde nach unbegrenztem Profit spiele der Gebrauchswert keine Rolle.

Der Kapitalist möchte das Bewusstsein und Denken anderer Menschen beherrschen. Wenn unsere Welt und wir alle eine Zukunft haben sollen, dann muss Schluss sein mit der Akkumulation von Reichtümern Einzelner, Schluss sein mit dem Machtanspruch. Dann gilt es Humanismus zu realisieren auf der ganzen Welt, dann muss aufgeklärt werden, genau so wie Jean Ziegler es in seinem wunderbaren Buch tut.

Maximal empfehlenswert

Helga König

Im Fachbuchhandel erhältlich

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Was ist so schlimm am Kapitalismus?: Antworten auf die Fragen meiner Enkelin

Rezension: Das neue Wir- Warum Migration dazugehört- Eine andere Geschichte der Deutschen- Jan Plamper- S. Fischer

#Jan_Plamper lebte lange in den USA und in Russland. Heute lehrt er als Professor am Goldsmith College in London und pendelt zwischen Berlin und London hin und her.

Das vorliegende, überaus faktenreiche Buch bewegt sich um die Themen #Migration, #Nation und #Identität, verrät der Autor in seinem Vorwort. Er lässt die Leser (m/w) weiter wissen, dass das Buch Migrantengruppen in die deutsche Geschichte hineinschreibe, die nur selten in ihr vorkomme. Er  erzähle Geschichte anhand von nicht fiktiven Menschen, die seit 1945 nach Deutschland West und Ost migriert seien. Dabei sei die Summe ihrer Geschichten die Geschichte der Deutschen. Für Jan Plamper- übrigens auch für mich- gilt: Zusammen sind wir das neue Wir. 

Darüber hinaus ist für Jan Plamper "das neue Wir" ein Plädoyer für eine kollektive Identität. Ziel des Buches ist, ein Verständnis von Nation, bei dem die Zugehörigkeit zur deutschen Nation und andere Zugehörigkeiten, auch die Herkunft aus einer anderen Nation, zusammengehen, anstelle einander auszuschließen. Als Sammelbegriff für alle deutschen Staatsbürger mit "zusätzlichem kulturellen Gepäck" schlägt er den Begriff "#Plusdeutsche" vor und erläutert die Vorteile dieses Begriffs. 

Nach dem umfangreichen Vorwort warten 8 Kapitel auf die Leser, wobei es im ersten Kapitel um die Geschichte der Auswanderung aus Deutschland geht. Wie Jan Plamper betont, war Deutschland vor dem 20. Jahrhundert ein klassisches Auswanderungsland. Der Autor fragt sich, weshalb es trotz der deutschen Massenauswanderung für die Deutschen der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts so schwierig gewesen sei, sich als Einwanderungsland zu definieren und fragt weiter, ob es eventuell mit der spezifisch deutschen Denktradition, die mit dem Namen des Philosophen Johann Gottfried Herder verbunden sei, zu tun habe. Damals gab es noch keine deutsche Nation, deshalb definierte er die Nation primär über Sprache und Kultur und nicht über die Staatsbürgerschaft. 

Jan Plamper berichtet wie es dann weiterging und schreibt u.a. von der deutschen "Parallelgesellschaft in Pennsylvania" um 1750. Die Furcht vor einer deutschen Parallelgesellschaft  soll sich durch die gesamte Geschichte der deutschen Einwanderung in den USA gezogen haben. Auch damals gab es schon Zeltstädte für Auswanderer. Der Weg in die USA muss recht beschwerlich gewesen sein. Wie auch immer, Integration fand dort statt. Im Bürgerkrieg von 1881-1865 kämpften 200 000 Deutschamerikaner auf der Seite der Nordstaaten gegen die Sklaverei. 

Man liest weiter über die Massenauswanderung der Deutschen im 19. Jahrhundert. So waren Ende des 19. Jahrhunderts etwa eine Viertelmillion Juden aus Deutschland nach Amerika ausgewandert. Dann liest man über den ersten Weltkrieg und was das für die Deutschamerikaner bedeutet hat. So reagierten nicht wenige  aus Angst mit Hyperassimilation.

Weiter erfährt man Wissenswertes über Deutsche in Russland in vorangegangenen Jahrhunderten und in Südamerika. Je größer der Nationalismus wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert, umso mehr blieben den deutschen Auswanderern nur zwei Möglichkeiten: Rückzug in abgeschirmte, ethnische Communities oder das Lossagen von allem Deutschen. 

Blickt man auf die Situation der Migranten in Deutschland im Hier und Jetzt, weiß man, dass der Spruch" nichts ändert sich unter Gottes Sonne" auch in diesem Fall zutrifft.

Anschließend geht es um die größte Migrationsbewegung in der europäischen Neuzeit, nämlich jene nach Kriegsende 1945. Millionen von Menschen waren unterwegs, nicht nur Flüchtlinge und Vertriebene, sondern auch Wehrmachtssoldaten, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Überlebende der Vernichtungslager und neun Millionen evakuierte Städter. Man kann es sich kaum vorstellen.

Insgesamt sind mindestens zwölf Millionen Menschen vertrieben worden, möglicherweise sogar vierzehn Millionen. Die meisten dieser Menschen seien Frauen und Kinder gewesen. Vergessen werden darf nicht, dass die Ursache dessen die Expansionspolitik der Deutschen war. Sie waren es, die zuvor Tschechen und Polen aus ihrer Heimat vertrieben hatten. Das Motiv der Vertreibung seitens der Deutschen in der Nazi-Zeit waren pseudobiologische Reinheitsphantasien. 

Dann liest man weiter von vererbten Traumata. Hier wird auch die Autorin Sabine Bode erwähnt, von deren  sehr guten Büchern ich zwei rezensiert habe. Sie leitet u.a. Kinderlosigkeit vieler aus der Folgegeneration aus fehlender Trauer über die von der Kriegsgeneration erlittenen Schrecken ab.

Jede fünfte Person in Deutschland kommt  übrigens aus einer Vertriebenenfamilie. 

Weiter geht es dann mit Arbeitsmigration im Westen. Gefragt wird was "Gastarbeit" war.  Es werden wahre Geschichten aus dem damaligen Leben erzählt, die einen Eindruck von dem vermitteln, was zu Wirtschaftswunderzeiten im Hinblick auf Gastarbeiter sich ereignete. Die allermeisten der Gastarbeiter, - 11 von 14 Millionen - kehrten in ihre Herkunftsländer zurück. Das verbleibende Fünftel arrangierte sich mit den Verhältnissen und integrierte sich  recht bald.

Wie Arbeitsmigration im Osten aussah, wird auch breit erörtert, bevor das Thema Asyl zur Sprache kommt. Asylbewerber der frühen 1980er bis frühen 2000er sind hier das Thema und auch der Asylkompromiss aus dem Jahre 1993. 

Durch den Mauerfall 1989 erhöhte sich die Geschwindigkeit, mit der sich Menschen in Europa bewegten. Damals begann die zweite Epochenschwelle der Migration Deutschlands seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, so der Autor. 

Im 6. Kapitel geht es um russlanddeutsche, polnische und rumänische Aussiedler und im Kapitel 7 um jüdische Kontingentflüchtlinge. Hier erfährt man, dass die Sowjetunion immer wieder in den Antisemitismus abglitt, speziell nach der Gründung des Staates Israel. Nach wie vor würden viele Deutsche in russischen Juden nur Russen sehen und nicht als Überlebende der Schoa. Die Gründe hierfür erläutert Jan Plamper im Buch sehr gut. Für jüdische Kontingentflüchtlinge war und ist es sehr schwer hierzulande, rasch in den Arbeitsmarkt integriert zu werden, selbst wenn sie hochgebildet sind. 

In Kapitel 8 dann geht es um die "Willkommenskultur 2015". Darüber wird ausgiebig berichtet, aber auch von den Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime in diesem Zusammenhang. Auch Thilo Sarrazin und sein fatales Buch "Deutschland schafft sich ab", kommt zur Sprache, dessen Verriss Jan Plamper sehr gut begründet. Hut ab vor der in den Text eingebundenen Rezension.

Gefragt wird, ob Bewegungsfreiheit ein nationales Grundrecht oder ein universelles Menschenrecht sei. Es werden zudem sehr wichtige Fragen zur Migrationsethik gestellt. 

Jan Plamper ist, wie eingangs schon  erwähnt, der Überzeugung, dass wir eine kollektive Identität brauchen, die eine stärkere emotionale Bindefestigkeit besäße als die Liebe zum Grundgesetz oder eine "Vom-Tellerwäscher-zum Millionär-Aufsteigermentalität". Für ihn ist #Toleranz das Kernelement des Wir. Dabei wird die kollektive Nationalität des Deutschen, das neue Wir, im Rahmen des Grundgesetzes auf demokratischem Wege inhaltlich bestimmt. 

Mit Jan Plamper teile ich die Vision, dass es in Zukunft ein universelles Recht- ein Menschenrecht- auf Freizügigkeit geben wird. 

Was bleibt noch zu sagen? Das Buch sollte jeder lesen, um sich bewusst zu machen, das die deutschen Geschichte eine Migrationsgeschichte ist und man genau darüber sehr froh sein sollte, weil sie der Motor für fortlaufende Erneuerung hierzulande war und ist. 

Maximal empfehlenswert. 

Helga König

Im Fachhandel erhältlich

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Das neue Wir: Warum Migration dazugehört: Eine andere Geschichte der Deutschen

Rezension: #Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt- #Bettany-Hughes- #Klett_Cotta

Bettany Hughes ist eine preisgekrönte Historikerin, Bestseller-Autorin und Verfasserin von TV-Sendungen.

Mit dem Buch "Istanbul- Die Biographie einer Weltstadt" legt sie eine neue Darstellung der Geschichte dieser Metropole vor, die nach ihrer Ansicht unter den Namen #Byzanz, #Konstantinopel und #Istanbul über Jahrtausende nichts an Macht und Magie eingebüßt habe und deren Einfluss die Welt bis heute präge.

Nach einem Prolog und Anmerkungen zu den Namen sowie einer umfangreichen Einleitung ist das Werk in acht Teile untergliedert:

Teil Eins: Byzantion, Stadt des Byzas, 8 000 v. Chr.-311 n. Chr. 
Teil Zwei: Konstantinopel, Stadt Gottes, 311-475 
Teil Drei: Das neue Rom, 476-565 
Teil Vier: Das Sehnen der Welt, 565- 1050 
Teil Fünf- Stadt des Krieges 1050-1320 
Teil Sechs- Allahs Stadt, 1320-1575 (720-983 im islamischen Kalender) 
Teil Sieben: Reichsstadt, 1550-1800 (957-1215 im islamischen Kalender) 
Teil Acht Stadt der Revolten- Stadt der Chancen,1800 (1250 im islamischen Kalender) 

Dem siebenhundertdreißigseitigen Text folgt ein fast zweihundertseitiger Anhang. Das bedeutet für eine Rezension, die nicht endlos lang sein soll, den Mut zur Lücke.

Für die Autorin speist sich Istanbuls kulturelle politische und emotionale Stärke aus dem Umstand, dass das Wesen dieser Stadt nicht durch Zeitbegrenzungen zu definieren ist. Istanbul sei ein Ort, an dem die Menschen zeitübergreifend durch diesen einen Raum verbunden seien. Dies auch sei der Grund, weshalb sie landschaftliche Fixpunkte nutze, um die Geschichte dieser Stadt von der Vorzeit bis zur Gegenwart zu erzählen. Der Ort habe oft etwas Außerzeitliches an sich. Von daher wurde die Ansiedlung auch als Neues Rom, als Neues Jerusalem und als Allahs Stadt bezeichnet. 

Wie man erfährt, haben dort mehr als 320 Menschengenerationen in über achttausend Jahren gelebt, gearbeitet und gespielt. So sei trotz diverser Leerstellen ein reicher Fundus an archäologischen und literarischen Zeugnissen vorhanden. Bettany Hughes hat sich mit einer Reihe interessanter Persönlichkeiten der Stadt beschäftigt, sich dabei allerdings nicht nur auf jene konzentriert, die über öffentliche und öffentlichkeitswirksame Macht verfügt haben, sondern sich auch mit jenen befasst, denen u. U. nicht klar war, dass sie Geschichte schrieben. 

Es handelt sich bei diesem Werk um keinen umfassenden Katalog über Istanbuls Vergangenheit, sondern die Autorin geht der Frage nach, was diese Stadt ausmacht. Sie hat sich auf wegweisende Ereignisse und Ideen konzentriert, die die Metropole prägten oder durch die sie Einfluss gewonnen hat. 

Istanbul habe den hartnäckigsten Theokratien der Welt Rückhalt geboten und sie habe die Vorherrschaft des Christentums als Weltreligion unterschützt. Zudem entmutigte sie Kalifen und fand sich alsdann mit dem langlebigsten Kalifat der Geschichte ab. Aus Gründen, die die Autorin  natürlich benennt, kommt sie zum Ergebnis, dass Istanbul der Rosetta-Sein für internationale Angelegenheiten verkörpere.  Dem kann man nur zustimmen.

Eine Reihe von Helden- Bettany Hughes nennt sie alle beim Namen-, wurden von der Stadt angezogen. Insofern wundert es nicht, dass Literaten den Ort besungen haben. Viele der erstklassigen, literarische Erzeugnisse seien nur dank der Arbeit in den Skriptorien Istanbuls entstanden. Auch das bleibt nicht unerwähnt.

Die Autorin verdeutlicht in den acht Teilen ihres umfangreichen Werkes, dass Istanbul die langlebigste politische Einheit in Europa sei. Es handele sich dabei um einen Ballungsraum, der im Laufe der letzten achttausend Jahre ein Mosaik von Siedlungen und Mikrostädten versammelt habe, aus dem dann das gewaltige, chaotische Konglomerat der modernen Metropole entstanden sei.

Sich durch die Jahrhunderte im Buch durchzuarbeiten, bedeutet letztlich, das Konglomerat zu entschlüsseln und diese Stadt in all ihren Facetten  besser zu verstehen. 

Maximal empfehlenswert

 Helga König 

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Rezension Peter J. König: DIE TOTENGRÄBER - Der letzte Winter der Weimarer Republik- Rüdiger Barth und Hauke Friederichs-S. Fischer

Die Autoren #Rüdiger_Barth und #Hauke_Friederichs haben in ihrem sehr lesenswerten Buch: "#Die_Totengräber" akribisch die letzten Tage der Weimarer Republik hier nachvollzogen, indem sie aufzeigen, wie politisch instabil dieser letzte Winter vor der Machtergreifung Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten abgelaufen ist. Eine stabile Regierung hat es zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr gegeben, Reichspräsident Hindenburg, als die graue Eminenz, und noch immer von den Deutschen hoch geachtet, besaß nicht mehr die Kraft, die politischen Geschicke zum Wohle des Deutschen Volkes zu beeinflussen, zumal die Parteien im Reichstag sich gegenseitig zerfleischten, die Sozialisten gegen die Kommunisten, die Zentrumspartei contra die Adligen und die Nationalsozialisten überhaupt gegen die Weimarer Republik, die sie unter allen Umständen abschaffen wollten, mit demokratischen Mitteln mit Hilfe von Wahlen. 

Das Parlament war ein Sammelsurium von Splitterparteien, die nur unter größten Kompromissen eine Regierung zustande gebracht haben, um dann einen Reichskanzler zu wählen, der sowohl den Koalitionsparteien als auch Reichspräsident Hindenburg genehm war. Als Kompromiss wurde dann der führungsschwache Kanzler Franz von Papen von den republiktreuen Parteien installiert, der allerdings nach den Wahlen vom 6. November 1932 und dem verheerenden Ergebnis für die Demokraten demissionierte. 

Fortan begann das Gerangel um die Macht, wobei die Führungsriege der Nationalsozialisten um Göring, Goebbels, SA-Führer Röhm und Parteiideologe Strasser, Adolf Hitler uneingeschränkte Macht zukommen ließen und seine Ambitionen auf die Reichskanzlerschaft mit allen Mitteln unterstützen. Nach verschiedenen vergeblichen Versuchen wurde schließlich nicht Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt, sondern General Schleicher, ein machtbesessener Militär, dem es gelang das Vertrauen von Hindenburgs Sohn, der auch gleichzeitig mit der engste Berater des greisen Feldmarschalls war, zu erlangen. 

Die wirtschaftliche Situation in Deutschland war ein Desaster, die Bevölkerung litt unter Hunger, dem kalten Winter und der galoppierenden Arbeitslosigkeit, sodass es eine starke von einer breiten Mehrheit getragene Regierung gebraucht hätte. Aber eine solche hat die Weimarer Republik nicht mehr zustande gebracht, vielmehr hat die SA auf der Straße gegen die Republik mobil gemacht. 

Um seine Macht zu festigen, verlangte Kanzler Schleicher von Hindenburg quasi-diktatorische Vollmachten, die dieser jedoch verweigerte. Am 28. Januar 1933 tritt Schleicher als Kanzler zurück, da Hindenburg der geforderten Auflösung des Reichstages zwecks Neuwahlen nicht zustimmte. Auf der Suche nach einem neuen Kanzler kam nun Adolf Hitler am 30. Januar an die Macht, als Hindenburg endgültig seiner Kanzlerschaft zustimmte und damit die unheilvolle Herrschaft der Nationalsozialisten begann. Vizekanzler wurde Franz von Papen, Hermann Göring und Wilhelm Frick, die führenden Mitglieder der NSDAP, erhielten Kabinettsposten. 

Rüdiger Barth und Hauke Friederichs haben in ihrem Buch "Die Totengräber" ein sehr anschauliches Bild der zeitlichen Abläufe vom 12. November 1932, nach den Reichstagswahlen vom 6. November und der Machtergreifung Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 gezeichnet. Dabei haben die Autoren sehr genau die Vorgänge beschrieben, die sowohl bei den wichtigsten Parteien, als auch bei den einzelnen Akteuren, die es zur Macht drängte, vorgenommen haben. Intrigen, Versprechungen und Erpressungen wurden dabei ebenso wenig ausgespart, wie taktische Winkelzüge und Lügen. Am Ende waren es die Nationalsozialisten unter Hitler, die mittels Terror auf den Straßen, hochtrabenden Versprechungen und bösartigen Verleumdungen, sowohl die Wähler als auch den altersschwachen Reichspräsident Hindenburg überzeugt haben, die beste politische Lösung für das Reich zu erbringen.

Die demokratischen Parteien hätten dies noch verhindern können, doch dazu waren sie viel zu zerstritten, zumal jede selbst an die Macht kommen wollte.

Die Autoren geben in dem hier vorliegenden Buch tiefe Einblicke in diese dunklen Stunden am Ende der Weimarer Republik. Sie tun dies überaus anschaulich, auch weil sie die laufenden politischen Erklärungen in der damaligen Presse-Landschaft in die fortlaufenden Geschehnisse mit einbinden. So entsteht ein anschauliches Bild das begreiflich macht, woran die Demokratie am Ende von Weimar gescheitert ist. 

Absolut empfehlenswert 

Peter J. König

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Die Totengräber: Der letzte Winter der Weimarer Republik

Rezension: Haymatland- Dunja Hayali- Ullstein

Die Journalistin #Dunja_Hayali wurde 1974 als Tochter irakischer Eltern in Nord-Rhein-Westfalen geboren, studierte an der Deutschen Sporthochschule und moderiert seit 2007 das ZDF-Morgenmagazin, seit 2017 dunja hayali und seit 2018 das ZDF Sportstudio. Sie engagiert sich gegen #Rassismus, #Fremdenfeindlichkeit und #Antisemitismus. 2018 erhielt Dunja Hayali das Bundesverdienstkreuz für ihr Engagement gegen Extremismus, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und für ihre journalistische Arbeit. 

"Haymatland" ist ein sehr persönliches Buch, indem sie der Frage nachgeht, wie wir alle zusammenleben wollen. Untergliedert ist das Werk nach einer kleinen Einleitung in vier Kapitel: Heimat, Hass, Tatsachen, Hoffnung. Diesen Kapiteln schließt sich der Epilog an.

Die Autorin stellt zunächst Überlegungen an, was nun Heimat genau ist und konstatiert, dass diese für sie nicht per se durch die Geburt oder über die Herkunft der Eltern festgelegt sei. Für sie bedeutet Heimat Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit, Gemeinschaft, Solidarität, Nachbarschaft, Freundschaft. Heimat vermittele ihr Sicherheit, Stabilität und Stärke. Dunja Hayali schätzt an dem Wort die Anpassungsfähigkeit an die Wechselfälle der Biografie. Das lässt bereits erkennen, dass es nicht "die" Heimat gibt, sondern dass Heimat unterschiedliche Orte für einen Menschen sein können, schlussendlich eine Art Anker verkörpert. 

Das Problem, dass die Autorin mit der momentanen Heimatbühne habe, sei der Frust, der Hass und das Misstrauen, mit der diese Bühne derzeit konfrontiert werde. Hass erlebt die Journalistin täglich im Netz und ärgert sich, dass diese "Hater"  keinen einzigen positiven Gedanken ihr eigen nennen und das Klima unserer offenen Gesellschaft zu vergiften drohen, ohne dass sich ihnen jemand ernsthaft entgegenstellt. 

Die Autorin hält es für wichtig, mit diesen Leuten in den sozialen Netzwerken in Kontakt zu kommen, weil sie so vom Gegenstand des Hasses zu einer realen Person wird und als solche u.U. Veränderung bewirken kann. Sie fragt sich, was so gewaltig schief gelaufen sei, dass es Menschen gäbe, die sich allen Ernstes Mühe gäben, ihren Hass zu hegen und zu pflegen, fragt, wodurch dieser überbordende Hass ausgelöst werde?

Sie berichtet von ihren Erfahrungen, schreibt ganz konkret wie sehr sie beschimpft und beleidigt wird. Sie schreibt, dass in den (a)sozialen Medien Hass und Drohungen immer weiter zunehmen, die Anfeindungen härter, zügelloser, unversöhnlicher und unverschämter werden, wundert sich, wie es dazu kommen konnte, dass Heimat zu einem Kampfbegriff und aus einem humanistischen Wir ein ausgrenzendes Ich geworden sei und ist beunruhigt, im Hinblick auf die ungeheure Energie, mit der der Hass all die Beleidigungen und Anschuldigungen in die Öffentlichkeit hinausschleudert werden. 

Die Autorin ist sehr mutig und lässt sich von verblendeten Idioten wie sie sagt, nicht das Recht absprechen, ihre Meinung zu sagen, ihr Leben zu leben und Deutschland ihre Heimat zu nennen.

Dunja Hayali schreibt, dass Rechtsextreme gezielt unmoderierte Kommentarspalten reichweitenstarker Medien nutzen, um ihre verfassungsfeindlichen Narrative in die Mitte der Gesellschaft zu tragen, um auf diese Weise die Deutungshoheit über gesellschaftliche Diskurse zu übernehmen. Der Studie, auf die sie sich bezieht, liegen 1.6 Millionen rechtsextreme Beiträge auf Facebook zwischen Februar 2017 und Februar 2018 zugrunde. Zu den taktischen Mitteln (der sehr gut organisierten Trollarmeen) gehörten das Erstellen zahlreicher Fake-Profile, die zeitgleich für Kampagnen und Shitstorms gegen einzelne Politiker als auch Politikerinnen in Institutionen eingesetzt werden, das koordinierte Kapern von Hashtags und das Flute von Kommentarspalten reichweitenstarker Medien mit Hasskommentaren.

Die Offenheit des Internets, die Idee, dass die Menschen sich besser, schneller und effizienter austauschen können, werde von denen konterkariert, die es benutzen,  um Hass Zwietracht und Neid unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit zu säen und dabei auch vor willentlichen Falschbehauptungen nicht zurückschreckten. Die Autorin zeigt auf, wie Menschen zu Sündenböcken gemacht, wie Worte als Waffen umfunktioniert werden und konstatiert: 

"Benutzt man eine respektlose Sprache, verliert man zunehmend den Respekt vor Menschen, Ansichten, Religionen und Werten.“ 

Dunja Hayali weiß, wie ein friedliches Miteinander in einer liberalen Demokratie möglich ist und auf diese Weise ein "Haymatland" garantiert ist, was durch das Heimatland der Shitstorms und der braunen Attacken immer mehr in Gefahr gerät. 

Heimat ist ein Ort, wo Menschen aus vielen Ländern sich wohl fühlen können und man Fremden dieses Gefühl von Herzen genauso gönnt wie sich selbst. Genau das macht Dunja Hayalis Buch begreifbar.

Sehr empfehlenswert 

Helga König

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Haymatland: Wie wollen wir zusammenleben?