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Rezension: Eichmann war von empörender Dummheit

Herausgeber dieses bemerkenswerten, erhellenden Buches sind Ursula Ludz und Thomas Wild. Nachzulesen ist ein bislang unbekannter Briefwechsel zwischen der Jüdin Hanna Arendt (1906-1975) und Joachim Fest (1926-2006). Thema ist ihr viel diskutiertes Buch "Eichmann in Jerusalem", dass ihre Kritiker verwarfen, mit dem Vorwurf sie habe die Schuld Adolf Eichmanns verharmlost. Fest schickte Arendt einen Fragekatalog. Dass man Arendt missverstanden hatte, macht dieses  Buch unmissverständlich deutlich.

Das Buch ist untergliedert in:
"Eichmann war von empörender Dummheit"
Hannah Arendt-Joachim Fest:
Die Rundfuksendung vom 9. November 1964

"Wir haben sehr viel zu erörtern...."
Hannah Arendt- Joachim Fest:
Briefe 1964 bis 1973

Zur Kontroverse um Hanna Arendts
Eichmann in Jerusalem
Vier Dokumente aus den Jahren 1963 bis 1965

Gleich zu Beginn liest man, dass der international gesuchte NS-Verbrecher Adolf Eichmann im Frühling 1960 in Argentinien vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und nach Israel entführt wurde. Zwischen April und Dezember 1961 stand der ehemalige SS-Obersturmbannführer in Jerusalem vor Gericht. 1962 wurde er hingerichtet. Hannah Arendt war Prozessbeobachterin und Berichterstatterin für die Zeitschrift "The New Yorker". Für Arendt war die Erfahrung der "leibhaftigen" Anschauung eine Voraussetzung des Denkens und Urteilens. Sie erkennt während der Prozessbeobachtung, dass Eichmann kein Judenhasser oder ideologischer Fanatiker war, sondern ein "Hanswurst", der unreflektiert in der NS-Vernichtungsmaschinerie funktionierte. Für sie ist klar, dass sich Eichmann gegen die Wirklichkeit abgedichtet hatte, indem er für jede Erfahrung in Klischee oder eine Sprachschablone bereithielt. Für Eichmann war Amtssprache seine einzige Sprache. Arendt erkannte in dessen Unfähigkeit sich zu verbalisieren, seine Unfähigkeit zu denken und zu urteilen. Im Gespräch mit Fest gehen beide der Frage nach, ob sich hier ein neuer Tätertyp zeigt. Eine der Überlegungen ist die, ob eine Kombination aus Wirklichkeitsverweigerung, Erfahrungsverlust, Pflichttreue und Verantwortungslosigkeit ein Paradigma der Moderne abbildet. Auch wird in diesem Zusammenhang das Verhältnis von Eichmann, Hitler und Speer hinterfragt, siehe Seite 13 ff.)

Hannah Arendt exkulpiert Eichmann, der für sie von empörender Dummheit war, keineswegs, denn für sie hat, ähnlich wie für Kant kein Mensch das Recht zu gehorchen. Spezifisch für das deutsche Volk sei, das Unvermögen selbst zu denken. "Die Art von Dummheit, dass ist, als ob man gegen eine Wand spricht."(Zitat: S.45).

Gehorsam ist für sie kein Exkulpationsgrund. "Gehorchen in diesem Sinne tun wir, solange wir Kinder sind, da ist es notwendig (...) Aber die Sache sollte im vierzehnten, fünfzehnten Lebensjahr spätestens ein Ende haben", (Zitat: S. 45).

Spätestens nach den Briefen mit Fest ist klar, dass Arendt von ihren Kritikern missverstanden wurde. Interessant ist übrigens die Anlage zum Brief Nr. 17, ein Gedicht von Gottfried Keller, "Die öffentlichen Verleumder":

"...Erst log allein der Hund,
Nun lügen ihrer tausend; ....

Die Guten sind verschwunden,
Die Schlechten stehn geschart."

(Textstellen aus diesem Gedicht, Seite 105). Verleumdungen funktionieren offenbar nicht erst seit dem letzten Jahrhundert auf diese Art und Weise.

Es ist sehr aufschlussreich die vier Beiträge der Kontroverse um das Buch "Eichmann in Jerusalem" in der Folge zu lesen. In meinen Augen ist es nicht schwierig Arendt zu begreifen und ich kann nicht verstehen, weshalb man sie so extrem missverstehen konnte. Besonders lesenswert ist Golo Manns Text "Der verdrehte Eichmann". Kritiker scheinen nicht selten dazu zu neigen, die Persönlichkeit des Autors anzugreifen, wenn sie ein Problem damit haben, dessen kluge Sichtweise zu begreifen. Diesbezüglich sollten Kritiker an sich arbeiten.

Lesenswert.


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