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Rezension: Wir letzten Kinder #Ostpreussens- #Zeugen einer vergessenen Generation- Freya Klier- #Herder_Verlag

Freya Klier, die Autorin dieses bemerkenswerten Buches wurde 1950  in Dresden geboren und ist 1968 zu 16 Monaten Gefängnis wegen versuchter Republikflucht verurteilt worden. Sie gilt als Mitbegründerin der DDR-Friedensbewegung, wurde 1988 gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern verhaftet und unfreiwillig ausgebürgert. Die engagierte Schriftstellerin und Dokumentarfilmerin erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen u.a. das Bundesverdienstkreuz. 

Im vorliegenden Buch mit dem Titel "Wir letzten Kinder Ostpreussens. Zeugen einer vergessenen Generation" zeichnet sie die Schicksale von sieben ostpreußischen Kindern zu Kriegsende nach. Klier fragt gleich zu Beginn, ob die Zivilisten Ostpreußens, auf die damals die rote Armee zuwalzte, eine Vorstellung davon hatten, was die Menschen im Osten, sprich in Russland, seit Jahren erleiden mussten? Sie fragt weiter, ob die ostpreußischen Zivilisten wussten, in welchem Tempo beispielsweise im September 1941 in der Schlucht von Babi Jar 34000 Juden aus Kiew ermordet wurden? 

Klier erwähnt die Massenerschießungen im Baltikum, in Weißrussland und in Teilen der Ukraine, an denen die Deutsche Wehrmacht beteiligt war und lässt nicht unausgesprochen, dass in den ersten Monaten nach dem Überfall auf Russland rund eine halbe Million Menschen Opfer der Deutschen wurden. Sie  schreibt auch über Leningrad, wo im eisigen Winter 1941/42 aufgrund der Blockade der Deutschen Wehrmacht 470 000 Kinder, Frauen und Männer starben, weil sie ohne Wasser, Nahrung Licht, ohne Strom, ohne Heizung und Kanalisation dahinvegetierten. 

Man liest von der Auslöschung der gesamten jüdischen Stammesgeschichte der Schapiro-Juden, bevor man sich mit dem Schicksal der sieben ostpreußischen Kinder vertraut machen kann, sich aber bereits bewusst gemacht hat, dass das, was in Ostpreußen geschah, die Folge des abgründigen Handelns der Deutschen Wehrmacht in Russland gewesen ist. 

Ich möchte das Buch nicht verkürzt nacherzählen, das inhaltlich im Sommer 1944 beginnt und im 21. Jahrhundert endet. Als Tochter einer Mutter, die das ostpreußische Kriegstrauma seit 70 Jahren in sich trägt, habe ich in diesem Buch vieles gelesen, was ich von Kind an seitens meiner ostpreußischen Vorfahren immer wieder hörte und was auch mein Leben nachhaltig geprägt hat.

Die Zerstörung Königsbergs im August 1944 war der Auftakt zu jenem unermesslichen Leid, das 1945 über Ostpreußen hereinbrach und es traf in erster Linie Zivilisten. Während nun in Ostpreußen der deutsch-russische Kampf tobte, rangen die Flüchtlinge auf dem Haff um ihr Leben. 

Wie Klier schreibt, erreichte der Tod Ende Januar 1945 im Osten ein biblisches Ausmaß. Sie erwähnt die Schiffstragödie der "Wilhelm Gustloff", wo aufgrund von drei sowjetischen Torpedos 9000 Menschen in der Nacht des 30.1. 1945 ertrinken, zumeist waren es Flüchtlinge aus Ostpreußen. Wenige Tage später am 9.Februar 1945 sterben rund 3400 Menschen beim Untergang der "General Steuben", auch dieses Schiff sollte Flüchtlinge aus Ostpreußen in Sicherheit bringen. Im April 1945 ertrinken beim Untergang des Frachters "Goya" fast 7000 Menschen, nachdem das Schiff die Danziger Bucht verließ. 

All das Leid, was unschuldigen Zivilisten angetan wurde, muss man den Nazis zurechnen. Ohne Wenn und Aber. 

Klier schreibt von 7000 Juden, Arbeitssklaven der Nazis, die kaum bekleidet bei eisiger Kälte seitens der SS aus fünf ostpreußischen Außenlagern nach Königsberg getrieben werden. Auch der Mord an diesen Juden  später an der Samlandküste bleibt nicht unerwähnt. Im 1. Februar 1945 ermordet die SS Tausende wehrloser Juden am Strand von Palmicken. Er war der letzte Massenmord der Nazis an europäischen Juden....

Das Buch in seiner Gesamtheit ausführlich zu rezensieren überfordert mich emotional. Man liest von den Massenvergewaltigungen ostpreußischer Frauen und  immer wieder von  grausigen Morden. Der Vernichtungsfeldzug der Deutschen Armee im Osten forderte 6 Millionen polnische Kriegsopfer und 25 Millionen russische Tote, davon 8.6 Millionen Soldaten.

Ich wundere mich nicht über die Unbarmherzigkeit, mit der Rache geübt wurde. Gleichwohl wundere ich mich, dass überhaupt jemand überlebt hat.

Die Autorin lässt ihr Buch nicht unmittelbar nach 1945 endet, sondern begleitet die "letzten Kinder Ostpreußens" bis in unsere Gegenwart. 

Kann ein Mensch, der diese Hölle als Kind erlebt hat, jemals wirklich  fröhlich sein?

Ein aufwühlendes Buch, das ich jedem zu lesen empfehle und das mich in meiner pazifistischen Grundeinstellung  nur noch bestärkt.

Empfehlenswert.

Helga König

Bitte klicken Sie auf den Link, dann gelangen Sie zum Herder-Verlag und können das Buch bestellen. Sie können es aber auch  direkt bei Ihre, Buchhändler um die Ecke ordern.

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